Beiträge vom April, 2009

Judith Hermann

Donnerstag, 30. April 2009 6:58

“Ich bin ein sehr abergläubischer Mensch”
Ein Gespräch mit der Schriftstellerin Judith Hermann über Bestseller-Ruhm, Hokuspokus und merkwürdige Komplimente sowie ihr neues Buch “Alice”

Uwe Wittstock: Ihr erstes Buch “Sommerhaus, später” war außergewöhnlich erfolgreich, über 600 000 Exemplaren wurden bislang verkauft. Hat Sie dieser Erfolg als Schriftstellerin glücklich gemacht?

Judith Hermann: Um diese Frage mit einem Ja oder Nein beantworten zu können, müsste ich mich viel mehr wie eine Schriftstellerin fühlen. Später, in zig Jahren, wenn ich dann den so genannten Rückblick halten darf, wird’s mich vielleicht freuen, dass ich mit 28 dieses Debüt gehabt habe. Interessanter ist, dass ich heute noch, elf Jahre danach, darauf angesprochen und danach gefragt werde. Das erste Buch scheint immer noch die Instanz zu sein, an der alle anderen gemessen werden. Mich macht das nicht nur glücklich.

Uwe Wittstock: Nach einem solchen Erfolg ist der Autor natürlich mit hohen Erwartungen konfrontiert. Haben Sie die beim Schreiben belastet?

Judith Hermann: Jetzt, beim dritten Buch, nicht mehr. Beim zweiten Buch war die Belastung groß und ich habe ziemlich lange gebraucht, bis ich wieder Sätze zu Papier bringen konnte. Nachdem “Nichts als Gespenster” erschienen war, hatte ich allerdings angenommen, die Erwartungsgeschichte habe sich dann erledigt. Und jetzt merke ich, dass das eben nicht der Fall ist.

Uwe Wittstock: Hätten Sie gern weniger Erfolg gehabt?

Judith Hermann: Nein, natürlich eben nicht. Der Erfolg war und ist eine Belastung und vor allem ist er schön und alle Beschwerden - wenn man sie so betrachtet - sind Beschwerden auf einem hohen Niveau.

Uwe Wittstock: Wie hat Sie der Erfolg verändert?

Judith Hermann: Ich bin dankbar dafür, dass manches sich gar nicht verändert hat. Dass meine Freundschaften meine Freundschaften geblieben sind. Diese Freundschaften hat es vor “Sommerhaus, später” schon gegeben und sie bestehen weiter. Bezeichnenderweise sind nicht allzu viel neue dazu gekommen und ich könnte mich fragen, warum eigentlich nicht - vielleicht bin ich misstrauischer, als ich es sonst gewesen wäre, weniger offen, isolierter. Kann sein. Vielleicht ist das aber auch eine Frage des Älterwerdens.

Uwe Wittstock: Sobald die Rede auf Judith Hermann kommt, sprechen oder schreiben manche Kritikern, die sich sonst als seriös betrachten, mehr über die Autorenfotos von Ihnen als über die Inhalte Ihrer Bücher. Woher kommt das?

Judith Hermann: Das würde ich auch gerne wissen.

Uwe Wittstock: Viele Ihrer Erzählungen werden in öffentlichen Diskussionen gar nicht wie Literatur, also wie Fiktion behandelt, sondern so, als schrieben Sie an einem Report über das Leben ihrer Generation am Prenzlauer Berg. Wundert Sie das?

Judith Hermann: Ja. Sehr.

Uwe Wittstock: Woher kommt das?

Judith Hermann: Weiß ich ebenso wenig.

Uwe Wittstock: Stört es Sie?

Judith Hermann: Ja, manchmal stört mich das. Aber manchmal kann ich dieses Missverständnis auch wie ein etwas merkwürdiges Kompliment betrachten - offensichtlich gibt es da an meiner Weise zu erzählen etwas, das den Eindruck erweckt, ich stünde ganz und gar dahinter. Und so soll es ja im besten Fall auch sein. Es ist nur ein bisschen anstrengend, wenn man nach dem Erzählen auch erklären soll, wie das Erzählte zu verstehen ist und wie man es besser nicht verstehen sollte, wenn man eine Lesart vorschlagen soll. Vielleicht ist dieses neue Buch nicht so leicht wie eine Reportage übers Leben und Sterben zu lesen, zu vieles darin bleibt inkonkret, angedeutet und offen.

Uwe Wittstock: Sie sind, wenn nicht gerade ein neues Buch von Ihnen erscheint, sehr zurückhaltend mit öffentlichen Auftritten.

Judith Hermann: Ja, und das ist eine instinktive Reaktion und keine Überlegung. Eine Art Intuition? Ich fühl’ mich nicht berufen, Podien zu besteigen, ich habe keine öffentliche Antwort auf politische und gesellschaftliche Fragen und keine öffentliche Meinung zu meiner Generation im Prenzlauer Berg. Ich denke dieses und jenes und spreche darüber in meinem Freundeskreis und behalt’s darüber hinaus für mich.

Uwe Wittstock: Ihr neues Buch “Alice” ist kein Roman, sondern wieder ein Band mit Erzählungen. Was reizt Sie an dieser kürzeren Form?

Judith Hermann: Es gibt den schönen Satz von Katja Lange-Müller, die eine große Geschichtenerzählerin ist - “nicht der Autor entscheidet über die Länge eines Textes, sondern der Text an sich.” Das war bei diesen Erzählungen genau so. Ich habe lange Zeit an einem längeren Text geschrieben, der sich immer weiter drehte, aber nicht auf den Punkt kam, sich im Kreis bewegte und zu nichts führte, was ich hätte abgeben wollen. Erst als ich in der Micha-Geschichte ankam, die dann die erste Geschichte des neuen Buches wurde, stellte sich ein Gefühl der Erleichterung ein, wie ein - Ankommen. Ich kann’s nicht begründen, es hängt vielleicht damit zusammen, dass ich situative, gegenwärtige Momente beschreiben will und die sind nach einem kurzen Brückenschlag eben vorbei.

Uwe Wittstock: Was ist der Vorzug einer Erzählung im Vergleich zum Roman?

Judith Hermann: Im besten Fall ist eine Erzählung so etwas wie eine Fotografie, es ist die sehr präzise Beschreibung eines Augenblickes. Etwas, bei dem man das Davor und Danach nicht erzählen muss, sondern sich beim Jetzt aufhalten kann - aber vielleicht erreicht, dass ein Leser sich dann das Davor und Danach gerne selber überlegen will. Ich kann ganz genau bei dem bleiben, was mich an einer Situation interessiert. Der Nachteil ist, dass auf dieser kurzen Strecke dann alles stimmen muss. Ich kann nichts verbergen und jeder Fehler fällt sofort auf, auf 350 Seiten kann man sich, glaube ich, sehr viel mehr Ungenauigkeiten erlauben.

Uwe Wittstock: Neben der Liebe ist der Tod wohl das wichtigste Thema der Literatur. Ihre Hauptfigur Alice wird in dem neuen Buch gleich mehrfach mit dem Sterben von Menschen konfrontiert, die ihr lieb sind. Sie haben in die Geschichten aber zugleich eine Motivkette eingewebt, die von Zauberern, Hokuspokus, Abrakadabra oder Hexen spricht, ohne dass dabei auf esoterischen Aberglauben gezielt würde.

Judith Hermann: Ich bin ein sehr abergläubischer Mensch. Klassisch abergläubisch und darüber hinaus heimlich, persönlich, geheim. Jeder kennt das, das magische Denken der Kinder - wenn ich es von hier bis zur Schule schaffe, ohne auf die Fugen zwischen den Steinen zu treten, werde ich eine gute Mathematikarbeit schreiben. Dieser kleine Pakt ist ein Schutz und den Erwachsenen soll der Aberglaube vor den möglichen Verlusten schützen. Vor den großen Verlusten des Erwachsenenlebens. Hokuspokus? Vielleicht. Aber vielleicht eben auch nicht.

Thema: Hermann, Judith | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Judith Hermann

Samstag, 25. April 2009 6:45

Alice, das leichte Spiel und der Ruhm

Na, also ein Trend ist das nicht. Überhaupt bekommen wir Kritiker ja oft etwas leicht Penetrantes bis schwer Peinliches, sobald wir glauben, die allerneuesten Moden der Literatur verkünden zu müssen. Da werden dann ein paar frisch erschienene Bücher, die eben noch verträumt auf eigenen Pfaden durch die Landschaften der Dichtung stapften, im heiseren Kommandoton in Formation gebracht und zu Spähtrupps erklärt, die ästhetisches Neuland erkunden. Schon zwei, drei Jahre später spricht niemand mehr vom angeblichen Trend - schon weil dann alle von den Trends der aktuellen Saison sprechen - und es ist offensichtlich, dass die damals so eifrig hergezählten Titel kaum mehr gemeinsam hatten als dasselbe Erscheinungsjahr.

Hier nun soll es um Judith Hermanns neues Buch gehen, das nächste Woche herauskommt und fünf Erzählungen umfasst, die alle von der Titelfigur “Alice” berichten. Und um Botho Strauß’ neues Stück “Leichtes Spiel”, das in zehn Szenen “neun Personen einer Frau” vorführt. Und um Daniel Kehlmanns Band “Ruhm”, der in neun Geschichten zwar nicht immer von derselben Figur, wohl aber immer vom selben kunstvoll verknüpften Figurenensemble erzählt.

Neu ist das Verfahren nicht. Statt in einem Roman oder einem Drama eine lange, zusammenhängende Geschichte über die Hauptfigur auszubreiten, lässt es die Autorin oder der Autor bei kurzen Handlungsausschnitten. Es wird kein Porträt des Helden entworfen, sondern eine Serie von Schnappschüssen geliefert, die ihn aus verschiedenen Perspektiven zeigt. Die unübersehbaren Bruchkanten zwischen diesen Fragmenten betonen vor allem eines: Dass der Autor nicht alles über seine Figuren weiß, dass er sie zwar erfunden hat, sie aber dennoch ihre Geheimnisse bewahren, kurz: dass sich ein Leben nicht lückenlos erzählen lässt.

Neu ist das, wie gesagt, nicht. Vielmehr gehören solche Überlegungen spätestens seit Beginn der Moderne, also seit rund hundertfünfzig Jahren zum kleinen Einmaleins der literarischen Ästhetik. Und natürlich gibt es Möglichkeiten, auch in traditionell gebauten Romanen oder Dramen die unaufklärbaren Resträtsel jeder Persönlichkeit zu betonen. Dennoch ist bemerkenswert, wie viele Erzählungsbände - Ingo Schulzes “Simple Storys” etwa oder Judith Hermanns “Sommerhaus, später” - in den letzten Jahren auf überraschend starke Resonanz stießen.

Sicher, auch heute noch stehen fast ausschließlich Romane auf den Bestsellerlisten. Doch immer häufiger gelingt Geschichtensammlungen oder anspruchsvoll durchkomponierten Erzählungszyklen wie Kehlmanns “Ruhm” der Einbruch in diese Phalanx. Offenbar scheinen immer mehr Leser nicht nur Genuss am epischen Langstreckenlauf, sondern auch am Erzählsprint zu entwickeln. Was erfreulich ist. Denn es gibt weit mehr makellose Kurzgeschichten als makellose Romane. Fast jeder Roman enthält auch schwache Passagen, denn kaum ein Autor kann mehrere hundert Seiten perfekte Prosa liefern. Zwei, drei Dutzend perfekte Seiten aber schon.

Thema: Hermann, Judith | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Verlag Suhrkamp

Samstag, 18. April 2009 10:47

Ein fabelhaftes Schlachtfeld für Anwälte
Verleger-Sohn Joachim Unseld reicht Klage ein gegen den Umzug von Suhrkamp nach Berlin

Wird der Umzug des Suhrkamp Verlags von Frankfurt nach Berlin auf juristischem Wege verhindert? Oder zumindest verzögert? Joachim Unseld, der Sohn des 2002 verstorbenen Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld, ist bis heute mit 20 Prozent am Verlag beteiligt und hat, wie er jetzt bestätigte, beim Frankfurter Landgericht Klage eingereicht gegen die Entscheidung der Suhrkamp-Geschäftsführung, den Firmenstandort nach Berlin zu verlegen.

Er prozessiert damit gegen Ulla Berkéwicz, die zweite Frau und Witwe seines Vaters, die sich seit 2003 als Mehrheitseignerin (mit 51 Prozent der Anteile) selbst zur Geschäftsführerin des Verlags bestellt hat.

Aus juristischer Sicht ist die Sachlage schwierig. Schon als die ersten Gerüchte umgingen, Suhrkamp wolle nach Berlin aufbrechen, nannte Joachim Unseld das Vorhaben einen „Umzug in die Provinz“ und ließ wenig Zweifel an seiner ablehnenden Haltung. Anfang Februar gab Ulla Berkéwicz dennoch bekannt, die Gesellschafter (zu denen mit 29 Prozent auch die Medienholding AG Winterthur gehört) begrüßten „mehrheitlich“ ihren Vorschlag zum Standortwechsel.

Damit scheint sich nun ein fabelhaftes Schlachtfeld für Wirtschaftsanwälte aufzutun. Denn einige Juristen stehen auf dem Standpunkt, ein Minderheitengesellschafter wie Joachim Unseld habe kein Vetorecht gegen ein Umzugsvorhaben, andere wiederum vertreten die Ansicht, eine so weitreichende Entscheidung wie die Verlegung des Firmenstandortes müssten von Gesellschaftern einstimmig gefasst werden.

Doch ob dieser Konflikt tatsächlich in einem langen, quälenden Verfahren vor Gericht ausgetragen wird, ist zumindest fraglich. In der Buchbranche pfeifen es die Spatzen von den Dächern, dass Joachim Unseld den Dauerstreit mit seiner Stiefmutter schon geraume Zeit leid ist und seine Suhrkamp-Anteile veräußern will. Es sollen bereits erste Gespräche zwischen Ulla Berkéwicz und ihm über einen möglichen Verkaufspreis stattgefunden haben.

Nachdem Ulla Berkéwicz aber den 1. Januar 2010 als Umzugstermin bekannt gab, hat sie sich unter Zeitdruck gesetzt. Mit der Klage Unselds gegen die Entscheidung dürfte sich dieser Druck erhöhen. Denn falls er sich um eine einstweilige Verfügung gegen den Umzug bemühen und sie tatsächlich erwirken sollte, könnte er sogar gegen weitere Vorbereitungen für den Umzug juristisch vorgehen.

All diese Querelen kann sich Ulla Berkéwicz aber vom Halse schaffen, wenn sie mit ihrem Stiefsohn handelseinig wird – doch je näher der 1. Januar rückt, desto weniger entgegenkommend dürfte der bei Preisverhandlungen sein.

Vielleicht war es also nicht der klügste Schachzug, die eigenen Mitarbeiter und die Öffentlichkeit mit dem Umzugsplan zu überraschen und ihn erst danach in den Details zu organisieren. Nach Verlagsangaben erhielten 115 Suhrkamp-Angestellte zum 31. März eine Änderungskündigung, mit der sie vor die Alternative gestellt werden, entweder ihrem Arbeitsplatz nach Berlin zu folgen oder sich arbeitslos zu melden und den von Verdi ausgehandelten Sozialplan in Anspruch zu nehmen.

Nach Schätzungen des Betriebsrats wird wohl rund ein Drittel der Belegschaft nicht in die Hauptstadt umziehen und Suhrkamp also verlassen. Für den Verlag bedeutet das einerseits einen massiven Verlust an Kompetenz, andererseits aber die Chance, sich in deutlich kleinerem Format in Berlin neu zu erfinden.

Ungeklärt ist zudem die Frage, wo Suhrkamp künftig in Berlin residieren wird. Nach wie vor liebäugelt der Verlag mit dem im Februar effektvoll präsentierten Nikolai-Haus. Doch das muss zuvor saniert werden.

Ob das Gebäude genügend Raum bietet, wird leichter abzusehen sein, wenn sich in den nächsten Tagen herausstellt, wie viele Mitarbeiter ihrem Arbeitsplatz an die Spree folgen. Doch auch in dieser Immobilienfrage gibt es juristische Probleme. Denn offenbar genießt ein ehemaliger Museumsdirektor ein lebenslanges Wohnrecht im Nicolai-Haus.

Eins aber steht jetzt schon fest: Der Umzug wird teuer. Der Sozialplan für die nicht berlinwilligen Suhrkamp-Angehörigen dürfte in die Millionen gehen, die Umzugs- und die Sanierungskosten ebenfalls. Bei der Frage, ob diese Summen vom Verlag oder vom Land Berlin übernommen werden, sind beide Seiten wenig auskunftsfreudig.

Auf jeden Fall will Suhrkamp die beiden Gebäude im Frankfurter Westend, in denen der Verlag bislang untergebracht war, zu Geld machen. Mit einem Entgegenkommen der städtischen Behörden kann er dabei allerdings nicht mehr rechnen – denn nachdem Suhrkamp allen Frankfurter Mitarbeitern die Änderungskündigung zuschickte, ist klar, dass kein Verlagsteil am alten Ort verbleiben soll.

Eines der beiden Grundstücke, die Suhrkamp jetzt verkaufen will, ist rechtlich für Wohngebäude ausgewiesen. Siegfried Unseld hatte seinerzeit bei der Stadt eine befristete Erlaubnis zur gewerblichen Nutzung erwirken können. Die wird nun wohl nicht verlängert werden. Grundstücke, die für Wohnhäuser vorgesehen sind, haben im Frankfurter Westend aber einen deutlich niedrigeren Wert als die, auf denen auch Bürogebäude stehen dürfen.

Thema: Verlag Suhrkamp | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Hans Magnus Enzensberger

Samstag, 18. April 2009 8:17

“Rebus”
Hans Magnus Enzensberger nähert sich den Bilderrätseln der Welt mit menschenfreundlichen Gedichten, ohne deshalb ein freundlicher Dichter zu werden

Es ist keine drei Jahre her, da stellte Hans Magnus Enzensberger eine Auswahl seiner Lyrik aus über einem halben Jahrhundert unter dem nüchternen Titel “Gedichte 1950-2005″ zusammen. Eröffnet hat er die Sammlung mit einer Art fantastischem Preislied, das er schrieb, als er seinen zwanzigsten Geburtstag noch nicht lange hinter sich hatte. Es heißt “Utopia” und feiert eine farbenfrohe Wunschwelt, in der Prokuristen “durch die Wolken radschlagen”, Päpste “aus den Dachluken zwitschern” und das Glück “wie eine Meuterei” ausbricht.

Ein vielsagender Beginn. Politische Utopien sind mittlerweile stark im öffentlichen Kurs gesunken, und Versuche, sie Realität werden zu lassen, stehen gemeinhin im Ruf robespierrehafter Zwangsbeglückung. Allerdings konnte man in diesem Auftakt zu der von Enzensberger selbst gezogenen lyrischer Lebenssumme eben auch so etwas sehen wie die Erinnerung des gereiften Dichters an den Überschwang jener frühen Jahre, in denen er als beobachtender Animateur der Studentenbewegung das Kommandowort “Revolution” großzügig unter seinen Zuhörern austeilte.

Doch diese Zeit des Überschwangs ist lange her. Auch für Enzensberger. Nach dem Ende der Studentenbewegung hat er so entschieden und klar wie kein anderer deutscher Schriftsteller am Imageverlust der Utopien und anderer großer politischer Erzählungen mitgewirkt. Ein Jahrzehnt nach 1968 konstatierte er knapp, was sich linke wie rechte Revolutionäre hinter die Ohren schreiben sollten, nämlich dass “wir die Gesetze der Geschichte nicht kennen”, dass deshalb der Verlauf der Geschichte “unvorhersehbar ist” und dass wir, “wenn wir politisch handeln, nie das erreichen, was wir uns vorgesetzt haben, sondern etwas ganz anderes, das wir uns nicht einmal vorzustellen vermögen”.

Folgerichtig hat Enzensberger bis heute für große Weltveränderungsentwürfe außer Hohn wenig übrig und plädiert ebenso scharfsinnig wie scharfzüngig für eine Politik des Sichdurchwurschtelns, des pragmatischen Flickwerks und der Improvisation. Daran ändert sich in seinem neuen Lyrikband “Rebus” wenig. Auch hier stimmt er sein Loblied an nicht auf allumfassende Konzepte oder allumstürzende Ideen, sondern auf die zahllosen tagtäglichen Anstrengungen, die das Leben lebbar machen, auf das fortgesetzte mühsame Stückwerk der Humanität:

„Ich meine nur diesen kleinen Kerl da
der das, was ihr zerfetzt habt,
beharrlich zusammenflickt –
wie er heißt, weiß ich nicht,
er wird ja nirgends erwähnt –,
die Großmutter, die am Flussufer
das besudelte Hemd des Gefolterten wäscht,
und der bucklige alte Mechaniker,
der am Horn von Afrika diese Wasserpumpe,
die ihr schon wieder kaputtgemacht habt,
zum xten Mal repariert. Die meine ich,
die einzigen, die immerzu etwas ausrichten,
wenn auch nur das, was ihnen möglich ist:
etwas Winziges, Vorläufiges, Rätselhaftes,
und woher es kommt, daß sie nicht aufgeben,
das wüßte ich gern.“

So etwas kann Enzensberger wie kein anderer: Die Leichthändigkeit und zugleich der Ernst, mit denen er hier - zwei, drei Striche genügen ihm - Situationen und Schicksale skizziert, dazu ein Empfinden für die Riesenhaftigkeit weltweiten Elends weckt und das Argument anklingen lässt, dass die Selbstorganisation des Nächstliegenden allemal jeder staatlichen Verordnung fürs Große und Ganze vorzuziehen sei. In seinem geräumigen Dichterherzen ist auch heute, kurz vor dem achtzigsten Geburtstag, noch immer eine Kammer für anarchistische Leidenschaften reserviert.

All den Hymnen, die derzeit angesichts der Finanzkrise auf den Staat als Retter und Aufseher angestimmt werden, hält er seine Warnung vorm “Leviathan” (wie er mit Thomas Hobbes den Staat nennt) entgegen, vor “unserem riesigen Mitesser”, der “als Massenmörder unübertroffen” ist und den wir trotz allem nie loswerden: “Für uns spricht es nicht, / daß wir ihn nötig haben, / diesen ewigen Langweiler.”

Enzensbergers Tonfall ist bei all dem merklich gelassener geworden. In jüngeren Jahren war das Wort “schneidend” eine seiner Lieblingsvokabeln, wenn es darum ging, die Sprache eines von ihm bewunderten Autors zu beschreiben. Und wer auf den Gedanken verfiel, diesen Begriff auf Enzensbergers Gedichte oder Essays anwandte, hatte mit seinem Groll nicht zu rechnen. Er schliff seine Sätze, bis sie den Gedanken eine ebenso elegante wie messerscharfe Kontur gaben, und seine Verse, bis sie Erfahrung so eindrucksvoll wie zugespitzt auf den Punkt brachten. Das ist bis heute der unverwechselbare Enzensberger-Sound. Zum Beispiel wenn er als Verteidiger der Wölfe den Lämmern vorhält: “Gelobt sein die Räuber: ihr, / einladend zur Vergewaltigung, / werft euch aufs faule Bett / des Gehorsams. Winselnd noch / lügt ihr. Zerrissen / wollt ihr werden. Ihr / ändert die Welt nicht.” Wer als Leser nicht flink genug war auf den Beinen, konnte von diesem pointenblitzenden, bendenden Sichelwagen der Lyrik schnell überrollt werden.

Verglichen damit klingen Enzensbergers Gedichte heute ruhiger, gefasster. Aber es wäre nicht nur ungerecht, sondern schlicht falsch, deshalb von Altersmilde oder Resignation zu sprechen. Auch ein Ausdruck wie Abgeklärtheit beschreibt ihre Tonlage nur dann richtig, wenn man darunter ein zunehmendes Klarwerden dieses Autors über die eigene Aufgeklärtheit versteht: “Du willst es ja nicht anders haben”, ruft er sich zu, “gib’s doch zu! Du brauchst, / woran du krankst, den Spaß, / die Angst, den Haß und deine Ruh, / die Frau, das Geld, den Streß.”

Mit anderen Worten: Enzensbergers neuer Lyrikband hat, zumal in seinem ersten Zyklus “Gleichgewichtsstörung”, eine demonstrative Neigung zur Selbstreflexion. Der Dichter betrachtet sich hier als Rätsel. Aber er richtet sich deshalb nicht ein in den zähen Grabenkämpfen der Innerlichkeit, sondern nimmt sich vielmehr bissig an die Kandare: “Psyche, Ego, Identität - / ziemlich fremde Worte. Je mehr du herumbohrst / in diesem Sumpf, / desto sinnloser.” Ja, er macht sich lustig über die eigene Psyche: “Sie ist ja so sensibel, die Ärmste. / … / Schon ist sie gekränkt, / beklagt sich, droht mit Migräne. / … / Unzertrennlich sind wir, / bis daß der Tod uns scheide, / meine Psyche und mich.”

Wenn Enzensberger, wie hier, Gedanken an den Tod häufiger nicht nur durchschimmern lässt, sondern sehr direkt anspricht, ist das bei den Gedichten eines bald Achtzigjährigen nicht weiter verwunderlich. Bemerkenswert ist jedoch die Vogelperspektive, aus der er dabei nicht selten den Blick auf sich selbst richtet. Fast scheint es so, als würden verschiedene Haltungen durchprobiert, in denen dem eigenen Ableben entgegengetreten werden kann, um nach der persönlich angemessenen Ausschau zu halten.

Doch zurück zum eingangs angesprochenen Verhältnis zur Utopie: Denn zur Selbstreflexion des Zweiflers und Spötters Enzensberger gehört, dass er auch zweifelt am Prinzip des Zweifels und das Prinzip des Spottes verspottet. Und ebenso reizt auch die eigene Skepsis gegenüber den politischen Utopien ihrerseits seine Skepsis. Wie schon in seinem Essay “Vermutungen über die Turbulenz” fragt er danach, ob nicht gerade in der Unvorhersagbarkeit der Zukunft, in der unberechenbaren Vielfalt der Möglichkeiten eine überraschende Chance liegen könne? Sicher, der Turmbau zu Babel, jenes Urbild einer Utopie, ist gescheitert, aber “daß wir seither / nicht alle dasselbe reden, in einerlei Zunge, / hat auch sein Gutes. Mißverständnisse, Krach, / ja, das ist mühsam, doch sagen am Ende nicht / fünftausend Sprachen mehr als die eine?”

Der neue Band endet mit einem Langgedicht mit dem Titel “Coda”, das den Klang eines Resümees, ja eines vermächtnishaften Fazits annimmt. Immer wieder umkreist Enzensberger hier die Frage nach dem, was möglich, was erreichbar ist. Man darf das durchaus politisch verstehen. “Alles Mögliche - niemand weiß, was das ist.” Damit beginnt dieses Gedicht, und auch das redet keinen ideologischen Großprojekten das Wort. Es schwärmt vielmehr vom jenem Glück, das in der Abwesenheit des vermeidbaren Elends besteht, vom Glück des geheizten Zimmer, des klaren, sauberen Wassers und lobt fast wie Brecht die schlichte Freude an der Kastanie im Hof oder am Geruch eines Sommerregens.

An solchem bescheidenen Luxus aber kann sich, ungetrübt von tagtäglicher Not, nur ein kleiner Teil der Menschheit erfreuen: “Daß nicht alles Mögliche möglich ist, / tut mir leid. Ihr tut mir leid, / liebe Genossen.” Doch, muss man sich damit abfinden? “Moment mal, sagt das Gehirn, / ungläubig wie es ist, maybe sagt es, / … / noch ist das Spiel nicht zu Ende. / Totzukriegen ist das Mögliche nie.” Mit politischer Agitation hat das nichts zu tun, wohl aber damit, die Idee der politischen Utopie nicht verloren zu geben, sie weiterhin als Aufgabe, ja als Auftrag zu betrachten und ihr so einen Platz frei zu halten - denn niemand weiß, was das Mögliche ist. Hier reicht der fast achtzigjährige Hans Magnus Enzensberger dem Nachwuchslyriker gleichen Namens, der “Utopia” schrieb, über sechs Lebensjahrzehnte hinweg die Hand.

Beeindruckend ist die Sicherheit, mit der Enzensberger nach wie vor seine literarischen Mittel handhabt. Auch in diesem Band bleibt er dem reimlosen, freirhythmischen Gedicht fast durchgehend treu. Formale Experimente sind seine Sache nicht. Lieber bündelt er seine Gedichte zu Zyklen, die durch die zahllosen Anspielungen, Parallelen, Kontraste, Widersprüche der einzelnen Texte untereinander zu einem schillernden, schwer festlegbaren Ganzen werden. Enzensbergers Sprache bleibt bei all dem leicht und schwingend, klar und doch konzentriert. Er ist ein Meister des einfachen und doch doppelbödigen Vokabulars. Die Bedeutungsnuancen, die er in seinem Abschlussgedicht “Coda” der Rede vom “Möglichen” abgewinnt und der Notwendigkeit etwas “auszurichten”, dürfte noch manche literaturwissenschaftliche Interpretationsdebatte befeuern.

Aus all dem spricht eine menschenfreundliche Haltung, aber Enzensberger ist deshalb noch lange kein freundlicher Dichter. Trotz seines nicht mehr schneidenden, sondern inzwischen gelasseneren Tonfalls, trotz seines Plädoyers für das Stückwerk der Humanität und für bescheidene Vorstellungen vom Glück ist Enzensberger nicht zur Mutter Theresa der Gegenwartslyrik geworden. Er beherrscht und bevorzugt nach wie vor auch die schroffen Gesten. “Euch zu beichten - kommt nicht in Fragen”, teilt er uns mit und: “Nein, ich lasse mich nicht provozieren, / ich rege mich, verdammt noch mal, / nicht mehr auf über euch, / denn ihr könnt mich mal.”

Klare Worte. Doch selbst die sind nicht Enzensbergers letztes Wort, denn selbst in ihnen schwingt noch ein Gutteil Ironie mit. Denn gerade in diesem Band gewährt er, auch wenn er tatsächlich nie in den Ton einer Beichte verfällt, den Lesern einige für seine Verhältnisse ungewöhnlich intime Einblicke. In manchen Gedichten spricht er nahezu ungeschützt und deshalb umso anrührender von seinen Depressionen, seiner Todesangst und Todeslust. Vom “schneidenden” Enzensberger der frühen Jahre ist hier fast nichts mehr zu spüren, statt dessen von einer Verletzlichkeit, die er zuvor kaum je erkennen ließ:

„Doch was mich schützt,
auch wenn es euch nichts angeht,
ist einzig und allein meine Frau.
Denn sicherer als der einsame Schwimmer
fühlt sich in seiner Nußschale, seinem Bett,
in den seichten Sintfluten,
die uns heimsuchen, wer nicht allein ist.“

Hans Magnus Enzensberger:
“Rebus”. Gedichte
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009
114 Seiten, 19,80 €

Thema: Enzensberger, H. M. | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Svealena Kutschke

Samstag, 11. April 2009 7:44

“Etwas Kleines gut versiegeln”
Svealena Kutschke entwirft in ihrem Debütroman einem Liebenskummeralbtraum

Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu. Heine hat sie auf vier Zeilen gebracht: “Ein Jüngling liebt ein Mädchen / Die hat einen anderen erwählt; / Der andre liebt eine andre, / und hat sich mit dieser vermählt.” Wem so etwas widerfährt, dem bricht das Herz entzwei. In Svealena Kutschkes Debüt “Etwas Kleines gut versiegeln” ist die Konstellation personell komplexer und von Vermählung definitiv nicht die Rede, doch alles läuft auf die alte, herzzerreißende Geschichte hinaus: “Marc beobachtete Jonas, Jonas starrte Ben an, Ben fixierte mich, ich heftete meine Blicke wie üblich auf Nick, Nick schaute Linn an, Linn schloss die Augen. Cut.”

Diese Kette begehrlicher Blicke bringt aber nur den zweiten Teil eines umfassenden Liebesunglücks auf eine knappe Formel. Der erste Teil endete bereits zuvor desaströs. Die Erzählerin Lisa war im heimatlichen Deutschland einer Zuneigung zum kapriziösen B. verfallen, der sich jedoch ausschließlich zu Männern hingezogen fühlte, gern Frauenkleider trug und Selbstmord beging. Woraufhin Lisa zwischen sich und ihren Schmerz den halben Weltball legt und in Australien Zuflucht sucht. Dort wohnt sie beim homosexuellen Marc, schläft mit dem bisexuellen Ben und verliebt sich in den heterosexuellen Nick - der aber auch gern mal Omas rosa Nachthemd trägt. Ihr Pech in Liebensdingen wird Lisa gleichwohl nicht los, denn Nick bleibt seiner Linn eisern treu, obwohl die ihm schon lange den Laufpass gab.

Das Beste an dem Roman ist Svealena Kutschkes frische, farbige Sprache. Sie hat großen Mut zu originellen, mutwillig windschief gehaltenen Bildern. Mal sind sie betont lakonisch - wenn Lisa auf einem Friedhof kräftige Züge aus der Weinflasche nimmt, spürt sie: “Der Zwischenraum zwischen mir und dem Tag wurde immer größer.” Mal sind sie betont poetisch - wenn Lisa mit einem Begleiter einen Joint teilt, resümiert sie: “Gemeinsam träumten wir von einem Mond, der nie unterging, von Zigaretten, lang wie die Milchstraße, von Drinks, tief und unendlich, von Liedern mit Harmonien wie ein Kometenschweif.” Zudem hat Svealena Kutschke ein Ohr für Dialoge zwischen Leuten, die alles dafür geben, cool zu wirken, für die aber schon der erst morgendliche Schritt aus dem Bett einem Hochseilakt über schwindelnde Abgründe gleichkommt.

Wer sich von einem Roman jedoch eine konsistente, nachvollziehbare Geschichte verspricht, wird hier nicht fündig und kann das als Schwäche betrachten. Allerdings ist der Verzicht auf klar strukturierte Handlung in diesem Buch programmatisch. Lisa legt wenig Wert auf traditionelle Geschlechterrollen, Höflichkeiten, Arbeitsverhältnisse oder sonstige Ordnungsvorstellungen. Selbst angeblich feste Größen wie Raum und Zeit verlieren sich dabei ins Vage: Lisa finden gelegentlich Fotos, die sie selbst an Orten zeigen, die sie nicht kennt und an denen sie nie war.

Kurz: Der Roman folgt nicht der Logik der Vernunft, sondern der des Traums, genauer: der eines Liebeskummeralbtraums. Der erreicht seinen Höhepunkt, als Lisa mit ihren Freunden in Frauenkleidern zu einem Ausflug ins Outback aufbricht. Die Reise führt, wie es sich für eine australische Abenteuertour gehört, zu Ayers Rock, der heute nach der Sprache der ortsansässigen Aborigines politisch korrekt Uluru genannt wird. Nun weiß jeder Leser Bruce Chatwins, dass man in der Nähe jenes magischen Bergs unvermeidlich auf Traumpfade gerät. So naturgemäß auch Lisa, die sich hier tief in einen Irrgarten der Phantasien verstrickt. Wer will, kann darin die nötige Katharsis sehen, durch die Lisa sich endlich von ihren hoffnungslosen Lieben zu B. oder zu Nick löst. Vielleicht aber signalisiert diese mäandernden, ziellose Wanderung im Herzen Australiens auch nur einen endgültigen Abschied vom jugendlichen Aufbegehren - der in Lisas Fall immer zugleich ein Begehren ist. Denn im letzten, traurigen Satz des Romans ist davon die Rede, der Sternenhimmel sei nun vertrieben.

Svealena Kutschke:
“Etwas Kleines gut versiegeln”. Roman
Wallstein Verlag, Göttingen 2009.
294 S., 19,90 €

Thema: Kutschke, Svealena | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Hans Magnus Enzensberger

Samstag, 4. April 2009 8:18

Hans Magnus Enzensberger, Peter Hacks
und die Abenteuerlust

So eine Karriere ist selten. 1955 veröffentlichte Hans MAGNUS Enzensberger, gerade 25 Jahre alt, seinen ersten Aufsatz, weitere folgten. 1957 erschien der erste Lyrikband „verteidigung der wölfe“ – und spätestens danach wurde er zu den führenden Schriftstellern des Landes gezählt. Nicht wenige sehen in ihm bis heute den repräsentativen Intellektuellen der Bundesrepublik.

Jetzt ist in der kleinen, aber klugen Zeitschrift „Berliner Hefte“ (Heft 8. 10,- €. ISSN 0949-5371) erstmals ein Briefwechsel zwischen Enzensberger und Peter Hacks publiziert worden. Hacks war 1955 als Kommunist von der Bundesrepublik in die DDR übergesiedelt und griff Enzensberger 1958 in der Zeitschrift „Junge Kunst“ mit sehr orthodoxen marxistischen Thesen an. Doch nicht diese Attacke ist das Überraschende an der Korrespondenz. Auch nicht Enzensbergers Bekenntnis, er halte ein sozialistisches Wirtschaftssystem für zukunftsträchtiger als ein kapitalistisches, das er heute trotz akuter Finanzkrise wohl etwas behutsamer formulieren würde.

Nein, bemerkenswert ist vor allem Enzensbergers frühes Plädoyer für politischen Pragmatismus und gegen jede Form von Ideologie: „In Zweifelsfällen entscheidet die Wirklichkeit.“ Gewöhnlich gelten die Gräben zwischen den hochfliegenden Utopien der Dichter und den tagtäglichen Mühen der Politiker als schwer überbrückbar. Doch in diesen Briefen bezieht der knapp dreißigjährige Enzensberger, dem man damals gern die Rolle des Zornigen Jungen Mannes zudachte, und der in den Sechzigerjahren als Mitwortführer der Studentenbewegung galt, vor allem Positionen, die sich kaum von denen einer kämpferischen Sozialdemokratie unterscheiden. Wenn Hacks zum Beispiel von „revolutionären Akten“ schwärmt, die für veränderte Eigentumsverhältnisse und damit für eine gerechtere Sozialordnung sorgen, hält ihm Enzensberger entgegen: „Eigentumsverhältnisse lassen sich auch evolutionär verändern.“ Mehr noch: „Ja, ich glaube, dass man die verbesserungsbedürftigen Zustände verbessern kann, ohne die Bourgeoisie durch bürgerliche oder militärische Eingriffe von außen gewaltsam zu stürzen. Die Wirklichkeit spricht dafür.“

Undsoweiterundsofort. Enzensberger tritt hier nicht als einseitiger Verteidiger des Westens auf, wohl aber als einer der Gewaltlosigkeit und des unvoreingenommenen Denkens: „Ich fürchte, wenn er nicht weitergedacht wird, wird der Marxismus bald einer Mumie ähneln. Wahrheit, wenn Sie mich fragen, ist die permanente Revision.“ Hacks erweist sich verglichen dazu als intellektuell unbeweglich und hat seinem Briefpartner außer elegant formulierten Dogmen wenig entgegenzuhalten.

Bleibt die Frage, warum Enzensberger zehn Jahre später auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung in seinem Essay „Berliner Gemeinplätze“ nicht mehr die permanente Revision, sondern stattdessen manche revolutionären Gewissheiten feierte, von denen er sich danach sehr bald wieder verabschiedete. Doch ein Schriftsteller wie Enzensberger ist wohl ohne eine gute Portion Abenteuerlust nicht vorstellbar. Und die abenteuerlichsten Erfahrungen waren 1968 nicht auf Seiten der Gegenspieler der Studentenbewegung zu machen.

Thema: Enzensberger, H. M. | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock