Beiträge vom Juli, 2010

Ferdinand von Schirach

Samstag, 31. Juli 2010 11:51

Von der Weisheit und Dummheit der Gesetze
“Schuld” - Ferdinand von Schirach vermisst mit seinen großartigen Stories den Abgrund zwischen Recht und Gerechtigkeit

Unser Vertrauen in das Rechtssystem ist immer dann am größten, wenn wir nichts mit ihm zu tun haben. Entspannt blättern wir im BGB oder im Strafgesetzbuch und bewundern die Umsicht, mit der dort alle erdenklichen Wechselfälle des Lebens berücksichtigt, bewertet und in eine einleuchtende Struktur gebracht werden. Beruhigt nehmen wir die Strafprozessordnung zur Hand mit dem Gefühl, in diesem Kompendium sei die juristische Weisheit von Jahrhunderten versammelt, um die Wahrheitsfindung vor Gericht und faire Verfahren zu garantieren.

Aber wehe, wenn ein konkreter Fall uns beschäftigt, oder wenn wir, was Gott und unsere Besonnenheit verhüten mögen, in einen verwickelt werden. Dann brechen Recht und Rechtsempfinden nicht selten himmelweit auseinander, dann lassen sich die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und die Möglichkeiten irdischer Rechtsprechung fast nie ernsthaft zur Deckung bringen. Mit einem Mal spürt man, was für eine brüchige Institution das Gesetz ist, spürt, dass es kaum mehr sein kann als ein läppischer Regenschirm, mit dem wir uns vor Felsschlag zu schützen versuchen. Doch leider hat bislang noch niemand etwas Besseres gefunden gegen die verflucht dicht herabsausenden Felsbrocken als eben diesen Regenschirm.

Das sind die Erfahrungen, aus denen Ferdinand von Schirach seine „Stories“ gemacht hat. Ein zweiter Band erscheint jetzt unter dem Titel „Schuld“. Der erste Band „Verbrechen“ stand lange auf den Bestsellerlisten, was von Schirach naturgemäß eine Menge öffentliche Aufmerksamkeit, leider aber auch manche der hierzulande üblichen intellektuellen Vorbehalte gegenüber erfolgreichen Autoren eintrug. Da er ein Strafverteidiger mit renommierter Kanzlei in Berlin ist, hielt man ihm gelegentlich vor, für seine Kurzgeschichten lediglich seine Mandanten-Kartei geplündert zu haben: Sein Talent beschränke sich darauf, kuriose Fälle unterhaltsam nachzuerzählen.

Doch damit sitzt man, so scheint mir, dem literarischen Unterstatement dieser Stories auf. Es sind kleine Meisterwerke darunter von enormer sprachlicher Präzision und Darstellungskraft. Von Schirach prunkt nicht mit seinem erzählerischen Können, sondern stellt es so konsequent in den Dienst des Erzählten, dass es auf den ersten Blick dahinter zu verschwinden scheint. Vor allem aber gehen solche Vorwürfe an dem philosophischen Gehalt seiner Kurzgeschichten vorbei: Von Schirach erzählt sie nicht ihrer Kuriosität halber, sondern weil sie von jenem oft genug unauflöslichen Widerspruch zwischen Recht und Rechtsempfinden zeugen, von der Weisheit und Dummheit der Gesetze und der aussichtslosen Hoffnung, mit ihrer Hilfe so etwas wie Gerechtigkeit auf Erden zu schaffen.

Es scheint so, als wolle von Schirach seine Kritiker in dem neuen Band mit der Nase auf diese Qualitäten seiner Geschichten stoßen. Gleich die erste führt die bittere Logik eines Verfahrens vor Augen, das sich streng an die Verfahrensordnung hält, aber gerade deshalb die Wahrheitsfindung unmöglich macht und eklatant gegen jedes Gerechtigkeitsempfinden verstößt: Auf einem Volksfest wird eine 17-jährige Kellnerin von einem neunköpfigen Blaskapelle vergewaltigt. Nur einer der Musiker beteiligt sich nicht und informierte anonym die Polizei. Da sie alle für ihren Auftritt verkleidet und geschminkt waren, kann das Opfer keinen der Täter identifizieren. Alle anderen Beweismittel werden durch unglückliche Umstände vernichtet. Also müssen die Anwälte den Verdächtigten raten, sich zur Tat nicht zu äußern, da sie sich sonst selbst belasten könnten. Und da es keine Zeugen gibt, bleibt dem Ermittlungsrichter nichts anderes übrig, als alle Verdächtigen freizulassen, weil er das eine anonym gebliebene unschuldige Kapellenmitglied nicht pauschal mitverurteilen kann.

Keinem Krimi-Autor würde man einen solchen Fall abkaufen, zu viele Unwahrscheinlichkeiten und Zufälle sind für ihn nötig. Doch dieser hier stammt, das macht die Geschichte eindeutig klar, aus von Schirachs anwaltlicher Berufspraxis. Die Tatsache, dass die Erzählung zumindest in ihren wesentlichen Zügen authentisch ist (ein ansonsten eher unliterarisches Kriterium), wird damit zu einem besonderen Faktor dieser Geschichte: Die vorgeführten Unzulänglichkeiten der Rechtsprechung entspringen eben nicht der Phantasie des Autors, sondern dem Alltag und sind damit für jedes Gerechtigkeitsempfinden ein unaufhebbarer Skandal. Doch ist es andererseits allein dieses fehlerbehaftete Rechtssystem, das vor dem Rückfall in archaische Rachejustiz bewahrt, die auf Unrecht schnell mit neuem Unrecht antwortet.

Kurz: Die Stories von Schirachs haben im Kern etwas Kleist’sches. Sie erzählen von der gebrechlichen Einrichtung unserer Rechts-Welt. Auch Kleist hat seine große Justiz-Novelle „Michael Kohlhaas“ einem authentischen historischen Vorbild, dem Schicksal des Berliners Hans Kohlhase, nachgestaltet und machte so klar, dass es ihm keineswegs um ein literarisches Denkmodell, sondern um ein nur allzu reales Dilemma ging. Von Schirach ist sich dieser literaturgeschichtlichen Verwandtschaft offenkundig bewusst: In einer seiner neuen Geschichten lässt er ein Paar, das sich gemeinsam aus großem Elend rettete, aber dann dennoch von jahrzehntealter Schuld eingeholt wird, in einer Senke am Wannsee Selbstmord begehen wie seinerzeit Kleist und Henriette Vogel.

Das wichtigste stilistische Vorbild von Schirachs ist jedoch nicht Kleist, sondern Hemingway. Wie der amerikanische Großmeister der Short-Story liebt von Schirach die klaren, schnörkellosen und scheinbar nüchternen Hauptsätze. Er reiht sie hintereinander wie Blöcke, wuchtig und faktenschwer. Sie lesen sich als wurde man den Schritten eines Unheils lauschen, das unaufhaltsam vorwärts drängt. Daneben aber hat er einen fabelhaften Sinn für Details, die er wie im Vorbeigehen nur knapp benennt. Sie verleihen seinen Geschichten eine großartige atmosphärische Dichte. Alles in allem wirkt das oft so, als würden sich seine Stories wie von selbst erzählen, als seien sie nicht mehr als knappe Zusammenfassungen irgendwelcher Gerichtsakten. Doch steht dahinter eine bewundernswerte kompositorische Sicherheit und sprachliche Disziplin dieses Autors.

Es ist in meinen Augen bedauerlich und zugleich bezeichnend, wie schnellfertig die Gegner von Schirachs über diese spezifisch ästhetischen Qualitäten seiner Geschichten hinweggehen und sie als simple Tatsachenberichte abzutun versuchen. Die alten Vorurteile hierzulande gegen eine unterhaltsame und spannend geschriebene Literatur scheinen noch immer so wirksam zu sein, dass sich nicht wenige Kritiker nach wie vor durch sie blenden lassen. Von Schirach schlägt fast immer ein ungeheures Erzähltempo an, er drängt seine Stoffe dabei auf engstem Raum zusammen. Doch das ist kein billiges Zugeständnis an die Unterhaltsamkeit, sondern steigert ihre literarische Wirkung: Wie von einem verhängnisvollen Sog werden die Figuren immer tiefer in ihre Lebens-Katastrophen hineingezogen.

Der neue Band trägt den Titel „Schuld“ nicht aus Zufall. Die Frage, was Schuld ist, wie sie entsteht, ob und wie sie gebüßt werden kann, wird in den Geschichten in ihren verschiedenen Facetten durchgespielt. Die Mitglieder jener Blaskapelle zum Beispiel, die in der ersten Geschichte die junge Kellnerin vergewaltigen, waren vor und nach der Tat unauffällige gesetzestreue Bürger. Gerieten sie also während des sommerlichen Volksfests unter den fatalen Einfluss von Alkohol und Hitze in eine schwer steuerbare Situation? In wie weit hätte das ihre Schuld vor Gericht, wenn es zu einem Verfahren gekommen wäre, gemindert? Doch hätte das wiederum ihr Opfer trösten können?

Und was ist mit der Schuld der Anwälte, die mit ihrem Verfahrenstrick einen Prozess verhinderten und so acht Täter straflos davonkommen ließen? Sie haben nach den Regeln ihres Berufs und unseres Rechtssystem alles richtig gemacht – aber haben sie nicht trotz allem Schuld auf sich geladen? Gleich in mehreren Beispielen führt von Schirach in seinem neuen Buch vor, wie durch juristische Verfahrensweisen Schuld erst hervorgebracht und einer Person zugeschrieben, oder aber wie sie durch ein paar Federstriche angeblich zum Verschwinden gebracht wird. In der letzten Geschichte geht er sogar so weit, die angeblich so logische und zwingende Beweisführung der Justiz den Wahnideen eines Geisteskranken gegenüber zu stellen und zwischen beiden Seiten einen Rollentausch anzudeuten.

Bemerkenswert ist nicht zuletzt die Spannweite der emotionalen Wirkungen, die von Schirach mit seinen Geschichten erzielt. So ernst der Stoffe auch ist, mit dem er als Schriftsteller hantiert, seine Stories sind keineswegs immer auf Moll gestimmt. Er hat einen ausgeprägten Sinn für das Komische im Tragischen und für das nicht nur dämonische, sondern gelegentlich auch clowneske Element, das zum Wesen des Gesetzes- und Regelbruchs gehört. Mit anderen Worten: Von Schirach ist ein Erzähler von beachtlichem Format. Neben Judith Hermann und Ingo Schulze hat er einige der eindrucksvollsten deutschen Kurzgeschichten der letzten Jahre geschrieben.

Die Rezension erschien in der “Welt” vom 31. Juli 2010

Ferdinand von Schirach:
„Schuld“. Stories
Piper Verlag, München 2010
200 Seiten, 17,95 €
ISBN 978-3-492-05422-5

Thema: Schirach, Ferdinand von | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Samstag, 24. Juli 2010 17:38

“brennt”
Im neuen Roman von Sudabeh Mohafez herrscht an Schicksalsschlägen kein Mangel

Der Auftakt ist furios. Ein Kabinettstück. Sudabeh Mohafez erzählt von einem nächtlichen Brandanschlag auf eine nicht mehr ganz junge Frau, die irgendwo in Berlin allein mit ihren zwei Katzen lebt. Die Frau, sie ist Musikproduzentin und betreibt ein eigenes Tonstudio, schreckt aus dem Schlaf hoch, ein unbekanntes Geräusch hat sie geweckt. Wohnungstür und Treppenhaus stehen bereits in Flammen, die Frau, sie heißt Mané, sitzt ganz oben, knapp unterm Dach des alten Mietshauses, wie in der Falle.

Mané ruft die Feuerwehr, doch der Brand breitet sich rasend schnell aus. Sie kann sich gerade noch eine der beiden Katzen schnappen und auf dem Balkon mit den immer näher an sie heranfauchenden Flammen im Rücken auf die Hilfe der Feuerwehrleute hoffen.

Wie Sudabeh Mohafez das erzählt, ist großartig. Sie zeigt die mühsam beherrschte Panik ihrer Heldin, zeigt, wie Mané zwischen Lähmung und Hektik hin und her gerissen wird, zeigt, wie sie einige Einzelheiten überscharf beobachtet, während sie gleichzeitig den Überblick verliert, zeigt, wie sie manche Dinge kühl kalkuliert und zum Beispiel nicht ihr Leben riskiert, um ihre zweite Katze zu retten, während sie andererseits aber irgendeines ihrer vielen Musikinstrumente umklammert und auf keinen Fall preisgeben möchte. Dazu lässt Sudabeh Mohafez auch die Sätze ein wenig torkeln, lässt sie am Rande dessen entlangbalancieren, was die Grammatik gerade noch gestattet. 23 Seiten ist dieser Brandbericht lang, und er ist wunderbar. Ein Kabinettstück.

Doch was folgt dann? Die halb geisteskranke Brandstifterin wollte, so stellt sich am Ende heraus, lediglich auf brachiale Weise ihre alte Wohnung loswerden, um sich eine größere, mit Zentralheizung zuweisen lassen. Die obdachlose Mané kommt zunächst bei einer Cousine unter. Sie ist verständlicherweise fassungslos, doch braucht sie länger als erwartet, um sich in die Normalität zurückzutasten.

Sie wandert lange ziellos durch Berlin, begleitet von zwei Stimmen, Lars und Pia, die mal einfühlsam, mal zynisch ihre Gedanken kommentieren. Sie lernt ein vernachlässigtes vierjähriges Mädchen kennen, dessen Vater vor einigen Wochen Selbstmord beging und deren Mutter in Depressionen versunken ist. Doch von ihrem Beruf, dem Musikgeschäft, erfährt man leider wenig. Das Milieu, in dem sich Mané bewegt, bleibt nahezu austauschbar.

Schließlich trifft sie sich häufiger mit einem der Feuerwehrmänner, die sie gerettet haben. Er fiel ihr schon bei den Löscharbeiten auf, weil er so geduldig und einfühlsam mit den Brandopfern umging. Auch er, Sebastian, ist vom Schicksal hart geprüft: Sein Bruder ist seit einer Jugenderkrankung geistig behindert. Aber er kümmert sich hingebungsvoll um ihn und teilt sich mit ihm ein romantisches Häuschen an der Havel mitten im Staatsforst.

Die Güte und Langmut Sebastians gibt Mané schließlich die Kraft, sich zu ihrem wahren Trauma zu bekennen, das tiefer sitzt als der Brandanschlag: In Island hatte sie sich vor Jahren einmal in einen Musiker verliebt und wurde von ihm schwanger. Doch bei einem Unfall, an dem sie sich die Schuld gibt, kam der Mann um, und das Kind wird tot geboren.

Liege ich ganz falsch, wenn mir diese Anhäufung von tragischen Schicksalsschlägen, reichlich kitschig vorkommt? Dramaturgisch enttäuschend ist zunächst einmal, dass die verschiedenen Handlungsfäden kaum etwas miteinander zu tun haben - der Brandanschlag nichts mit der Familienkatastrophe auf Island und beides nichts mit der rührseligen Bekanntschaft zwischen Mané und dem vierjährigen Mädchen.

Gemeinsam ist ihnen nur, dass Mané von einer emotional hochgespannten Szene in die andere geführt wird. Zumeist begleitet von Sebastian, der so selbstlos und einfühlsam mit ihr umgeht, dass sein Feuerwehrhelm von Rechts wegen eigentlich durch einen Heiligenschein ersetzt werden müsste. Wenn die beiden am Ende einander in die Arme sinken und in einem langen Kuss verschmelzen, wirkt das fast schon wie eine Parodie auf eine Liebesgeschichte. Der Roman ist in seinem Misslingen exemplarisch: Die 1963 in Teheran geborene Sudabeh Mohafez hat eine deutsche Mutter und einen iranischen Vater. Seit sie 16 ist, lebt sie in Deutschland und schreibt ein oft beneidenswert schönes, geschmeidiges Deutsch, für das sie 2006 mit dem Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis ausgezeichnet wurde.

In der Schilderung des Brandanschlags, der Eröffnungsszene dieses Buches, aus dem sie im vergangenen Jahr auch in Klagenfurt gelesen hat, zeigt sich ihre sprachliche Kraft. Doch ein Roman ist, anderslautenden Gerüchten zum Trotz, mehr als nur Sprache. Ein Autor kann sich selbstverständlich auch durch die Konstruktion einer klischeehaften oder zusammenhanglosen Handlung blamieren. Mir scheint dieses Buch typisch für die hierzulande verbreitete Überschätzung sprachlicher und Vernachlässigung inhaltlicher Qualitäten erzählender Prosa.

Die Rezension erschien in der Welt vom 24. Juli 2010

Sudabeh Mohafez:
“brennt”. Roman
DuMont Verlag, Köln 2010
207 S., 18,95 Euro.

ISBN978-3-8321-9573-1

Thema: Mohafez, Sudabeh, Suche | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Kingsley Amis, Philip Larkin

Samstag, 3. Juli 2010 14:00

Jill und Jim
Philip Larkin und Kingsley Amis zeigen, wie tief die Kluft zwischen englischer und deutscher Literatur nach 1945 war

Oxford 1941: Zwei Studenten, beide 19 Jahre alt, begegnen sich zum ersten Mal. Nach einem mit dem Zeigefinger der rechten Hand angedeuteten Pistolenschuss greift sich der eine ohne Zögern an die Brust, verzerrt das Gesicht in Todesqualen, bricht zusammen, springt dann wieder auf und imitiert seinerseits Schussgeräusche, mal mit, mal ohne Querschläger. Der andere ist tief beeindruckt: „Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, mich in Gegenwart eines Talents zu befinden, das größer war als das meine.“ Eine etwas alberne Anekdote, zugegeben, aber sie gewinnt ihren Reiz durch die Tatsache, dass aus den beiden bald eng befreundeten Studenten die vielleicht einflussreichsten Schriftsteller der englischen Nachkriegsliteratur wurden: Philip Larkin (der Mann mit den ausgeprägten Empfinden für das eigene Talent) und Kingsley Amis (der Mann, mit der Begabung für Schussgeräusche).

Philip Larkin (1922 – 1985) wollte Romancier werden und entwickelte sich zu einem der bedeutendsten und beliebtesten Lyriker des Landes. Kinsley Amis (1922 – 1995) begann mit Gedichten und wurde einer der wichtigsten und meistgelesenen Erzähler Englands. Auch wenn Larkin seinen Wohnort Hull später kaum je verließ, verloren sich die beiden zeitlebens nicht aus den Augen: Amis macht Larkin zum Paten seines ersten Sohnes Philip (der zweite Sohn Martin Amis gehört heute zu den prominentesten Schriftstellern des britischen Literaturbetriebs) und hielt 1985 die Grabrede auf Larkin. Ihre jeweils ersten Romane sind jetzt in deutscher Übersetzung erschienen und beide Bücher bieten nicht nur beträchtliches Lesevergnügen, sondern lassen zugleich erkennen, welche diametral entgegengesetzten Wege die Literatur in Deutschland und Großbritannien nach 1945 beschritt.

Sowohl Larkin als auch Amis siedelten ihre Debüts im Universitäts-Milieu an. Die Hauptfigur aus Larkins Roman „Jill“ ist Student in Oxford und man spürt sofort die Atmosphäre der typisch englischen College- und Internatsgeschichten, von der noch heute J. K. Rowlings Harry-Potter-Bücher zehren. Der Held aus Amis’ Roman „Jim im Glück“ ist Assistent eines halb vertrottelten Professors an einer Provinz-Uni und man kann das Buch als einen der ersten Campus-Romane betrachten, wie sie bis heute David Lodge oder Alison Lurie schreiben und wie sie Dietrich Schwanitz in Deutschland heimisch zu machen versuchte.

Larkin war das Opfer einer unerträglichen Kindheit: Sein Vater muss ein Monster an Pedanterie und seelischer Brutalität gewesen sein. Als hoher Beamter Coventrys sympathisierte er mit den Nazis (!). Zwar förderte er seinen Sohn Philip nach Kräften, verachtete aber Frau und Tochter offen und schuf in der Familie ein Klima von Kälte und Menschenfeindschaft. Wenn also Larkins erster Roman „Jill“ nicht gerade überbordet vor Lebenszuversicht, sollte das niemanden wundern. Sein Held Jack stammt aus einfachen Verhältnissen und kommt durch ein Stipendium an eine der traditionsreichen Schulen Oxfords. Dort bewundert er den sorglosen Snobismus seiner Mitschüler aus vermögendem Hause, doch die machen sich nur lustig über ihn. In seiner Not erfindet er sich eine Freundin, tauft sie Jill, schreibt sich selbst in ihrem Namen Briefe und führt für sie ein mädchenhaftes Tagebuch – bis ihm eine Schülerin namens Gillian begegnet, die der herbei phantasierten Jill bis aufs Haar gleicht.

Das klingt zunächst wie der Entwurf zu einem Entwicklungsroman: Aus einem noch unsicheren jungen Mann wird nach Ablenkungen von außen (hochnäsige Mitschüler) und innen (ersehnter Geliebte) schließlich ein gefestigter Charakter mit Uni-Abschluss und Traumfrau Gillian. Doch so heiter und hoffnungsfroh geht es in Larkins literarischem Kosmos nicht zu: Sein anfangs so verzagter Hauptdarsteller ist auch am Ende verzagt und ob er sein Mädchen je bekommt, bleibt offen. 1947, nur ein Jahr nach „Jill“, veröffentlichte Larkin ein ähnlich gestrickten Roman „A Girl in Winter“: Hier ist es eine Bibliothekarin, die sich aus ihrem tristen Leben in die schwärmerische Erinnerung an einen Urlaubsflirt flüchtet, sich dadurch immer stärker isoliert und so in ihrem freudlosen Alltag steckenbleibt. Bei aller Ironie und erzählerischen Präzision Larkins, die seine Bücher zu einem intellektuellen Genuss machen, vermitteln sie einen recht skeptischen Blick auf die Glücksmöglichkeiten der unglücklich Geborenen.

Schon der Titel „Jim im Glück“ verrät, dass es bei Kingsley Amis optimistischer zugeht. In England gilt sein Erstling als moderner Klassiker der komischen Romanliteratur. Amis hat ihn Larkin gewidmet und hatte Grund dazu: In den Briefen der beiden lässt sich nachlesen, mit welcher Sorgfalt und Ausdauer Larkin seinen Freund als – unbezahlter – Lektor bei der Arbeit an dem Manuskript beriet. Kingsley Amis stilisiert den Titelheld seines Buches nicht zum Waisenknabe: Jim hat spürbar mehr Interesse am Bier als an seiner wissenschaftlichen Arbeit und dazu ein beeindruckendes Talent, sich in sagenhaft peinliche Situationen zu bringen. Komisch wird die Geschichte nicht zuletzt deshalb, weil Amis das alte universitäre Machtgefälle zwischen Lehrstuhlinhabern und ihren Assistenten mit gnadenloser Offenheit beschreibt. Jim wird von seinem Professor rücksichtslos für dessen schrullige Hobbys eingespannt und Jim antwortet darauf mit einem mühsam verborgenen, flammenden Hass, dem er durch groteske Ersatzhandlungen heimlich Luft macht.

In einem Punkt sind sich beide Romane auffällig ähnlich: Die Figuren orientieren sich in Liebesdingen nicht an ihren Leidenschaften, sondern an Konventionen: Sie tun, was ihnen – angeblich – die Situation diktiert, anstatt den eigenen Impulsen zu folgen. Larkins Held droht darüber seine große Liebe zu versäumen und Amis’ Held besinnt sich erst im letzten Moment eines besseren. Von derart wohlerzogenen Rücksichten hielten diese beiden Schriftsteller rein gar nichts, sie gaben keinen Pfifferling auf den so genannten Guten Ton: Larkin inszenierte sich lustvoll als verbohrter Einsiedler und Menschenfeind, Amis machte nie ein Geheimnis aus seinem ausgeprägten Bedürfnis nach Alkohol und Sex.

Gleiches galt für sie ebenso in literarischen Fragen, auch hier gaben sie nicht viel auf den Guten Ton ihrer Zeit. Denn die stand ganz im Zeichen einer Moderne, wie sie von Avantgardisten wie Ezra Pound, James Joyce oder T.S. Eliot in der ersten Jahrhunderthälfte geprägt worden war. Die universitäre Welt, der auch Larkin und Amis entstammten, lag dieser hochgradig verschlüsselten und kommentierungsbedürftigen Literatur zu Füßen. Doch die beiden hatten nur Spott und Verachtung für sie übrig – und waren nicht nur beim Publikum, sondern auch bei vielen Kritikern erfolgreich damit. Larkin verkündete das „Pleasure Principle“, also das Spaß- und Genussprinzip der Poesie und gewann Zehn-, ja Hunderttausende von Lesern für seine keineswegs gefälligen, immer aber allgemeinverständlichen Gedichte. Amis wiederum war sich als anerkannter Romancier nicht zu schade, Science Fiction-Stories oder nach dem Tod von Ian Fleming einen Fortsetzungsband für dessen James-Bond-Serie zu schreiben.

Schon weil die Nazis die literarische Moderne verfolgt und verboten hatten, war sie in Deutschland in den ersten Nachkriegsjahrzehnten nahezu sakrosankt. In England dagegen wirkte sie eher wie ein angestaubtes Relikt der Vorkriegsjahre, wie ein kulturelles Highbrow-Überbleibsel der alten Klassengesellschaft, die mit dem Kriegsende endlich überwunden werden sollte. Larkin und Amis waren Orientierungsfiguren dieser Rebellion gegen ein allzu akademisches Verständnis von Literatur. Larkin schrieb damals: „Wenn ein Dichter das Publikum verliert, das aus Vergnügen liest, hat er das einzige Publikum verloren, das zählt.“ In Deutschland hätte sich ein Autor mit solchen Sätzen schnell ins Abseits manövriert. In England stiegen Larkin und Amis zu den höchsten Ehren ihres Landes auf.

Die Rezension erschien in der “Welt” vom 3. Juli 2010

Philip Larkin:
„Jill“. Roman
Deutsch von Steffen Jacobs
Haffmans Verlag bei 2001, Berlin
398 Seiten, 19,90 €
ISBN 978-3-942048-11-1

Kingsley Amis:
„Jim im Glück“. Roman
Deutsch von Steffen Jacobs
Haffmans Verlag bei 2001, Berlin
416 Seiten, 19,90 €
ISBN 978-3-942048-10-1

Beide Bände zusammen 36,80 €

Thema: Amis, Kingsley, Larkin, Philip | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock