Beiträge vom Dezember, 2009

Paul Michael Lützeler

Samstag, 19. Dezember 2009 14:32

Ansichten vom Schlachtfeld
Paul Michael Lützeler zeigt, welche Rolle der Bürgerkrieg für Schriftsteller heute spielt

Der Literaturbetrieb brummt. Fast 100.000 Neuerscheinungen kommen Jahr für Jahr auf den deutschen Markt. Aber ihre Verweildauer im Buchhandel wird immer kürzer. Früher hatten sie rund sechs Monate, bevor sie von den unvergesslichen Meisterwerken der jeweils nächsten Saison von den Büchertischen geschubst wurden. Heute bleiben ihnen oft nur noch drei Monate. Denn immer mehr Verlage pressen ihre Produktionen inzwischen quartalsweise auf den Markt. Kurz: Der Betrieb ist gefräßig wie nie. Aber, wird überhaupt noch gekaut, was da verschlungen wird? Will sagen: Wer denkt noch nach über all das, was da unausgesetzt über die Verlags-Fließbänder rauscht?

Paul Michael Lützeler zum Beispiel, Literaturwissenschaftler an der Washington University in St. Louis, Missouri. Er gehört zu jenen Kennern mit langem Atem, die noch immer mit eingehenden Analysen einen Überblick im Dschungel der Gegenwartsliteratur zu schaffen versuchen, einen Überblick, der über die knappen Wegweisungen des täglichen Rezensionsrummel spürbar hinausgeht. Sein jüngstes Buch „Bürgerkrieg global“ hat er nach thematischen, nicht nach formalen Vorlieben der zeitgenössischen Autoren ausgerichtet: Welche Erfahrungen, Ansichten, Bilder von den Krisenherden und Schlachtfeldern unserer Zeit halten diese Erzähler in ihren Büchern fest?

Das Thema ist schon deshalb gut gewählt, weil es naturgemäß einen beträchtlichen existentiellen Ernst einfordert und Autoren wenig Raum für privatistische Unverbindlichkeiten lässt. Es ist so etwas wie eine moralische Nagelprobe für ästhetische Programme, die sich angesichts schwindender universalistischer Gewissheiten eher zu ironischer Relativierungen als zu auftrumpfendem Pathos verpflichtet sehen. Wesentlicher intellektueller Orientierungspunkt bei der Untersuchung der Bücher bleibt für Lützeler der „postkoloniale Blick“ auf die geschilderten Konflikte: „Gemeint ist damit die Sehweise der Empathie, des Verstehenwollens und der transnationalen Anerkennung der Menschenrechte.“

Manche der Romane, denen sich Lützeler widmet, wie Uwe Timms „Schlangenbaum“ oder Nicolas Borns „Fälschung“, stammen noch aus der Zeit, in der die Welt in West- und Ost-Block zerfiel. Die meisten aber sind aus der jüngsten Zeit und spiegeln die, wie Enzensberger sie einmal nannte, „Neue Weltunordnung“ nach dem Ende des Kalten Kriegs. Christian Krachts Roman „1979“ über die islamische Revolution im Iran, Norbert Gstreins Blick auf den Jugoslawienkrieg in „Handwerk des Tötens“ und die Schilderungen des Massenmordes von Ruanda 1994 in „Kain und Abel in Afrika“ von Hans Christoph Buch und „Hundert Tage“ von Lukas Bärfuss sind einige der wesentlichen Bezugspunkte dieser Untersuchung.

Bemerkenswert ist daran nicht allein die Sorgfalt, mit der Lützeler diese Romane durchleuchtet, sondern dass er dafür zunächst einmal eine solide Basis schafft, indem er die politischen Entstehungsbedingungen der verschiedenen Kriege nachgeht und ihre entscheidenden Konfliktlinien darlegt. Vor diesem Hintergrund lassen sich dann die ästhetischen Anstrengungen der Autoren, ihren wuchtigen Themen als Romanciers Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, erst in den Feinheiten würdigen. Wer als Schriftsteller auf derart aktuelle und brisante Stoffe zurückgreift, muss es auch ertragen, mit seinem Buch am Gewicht seines Stoffs gemessen zu werden.

Lützelers Studie zeigt, wie schwierig und zugleich wie notwendig es für die Literatur geworden ist, ihre eigene, spezifische Position zu politischen Fragen zu formulieren. Die Zeiten, in denen in den Augen vieler Künstler die ästhetische Avantgarde mit der politischen Avantgarde scheinbar problemlos zur Deckung zu bringen war, sind lange verflossen. Wohl kein ernstzunehmender Schriftsteller heute käme auf die Idee, sich als intellektuellen Vorreitern einer Bewegung zu betrachten, die den Wind der Weltgeschichte im Rücken habe. Viel eher sehen sie sich in einem traditionellen literarischen Sinne als Beobachter, die den miserabel Weltzustand beschreiben, ohne ihren Lesern Rezepte für dessen Besserung anbieten zu können. „Sie beschränken sich“ schreibt Lützeler, „auf die faktische Darstellung der Missachtung der Menschenrechte“. In einer Epoche schwindender kultureller Gemeinsamkeiten wirke das allemal überzeugender als jeder Versuch, Menschenrechte universalistisch verordnen zu wollen.

Gewinnen also politische Themen ein größeres Gewicht in unserer Gegenwartsliteratur? Die Frage zeigt, welche Bedeutung solche Studien wie die Lützelers haben. Denn in der Flut alljährlicher Neuerscheinungen lassen sich Beispiele für nahezu jede beliebige thematische Vorliebe der Gegenwartsautoren finden. Wer will, kann daraus im Handumdrehen angebliche literarische Trends konstruieren, die schon in der nächsten Saison vergessen und von den nächsten abgelöst werden. Es sind gründliche und genau argumentierende Untersuchungen wie die Lützelers, deren Gedächtnisleistung über die Bücher der jüngsten zwei, drei Jahre hinausgehen, durch die sich einzelne Bücher als relevante Fixpunkte der Gegenwartsliteratur und der literarischen Debatten herauskristallisieren.

Paul Michael Lützeler:
„Bürgerkrieg global“.
Fink Verlag, München 2009
360 Seiten, 29,90 €

Die Rezension erschien in der “Welt” vom 19. Dezember 2009

Thema: Lützeler, Paul Michael | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Herta Müller

Mittwoch, 9. Dezember 2009 10:48

Von der Würde im Arrest
Herta Müllers Nobelpreisrede verrät etwas vom Glauben an die große Kraft der kleinen Gesten

Ein Moment echter Menschlichkeit. Was ist das? Wie erlebt man ihn? Welche Folgen hat er? Er findet sich kaum in lauten Bekenntnissen zu Humanismus oder Brüderlichkeit. Viel eher begegnet man ihm, da sind sich Schriftsteller quer durch die Literaturgeschichte einig, in winzigen Gesten des Alltags. In kleinen Zeichen der Zuwendung, die nicht ausgestellt, sondern oft fast schamhaft verborgen werden. In die Tradition des Glaubens an die große Kraft der kleinen Gesten ordnete sich jetzt auch Herta Müller ein mit ihrer Nobelpreisrede, die sie, wie der Brauch es will, drei Tage vor der Übergabe der Auszeichnung durch König Carl Gustaf in Stockholm hielt.

„HAST DU EIN TASCHENTUCH, fragte die Mutter jeden Morgen am Haustor, bevor ich auf die Straße ging. Ich hatte keines. Und weil ich keines hatte, ging ich noch mal ins Zimmer zurück und nahm mir ein Taschentuch. Ich hatte jeden Morgen keines, weil ich jeden Morgen auf die Frage wartete. Das Taschentuch war der Beweis, daß die Mutter mich am Morgen behütet. In den späteren Stunden und Dingen des Tages war ich auf mich selbst gestellt. Die Frage HAST DU EIN TASCHENTUCH war eine indirekte Zärtlichkeit.“

Herta Müller schreibt, das zeigt ihre Rede eindringlich, eine hoch politische und zugleich hoch poetische Prosa. Sie verwandelt das Taschentuch, das ihre Mutter ihr in unablässiger Fürsorglichkeit jahrelang aufdrängte, nicht in ein pathetisches Symbol, sondern betrachtet es viel eher als ein konkretes Zeichen des Widerstandes gegen die Diktatur Ceausescus, der sie als Kind und junge Erwachsene ausgeliefert war. Denn gestärkt auch durch das Gefühl mütterlicher Zuwendung fand sie die Kraft, an ihrem Arbeitsplatz den Anwerbungsversuch der rumänischen Stasi „Securitate“ zurückzuweisen. Als ihre Vorgesetzten sie daraufhin aus ihrem Büro vertrieben und sie als Übersetzerin im Treppenhaus arbeiten musste, breitete sie tagtäglich ihr Taschentuch auf einer der Stufen aus, bevor sie sich setzte – und konnte so in einer würdelosen Lage einen Rest Würde wahren.

Nicht nur im eigenen Schicksal verfolgt sie die große Wirkung kleiner Taschentücher. Sondern auch in dem ihres Schriftstellerfreundes Oskar Pastior, ohne dessen Berichte kurz vor seinem Tod sie ihren Roman „Atemschaukel“ über die sowjetischen Arbeitslager aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg nicht hätte schreiben können. Pastior klopfte, berichtet Herta Müller, als halbverhungerter junger Mann an die Tür einer unbekannten Russin. Sie gab ihm nicht nur Suppe, sondern, als es von seiner Nase in den Teller tropfte, auch ein Taschentuch – ein „weißes Taschentuch aus Batist, das noch nie jemand benutzt hatte. Mit einem Ajour-Rand, akkurat genähten Stäbchen und Rosetten aus Seidenzwirn war das Taschentuch eine Schönheit, die den Bettler umarmte und verletzte, einerseits Trost aus Batist, andererseits ein Maßband mit Seidenstäbchen, den weißen Strichlein auf der Skala seiner Verwahrlosung.“ Fünf endlose Lagerjahre lang bewahrte Pastior dieses Tuch in seinem Koffer und brachte es schließlich nach Hause. Es wurde für ihn, so Herta Müller, zu „Hoffnung und Angst. Wenn man Hoffnung und Angst aus der Hand gibt, stirbt man.“

Herta Müllers Rede dokumentiert zweierlei zugleich. Zum einen den enormen Erfahrungsdruck, dem man unter einem so brutalen Regime wie dem Ceausescus ausgesetzt sein kann und die bewundernswerte menschliche Größe, die von manchen im Widerstand gegen dieses Regime aufgebracht wird. Zum anderen aber auch, wie fern derartige Erfahrungen den Bürgern funktionierender rechtsstaatlicher Demokratien – glücklicherweise – stehen. Als sie, so erinnert sich Herta Müller, den Securitate-Mann zurückwies, der sie anwerben sollte, flüsterte der: „’Dir wird es noch leidtun, wir ersäufen dich im Fluß.’ Ich sagte wie zu mir selbst: ‚Wenn ich unterschreibe, kann ich nicht mehr mit mir leben, dann muss ich es selbst tun. Besser Sie machen es.’“

Aus diesem Entschluss zum Widerstand, aus diesem offenen Nein zur Diktatur, ob es nun die Diktatur Ceausescus oder die der patriarchalischen Provinzgesellschaft des rumänischen Banats war, speist sich Herta Müllers Werk thematisch bis heute. Und die Todesfurcht, mit der sie für diese Entscheidung zahlte, verwandelte sich in ihrem Fall offenkundig zu einem mächtigen Antrieb für ihre Arbeit und ihre literarische Unbeirrbarkeit. Unter den ungleich komfortableren Bedingungen eines Rechtsstaates sind derart extreme Erfahrungen seltener und fast immer privater statt politischer Natur. So macht die Literatur des Westens auf die Leser oftmals einen leichtgewichtigeren, beliebigeren Eindruck. Was die Bewunderung für eine existentielle Entschiedenheit wie die Herta Müllers, für die in unserem Alltag fast keine Notwendigkeit mehr besteht, umso mehr steigert.

Der Artikel erschien in der “Welt” vom 9. Dezember 2009
Selbst Herta Müllers Mutter wurde, bevor ihre Tochter in den Westen emigrierte, für einen Tag verhaftet. Auch sie hatte, erzählt Herta Müller in ihrer großen Rede, an diesem Tag ein Taschentuch bei sich. Nach dem Verhör weinte ihrer Mutter lange. Dann nahm sie das tränennasse Tuch und wischte die Möbel und den Boden des Büros, in das man sie eingesperrt hatte. Ihre Tochter war entsetzt über diese Demutsgeste, doch ihre Mutter antwortete ihr: „’Ich habe mir Arbeit gesucht, dass die Zeit vergeht. Und das Büro war so dreckig. Gut, dass ich mir eins von den großen Männertaschentüchern mitgenommen hatte.’ Erst jetzt verstand ich“ ergänzt Herta Müller, „durch zusätzliche, aber freiwillige Erniedrigung verschaffte sie sich Würde in diesem Arrest.“

Thema: Müller, Herta | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Ulrike Kolb

Samstag, 5. Dezember 2009 14:18

Yoram
Ulrike Kolb erzählt von einer jüdisch-deutschen Liebe

Carla möchte so gern zu den Guten gehören. Sie ist im Nachkriegsdeutschland aufgewachsen, geht in den sechziger Jahren zur Universität und fragt, wie ihre Kommilitonen, immer fordernder danach, was die Elterngeneration den Juden angetan hat. Sie studiert Pädagogik und fährt nach Israel, um das Erziehungssystem des Kibbuz kennenzulernen. Dort verliebt sie sich in Yoram, einen jungen Juden, der in Frankfurt aufwuchs und wie sie erfüllt ist von lauter Aufbruchsideen. Gemeinsam gehen sie zurück nach Deutschland, bekommen eine Tochter, Vered, und obwohl Carla genau weiß, dass ein Verbrechen wie der Holocaust lange historische Schatten wirft, scheint sie heimlich doch zu glauben, an der Seite Yorams den finsteren Teil der deutschen Vergangenheit hinter sich gelassen und eine Eintrittskarte in die Welt der Verfolgten, der Opfer, der Guten gezogen zu haben.

Aber so einfach ist das nicht. Wie schwierig es vielmehr sein kann, davon erzählt Ulrike Kolb in ihrem Roman „Yoram“. Zu den großen Stärken des Buches gehört die Genauigkeit, mit der es das psychische Spannungsfeld auslotet, in das Carla und Yoram – und später ihre Tochter Vered – geraten. Yorams Mutter zum Beispiel, deren Familie von den Nazis ermordet wurde, ist nicht begeistert, als sich ihr Sohn für eine deutsche Frau und für ein Leben in Deutschland entscheidet. Auch Carlas Familie ist – milde formuliert – nicht frei von Vorbehalten. Mit ihr und mit anderen nicht-jüdischen Freunden kommt es immer wieder zu Debatten über die Vergangenheit oder über Israel, die unversöhnlich bleiben und mit dem Abbruch der Kontakte enden. Mit anderen Worten: Für Carla stellen sich politische und historische Fragen nun mit einer unerbittlichen Direktheit, von der sie sich oft überfordert fühlt.

Nicht immer ist Ulrike Kolbs Zugriff auf das Thema originell. So findet auch Carla, wie schon einige Romanhelden der deutschen Nachkriegsliteratur vor ihr, verfängliche Fotos vom geliebten Vater in Wehrmachtsuniform, die ihn in Verdacht geraten lässt, am Massenmord in den KZs beteiligt gewesen sein. Ein Fund, der Carla fast so gründlich ums seelische Gleichgewicht bringt, wie Yorams Mutter es durch die Ermordung ihrer Familie verlor: Beiden zerfällt die Welt in Splitter, die eine zitiert Unzusammenhängendes aus Büchern über Nazi-Verbrechen, die andere notiert schon seit Jahrzehnten beziehungslose Gedanken auf kleine Zettel.

Es sind solche Korrespondenzen im Schicksal ihrer Figuren, mit denen Ulrike Kolb die fortwirkenden Folgen des Holocaust kenntlich macht. Schon in ihrem „Roman ohne Held“ schrieb sie von den Wiederholungszwängen innerhalb einer Familie und den „durch die Generationen treibenden Gefühlsströmen“. Auch im Leben Vereds, der Enkelin, finden die Schrecken, die ihre Großmutter erlebten, noch immer ein spürbares Echo. Ob deren Sohn David sich endlich befreien kann? Ulrike Kolb lässt ihren Roman ambivalent ausklingen: Als der kleine David bei seiner Urgrußmutter zu Besuch ist, krabbelt er durch die Wohnung, schiebt er sich ihre Zettel in den Mund und isst sie auf.

Die Rezension erschien in der “Welt” vom 5.Dezember 2009

Ulrike Kolb:
“Yoram”. Roman
Wallstein Verlag, Göttingen 2009
297 Seiten, 19,90 €
ISDN 978-3-8353-0559-5

Thema: Kolb, Ulrike | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock