Beiträge vom Mai, 2010

Clemens Berger

Samstag, 29. Mai 2010 16:52

Die Haut ist klüger als der Kopf
Im „Streichelinstitut“ von Clemens Berger vergrößern Fingerspitzen das Glück der Welt

„Schön war die Welt, in der alle alles gern taten und dabei pfiffen und lächelten und sich artig verbeugten!“ Sebastian hat diese weichgespülte Utopie für sich persönlich wahr gemacht. Er studiert Philosophie in Wien, und zwar gern. Aber er achtet gewissenhaft darauf, diese Beschäftigung nicht in Mühsal oder gar Arbeit ausarten zu lassen, weil ihm dann das Pfeifen und Lächeln verginge. Also verbringt er den größten Teil seiner Zeit nicht am Schreibtisch, sondern beim Plaudern mit Freunden in Kneipen und Kaffeehäuser, oder noch lieber in Straßencafés, wo ihn der Sonnenschein verwöhnt.

Aber dann kommt Anna. Anna ist Dozentin des Instituts, an dem Sebastian studiert, wenn er nicht gerade im Sonnenschein pfeift und lächelt. Die beiden verlieben sich, werden ein Paar und Sebastian, der Lebensgenießer, muss einsehen, wie sehr Anna zu seinem Glück beiträgt. Doch Anna macht ihm klar, dass er, wenn sie ein Paar bleiben sollen, sich etwas einfallen lassen muss, um seinen weiteren Lebensunterhalt zu finanzieren. Aber was? Sebastian macht sich über seine Chancen auf den Arbeitsmarkt keine Illusionen: „Die einen Philosophiestudenten wurden Taxifahrer, die anderen landeten in der Psychiatrie, manche gingen in die Marktforschung.“

Der Erzähler und Stückeschreiber Clemens Berger hat selbst einmal in Wien Philosophie studierte, aber inzwischen im Alter von nur 30 Jahren bereits drei Romane, zwei Theaterstücke und zwei Erzählungsbände vorzuweisen. Vermutlich sitzt er also seltener lächelnd in der Sonne als sein Held Sebastian. Er hat aus ihm einen sympathischen Taugenichts gemacht, der über die Weltrevolution räsoniert, aber im Grunde nicht Politik, sondern Frauen im Kopf hat. Und Sebastian ist klug genug, gerade in dieser Neigung das Talent zu erkennen, aus dem er einen Beruf machen kann: Er gründet das weltweit erste Streichelinstitut.

Auf diese Idee ist Sebastian nicht zuletzt deshalb so stolz, weil er sie auch politisch präzise durchdacht hat: Jede Form traditioneller Lohnarbeit führt zu Entfremdung und Vereinzelung der Menschen und vermehrt so das Leid in der Welt. Ist es da nicht eine gute Tat, den unglücklichen Menschen Entlastung zu verschaffen, indem er sie – gegen Honorar versteht sich – stundenweise streichelt? Denn beim Streicheln, so bestätigen ihm die Frauen, ist er ein Genie. Freundin Anna freut sich über Sebastians neuen geschäftlichen Ehrgeiz, kann aber verständlicherweise diese spezifische Geschäftsidee nicht einschränkungslos gutheißen: „Die erste Regel wäre: Kein Sex, niemals“, entscheidet sie mit Blick auf seine künftigen Klientinnen.

Clemens Berger hat merklich Freude an den komischen Aspekten seiner Geschichte. Aber er gibt ihr dazu ein paar ernstere Züge. Die Haut, predigt Sebastian, sei klüger als der Kopf, weshalb das Streicheln oft mehr Einfluss auf das Leben habe als das Denken. Doch diese Erkenntnis gilt auf vertrackte Weise auch für Sebastian selbst: Da ist zum Beispiel Észter, eine unvergessene Ex-Geliebte, die im fernen Paris studiert und mit der er deshalb nicht streichelnd, sondern nur per Internet in Verbindung bleiben kann. Gerade der Mangel an Hautkontakt zu ihr weckt in Sebastians ein solches Begehren, dass er Annas Liebe aufs Spiel setzt, um zu einem nicht mehr nur virtuellen Treffen mit Èszter zu eilen – das dann naturgemäß in Enttäuschung endet.

Auch Anna kann der Versuchung nicht widerstehen, per Kamera ein paar Streichel-Sitzungen Sebastians zu überwachen – und erliegt der Ausstrahlung einer Klientin, die zuvor schon Sebastian verführte. Diese Klientin erweist sich zudem als so geschäftstüchtig, dass sie nicht nur Sebastians Institut publizistisch professionell vermarktet, sondern umgehend Streichel-Personal einstellt, um das Ein-Mann-Unternehmen zielstrebig zum Streichel-Imperium auszubauen. Aus Sebastian, dem entschieden Feind der Lohnarbeit, droht nun also ein Lohnherr zu werden, der seine Kaffeehaus-Aufenthalte künftig durch die Ausbeutung fremder Leute Fingerspitzen finanzieren kann.

Clemens Berger erzählt das alles angenehm unbeschwert und lebendig. Allerdings neigt er dazu, manche seiner Einfälle etwas zu liebevoll auszubreiten: Wo ein oder zwei Sätze ausgereicht hätten, um begreiflich zu machen, um was es ihm geht, wird er auch nach fünf oder sechs Sätzen nicht müde, den jeweiligen Gedanken wieder und wieder zu variieren. Das kann ungeduldig machen. Doch Sebastian und all seine vielen Frauen sind so sympathisch, dass man ihnen nie wirklich böse sein kann, wenn sie wieder einmal nicht so richtig auf den Punkt kommen.

Die Rezension erschien in der “Welt” vom 29. Mai 2010

Clemens Berger:
“Das Streichelinstitut”. Roman
Wallstein Verlag, Göttingen
365 Seiten, 19,90 €
ISBN 978-3-8353-0619-6

Thema: Berger, Clemens | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Brigitta Eisenreich, Paul Celan

Samstag, 22. Mai 2010 7:46

Du meine Weiße, Königin, Du meine Freiheit!
Brigitta Eisenreich erzählt von ihrer geheimen Liebe mit dem Dichter und Verführer Paul Celan

Das Zentralgestirn dieses Buches heißt Paul Celan. Kaum ein Satz, der nicht auf ihn oder sein Werk zielte. Aber dennoch ist es nicht Celan, der den stärksten Eindruck hinterlässt, sondern der Trabant, der um das Gestirn kreist. Dieser Trabant trägt den Namen Brigitta Eisenreich und ist heute 81 Jahre alt. Von 1953 bis 1962 hatte Brigitta Eisenreich in Paris ein Verhältnis mit Celan und als ihr Jahrzehnte nach seinem Tod klar wurde, dass im Deutschen Literaturarchiv zusammen mit dem Nachlass Celans Briefe und Gedichte von ihr aus jener Zeit verwahrt werden, entschloss sie sich, ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Sie selbst nennt ihr Buch nüchtern „Bericht“, doch es ist weit mehr als das: Es ist die Geschichte einer außerordentlichen Liebe und vor allem die Geschichte einer klugen, furchtlosen, großmütigen Geliebten.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: An keiner Stelle spielt sich Brigitta Eisenreich unangemessen in den Vordergrund, sie hat nahezu jeden Anflug von Eitelkeit aus ihren Erinnerungen getilgt. Wer sentimentale Plaudereien, wer wortreich beschworene Liebesstürme oder nachträgliche Klagelieder über das Los der verheimlichten Geliebten erwartet, wird in diesem Buch nicht auf seine Kosten kommen. Das Auf und Ab der eigenen Gefühle erwähnt Brigitta Eisenreich, die Celan konsequent in den Mittelpunkt stellt, allenfalls am Rande. Oft genug lässt es sich nur aus Andeutungen erschließen. Doch das macht ihre Rolle in diesen Erinnerungen umso eindrucksvoller und stellt Celan, auf den sie alle Aufmerksamkeit zu lenken sich bemüht, schließlich in den Schatten.

In der Celan-Forschung, die jeden Stein im Leben ihres Dichters gleich mehrfach umdreht, war bislang wenig über Brigitta Eisenreich zu erfahren. Die Biographen erwähnen sie mit keiner Zeile. Ende 1960 hatte sie einen Leserbrief konzipiert, mit dem sie Celan gegen den hanebüchnen Vorwurf, er habe Verszeilen Ivan Golls in seinen Gedichten plagiiert, in Schutz nahm. Dieser Leserbrief wurde nie gedruckt, ging aber in die umfangreiche Dokumentation zur „Goll-Affäre“ von Barbara Wiedemann ein. Viel mehr war über diese Frau, die manches Geheimnis mit einem der wichtigsten Dichter der deutschen Nachkriegsliteratur teilte, bislang nicht bekannt.

Es muss eine jener fabelhaft beschwingten Pariser Sommernächte gewesen sein, in der sich Brigitta Eisenreich und Paul Celan kennen lernten. Sie war 23 Jahre alt, Österreicherin, verdiente sich ihr Studium als Au-Pair-Mädchen und war oft einsam in der großen, fremden Stadt. Ihr Bruder, der Schriftsteller Herbert Eisenreich (1925 – 1986), besuchte sie im Juni 1952. Er war Celan kurz zuvor bei einer Tagung der Gruppe 47 begegnet und versprach ihr, sie „mit jemand durchaus Besonderem“ bekannt zu machen. Einen Abend lang führte Celan die beiden aus, zeigte ihnen seine Lieblingsplätze im Quartier latin und präsentierte sich von seiner charmantesten Seite. „Er war ein Dichter“, schreibt Brigitta Eisenreich heute, „aber auch, das steht außer Zweifel, zu jeder Zeit ein Verführer, mit einem feststehenden Repertorium an Zauberkünsten.“

Zunächst blieb es bei einem losen Kontakt, Celan, damals 32 Jahre alt, stellte ihr seine Verlobte Gisèle Lestrange vor, die er im Winter 1952 heiratete. Doch eines Abends im Herbst 1953 hörte Brigitta Eisenreich jemanden unter dem Fenster ihres Zimmers ein Motiv aus Schuberts „Unvollendeter“ pfeifen. Sie erkannte Celan, öffnete ihm und war sich sofort klar, „dass ich in etwas Schweres hineinging“. Der Beginn der Liaison zwischen beiden fiel in eine für Celan bittere Zeit: Sein erster Sohn François war wenige Stunden nach der Geburt gestorben. Die enorme Verständnisbereitschaft Brigitta Eisenreichs für den trauernden Dichter und den Mann verrät ihr illusionsloser Satz: „Auf Celans zu diesem Zeitpunkt zwangsläufig einsamen Wanderungen durch die Stadt lag ihm meine Wohnstätte, wenn ich so sagen darf, gewissermaßen als Trost- und Haltestelle am Weg.“

Zurückhaltender kann man die eigene Rolle im Leben eines Geliebten kaum beschreiben und mitfühlender die Tatsache, dass Celan seine Frau nur ein Jahr nach der Hochzeit und weniger Tage nach Tod des ersten Kinds hinterging, nicht akzeptieren. Brigitta Eisenreich hielt ihrer beider Liebe von Beginn an frei von Besitzansprüchen und engherzigen Moralvorstellungen. Sie schuf Celan so in ihrem Studentenzimmer eine Zuflucht von fast paradiesischer Unschuld, die unbeschwert blieb von allen Verpflichtungen. Nicht einmal an Liebesäußerungen kann sie sich aus dieser Anfangszeit erinnern, wohl aber an Celans Verwirrung über die Intensität seiner Lust: „Mir war bewusst, dass die starke physische Anziehung, die Celan für mich empfand, ihn beunruhigte.“

Ganz falsch wäre es, sich Brigitta Eisenreich als ein entsagungsvoll auf ihren Liebhaber wartendes Mauerblümchen vorzustellen. Sie war eine rotblonde Schönheit, lebte ein sehr selbstständiges Leben, arbeitete viel, reiste kreuz und quer durch Europa, trieb ihr Studium voran und übernahm später als Ethnologin im Wissenschaftsbetrieb Frankreichs wichtige Funktionen. Doch bei all dem reservierte sie Celan einen Platz in ihrem Herzen. „Du meine Weiße“ nannte er sie, „Du meine Freiheit“ und „Königin“. Wenn er sie besuchte, hörten sie Musik, sangen zusammen(!), sprachen über Literatur und nicht zuletzt über Celans Gedichte. Als Dichter deutscher Sprache fehlte Celan in Paris das alltägliche Bad im gesprochenen Deutsch. „Zu mir kam er wohl auch“, resümiert Brigitta Eisenreich, „und vielleicht sogar in erster Linie, um für dieses Fehlende einen Ersatz zu finden.“

Der Preis, den sie dafür zahlen musste, war nicht klein. Ende 1955 wurde sie schwanger. Da Celan verheiratet und sie beruflich völlig ungesichert war, blieb nur eine Abtreibung. Celan beschaffte das Geld, Brigitta Eisenreich fuhr allein nach Berlin in eine Klinik und nach dem Eingriff allein wieder zurück. Später zeigte sich Celan allerdings von einer wenig ritterlichen Seite und fragte sie, ob jenes nie geborene Kind tatsächlich von ihm gewesen sei. Doch selbst dafür setzt ihn Brigitta Eisenreich in ihrem Buch nicht auf die Anklagebank.

Am deutlichsten wird die besondere Zuneigung, die sie sich für Celan bis heute bewahrt hat, wenn sie Indizien dafür anführt, dass er seiner Frau Gisèle innerlich auf seine Weise trotz allem die Treue gehalten habe. Brigitta Eisenreich war klar und sie akzeptierte, dass sie in Celans Leben nicht zu den Hauptpersonen gehörte, sondern eine – gern besuchte – Randfigur blieb. Ab einem bestimmten Zeitpunkt spielte Celan, dem als Dichter nichts so sehr verhasst war wie die Lüge, seiner Frau gegenüber mit offeneren Karten: Er gestand ihr das Wiederaufflammen seiner Affäre mit Ingeborg Bachmann 1957 ein und bald darauf offenbar auch die Beziehung zu Brigitta Eisenreich (was er der allerdings lange verschwieg). 1961 versuchte er sogar zwischen beiden ein Verhältnis wie zwischen „Schwestern“ zu stiften und arrangierte zwei Abendessen zu dritt – doch die beiden Frauen blieben distanziert.

Hans-Georg Gadamer schrieb einmal, dass „uns manches Gedicht Celans erst dann aufgehen wird“, wenn uns „aus der Kenntnis von Freunden“ dieses Autors neue Informationen über ihn „zugeflossen sind“. Schon allein in diesem Sinne ist Brigitta Eisenreichs Buch eine unerhörte Fundgrube. Natürlich wird nicht jeder Celan-Leser einverstanden sein, wenn Brigitta Eisenreich in manchen Gedichten Hinweise auf ihre mit Celan verbrachte Zeit zu entdecken glaubt. Doch das macht nichts, der Celan-Interpret, mit dem die ganze Celan-Gemeinde einverstanden wäre, muss erst noch geboren werden. Abgesehen davon sind diese Aufzeichnungen ein unvergleichlicher Schatz für jeden, der sich ein Bild davon machen will, was für ein Mensch dieser Dichter war.

Das betrifft keineswegs nur sein Liebesleben. Brigitta Eisenreichs Erinnerungen bestätigen noch einmal, welche katastrophale Wirkung die „Goll-Affäre“ auf Celan hatte. Die Verfolgungsängste aus der Nazi-Zeit, in der seine Eltern ermordet und er selbst in ein Arbeitslager verschleppt worden war, brachen wieder auf. Die Sprache war für den Heimatlosen nach dem Krieg zu einer letzten, innersten Freistatt geworden. Doch gerade aus ihr musste er sich durch die Behauptung, er sei ein Plagiator Ivan Golls, vertrieben fühlen. Er reagierte mit aggressivem Misstrauen auch gegen Freunde, auch gegen Brigitta Eisenreich. Was ihn für sie liebenswert machte, verschwand, er „wurde fordernd und fast gewalttätig“. Er ließ sie oft lange ohne Nachricht, stand dann „mit einer halbgeleerten Flasche Cognac“ vor ihrer Tür und machte ihr Eifersuchtsszenen. Nach ein, zwei ratlosen Jahren trennte sie sich 1962 von ihm. Celan fand aus seiner Krise nie wieder heraus, griff seine Frau mit einem Messer an und verbrachte viele Monate in psychiatrischen Kliniken.

Im Jahr nach der Trennung heiratete Brigitta Eisenreich einen Österreicher und bekam eine Tochter. Sie blieben in Frankreich, doch in den ersten ruhelosen Jahren war die kleine Familie zu vielen Umzügen gezwungen. Als Brigitta Eisenreich im November 1969 Celan ein letztes Mal traf, aus Zufall, wohnte sie in Thiais im Süden von Paris. Einige Monate später schickte ihre Mutter ihr aus Österreich eine Zeitungsmeldung vom Selbstmord Paul Celans. Er war, ohne dass sie es ahnte, ganz in ihrer Nähe auf dem Friedhof von Thiais begraben worden.

Die Rezension erschien in der “Welt” vom 22. Mai 2010

Brigitta Eisenreich:
“Celans Kreidestern.” Ein Bericht
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010
266 Seiten, 22,80 €
ISBN 978-3-518-42147-5

Thema: Celan, Paul, Eisenreich, Brigitta | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Marcel Reich-Ranicki

Sonntag, 2. Mai 2010 7:01

“Na ja, so ganz seriös war das alles nicht”
Im Gespräch erinnert sich Marcel Reich-Ranicki an die erste Rezension seines Lebens und die Musik im Warschauer Getto - und geht mit sich selbst hart ins Gericht

„Womit wollen Sie mich jetzt schon wieder langweilen?“ fragt Marcel Reich-Ranicki zu Begrüßung. Im Juni wird er 90 Jahre alt und sieht ein wenig müde aus. Aber nicht so, als würde er lange fackeln, falls man ihn tatsächlich langweilen sollte. „Das würde ich nie wagen“, behaupte ich also vorsichtshalber, und überreiche ihm die „Gazeta Zydowska“ vom 5. Dezember 1941. Es ist die Zeitung der polnischen Gettos, in denen die Deutschen während des Zweiten Weltkriegs hunderttausende von Juden zusammentrieben, um sie schließlich zu ermorden. Nur sehr wenige sind wie Reich-Ranicki und seine Frau Tosia davongekommen.

Die Nummer der „Gazeta Zydowska“ enthält die erste Rezension, die Reich-Ranicki, dieser Großmeister der Kritik, in seinem Leben veröffentliche. Es ist die Besprechung eines Konzertes mit Stücken von Tschaikowski, Weber und Beethoven, die er in Alter von 21 Jahren unter dem Pseudonym Wiktor Hart schrieb. Gerhard Gnauck, der Warschau Korrespondent der „Welt“ hat sie in einem polnischen Archiv entdeckt.

Reich-Ranicki beugt sich über die alten Seiten der Zeitung. Er sitzt in einem hohen schwarzen Sessel vor einer Bücherwand, die halb Deutschland durch diverse Fernsehinterviews bestens bekannt ist. Er blättert, findet seinen Artikel und liest. Er nickt unregelmäßig mit dem Kopf, als würde er die Punkte hinter den Sätzen heute, fast 70 Jahre nach ihrer Publikation, nochmals setzen müssen. Einmal verzieht er sein Gesicht und ihm entfährt ein halblautes „Ach“. Er scheint nicht mit allem einverstanden zu sein, was er vor über zwei Menschenaltern schrieb. Dann schaut er auf, fährt sich mit der flachen Hand über den Stirn, wirft den Kopf in den Nacken und fragt herausfordernd: „Ja, und?“

Uwe Wittstock: Ist das tatsächlich die erste Kritik, die Sie veröffentlichten?

Marcel Reich-Ranicki: Nein und Ja. Ich hatte schon in meiner Berliner Schulzeit ein intensives Interesse für Kritik, für Theaterkritik vor allem. Meine Deutschaufsätze waren von der Ambition her als literarische Kritik gemeint (lacht). Eines Tages beschloss ich, in einem Schulheft Kritiken zu schreiben über Aufführungen des Renaissance-Theaters in Berlin. Als erstes rezensierte ich eine Aufführung von Ibsens „Hedda Gabler“. Nach zwei solchen Besprechungen kam ich von der Idee wieder ab und das Heft blieb halbleer liegen. Was Sie mir hier mitgebracht haben, ist also nicht die erste Rezension, die ich geschrieben habe, wohl aber die erste, die gedruckt wurde.

Wittstock: Was halten Sie heute davon?

Reich-Ranicki: Bevor man einen Text kritisiert, selbst wenn es nur eine kleine Rezension ist, muss man sich die historische Situation vor Augen stellen, in der er entstanden ist. Bevor ich in Warschau ins Getto kam, las ich viel und war in hohem Maße an Konzerten und Oper interessiert. Als meine Familie und ich dann ins Getto umziehen mussten, wollte ich von Literatur zunächst nichts mehr wissen. Die Musik spendete Momente des Vergessens und damit des Trosts. Das gelingt der Literatur nicht in der gleichen Intensität. Weshalb sollte ich beginnen, einen dicken Roman zu lesen, wenn ich mir nicht sicher sein konnte, ihn zu Ende lesen zu können, weil mich deutsche Soldaten vielleicht morgen schon oder in den nächsten Stunden ermorden würden?

Wittstock: Wer organisierte diese Konzerte im Getto?

Reich-Ranicki: Natürlich die Musiker selbst. Es waren Berufsmusiker, sie wären verhungert, wenn sie nicht Auftrittsmöglichkeiten gefunden hätten.

Wittstock: Wenn Sie Ihre Kritik heute lesen, was halten Sie davon?

Reich-Ranicki: Na ja, so ganz seriös war das alles nicht.

Wittstock: Weshalb?

Reich-Ranicki: Ich hätte das nicht schreiben sollen. Ich war noch so jung, gerade 21 Jahre alt. Ich hatte nicht die Ausbildung, nicht die notwendige Erfahrung.

Wittstock: Aber der Artikel klingt doch sehr kompetent.

Reich-Ranicki: Ja, er klingt kompetent. Das sind rhetorische Tricks, mit denen hier der Eindruck vermittelt wird, als sei der Autor dieses Artikels kompetent.

Wittstock: Sie sind zu kritisch mit sich selbst. Der Artikel ist kenntnisreich, genau in der Beobachtung und entschlossen im Urteil. In einem Satz wie „Die Ouvertüre zum ‚Oberon‘ ist eine außerordentlich gelungene Einleitung zu einer misslungenen Oper…“ zeigt sich schon die Pranke des späteren Meisterkritikers: prägnant, provokativ und sehr selbstbewusst angesichts eines so großen Komponisten Carl Maria von Webern.

Reich-Ranicki: Na, Pranke ist schon reichlich übertrieben (lacht). Dieser Satz, den sie zitieren, enthält doch nur eine Feststellung von großer Banalität. Das Webers ‚Oberon’ misslungen ist, weiß jeder Tankwart in Deutschland.

Wittstock: Die Leute, bei denen Sie tanken, würde ich gern mal kennen lernen.

Reich-Ranicki: Jeder, der an Musik interessiert ist, weiß, dass die Ouvertüren zu Webers Opern „Oberon“ und „Euryanthe“ erfolgreich und populär, die Opern selbst aber missraten sind. Es gibt nur eine Oper von Weber, die wirklich gut ist, den „Freischütz“.

Wittstock: Sie hatten mit 21 Jahren offenbar bereits gute musikgeschichtliche Kenntnisse.

Reich-Ranicki: Erstens: Wir hatten auf unserem Berliner Gymnasium einen sehr guten Musiklehrer. Der hat uns viel beigebracht. Zweitens: Ich habe das, was er uns im Unterricht über Konzerte und Opern erzählte, dann zu Hause in Lexika und anderen Büchern nachgeschlagen. Wir hatten zu Hause ganz gute, populär geschriebene Opernführer und Musiklehrbücher. Ich erinnere mich an die Titel nicht mehr, irgendwas wie „Frisch gesungen!“ oder so (lacht). Aber was in den Büchern stand über die Komponisten, war ganz vernünftig.

Wittstock: Wie viele Kritiken haben Sie damals geschrieben?

Reich-Ranicki: Zehn oder fünfzehn vielleicht. Nicht viele. Aber wichtig waren sie nicht. Wichtig ist bis heute, dass die eingesperrten Juden in den Gettos trotz der Not und Angst, in der sie existieren mussten, so etwas wie ein kulturelles Leben aufrechterhalten haben. Das war indirekt auch ein Protest gegen die Deutschen und ihre Mordlust. Natürlich ging es den Musikern vor allem darum, Geld zu verdienen, um nicht zu verhungern. Aber dass es Konzerte im Getto gab und die Liebe zur klassischen Musik nicht aufhörte, war eine Art Widerstand gegen den Terror. Die Juden wollten sich ihre Würde nicht rauben lassen.

Wittstock: In Ihrer Autobiographie ‚Mein Leben‘ erzählen Sie, die Redaktion der Getto-Zeitung habe Sie gedrängt, Kritiken zu schreiben: „Ich zögerte, denn ich hatte ja nie im Leben Kritiken publiziert. Ich hatte Angst. Aber die Aufgabe gefiel mir.“ Weshalb hatten Sie Angst und was reizte Sie an der Aufgabe?

Reich-Ranicki: Ein Journalist, den ich kannte, schrieb die Konzert-Rezensionen für die „Gazeta Zydowska“. Als er erkrankte, bat er mich, für ihn einzuspringen. Mich hat das gereizt, schließlich hatte ich als Schüler schon Theaterkritiken für mich selbst geschrieben. Also habe ich das gemacht. Als der Journalist wieder gesund war, sagte er, ich solle das weitermachen, er hätte andere Aufgaben. Einmal habe ich eine Freundin, eine erfahrene Journalistin gefragt, was sie von meinen Rezensionen hielt und sie gab mit Ratschläge.

Wittstock: Was würden Sie dem jungen Kritiker von 21 Jahren, der Sie damals waren, heute mit all Ihrer Erfahrung für Ratschläge geben?

Reich-Ranicki: Finger weg! Das wäre mein wichtigster Rat. Sie haben noch zu wenig Erfahrung, würde ich zu ihm sagen. Wenn unter solchen Umständen, wie im Warschauer Getto, Konzerte gegeben werden, ist es keine gute Idee, kompromisslose Kritiken über diese Aufführungen schreiben zu wollen. Gehen sie hin, hören sie die Musik und schreiben sie nichts darüber. Das würde ich ihm raten.

Wittstock: Welche Probleme gab es beim Aufbau dieses Orchesters?

Reich-Ranicki: Es gab im Getto viele Streicher. Man hätte mehrere Symphonieorchester mit den hervorragenden Geigern und Bratschisten bestücken können, die im Getto lebten. Aber es gab nur wenige Bläser. Also griff man bei der Zusammenstellung des Orchesters auf Jazzmusiker zurück, die dann Beethoven oder Brahms sehr gut von Blatt spielten. Ein anderes Problem war der Hunger: Wenn sie Trompete oder Posaune spielen, brauchen sie Kraft. Wer sich aber vor Hunger kaum auf den Beinen halten kann, schafft das nicht. Also musste für die Musiker vor einem Konzert Essen beschafft werden. Das war alles sehr riskant.

Wittstock: Weshalb riskant?

Reich-Ranicki: Allein schon über die Straße zu gehen, war im Getto riskant. Man könnte mit Fleckfieber oder Typhus angesteckt werden. Man konnte einer deutschen Streife in die Hände laufen, die einen aus Übermut zusammenschlug. Meine Familie und ich wohnten damals an der Holzbrücke über die Chlodna-Straße, die man als Jude passieren musste, um vom großen Getto in das kleine Getto zu kommen. Sie wurde von deutschen Soldaten bewacht. Ich habe oft gesehen, wie sie harmlose Leute gequält und geschlagen haben, nur weil die über die Brücke wollte. Schon der Weg zu einem Konzert war für alle Besucher voller Gefahren. Aber sie gingen trotzdem hin.

Wittstock: Welche der Musiker sind Ihnen bis heute in Erinnerung geblieben? In Ihrer Autobiographie erwähnen Sie den Dirigenten Simon Pullmann, den Pianisten Richard Spira, die Sängerin Marysia Ajzensztadt.

Reich-Ranicki: Ich sehe sie noch alle vor mir. Ich sehe, wie Pullmann vor dem Orchester stand und höre die Stimme der Marysia Ajzensztadt. Sie war eine sehr begabte Sopranistin. Sie wollte um jeden Preis ihren Vater retten. Er war Chor-Dirigent. Er wurde noch auf dem Umschlagplatz ermordet, von dem aus die Züge nach Treblinka abfuhren.

Wittstock: Haben Sie einen dieser Musiker nach dem Krieg wiedergesehen?

Reich-Ranicki: Keinen, sie wurden alle vergast. Später einmal hat mir ein Geiger mit den unglücklichen Namen Aftergut aus New York geschrieben, der das Getto überlebt hatte. Aber den hatte ich im Getto nie bei einem Auftritt gesehen.

Wittstock: Über das Schicksal des Musikers Wladyslaw Szpilman im Getto hat Roman Polanski seinen weltberühmten Film „Der Pianist“ gedreht. Haben Sie Szpilman je im Getto bei einem Konzert erlebt?

Reich-Ranicki: Ja, den habe ich im Getto mehrfach gehört. Er war ein bekannter und sehr begabter Mann. Er hatte schon vor dem Krieg für den polnischen Rundfunk gespielt. Einmal war ich dabei, als er im Getto zusammen mit einem hervorragenden Geiger die Kreuzersonate von Beethoven und andere Sachen spielte. Großartig. Auch nach dem Krieg habe ich Konzerte mit ihm in Warschau gehört und mit ihm gesprochen. Noch ganz am Ende, kurz vor seinem Tod, habe ich mit ihm telefoniert. Ich schrieb damals an meiner Autobiographie „Mein Leben“ und wollte von ihm mehr erfahren über manche jüdischen Musiker und ihre Arbeit im Getto. Er war älter als ich – allerdings noch nicht so alt wie ich heute – und konnte sich leider nicht mehr an viele Einzelheiten erinnern.

Wittstock: Marek Edelmann, einer der legendären Leiter des Getto-Aufstandes der Juden gegen die deutschen Truppen, erinnert sich in einem seiner Bücher an die Getto-Konzerte. Sie fanden in einem ehemaligen Kino, dem „Femina“ innerhalb des Gettos statt. Er schreibt, dieses zum Konzertsaal umgestaltete Kino sei am Schluss gar nicht von den Deutschen geschlossen worden, „sondern von der katholischen Kirche. Der Priester fand heraus, dass das Kino weniger als 50 Meter von der Kirche entfernt war, und in einem so geringen Abstand war eine Vergnügungsstätte nicht erlaubt.“

Reich-Ranicki: Ich habe keine Ahnung. Aber wenn Marek Edelman das so beschreibt, dann wird es schon so gewesen sein. Ich habe Edelman nie kennen gelernt, weder im Getto, noch danach. Sie dürfen sich das alles nicht so einfach vorstellen: Die Konzerte wurden mehrfach eingeschränkt oder verboten. Heinz Auerwald, der deutsche Kommissar für das Getto – er war, glaube ich, ein Rechtsanwalt aus Düsseldorf – der hat Konzerte im Getto verboten. Erst die Konzerte mit deutscher Musik. Daraufhin spielte man Verdi oder Tschaikowski. Dann konnte wieder eine Weile deutsche Musik gespielt werden, bis es plötzlich erneut untersagt wurde. Nur Chopin, der war im Getto immer verboten. Offenbar fürchteten die Deutschen, die Musik dieses größten polnischen Komponisten könnte zu sehr an die patriotischen Gefühle der Polen appellieren. Wenige Monate, nachdem sie in Warschau einmarschiert waren, hatten sie bereits das Denkmal Chopins gesprengt.

Wittstock: Warum hörten Sie auf, im Getto Kritiken zu schreiben?

Reich-Ranicki: Ich glaube, weil die Konzerte nicht mehr stattfanden. Das war alles.

Wittstock: Wann haben Sie wieder begonnen, Kritiken zu schreiben?

Reich-Ranicki: Knapp zehn Jahre später, 1951. Damals begann ich, Literaturkritiken zu schreiben für polnische Zeitungen und den polnischen Rundfunk. Aber in der Zwischenzeit war ich bereits Mitarbeiter des Außenministeriums gewesen und polnischer Konsul in London und nun arbeitete ich als Lektor in Warschau. Das war in einem anderen Leben, in einer anderen Welt. Lassen wir das. Kommen Sie, es ist gutes Wetter, lassen Sie uns an die Luft gehen.

Reich-Ranicki steht aus seinem Sessel auf, zögert vor der Garderobe, welche Jacke für das laue Frühlingswetter angemessen ist und nimmt mich mit in ein nahe gelegenes Café. Wir setzen uns an einen kleinen Marmortisch, er bestellt sich einen Espresso und Kirschsaft. Die Kellnerin kennt ihn und eilt in die Küche, um den prominenten Gast zufriedenzustellen. Reich-Ranicki schaut ihr nach. „Wissen Sie“, sagt er schließlich, „was seltsam ist, wenn man 90 Jahre alt wird? Jeden Abend, wenn man zu Bett geht, fragt man sich: Ob ich morgen wohl wieder aufwache?“ Er sagt das unaufgeregt, als spreche er von einer Alltagsbeobachtung. „Gewinnt man“, frage ich, „mit zunehmendem Alter eine größere Gelassenheit im Blick auf den eigenen Tod?“ Skeptisch kräuselt er das Kinn: „Nein.“ „Aber die Literatur“, entgegne ich, „die zahllosen Bücher über den Tod, die Sie gelesen haben? Hilft die Literatur, mit dem Gedanken an das eigene Sterben fertig zu werden?“ Reich-Ranicki schweigt, dann sagt er: „Wenn ich auf die Frage ernsthaft antworten soll: Nein.“

Das Gespräch mit Marcel Reich-Ranicki erschien am 2. Mai 2010 in der “Welt am Sonntag”

Thema: Reich-Ranicki Marcel | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock