Beiträge vom Juni, 2010

Christa Wolf

Sonntag, 13. Juni 2010 7:13

„Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“
Christa Wolf denkt in Los Angeles nach über Christa Wolf

Christa Wolf kann Jubiläum feiern. Seit jetzt fünfzig Jahren publiziert sie Romane, Erzählungen, Prosa. Sie ist eine der berühmtesten Autorinnen deutscher Sprache, man kennt ihre Stimme, man kennt ihren Ton. Ihr neues Buch „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ hält da wenig Überraschung bereit. Frei nach Amazon: Wer die früheren Bücher von Christa Wolf mochte, wird auch dieses Buch mögen. Und umgekehrt. Die Zahl ihrer Anhänger ist groß, die Zahl ihrer Gegner nicht minder. Was die Arbeit dieser Autorin angeht, scheinen alle Argumente ausgetauscht, seit sich Anfang der neunziger Jahre an ihrer Erzählung „Was bleibt“ die erste große Literaturdebatte des wiedervereinigten Deutschland entzündete.

Von der Zeit kurz danach handelt „Stadt der Engel“. Im Mai 1992 hatte Christa Wolf in der Gauck-Behörde 42 Ordner eingesehen, die von der Stasi angelegt worden waren über die Versuche, sie in der DDR-Zeit auszuspionieren: ihre Opfer-Akten. Danach legte ihr die zuständige Mitarbeiterin, entgegen der Regeln der Behörde, einen schmalen Hefter mit Unterlagen vor, in der sie dreißig Jahre zuvor unter dem Decknamen „Margarete“ als Spitzel geführt worden war: ihre Täter-Akte. Eine Verpflichtungserklärung gab es nicht, ihre Berichte enthielten fast nur Banalitäten.

Nach eigenen Auskünften war diese Entdeckung für sie ein Schock, sie hatte die kurze Affäre verdrängt. Schon nach ihrer Erzählung „Was bleibt“ hatte man sie für ihre Staatsnähe in den Jahren des DDR-Regimes angegriffen. Mit welchen Kommentaren sie zu rechnen hatte, sobald diese Täter-Akte bekannt wurde, lag auf der Hand. Wohl auch deshalb nahm sie im September 1992 die Einladung des Getty-Centers in Los Angeles zu einem neunmonatigen Aufenthalt an: Eine Flucht vor dem sich zusammenbrauenden publizistischen Sturm. Im Januar 1993, also lange nachdem man ihr ihre alten Spitzelberichte vertraulich vorgelegt hatte, machte sie von Kalifornien aus in einem Zeitungsartikel ihre Stasi-Episode öffentlich.

Natürlich kann man mit einigem Recht die Frage stellen, ob es literarisch klug ist, einen solchen Stoff zu wählen. Ein Fall wie dieser schreit nach eine objektiven, faktenbetonten Darstellung durch einen neutralen Historiker oder Biographen. Aber neutral ist Christa Wolf in eigener Sache nicht. Also muss sich niemand wundern, wenn sich „Stadt der Engel“ über weite Strecken wie eine bemühte, mit vielen Zweifeln am eigenen Gedächtnis und mit mehr als nur einer Prise Selbstmitleid gewürzte Rechtfertigungsschrift liest.

Doch auf Objektivität zielt Christa Wolf hier nicht. Schon seit Ende der sechziger Jahre verfolgt sie in etlichen ihrer Bücher ein Programm, das sie selbst „subjektive Authentizität“ getauft hat. Dabei geht es ihr nicht darum, Figuren und eine Fabel zu erfinden – wie sie es in „Kein Ort, nirgends“ oder „Kassandra“ tat – sondern um eine Art Selbstversuch mit erzählerischen Mitteln: Der Schriftsteller macht sich selbst zur Forschungsgegenstand mit all seinen Erfahrungen, Erinnerungen, Reflektionen, Träumen und bietet sich als öffentliches Fallbeispiel gesellschaftlicher Entwicklungen an. Wer kein großer Bewunderer Christa Wolfs ist, wird das eine ziemlich privatistische, innerlichkeitstrunkene Poetik nennen und Bücher wie „Störfall“ oder „Sommerstück“ als unerträglich selbstbezogene Belanglosigkeiten abtun. Andererseits hat sie, diesem Programm folgend, mit „Nachdenken über Christa T.“ oder „Leibhaftig“ auch sehr beeindruckende Arbeiten abgeliefert.

Mit „Stadt der Engel“ variiert Christa Wolf diese Poetik. Dafür gibt es gleich zu Anfang zwei Hinweise. Zum einen die Erklärung, die Figuren des Buches seien, von historischen Persönlichkeiten abgesehen, frei erfunden. Zum anderen stellt sie ein Motto von E.L. Doctorow voran: „Die wirkliche Konsistenz von gelebtem Leben kann kein Schriftsteller einfangen.“ Zu den Tricks des Romanciers Doctorow gehört es nicht zuletzt, manche seiner Gesichten als Tatsachenberichte auszugeben, den Lesern zugleich aber anzudeuten, dass sie auf gefälschten Dokumenten beruhen, letztlich also ihre Glaubwürdigkeit nur vortäuschen.

Wer Christa Wolfs jüngstes Werk als authentischen Bericht über ihre Krisen-Monate in Los Angeles, der Stadt der Engel, lesen möchte, tut das folglich auf eigene Gefahr. Das Buch hält sich alle Möglichkeiten der Fiktion offen und dennoch den Bekenntnis-Tonfall der „subjektiven Authentizität“ bei. Man kann das als reizvolles erzähltechnisches Verfahren mit spielerisch postmodernen Zügen betrachten. Doch macht das die Geschichte, die sich so eng an die Biographie Christa Wolfs anschmiegt, seltsam unverbindlich, da im Zweifelsfalle alles eben doch als literarische Erfindung ausgegeben werden kann.

Sicher, Christa Wolfs Ton des emphatischen Nachsinnens und Beschwörens der Erinnerungen findet bereits seit vielen Jahren eine große Leser-Gemeinde. Doch ist es deshalb falsch, auf die fast vollständige Abwesenheit von Witz in der Prosa Christa Wolfs hinzuweisen? Gemeint ist damit nicht der Witz als unterhaltsame Pointe, sondern im Sinne vergangener Jahrhunderte als ein Esprit, der mit wenigen Worten überraschende, neue Einsichten vermittelt. Selbstverständlich hat Christa Wolf alles Recht der Welt, sich gegen die Vorwürfe zu verteidigen, die ihr seinerzeit wegen ihrer stark angestaubten „Margarete“-Akte gemacht wurden. Aber muss sie das mit derart absehbaren, abgegriffenen Argumenten tun? Auch was sie über ihren Zufluchtsort Kalifornien oder über die Wiedervereinigung zu sagen hat, war schon so oft zu lesen, dass die Frage gestattet sein muss, ob es wirklich nötig war, das noch einmal auf über 400 Seiten aufzuschreiben.

Bei einem Thema allerdings läuft Christa Wolf zu großer Form auf: Mit Leidenschaft berichtet sie von der heroischen Frühzeit des Sozialismus auf deutschen Boden. Wohl nicht zuletzt weil sie derzeit in der deutschen Geschichtspolitik eine denkbar kleine Rolle spielen, erinnert sie an Menschen, die sich mit Idealismus und Selbstverleugnung für den Aufbau einer angeblich besseren Gesellschaftsordnung einsetzten – und dafür nicht nur vom Schicksal, sondern oft auch von ihrer eigenen Partei brutal bestraft wurden. Brecht ist hier einer ihrer meistzitierten Gewährsmänner. Vergleichbare Helden- und Märtyrer-Geschichten lassen sich aus unserer Gegenwart kaum erzählen. Wer opfert sich schon uneigennützig auf für das Gedeihen der kapitalistischen Gesellschaft? Doch wie heißt es im „Galilei“ von Brecht: „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“

Die Rezension erschien in der “Welt am Sonntag” vom 13. Juni 2010

Christa Wolf
„Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010
415 Seiten, 24,80 €
ISBN3-518-42050-8

Thema: Wolf Christa | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Marcel Reich-Ranicki

Mittwoch, 2. Juni 2010 7:45

Kritik als geistiges Schauspiel
Zum 90. Geburtstag von Marcel Reich-Ranicki / Eine Talkshow

Fernsehstudio, Scheinwerfer, Kameras. Auf dem Podium ein Moderator und drei Talkshowgäste. Als Kulisse Möbelhaus-Regale mit Möbelhaus-Buchattrappen.

Moderator: Guten Abend meine Damen und Herren, heute feiert der wohl bekannteste Kritiker der Gegenwart, Marcel Reich-Ranicki, seinen 90. Geburtstag. Aus diesem Anlass haben wir drei seiner berühmtesten deutschen Kollegen zum Gespräch eingeladen. Ich darf vorstellen, von rechts nach links: Friedrich Schlegel (1772 – 1829), Ludwig Börne (1786 – 1837) und Alfred Kerr (1867 – 1948).

Schlegel, Börne, Kerr nicken knapp in die Kamera.

Moderator: Marcel Reich-Ranicki wurde 1920 in Włocławek, Polen, geboren, besuchte ab 1929 in Berlin die Schule…

Kerr (unterbricht): Was ist das hier? Schulfunk?

Schlegel: Dafür brauchen Sie uns ja wohl nicht. Das weiß inzwischen jeder. (Steht auf, will gehen).

Kerr: Das weiß jeder Tankwart! Wie Reich-Ranicki so gern sagt. (Will ebenfalls gehen, Börne macht Anstalten, den beiden zu folgen.)

Moderator (verdattert): Aber meine Herren. Was wollen Sie denn?
Kerr: Fragen. Ernste Fragen.

Schlegel: Wir sind schließlich nicht zum Spaß hier.

Schlegel, Börne, Kerr lassen sich zurück in ihre Sessel fallen.

Moderator (eifrig): Also Fragen! Zum Beispiel: Wie konnte Reich-Ranicki die herausragende Position erreichen, die er heute hat?

Kerr: Blöde Frage.

Börne: Das ist viel zu pauschal und undifferenziert gefragt. Ich will Ihnen trotzdem eine Teilantwort geben: Als Reich-Ranicki 1958 in die Bundesrepublik kam, hatte die Literatur eine ganz andere Funktion als heute. Sie war ein Leitmedium mit großem Einfluss auf das öffentliche Bewusstsein des Landes. Von der Kultur erwartete man nach dem Nazi-Desaster politisch-moralische Orientierung. Reich-Ranicki hat damals in seinen Kritiken oft wie ein Anwalt argumentiert. Er hat manchen Autoren nachgewiesen, wie tief sie noch – unbewusst – im Nazi-Denken stecken geblieben waren. Solche Rezensionen von ihm erschütterten den Kulturbetrieb wie Erdbeben. Dazu machte er, der eben aus dem Ostblock gekommen war, den ahnungslosen Westdeutschen klar, was literarisch in der DDR lief und dass dort keineswegs nur dumpfe Parteischriftsteller schrieben.

Schlegel: Mein lieber Börne, ich verstehe: Ihnen als dem politischen Zuchtmeister unter den deutschen Großkritikern gefällt dieser Aspekt an Reich-Ranickis Laufbahn besonders. Aber hinzufügen sollten Sie, wie wenig Reich-Ranicki sich aus politischen Gründen in seinem literarischen Urteil beirren ließ. Seine Verrisse von Heinrich Bölls Romanen sind legendär. Obwohl er Böll politisch verteidigte, ging er mit ihm literarisch ins Gericht.

Kerr: Kritik als geistiges Schauspiel! Großes öffentliches Spektakel. Jeder Artikel ein Drama!

Moderator: Aber andere Kritiker dieser Zeit haben auch politisch argumentiert. Warum wurde gerade Reich-Ranicki so populär?

Kerr: Der Mann hat sagenhaftes Temperament. Seine Kritiken sind keine gelehrten Erörterungen, sondern Brandreden. Er ist ein Volkstribun. Ein Volkstribun der Kritik. So etwas liebt das Publikum. Ich bin Theaterkritiker. Ich weiß das.

Moderator: Aber wurde er von seinem Temperament nicht auch zu Fehlern hingerissen? Hat er nicht auch Autoren verkannt?

Kerr: Blöde Frage. Natürlich.

Börne: Kein Kritiker ist allen Spielarten der Literatur gewachsen. Dazu ist Literatur viel zu komplex. „Was man sagt, stimmt nie“, meinte Robert Musil einmal, „das Phänomen ist immer vielseitiger als die Kritik.“ Also macht jeder Kritiker Fehler. Wie könnte es anders sein? Wenn selbst Ärzte, Apotheker, Architekten Fehler machen, warum sollten gerade Kritiker unfehlbar sein? Kerr hielt Brecht für eine Niete. Schlegel schieb herablassend über Lessings Stücke…

Schlegel: …und von Ihnen, lieber Börne, stammt der Satz: „Seit ich fühle, habe ich Goethe gehasst, seit ich denke, weiß ich warum.“

Börne (mürrisch): Ja, sicher. Wie ich sage: Kein Kritiker ist unfehlbar. Jeder verkennt irgendwann mal einen Autor. Wird ein Kritiker so stark wahrgenommen wie Reich-Ranicki, werden auch seine Fehlurteile stark wahrgenommen. Der Ruhm wirkt wie ein Vergrößerungsglas. Die Missgriffe unbekannter Kritiker werden achselzuckend übergangen und vergessen.

Moderator: Aber warum hatte und hat Reich-Ranicki dann so viele Gegner und oft auch Feinde? Erst kürzlich hat Martin Walser in seinem Tagebuch…

Kerr (unterbricht): Saublöde Frage.

Börne: Verächtlich ist der Kritiker, der keine Feinde hat.

Schlegel: Sich Feinde zu machen, gehört zum Handwerk eines unabhängigen Kritikers. Nur wer so urteilt wie alle anderen Kritiker auch, hat keine Feinde. Denn der geht ängstlich inmitten der Herde in Deckung. Aber Deckung hat Reich-Ranicki nie gesucht. Im Gegenteil. Wer eigenständige und entschiedene Urteile fällt, hat schnell eine eigenständige und entschiedene Kollektion von Feinden. Bei Reich-Ranicki kommt aber vielleicht noch ein zweiter Umstand hinzu. Er selbst hat das beschrieben: Reich-Ranicki zeichnet sich durch eine Eigenschaft aus, die oft bei Juden auffällt, sei es günstig, sei es ungünstig, und die zur Folge hat, dass sie, die Juden, für manche Menschen in ihrer Umgebung nicht so leicht erträglich sind und ihnen vielleicht sogar auf die Nerven gehen. Was ich meine, lässt sich mit Worten wie „Intensität“ oder „Heftigkeit“ andeuten. Reich-Ranicki besitzt Intensität in hohem Maße.

Kerr: Intensität? Leidenschaft! Verbunden mit dem festen Glauben an Vernunft und Argument.

Moderator: Aber von Politik ist in seinen Kritiken heute keine Rede mehr.

Börne: Ja, weil die Welt sich dreht und die Dinge sich wandeln. Und mit ihnen die Literatur.

Schlegel: Spätestens mit den achtziger Jahren hatte sich die Funktion der Literatur in Deutschland geändert. Die einzige intellektuelle Gewissheit war nun, dass es keine intellektuellen Gewissheiten mehr gibt. Dass es nur noch konkurrierende Denkformen gibt, die alle ein gewisses Recht für sich beanspruchen können. Man hat das „postmodern“ genannt, aber es sieht manchen Überzeugungen aus meiner Epoche um 1800 zum Verwechseln ähnlich. Reich-Ranicki hat das gespürt. Also feierte er die Literatur als ein Vergnügen, als ein ironisches Spiel, bei dem Weltsichten erprobt werden, der Autor aber augenzwinkernd zu verstehen gibt, dass man alles das mit gleichem Recht auch aus anderer Sicht betrachten könnte. Mit Beliebigkeit hat das nichts zu tun. Denken Sie daran, wie oft er sich trotzdem mit anderen im Literarischen Quartett in die Haare geriet.

Moderator: Gut, dass Sie das Quartett ansprechen. Hat er damit die Literaturkritik endgültig an die Fernsehunterhaltung verkauft?

Kerr: Bravo, das ist Ihre schwachsinnigste Frage. Das Quartett war Streit um die Literatur vor Kameras. Reich-Ranicki hatte den Mut und das Talent, das zu inszenieren. Hat bis jetzt kein anderer gekonnt. Eingehende, gründliche Literaturkritik war das nicht. Die findet auch weiterhin auf Papier statt. Reich-Ranicki war der erste, der das betonte. Aber der Kritiker darf neue Medien nicht scheuen. Ich habe in meiner Zeit das Radio für die Kritik erprobt. Mit Erfolg, es hat dem Theater Zuschauer gebracht. So wie das Literarische Quartett der Literatur Leser brachte.

Schlegel: Das Quartett war fabelhaft, weil es demonstrierte, dass zu jedem Buch mehrere Urteile zugleich möglich sind. Wenn ein Kritiker schreibt, will er allein seine Ansichten gelten lassen. Wenn er aber im Quartett mit anderen sprach, musste er sich die Ansichten der anderen anhören. Den Zuschauern wurde gezeigt, dass es auch in der Literatur keine Gewissheiten gibt, sondern nur Meinungen. So lieferte das Literarische Quartett ein Bild seiner Zeit.

Börne: Dazu lieferte es einen Beweis: Nämlich wie lehrreich Fernsehen sein kann, wenn Moderatoren ausnahmsweise etwas vom Thema ihrer Sendung verstehen. (Sieht den Moderator an.) Reich-Ranicki hat Beispielloses geleistet für Literatur und Kritik in Deutschland. Nicht zuletzt hat er immer wieder an uns, an die Kollegen Schlegel, Kerr und mich erinnert. Weshalb es für uns ein Leichtes war, diese Talkshow unter anderem mit Worten zu bestreiten, die er über uns schrieb oder aus unseren Werken zitierte.

Der Moderator schwitzt, gibt der Regie ein Zeichen, die Kamera schwenkt auf die Buchattrappen, der Abspann beginnt.

Die Talkshow erschien in der “Welt” zu Marcel Reich-Ranickis 90. Geburtstag am 2. Juni 2010.

Thema: Reich-Ranicki Marcel | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock