Beiträge vom Oktober, 2009

Franz Fühmann

Samstag, 31. Oktober 2009 9:20

“Das Judenauto”
Franz Fühmann zeigt, welche Folgen die Gewöhnung an den alltäglichen Antisemitismus hat

Gelb, ganz gelb ist das Judenauto. Vier schwarze Gestalten sitzen darin. Sie rollen abends über einsame, entlegene Straßen und schwingen blutige Messer. Selbst vom Trittbrett des Wagens tropft Blut. Denn die vier Juden mit ihren langen Messern fangen Mädchen von der Straße weg und schlachten sie, um das Blut aufzufangen und daraus Brot zu backen, das sie dann bei finsteren Feiern zu Mitternacht essen.

Ein neunjähriger Junge hört dieses antisemitische Greuelmärchen, das in leicht modernisierter Form die immer gleichen Motive jahrhundertealter judenfeindlicher Hetze variiert. Die Schauergeschichte wird ihm von seinen Mitschülern in einem kleinen böhmischen Städtchen Anfang der Dreißigerjahre erzählt. Die Kinder sind aufgewühlt, sind entsetzt, aber zugleich schwelgen sie in den blutrünstigen Details, die ein Hauch von Abenteuer in ihr Provinzleben bringen. Und sie glauben jedes Wort. Denn sie kennen sich aus mit den Juden. Zwar sind die meisten noch nie im Leben einem Juden begegnet. Aber von den Erwachsenen haben sie viel über die Juden gehört, und immer wieder das gleiche: Nämlich dass die Juden schuld sind an allem Schlechten in der Welt.

Franz Fühmann (1922 - 1984) gehört nicht zu den bekanntesten deutschen Schriftstellern seiner Generation, aber vielleicht zu den bedeutendsten. Die Geschichte von dem kleinen böhmischen Jungen und seiner Angst vor dem Judenauto zählt zu seinen besten. Sie ist ein Selbstporträt des Autors als Kind. Hier forscht er nach seinen frühesten Erinnerungen und Erfahrungen, die später dazu beitrugen, ihn zu einem willigen Gefolgsmann der Nationalsozialisten werden zu lassen. Ein Thema, dem Fühmann den ganzen Band “Das Judenauto” widmet: Er schildert eine Reihe von Stationen aus seiner Kindheit und Jugend während Deutschlands dunklen Dreißigerjahren, aus seiner Zeit als Soldat in Hitlers Wehrmacht und als Kriegsgefangener in Stalins Lagern. Und er zeigt, welche katastrophalen Folgen die Gewöhnung an einen allgegenwärtigen, alltäglichen Antisemitismus für ihn letztlich hatte.

In Fühmanns Lebensweg spiegelt sich viel von der verheerenden Geschichte der Deutschen während des vergangenen Jahrhunderts. Geboren wurde er nur vier Jahre nach dem Ende des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn in Rochlitz, einer Kleinstadt auf der tschechoslowakischen Seite des Riesengebirges. Seine Familie fühlte sich der deutschen Kultur verbunden und wurde - wie er im “Judenauto” beschreibt - anfällig für die nationalistische Propaganda der Epoche. Sie betrachtete sich als Opfer politischer Bevormundung und einer feindlichen tschechischen Fremdherrschaft. Als mit dem Münchner Abkommen von 1938 das Sudetengebiet dem Deutschen Reich zugeschlagen wurde, führte Fühmanns Weg folgerichtig in die SA und später in die Wehrmacht als füg- und folgsamer Anhänger Hitlers.

Seine frühe politische Verführbarkeit und die Suche nach ihren Ursachen wurden zum literarischen Lebensthema des Schriftstellers Franz Fühmann. Denn seine Anfälligkeit für totalitäre Ideen war mit dem Ende des Krieges nicht überwunden. Wie er in “Das Judenauto” erzählt und später in seinem autobiografischen Essay “Vor Feuerschlünden” (1982) aus größerer kritischer Distanz analysierte, wandelte er sich in der sowjetischen Kriegsgefangenschaft zunächst von einem glühenden Anhänger Hitlers zu einem begeisterten Parteigänger Stalins. Obwohl er durch die Kultur des ehemaligen Österreich-Ungarns und die Landschaft des Riesengebirges geprägt war, wählte er aus der Lagerhaft kommend die DDR als das Land seiner Entlassung. Lange versuchte er in der dort herrschenden sehr preußischen Spielart des realen Sozialismus und in den endlosen Waldebenen der Mark Brandenburg eine neue Heimat für sich zu finden.

Obwohl Siegmund Freuds Werke in der DDR jahrzehntelang mit großem politischen Misstrauen beäugt wurden und seine Behandlungsmethoden bis zum Fall der Mauer 1989 verpönt blieben, beschäftigte sich Fühmann schon seit den frühen Sechzigerjahren mit der Psychoanalyse. Als Böhme, der noch dazu einige Jahre lang im Jesuiteninternat in Kalksburg bei Wien zur Schule gegangen war, spürte er eine geradezu instinktive Verbundenheit zum Denken Freuds. Daneben wurden seine Zweifel an der DDR immer quälender. Doch als ehemaliger Nationalsozialist hielt er sich lange Zeit nicht für berechtigt, am neuen sozialistischen Staat Kritik zu üben. Diese Zerrissenheit reichte tief: Fühmann betäubte sie lange mit Alkohol, was ihn um ein Haar das Leben kostete. Doch auch hier wurde wiederum die Politik zu einem Wendepunkt seiner Biografie. Als die Truppen des Warschauer Pakts 1968 dem Prager Frühling ein Ende machten, konnte Fühmann seine Sucht überwinden - denn nun, als wieder einmal deutsche Panzer durch die Tschechoslowakei rollten, gestand er sich endlich ein, dass er in den Machthabern der DDR letztlich Diktatoren sah, denen er außer Kritik nichts schuldig war.

Man kann das Werk Fühmanns, beginnend mit dem “Judenauto” als große literarische Selbstanalyse auf den Spuren Freuds lesen. Durch sie machte er sich nicht nur das eigene, vom Totalitarismus verführte Denken bewusst, sondern wurde auch fähig, die Mechanismen einer Erziehung zum Faschismus jenseits alle Theorien mit eindrucksvoller poetischer Kraft zu beschreiben. Ein willfähriger Untertan entwickelte sich zu einem Schriftsteller, der unterschiedlichste Lebensentwürfe und Weltanschauungen nebeneinander als gleichberechtigte Perspektiven auf die Wahrheit gelten lassen konnte. Schon 1980, als die DDR noch neun Jahre zu leben hatte, Fühmann aber nur noch vier, schrieb er: “Unsre Gesellschaft ist pluralistisch, Gottseidank ist sie es, bloß offiziell will man das eben nicht wahrhaben. Die verschiedenen Moralen sind nicht auf 1 Nenner zu bringen, na Gottseidank, und so etwas wie die ‘moralischen Anschauungen unserer Werktätigen’ gibt es nicht, oder es sind immer die Repräsentanzen des Muffigen, Spießigen, Kleinkarierten.”

Ein deutlicheres Bekenntnis zur offenen Gesellschaft hat es in der Literatur der DDR nicht gegeben. Die Suche nach einer neuen Heimat war, gestand sich Fühmann gegen Ende seines Lebens ein, sowohl in politischer wie persönlicher Hinsicht gescheitert. Er fühlte sich, schrieb er in einem erst postum veröffentlichten Tagebuch, im realsozialistischen Preußen so fremd wie auf der Rückseite des Mondes.

Der Artikel erschien in der “Welt” vom 31. Oktober 2009

Franz Fühmann:
“Das Judenauto”
Welt-Edition, 2009
205 Seiten, 9,95 €
ISBN 978-3941711235

Thema: Fühmann, Franz | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Alexander Schimmelbusch

Samstag, 24. Oktober 2009 9:21

Das Haus am Ende der Insel
“Blut im Wasser - Alexander Schimmelbusch erzählt von der Sinnsuche reicher Erben

Goethes Werther hat nicht nur in Liebes-, sondern auch in ökonomischen Fragen eine empfindsame Seele. Die Welt läuft, schreibt er, letztlich “auf eine Lumperei hinaus, und ein Mensch, der um anderer Willen, ohne dass es seine eigene Leidenschaft, sein eigenes Bedürfnis ist, sich um Geld oder Ehre oder sonst etwas abarbeitet, ist immer ein Tor.” In diesem Sinne sind die Figuren Alexander Schimmelbuschs späte Nachfahren Werthers. Wie ihr Urahn sehen sie keine Leistung, sondern eine Schande darin, das Leben beim ewigen Affenrennen nach Geld oder Ehre zu vertun. In seinem ersten Roman “Im Sinkflug” bedachte Schimmelbuschs Held die damals noch als Idole des Erfolgs verehrten Investmentbanker mit hinreißenden Hasstiraden. Denn er sah in ihnen den Inbegriff blinder, komplett sinnfreier Vorteilsgier. Bei seinem Erscheinen 2005 fand das Buch wenig Beachtung. Heute, vier Jahre und eine Bankenkrise später, könnte es wohl mit spürbar höheren Sympathiewerten rechnen.

Auch die beiden Hauptfiguren aus Schimmelbuschs neuem Roman “Blut im Wasser”, mit dem er auf der Buchmesse 2009 den ersten Preis der Hotlist, den Buchpreis der unabhängigen Verlage, gewann, haben mit traditioneller Lohnarbeit nichts im Sinn. Allerdings fällt ihnen der Verzicht darauf ebenso leicht wie dem Helden des Erstlingsromans. Denn sie alle sind Erben steinreicher Familien und verfügen, selbst wenn sie lebenslang nicht einen Finger krumm machen, über sämtliche Segnungen des Luxus’ und des Wohllebens. Doch andererseits: Da sie allen Sorgen um die tägliche Existenzsicherung enthoben sind, stellt sich für sie die Aufgabe, ihrem Dasein eine Bestimmung zu geben, die auf Selbstverwirklichung und nicht auf eine der von Werther schon verachteten Lumpereien hinausläuft, besonders deutlich und ungeschminkt. Natürlich wäre es leicht, sie als verwöhnte Snobs abzutun, denen sie oft genug zum Verwechseln ähnlich sehen. Doch damit machte man es sich zu einfach und verfehlte das Thema, von dem Schimmelbusch erzählen will.

Wie gestaltet man sein Leben sinnvoll, wenn man nahezu alle materiellen Möglichkeiten hat? Wenn es ausschließlich darum gehen muss, den eigenen Leidenschaften zu folgen? Für Alex und Pia, die beiden Hauptfiguren des neuen Romans, scheint sich diese Frage schnell entschieden zu haben. Kaum sind sie sich begegnet, kommen sie mit allen Anzeichen bemerkenswerter Frühreife zu der Überzeugung, einander in tiefer Liebe verfallen zu sein. “Von Anfang an”, erinnert sich Pia, “wollte Alex mit mir schlafen, bedrängte mich regelrecht, charmant zwar, aber bestimmt. ‘Wir sind doch erst zehn’, gab ich zu bedenken und Alex sagte: ,Wir haben keine Zeit zu verlieren.’” Der Beifall Werthers wäre ihnen sicher: Eine intensiv gelebte Liebe als Daseinssinn und Selbstverwirklichung.

Als die Romanhandlung einsetzt, sind die beiden längst erwachsen, leben in Amerika und haben sich schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Pia hat ihre Eltern und ihre Schwester verloren und erfährt nun von ihrem Arzt, dass sie todkrank ist und ihr wenig Zeit bleibt. Alex lässt es sich gut gehen. Er hat es sich als gebildeter, etwas hochnäsiger Playboy bequem gemacht - auch wenn er sich bei seinen sexuellen Eroberungen inzwischen gehörig langweilt. Es ist Winter, New York versinkt im Schnee, und sowohl Pia wie auch Alex entschließen sich unabhängig voneinander, aus entgegengesetzten Richtungen zu Alex’ Landhaus bei Montauk an der Nordostspitze Long Islands aufzubrechen.

Im raschen Wechsel zwischen Pias und Alex’ Perspektive erlebt der Leser mit, wie sich die beiden einander annähern. Und vor allem durch Pias Erinnerungen klärt sich, weshalb es vor Jahren zu dem Zerwürfnis zwischen ihnen kam, das sie beide aus der Bahn warf. Das Ganze wird durchaus spannend erzählt. Doch ist es zugleich ein wenig sentimental und melodramatisch: die verunglückte Liebe der beiden, die ausweglos tödliche Erkrankung Pias und die unabgesprochenen Entscheidungen, nach Montauk zu reisen, durch die ausgerechnet zu Weihnachten ein Wiedersehen der ehemaligen Geliebten möglich werden könnte. Im Vergleich dazu war der Erstling Schimmelbuschs kaltschnäuziger und vor allem ironischer - was dem Thema gut tut, denn natürlich ist eine derart komfortabel abgefederte Lebenssinnsuche ebenso tragisch wie komisch zugleich.

Der Artikel erschien in der “Welt” vom 24. Oktober 2009

Alexander Schimmelbusch:
Blut um Wasser. Roman
Verlag Blumenbar, München 2009
127 Seiten, 17,90 Euro.
ISBN 978-3-936738-58-2

Thema: Schimmelbusch Alex. | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Herta Müller

Samstag, 17. Oktober 2009 10:35

„Ich weiß, was es Sie kostet“
Ansichten von einer Buchmesse der ernsten Töne: Herta Müller und China

Herta Müller kommt. Herta Müller kommt nicht. Herta Müller muss Termine auf der Messe absagen wegen Krankheit. Herta Müller kommt trotz Krankheit. Herta Müller war nicht krank, hatte nur einen kleinen Infekt. Herta Müller ist da. Herta Müller hält alle Termine ein. Herta Müller weint. Um Oskar Pastior, ihren Freund und Mitautor, der 2006 während der Buchmesse starb. Die Nachrichtenagenturen halten einen auf den Laufenden und ganz schön in Atem. Einer Literaturnobelpreisträgerin geschieht nichts, was nicht eine Nachricht wäre. Sie tut nichts, lässt nichts, weint keine Träne, ohne dass uns das mitgeteilt würde. So sind die Gesetze des Ruhms. Und auf den Ruhm, auf den Lorbeer im Haar, zielt traditionell die Arbeit der Dichter. Also dürfen sie sich nicht beklagen, wenn der Ruhm eintrifft.

Herta Müller beklagt sich nicht. „Noch ein, zwei Wochen, dann ist das alles wieder vorbei. Die anderen sind, glaube ich, viel aufgeregter als ich.“ Sagt sie zum Moderator in einem dieser fröhlich bunten Messe-Fernsehstudios, die für fünf Tage aus Sperrholz und Plastik zusammengeleimt werden. Sie ist eine kleine, schmale Frau. Ganz in Schwarz mit schwarzbraunem Haar gibt sie einen kräftigen Kontrast ab zu den knalligen Kulissen. Anfangs kann man sie noch sehen. Dann rücken die Kameras näher, wächst die Menschentraube, recken sich die Fotografen und sie verschwindet dahinter. Wer trotzdem noch was sehen will, muss auf die Flachbildschirme schauen, die überall flimmern und sieht mittags in Frankfurt schon, was am Abend alle überall sehen.

Geduldig kämpft sich Herta Müller durch die Fragen. Lächelt, wenn es um den Preis geht, ist ernst, wenn es um Literatur geht, wird noch immer zornig, wenn sie sich an die Jahre erinnert, in denen sie in Rumänien den Gangstern der Securitate Ceauseşcus ausgeliefert war. Die konnten sie „nicht unter die Erde bringen“, sagt sie, obwohl sie Bücher schrieb, die das Regime nicht mochte. Denn ihre Bücher wurden auch im Westen gelesen und kriegten im Westen Preise. Also wusste das Regime, dass es nach ihrem Schicksal gefragt werden würde, falls Herta Müller verschwände. Ausländische Aufmerksamkeit bedeutete Schutz.

Sagt sie, wartet, bis Kameras abgeschaltet werden, schlüpft durch das Gedränge, geht zwei Hallen weiter zum Stand der exilchinesischen Zeitung „The Epoch Times“ und wartet, bis die Kameras wieder eingeschaltet sind. „Ich bewundere Sie“, antwortet Herta Müller auf die allzu ehrfürchtigen Fragen chinesischen Autoren, die Bücher schreiben, die das Regime ihres Landes nicht mag: „Ich kann mir vorstellen, was es Sie kostet.“ Der Stand ist eng wie ein überfüllter Bus, in dem alle auf eine kleine schwarze Gestalt starren: „Ich habe einfach Glück gehabt, das Glück die Diktatur zu überleben, sie ist vor mir gestorben.“ Jemand hält ihr eine Resolution hin zugunsten des Menschenrechtsanwalts Gao Zhisheng, der in Haft gehalten und gefoltert werde, heißt es. Herta Müller unterschreibt. Ausländische Aufmerksamkeit bedeutet Schutz.

Minuten später ruft die PR-Agentur an, die für das Ehrengastland China die Öffentlichkeitsarbeit betreut. „Liu Binjie, Minister für Presse und Propaganda lädt zur Pressekonferenz ein.“ Der Chef der chinesischen Zensurbehörde persönlich werde, nachdem die offiziellen Vertreter Chinas in den Tagen zuvor Interviews abgesagt haben, Auskunft geben über seine Eindrücke von der Messe. Er „steht Medienvertretern gerne für Fragen zur Verfügung“. Tatsächlich wird sein Namensschild von einer freundlichen Chinesin auf das Podium im chinesischen Forum gestellt. Dann kommt einer ihrer Kollege, redet auf sie ein und sie nimmt das Schild wieder vom Tisch.

Was folgt, erinnert an Pressekonferenzen während der achtziger Jahre, als die Länder des damaligen Ostblocks auf der Messe den „Medienvertretern gerne für Fragen zur Verfügung“ standen. Drei Herren aus dem Presse- und Propaganda-Ministerium nehmen Platz und halten Referate nicht über ihre Eindrücke von der Messe, sondern über die Produktionsziffern ihres Landes, über Urheberrecht oder über Leseförderung in der chinesischen Provinz. 45 Minuten sind vorgesehen für ihren Austausch mit den Journalisten – über die Hälfte davon füllen spielen mit ihren Einleitungsmonologen.

Dann die Fragen. Die Mikrophone gehen gleich an Journalisten aus China, die sich nach Details aus den Referate erkundigen und danach, mit welchen Entscheidungen es der chinesischen Regierung gelang, die Produktionsziffern der Druckindustrie so vorbildlich zu steigern. Als dann doch eine deutsche Journalistin das Mikrophon erhält, fragt sie nach Aufklebern, die sich auf Büchern aus Taiwan finden, und jede möglicherweise im Buch enthaltene Kritik an der Ein-China-Politik zurückweisen. Sie wird darüber belehrt, dass Taiwan noch nie ein unabhängiger Staat gewesen sei. Dann ist die Gunst der Gelegenheit groß und das Mikrophon wird mir überreicht. Ich frage, was Liu Xiaobo, dem 2008 festgenommenen Präsidenten des unabhängigen chinesischen PEN, vorgeworfen werde und weshalb er noch immer in Haft sei. Der Blick der Herren nimmt Maß und ein abschätziges Lächeln geht ihnen leicht von den Lippen. Vor dem Gesetz, so wird mir beschieden, seien in China alle Menschen gleich und falls ich wissen wolle, was Einzelnen vorgeworfen werde, solle ich mich doch bitte bei der Polizei erkundigen.

Man muss es gesehen haben, wie die Herren nach der Konferenz von ihren Kollegen umringt aus dem Saal treten. Wie sie lachen, wie sie feixen, wie der eine dem andern anerkennend gegen die Schulter knufft: Gut gemacht, prima gelaufen. Plötzlich glaubt man zu verstehen, weshalb Herta Müller noch zwanzig Jahre später zornig ist, sobald sie nur daran denkt. Und man beginnt zu ahnen, was es kostet, sich solchen Leuten in den Weg zu stellen, an einem Ort, an dem sie noch immer fast alle Machtmittel in Händen halten.

Der Artikel erschien in der “Welt” vom 17. Oktober 2009

Thema: Müller, Herta | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Hans Christoph Buch

Samstag, 17. Oktober 2009 7:20

Gier nach Menschenfleisch
Hans Christoph Buch erzählt von einer politisch äußerst unkorrekten Reise um die Welt

Wissen wir, wie es in der Welt zugeht, nur weil sie uns täglich übers Fernsehen ins Haus geliefert wird? Wissen wir, was Krieg ist, nur weil wir in den Zeitungen die Meldungen über Afghanistan lesen? Hans Christoph Buch ist einer der wenigen deutschen Schriftsteller, die sich ihre Meinung zu den Konfliktherden unserer Zeit nicht nach Aktenlage bilden, sondern der als Reporter in Kriegs- und Krisengebiete reist, um sich selbst ein Bild zu machen. „Es gibt“, schrieb er in seinem beeindruckenden Reportagen-Buch „Blut im Schuh“ (2001), „existentielle Herausforderungen, denen ein Autor sich stellen muss, wenn er etwas über sich und die ihn umgebende Welt herausfinden will, was er nicht schon vorher gewusst hat. Ich rede von Grenzsituationen wie Geburt und Tod, Gefängnis und Exil, Folter und Krieg, die man, weil die Einfühlung versagt, nicht zu Hause am Schreibtisch nachvollziehen kann.“

Das klingt heroisch, ist aber, genau betrachtet, ein zweischneidiges Unterfangen. Denn auch wenn ein Schriftsteller zu den Schlachtfeldern dieser Welt mit dem respektablen Ziel fährt, die Öffentlichkeit mit ungefilterten, authentischen Erfahrungen zu konfrontieren, ist ein solcher Konflikttourismus dennoch nie frei von fragwürdiger Sensationsgier und Abenteuerlust. Buch ist ein intelligenter Autor, und also ist ihm dieser Aspekt seiner Reisen nicht entgangen. Er spricht davon, einer „Sucht“ verfallen zu sein nach jener Erlebnisintensität, die sich bei Kampfhandlungen und in katastrophalen Ausnahmesituationen oft herstellt, und gegen die der Alltag in gut geordneten gesellschaftlichen Verhältnissen belanglos und fade wirken kann.

Doch das ist nicht alles. Exotik und Erotik sind zwar keine Schwestern, aber dennoch verwandt. In der Sehnsucht nach fernen Länden schwingt nur zu oft etwas von sexueller Entdeckungslust mit. Umso mehr, wenn das Reiseziel von Not oder Chaos gezeichnet ist und die Zügel der Zivilisation, die das Triebleben sonst an die Kandare nehmen, sich dort spürbar gelockert haben. Vom Ausnahmezustand zur Ausschweifung ist es kein so weiter Weg, wie es auf dem ersten Blick den Anschein hat. Doch davon liest man nicht allzu häufig bei Kriegberichterstattern, denn auf niemanden wirft es ein vorteilhaftes Licht, wenn er in fernen Weltgegenden angesichts des nackten Elends dort ausgerechnet seine Gier auf nackte Haut auslebt.

Hans Christoph Buchs neues Buch „Reise um die Welt in acht Nächten“ legt in diesem Punkt allerdings auffällig wenig Scheu an den Tag. Es nennt sich im Untertitel „Abenteuerroman“, auch wenn sich die acht Kapitel fast immer wie literarischen Reportagen lesen. Jedes Kapitel berichtet von einer anderen Reise, mal nach Bombay oder Islamabad, mal nach Mali oder Haiti, mal in den Senegal oder den Kongo. Doch ihr jeweiliges Hauptthema sind nicht die bereisten Länder, sondern ist letztlich der Erzähler selbst, der allerdings gegen Ende behauptet, gar nicht von eigenen Abenteuern zu berichten, sondern von denen eines Doppelgängers namens „Dschungel-Rudi“.

„Jede Reise ist ein Fluchtversuch aus dem Gefängnis der Identität“, heißt es in diesem Roman und passend dazu betreibt das Buch ein Verwirrspiel der Identitäten. Schon deshalb muss man sich hüten, die darin geschilderten Träume, Phantasien oder auch Erlebnisse seinem weltreisenden Autor persönlich zuzurechnen. Dennoch ist es ein Schock, im Reportage-Ton und aus der Ich-Perspektive von der makaberen Attraktivität einer an AIDS-infizierten Prostituierten in Mali zu lesen, von der Verführungskraft indischer Transvestiten, Hijas genannt, von Eskapaden mit minderjährigen Mädchen (in Bombay) und Jungs (auf Haiti), oder vom (halluzinierten?) Mord an einer Zwölfjährigen in einem von Kakerlaken und Mäusen überschwemmten Hinterhaus irgendwo im pakistanischen Peshawar.

Natürlich geht es in den acht Geschichten nicht immer nur um Sex, immer aber um radikale Grenzverletzungen. So macht sich der Ich-Erzähler, animiert von dem reißerischen Gerücht, im Kongo gebe es auch heute noch Kannibalen, während seiner Reise durch das zentralafrikanische Land auf die Suche nach schmackhaft zubereitetem Menschenfleisch. Falsch wäre es, das alles wortwörtlich als Tatsachenberichte zu verstehen. Viel eher sind es Versuche, all den exotischen Ländern, die durchs Fernsehen eine scheinbare Vertrautheit gewonnen haben, mit den Mitteln literarischer Vorstellungskraft wieder einen Hauch ihrer schockierenden Fremdheit zurückzugeben. Eine Fremdheit, die bei dem Reisenden mit den vertrauten Grenzen auch die moralischen Standards fortschwemmen kann.

Die Artikel erschien in der “Welt” vom 17. Oktober 2009

Hans Christoph Buch
Reise um die Welt in acht Nächten. Ein Abenteuerroman
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2009
255 Seiten, 19,90 €
ISBN 978-3-627-00164-3

Thema: Buch, Hans Christoph | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Herta Müller

Samstag, 10. Oktober 2009 10:37

Herta Müllers Nobelpreis

Der Literaturnobelpreis für Herta Müller ist auch eine besondere Auszeichnung für die deutschsprachige Literatur. 1999 entschied sich das Stockholmer Komitee für Günter Grass, 2004 für die Österreicherin Elfriede Jelinek und jetzt für die aus dem Banat stammende Herta Müller. Drei Nobelpreise innerhalb von nur zehn Jahren für den selben Sprachraum – das ist ein bemerkenswertes Kompliment für die Qualität und Vielgestaltigkeit der deutschen Literatur und für ihr Ansehen im Ausland.

Ohne Herta Müllers persönliche schriftstellerische Leistung schmälern zu wollen, darf man den Nobelpreis zugleich als eine Verbeugung vor der Literatur der deutschen Minderheit in Rumänien insgesamt auffassen – eine Minderheit, die nie groß war und die seit dem Ende der Ceauşescu-Diktatur rapide zusammenschmilzt, da die Ausreise in den Westen nun viel leichter möglich ist. Doch so klein die Gruppe der Deutschsprachigen in Rumänien auch immer war, so erstaunlich ist ihr Beitrag zur deutschen Literatur: Paul Celan und Rose Ausländer wurden in Czernowitz geboren, das seinerzeit zu Rumänien gehörte und heute in der Ukraine liegt. Schon 1926 kam der Lyriker Georg Maurer aus Siebenbürger nach Deutschland. Später lebte er in der DDR und gewann als Professor am Leipziger Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ großen Einfluss auf viele Dichter der DDR.

Zu den Jüngeren, die wie Herta Müller Rumänien erst später verließen, gehörten unter anderem der Büchnerpreisträger von 2006 Oskar Pastior und die Lyriker Rolf Bossert, Helmuth Frauendorfer, Klaus Hensel, Werner Söllner und Ernest Wichner, aber auch die Essayisten Gerhardt Csejka, William Totok und Richard Wagner sowie die Erzähler und Dichter Franz Hodjak, Johann Lippet und Dieter Schlesak.

Wie sich eine solche Häufung von literarischen Talenten in einer vergleichsweise kleinen Bevölkerungsgruppe erklären lässt? Vielleicht war die Sprache für sie immer das zentrale Unterscheidungsmerkmal gegenüber einer weit überwiegenden Mehrheit – und wurde deshalb für viele von ihnen zum ausschlaggebenden Merkmal bei der Suche nach Identität. Wer am äußersten Rand eines Sprachraums lebt, erlebt seine Sprache nie als Selbstverständlichkeit, sondern immer als etwas, durch das er sich von anderen unterscheidet und das ihn leicht zu einem Fremden, einem Ausgeschlossenen machen kann. Das ist schmerzhaft für die Menschen, aber produktiv für die Literatur.

All das grundiert die Literatur Herta Müllers: Das Bewusstsein, eine besondere und existentiell enge Verbindung zur Sprache zu haben, das Gefühl, durch die Sprache zu einem gefährdeten Außenseiter gemacht zu werden, andererseits aber gerade in der Sprache seine Identität und damit die Kraft zum Widerstand zu finden. Vieles von dem, über das Herta Müller schreibt, liegt uns heute glücklicherweise fern – das archaische Leben auf dem Dorf oder die Brutalität einer Diktatur – aber ihre poetische Sprache hat die Kraft, uns diese Bilder mit beeindruckender Intensität vor Augen zu stellen.

Der Artikel erschien in der “Welt” vom 10. Oktober 2009

Thema: Müller, Herta | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Thomas von Steinaecker

Samstag, 10. Oktober 2009 8:19

Deutscher Wald für Afrika
“Schutzgebiet” - Thomas von Steinaecker erzählt von sympathisch versagenden Kolonialherren

Henry möchte gern ein großer Architekt sein. Aber er hat es nur bis zum Träumer gebracht. Es wurde noch kein einziges Haus von ihm gebaut, doch er weiß schon, was er tun wird, wenn er sich einen Namen gemacht hat: Er will ein “Streiter für das Reich des Unvollendeten” sein und all die nie verwirklichten Projekte bedeutender Architekten realisieren, die er im Studium kennen lernte.

Henrys Vater dagegen hat ein florierendes Immobilien-Geschäft in New York und - noch - Geduld mit seinem Sohn. Er schickt ihn nach Europa, damit er Kontakte knüpft und die Berliner Außenstelle des Unternehmens übernimmt. Henry aber will von seinen Träumen einfach nicht lassen und brennt mit seiner Frau durch nach Afrika, wo er als Assistent eines deutschen Architekten eine ganze Kolonial-Stadt aus dem staubigen Boden stampfen soll.

Thomas von Steinaecker hat seinen dritten Roman “Schutzgebiet” im Jahr 1913 angesiedelt. Es ist der letzten Augenblick der Belle Epoque und der deutschen Ambition, sich als Kolonialmacht neben Ländern wie Frankreich und Großbritannien zu etablieren.

Auf den ersten Blick könnte man vermuten, Steinaecker habe sich an einen Gesellschaftsroman versucht, der den Glanz einer heute wieder gern gerühmten Epoche aufpoliert, der aber auch etwas andeutet von den nationalistischen oder innerfamiliären Ungeheuerlichkeiten, die jene Bürgerkultur um die Jahrhundertwende ausbrütete. Doch Thomas von Steinaeckers Absichten sind bescheidener und origineller zugleich: “Schutzgebiet” ist viel eher eine Satire auf den kolonialistischen Ehrgeiz jener Zeit und eine psychologische Studie, die eine prachtvolle Sammlung fantasiereicher, aber tatenarmer Charaktere versammelt.

Für Henry zum Beispiel beginnt sein afrikanisches Abenteuer katastrophal, geht dann schlecht weiter und endet im Desaster. Das Schiff, das ihn zu der - von Steinaecker erdachten - Kolonie Deutsch- Tola bringen soll, sinkt im Sturm kurz vor dem Ziel. Seine Frau und auch der Architekt, für den er arbeiten wollte, kommen um, Henry ist der einzige Überlebende.

Doch von seinen Zukunftsträumen kann ihn selbst das nicht abbringen. Als man ihn für den dringend erwarteten, aber ertrunkenen Architekten hält, stellt er die Verwechslung nicht richtig, sondern sieht sich schon als Schöpfer eine grandiosen Ideal-Stadt, die nach seinen Entwürfen und unter seiner - völlig unerfahrenen - Bauaufsicht entstehen soll. Eigentlich müssten ihn ein paar Dinge nachdenklich machen. So etwa die Tatsache, dass die Kolonie bislang über keine Siedler verfügt, sondern dass dort nur eine handvoll Deutsche leben, die eine kleine Truppe von Einheimischen herumkommandieren. Mit dieser begrenzten Zahl von Arbeitskräften lassen sich größere Bauvorhaben gar nicht umzusetzen.

Aber auch alle anderen kommen nicht auf die Idee, ihre hochfliegenden Zukunftsprojekte an den afrikanischen Realitäten zu messen. Gerber zum Beispiel, der sich als Chef der neuen Kolonie betrachtet, ist Forstwirt und will dem Land die deutsche Kultur bringen, indem er einen deutschen Wald pflanzt. Da die Bäume unter südlicher Sonne angeblich schneller gedeihen, sieht er sich schon als Holz-Tycoon, der mit dem Export nach Europa ein Vermögen macht.

Kurz: Steinaeckers Figuren halten sich für Gründerväter, denen ein “Schutzgebiet” anvertraut ist. Tatsächlich aber, so erkennt der Leser, sind sie es selbst, die Schutz brauchen. Denn mit ihrem Talent, Pläne eher zu schmieden als zu realisieren, sind sie in ihre Heimat so oft gescheitert, dass Deutsch-Tola zu ihrer letzten Chance geworden ist. Aber gerade das noch unerschlossene Land erweist sich als fabelhafte Projektionsfläche, so dass ihre Fantasien hier umso kräftiger ins Kraut schießt. Manche ihrer Träumereien erinnern deutlich an Motive aus dem Werk von Jules Verne, dessen utopische Geschichten eben jener Belle Epoque entstammen. Mit einem gewissen Recht kann man Thomas von Steinaeckers Roman als Hommage auf Verne betrachten - allerdings mit dem bezeichnenden Unterschied, dass Verne seine Helden als energische Tatmenschen einer Gründerzeit beschrieb, wogegen auf Steinaeckers Figuren die ganze Müdigkeit und Lähmung des Fin de Siecle zu lasten scheint.

“Schutzgebiet” ist der erste Roman Steinaeckers, in dem er sich ganz auf sein Sprachtalent konzentriert. In seinem viel gepriesenen Debüt “Wallner beginnt zu fliegen” (2007) ließ er zumindest eine kurze Passage nicht in Worten, sondern als Comic-Strip erzählen, in dem zweite Buch “Geister” (2008) nahmen die Zeichnungen von Daniela Kohl gegen Ende hin einen so großen Raum ein, dass man es als “Graphic Novel” bezeichnen konnte. Bei beiden Romanen stach die konstruktive Intelligenz Steinaeckers hervor, sein Talent schien vor allem darin zu bestehen, einen verzwickten, originellen, aber klug durchdachten Plot zu ersinnen.

In seinem neuen Buch entfaltet er viel stärker als zuvor die Psychologie seiner Figuren - was dem Roman gut tut. Aus der Innenperspektive ist jede von ihnen von der eigenen Größe und der Genialität seiner Vorhaben überzeugt. Erst in der Außenperspektive, in den Augen der anderen offenbaren sich ihre Schwächen überdeutlich. Was wenig daran ändert, dass sie einem weitaus sympathischer sind als ihre so realitätstauglichen Gegenspieler, denen sie dann am Ende naturgemäß unterliegen.

“Ich bin kein romantischer Schriftsteller”, sagte Thomas von Steinaecker einmal in einem Interview. Nach der Lektüre seines dritten Romans hat man den Eindruck, dass auch er sich ein wenig über sich selbst täuscht. Zumindest in diesem Buch zeigt er sich wie sein Held Henry als ein “Streiter für das Reich des Unvollendeten”, dessen romantische Neigungen man aus der Außenperspektive vielleicht deutlicher wahrnimmt als er sie selbst wahrhaben will.

Die Rezension erschien in der Welt vom 10. Oktober 2009

Thomas von Steinaecker:
“Schutzgebiet”. Roman
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2009
381 Seiten, 19.90 Euro.
ISBN 978-3-627-00160-5

Thema: Steinaecker Thomas von | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock