Beiträge vom Februar, 2009

Joseph von Westphalen

Samstag, 28. Februar 2009 9:34

“Aus dem Leben eines Lohnschreibers” und “Zur Phänomenologie des arbeitenden Weibes”
Zwei neue Lieferungen mit kurzen, aber klugen Arbeiten von Joseph von Westphalen

Wer sein Buch „Aus dem Leben eines Lohnschreibers“ nennt und dann auch noch Joseph von Westphalen heißt, der will natürlich, dass jeder romantisch gebildete Leser sofort an Joseph von Eichendorff und „Aus dem Leben eines Taugenichts“ denkt. Das ist ganz schön frech, denn der neue Sammelband Westphalens kann sich mit Eichendorffs fabelhafter alter Novelle selbstverständlich nicht messen. Andererseits aber muss man diese Anspielung richtig und klug nennen, denn die Haltung, die aus Westphalen Büchern spricht, ist der von Eichendorffs Taugenichts sehr wohl verwandt: Seine heitere Offenheit der Welt und dem Leben gegenüber. Seine schwärmerische Begeisterung für die Frauen. Seine Freude an den Abenteuern, die der Künstler durch seine Kunst (beim Taugenichts das Geigespiel, bei Westphalen das Bucherschreiben) erleben kann. Solche Qualitäten sind in der deutschen Literatur heute nicht gerade im Übermaß verbreitet. Schon deshalb lesen sich Westphalens Romane und Erzählungen immer wieder erfrischend. In den Geschichten dieses Bandes konzentriert er sich auf Erfahrungen, die er allein deshalb machte, weil Schriftsteller üblicherweise nicht von der Kunst allein leben können und gelegentlich also Auftragsarbeiten zu erledigen haben. Wie oft hat man Autoren darüber Klagelieder anstimmen hören. Nicht so Westphalen: Er macht aus der Not nicht nur eine Tugend, sondern das Beste, was ein Schriftsteller daraus machen kann, nämlich Literatur. In bester Laune führt er eine Menge jener Absurditäten vor, die unser Kulturbetrieb für Autoren bereithält, die sich hin und wieder als Festredner, auslandsverschickte Kulturbotschafter, Werbetexter, Anthologie- und Zeitschriftenbeiträger oder Restaurantkritiker verdingen. Das wirft zum einen manches erhellende Schlaglicht auf Mechanismen unserer modernen Literaturbetriebsamkeit, zum anderen ist es oft sehr witzig.

Joseph von Westphalen
“Aus dem Leben eines Lohnschreibers”
Luchterhand Verlag, München 2008
251 Seiten, 8,00 €

Als Verehrer der Frauen, als Sänger ihrer Schönheit, als Gefangener ihres Zaubers tritt Joseph von Westphalen in diesem Buch auf. Es ist, was für emanzipationspolitisch korrekte Seelen möglicherweise nicht restlos frauenfreundlich klingt, aus einer Kolumne für den „Playboy“ entstanden. Ein Jahr lang erzählte Westphalen in jeder Nummer des Hochglanzmagazins von höchst glanzvollen Begegnungen mit berufstätigen Frauen. Natürlich trägt die literarische Einbildungskraft des Autors ihn immer wieder aus der Kurve und man kann sich darauf verlassen, dass seine Heldinnen noch ein wenig schöner sind als im Leben üblich. Aber in Gegensatz zu dem Magazin, das die nackten Tatsachen liebt, erweist sich Westphalen hier als ein Schriftsteller, der die Kunst der phantasieanheizenden Andeutung beherrscht. Dazu zeigt er, welche neueren und lebenssteigernde Spielarten des Flirtens sich gerade aus der Tatsache ergeben können, dass man einer Frau heute im Amte einer Staatsanwältin, Anlageberaterin, Lateinlehrerin oder auch Taxifahrerin begegnen kann. Als Dreingabe wird zu allem Überfluss die eminente Frage geklärt: „Darf ein Mann weniger verdienen als seine Frau?“ Aus all dem ergibt sich unter dem Strich Ähnliches wie bei dem oben vorgestellten Buch: Die Geschichten werfen zum einen manches erhellende Schlaglicht auf Mechanismen unserer modernen Liebensbetriebsamkeit und zum anderen sind sie oft sehr witzig.

Joseph von Westphalen
“Zur Phänomenologie des arbeitenden Weibes”
Haffmans Verlag bei Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2009
187 Seiten, 9,90 €

Thema: Westphalen Joseph von | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Friedrich Schiller

Freitag, 27. Februar 2009 8:52

Locken und Socken
„Autopsie Schiller“ – das Literaturmuseum der Moderne in Marbach zeigt eine kluge Ausstellung zu dem Reliquienkult um den Klassiker

Als im 18. Jahrhundert der Einfluss der Religion und der Kirchen allmählich zurückging, stellten sich die Letzten Fragen umso hartnäckiger und unbehaglicher. So etwas wie ein allgemein verbindlicher Heilsplan, in dem jeder einzelne seinen Platz finden und aus dem er unhinterfragbare Handlungsrichtlinien beziehen konnte, wurde immer schmerzlicher vermisst. Also begann die Sehnsucht der Menschen nach letztgültigen Antworten, sich nach neuen Auskunftsgebern umzuschauen. Sie entdeckte – zumal in Deutschland – Kunst und Literatur als diesseitige Sinnstiftung. Neben den Heiligen der Kirche richtete sich der Wunsch nach Verehrung nun auf die Heiligen der Dichtung. Die aus nüchterner Sicht abwegige Vorstellung der Kunstreligion gewann eine immer machtvollere Anziehungskraft.

Die große Ausstellung „Autopsie Schiller“ im Marbacher Literaturmuseum der Moderne wäre ohne diesen geistesgeschichtlichen Hintergrund nicht denkbar. Mit ihr begeht das Deutsche Literaturarchiv jetzt den Auftakt des Schillerjahrs 2009, in dem am 10. November der 250. Geburtstag des Klassikers gefeiert werden kann. Es ist eine befristete Wechselausstellung, die bis zum 4. Oktober zu sehen sein wird. Zum eigentlichen Jubiläumstag im November soll dann die umfangreiche Renovierung des Marbacher Schiller Nationalmuseums abgeschlossen sein, das – falls nicht Unvorhergesehenes die Bauplanungen durchkreuzt – mit einer neuen Dauerausstellung zum Dichterfürsten eröffnet werden wird.

Zur Verehrung der kirchlichen Märtyrer und Heiligen gehörte immer der Reliquienkult. Die Gläubigen näherten sich voll Ehrfurcht den materiellen Spuren, die von den Heroen ihrer Religion auf Erden hinterlassen worden sind – nicht nur weil man in ihnen so etwas wie handfeste Beweise für die Existenz dieser Heiligen sehen konnte, sondern eher weil die Nähe zu der Aura der Reliquien bereits Erlösung zu versprechen schien. Diese Vorstellungen übertrugen sich im Laufe des 18. Jahrhunderts auch auf die neuen Sinnstifter, die Dichter. Nicht mehr nur deren immaterielle Schöpfungen, also ihre Dichtung, wurde überliefert, bewahrt und vergöttert, sondern ebenso die materiellen Überreste ihres Lebens – was in den Jahrhunderten zuvor als weitgehend unvorstellbar, ja unverständlich betrachtet worden wäre. Kein Wunder auch, dass nunmehr die Rolle des Märtyrers oft auf die Schriftsteller projiziert wurde, die sich aufopferten im Dienste ihres Werkes, und also zum Wohle des sinnbedürftigen Lesers.

Dieser literarische, kunstreligiöse Reliquienkult begann nicht mit Schiller und Goethe. Aber er nahm nicht zuletzt aus politischen Gründen mit diesen beiden Großschriftstellern immer stärker Fahrt auf. Das in Kleinstaaten zersplitterte Deutschland konnte sich in ihnen und ihren Werken zumindest in geistiger Hinsicht als vereinte Kulturnation empfinden. So begann die Devotionalienjagd mit Blick auf ihre Personen bereits früh und steuerte im 19. Jahrhundert auf skurrile Höhepunkte zu. Dieser Leidenschaft verdankt das Deutsche Literaturarchiv eine ausufernde Sammlung mit Schiller-Reliquien, die nun den Leitfaden durch die neue Ausstellung bilden.

Schillers Locken und Socken. Schillers Hut und Hose. Schillers Spiegel und Stirnband. Sein Löffel und Riechfläschchen. Seine Uhr und Weste. Seine Spazierstöcke und Schuhschnallen. Schillers Zahnstocher! Alles ist versammelt. Alles schien seinen Verehrern des Bewahrens, Bewunderns und Verherrlichens wert. Naturgemäß sollte man sich diesen Fragmenten eines Klassikerlebens nicht mit den strengen Echtheitserwartungen eines naturwissenschaftlichen Zeitalters nähern. Stammten alle Locken, die jetzt in Marbach zu sehen sind, tatsächlich von des Dichters Haupt, hätte er sowohl blond wie auch braun- und rothaarig sein müssen. Ob er tatsächlich mit den Karten spielte, mit den Federn schrieb oder sich auf die Stöcke stützte, die hier ausgestellt werden, ist mit letzter Sicherheit nicht zu sagen.

In diesen Zweifeln hätte ein schwerwiegendes Problem für die Ausstellung liegen können. Kann man in den versammelten Bruchstücken aus Schillers Biographie, wenn sie biographische Authentizität oft nur sehr bedingt beanspruchen können, mehr sehen als eine Art Kuriositätensammlung naiver Dichteranbetung? Könnten sie heute überhaupt noch der angemessene Gegenstand einer großen Schau sein? Die Leiterin der Marbacher Literaturmuseen, Heike Gfrereis, hat diese Klippe einfallsreich umschifft, und aus einer Ausstellung von recht gewöhnlichen Gegenständen unklarer Herkunft eine Literaturausstellung gemacht. Sie hat die Devotionalien nämlich lediglich als Aufhänger betrachtet, als Einladungen, um bestimmten Motiven in Schillers Werk und über Schillers Werk hinaus in den unermesslichen Manuskript-Schätzen des Deutschen Literaturarchivs nachzugehen.

Zum Beispiel: Schillers Hut nimmt sie zum Anlass, Belege dafür vorzustellen, welche Rolle der Hut in Schillers Werk spielt. Dass Geßlers Hut auf einer Stange in Schillers „Wilhelm Tell“ eine zentrale Rolle spielt, sollte selbst heute noch zum Allgemeinwissen gehören. Doch wer wüsste zu sagen, dass ein Hut auf einer Stange schon auf der Titelabbildung eines Buches aus Schillers Bibliothek zu sehen war? Und zwar auf dem fünften Band von Goethes „Schriften“ aus dem Jahr 1790, also fast 15 Jahre bevor Schiller seinen „Tell“ schrieb. Die Abbildung ist eine Anspielung auf die letzte Szene von Goethes „Egmont“, in der eine himmlische Vorbotin des Todes dem eingekerkerten Egmont „den Stab mit dem Hute“ darauf zeigt.

Vom Stirnband Schillers, das er in früher Vorwegnahme der Akupressur gelegentlich gegen Kopfschmerzen um den Schädel band, ist es für Heike Gfrereis wiederum nicht weit zu der Gewandbüste, der gerade fünfunddreißigjährige Schiller von sich anfertigen ließ. Diese wahrhaft hoheitliche Form der Darstellung war, so kann die Kuratorin zeigen, schon vor Schiller aus dem Repertoire der antiken und barocken Herrscherporträts für Bildnisse von Schriftstellern übernommen worden. Das Ergebnis begeisterte Schiller in seinem Fall nicht ohne kräftige Beimischung von Selbstverliebtheit: „Ganze Stunden könnte ich davorstehen“, schrieb er an den Bildhauer Dannecker, der die Büste angefertigt hatte, „und würde immer neue Schönheiten an dießer Arbeit entdecken.“

So ist eine Ansammlung von zweifelhaften lebensgeschichtlichen Zeugnissen durch kluge Ergänzungen zu einer sorgsam arrangierten ideengeschichtlichen Ausstellung erweitert worden, die mit Überraschungen aufwarten kann. Höhepunkte sind allerdings nicht zuletzt jene Stücke, in denen sich beide Aspekte, Lebens- sowohl wie Ideengeschichte, zwanglos vereinen. Gezeigt wird zum Beispiel das Arbeitsexemplar von Kants „Kritik der Urteilskraft“ aus Schillers Bibliothek. Selbst ein Betrachter mit wenig Bereitschaft zu sentimentalen Anwandlungen spürt hier einen Hauch von Aura. Wohl kein anderes Buch gewann für die Poetik Schillers und seine Essays solche Bedeutung wie dieses. Man sieht die Striche, die Randbemerkungen Schillers und glaubt sich einen Moment ganz nahe jenem Fluss der Ideen, in dem sich Literaturgeschichte manifestiert.

Thema: Schiller Friedrich | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Daniel Kehlmann

Samstag, 14. Februar 2009 8:28

“Requiem für einen Hund”
Kehlmann und die Komik

Die Aufregung um Daniel Kehlmanns neuen Roman ist groß. Und das zu Recht in meinen Augen. Denn „Ruhm“ ist ein hoch intelligentes und packendes, ein sehr komischen und zugleich sehr ernstes Buch. Bei seinem Erscheinen stieg es gleich auf Platz Eins in die diversen Bestsellerlisten ein und hält sich in der Spitzengruppe. Die Verkaufszahlen sind, meldet der Verlag, sechsstellig. Da bleibt nur, dem Autor zu seinem zweiten großen Wurf in Folge und allen Lesern zu diesem Autor zu gratulieren.

Doch im Rummel um „Ruhm“ droht ein anderes, ein schmales Buch von Kehlmann unterzugehen. Was schade wäre. Mit Sebastian Kleinschmidt, dem Herausgeber der Zeitschrift „Sinn und Form“, hat er zwei lange Gespräche geführt, die unter dem Titel „Requiem für einen Hund“ erschienen sind. Kehlmanns Hund Nutschki begleitete die Gespräche schweigend und starb kurz darauf, weshalb Kehlmann und Kleinschmidt ihm das Bändchen widmeten.

Die beiden treiben hier nicht das übliche Frage-Antwort-Spiel des Interviews. Sie lassen sich auf einen konzentrierten Dialog über literaturtheoretische Fragen ein. Wieder einmal zeigt sich, dass Kehlmann nicht nur kluge Romane zu schreiben versteht, sondern auch Kluges über die Kunst des Romans zu sagen hat. Meist werden sich Kleinschmidt und er schnell einig. Doch in einem, wie ich finde, aufschlussreichen Punkt bleiben mehr Fragen offen, als Antworten gefunden werden.

Kehlmann hat oft beschrieben, wie glücklich er war, als es ihm in „Ich und Kaminski“ (2003) erstmals gelang, seinen Romanen ein dezidiert komisches Element hinzuzufügen. Da er mit diesem Buch dann bei Kritikern wie Lesern auch seinen ersten großen Erfolg erzielte, liegt der Verdacht nahe, dass gerade dieser Sinn für Komik seine Arbeit auf ein neues literarisches Niveau hob. Kein Zufall also, dass Kleinschmidt und Kehlmann in ihrem Gespräch lange um eine Definition des, wie sie sagen, „Humors“ ringen – obwohl Humor wohl eher die Gabe eines Menschen bezeichnet, Komisches zu genießen, nicht aber das Talent, Komik zu erzeugen.

Lehrreich scheint mir, dass Kleinschmidt versucht, zwischen guter und schlechter Komik zu unterscheiden, dass er mit einem ethischen Argument in eine ästhetische Diskussion eingreift: „Entscheidend ist, das der Humor seinen Vorteil nicht auf Kosten seines Gegenstandes oder seines Gegenübers erringt.“ Er wirbt mit Fontane für die „verklärenden Macht des Humors“.

Kehlmann dagegen verteidigt den „eisigen Sarkasmus“, den „eisigen Humor“. Tatsächlich juckt es einen als Leser ja wenig, wenn in einem Roman Pointen auf Kosten einer naturgemäß fiktiven Romanfigur gemacht werden. Wichtig ist nur, ob die Pointe schlagartig etwas über die Figur klar macht – und sie eben nicht verklärt. Ein kleiner Dialog nur, aber er verrät doch viel über die tief sitzende Bereitschaft hierzulande, die Literatur zuallererst unter moralischen, statt unter ästhetischen Gesichtpunkten zu betrachten.

Daniel Kehlmann und Sebastian Kleinschmidt:
“Requiem für einen Hund”.
Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2008
132 Seiten, 12,80 €

Thema: Kehlmann, Daniel, Kleinschmidt, Sebastian | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Greser & Lenz

Mittwoch, 11. Februar 2009 9:25

„Hurra, die Krise ist vorbei“
Das neue Buch von Greser & Lenz und ihre Ausstellung im Frankfurter Museum für komische Kunst

Politische Karikaturen werden gewöhnlich von Politikern bevölkert. Oft genug sind sie darauf mit nur vager Ähnlichkeit porträtiert, dafür aber in höchst eindeutigen Positionen, etwa wie sie an den Stühlen ihrer Gegenspieler sägen, Bürgern die Geldbörsen aus der Tasche ziehen oder Spritzen setzen bei Gestalten, die über der Brust wahlweise Aufschrift wie „Banken“, wie „Krankenkassen“ oder auch „Autoindustrie“ tragen. Nüchtern betrachtet sind das keine Karikaturen, sondern platte Illustrationen von eher platten Gedanken zu tagespolitischen Vorgängen – und leider sind sie nur selten komisch.

Wie gründlich und erfolgreich das Zeichner-Duo Greser & Lenz mit dieser Tradition der deutschen Karikatur gebrochen hat, ist jetzt in der großen Ausstellung „Hurra, die Krise ist vorbei“ im Frankfurter Museum für komische Kunst zu besichtigen. Das Museum bezog erst im vergangenen Oktober sein eigenes Haus. Doch in dem Vierteljahr seither hat es mit seiner Eröffnungsausstellung zum Werk des früh verstorbenen Cartoonisten Bernd Pfarr mehr Besucher angezogen als zuvor in einem ganzen Jahr, als es noch unterm Dach des Historischen Museums Frankfurts untergebracht war. Die neue Institution ist nicht nur für die Stadt, sondern weit darüber hinaus zu einem attraktiven Zentrum für die komische Spielart der bildenden Kunst geworden.

Auf den Zeichnungen von Greser & Lenz sind selten die gewählten Amtsträger des Landes, die Parteivorsitzenden, Kanzler oder Präsidenten zusehen. Hier mal ein Seehofer, da mal ein Schröder, Merkel fast nie. Vielmehr geben die beiden dem demokratischen Souverän die Ehre, also dem Wahlvolk selbst. Wenn also wieder einmal von der Kostenexplosion im Gesundheitswesen und der Überproduktion in der Landwirtschaft die Rede ist, tritt in ihrem entsprechenden Bilderwitz weder der Gesundheits- noch der Landwirtschaftsminister auf, sondern ein kränkelnder Bauer, dem sein Arzt eröffnet: „Die Behandlung wird Ihrer Kasse zu teuer. Sie hat mir eine Stilllegungsprämie für Sie in Aussicht gestellt.“ Oder wenn neue beunruhigende Zahlen zur Altersarmut die Runde machen, ist auf ihrer Karikatur keiner der unvermeidlichen Sozialpolitiker zu sehen, sondern eine gebeugte Gestalt mit Gesichtsmaske, Pistole und Gehilfe, die den Apotheker bedroht: „Eine Tube Hämorrhoiden-Salbe, 20 Viagra und ein Liter Herztropfen, aber dalli.“

Ein entscheidender Vorzug der Karikaturen von Greser & Lenz ist, das sie nachweislich komisch sind. Sie bringen, was auch bei der Eröffnung der Ausstellung nicht zu überhören war, die Betrachtet tatsächlich zum Lachen. Die beiden – im bürgerlichen Leben Achim Greser und Heribert Lenz – haben ihrer kleine Zeichnungs-Manufaktur den Namen „Witze für Deutschland“ gegeben, und damit nicht übertrieben. Gnadenlos nutzen sie die Fallhöhe zwischen der angeblich so hoher Politik und der Banalität des gewöhnlichen Lebens. Das Ergebnis ist nicht immer rundum feinsinnig und schon gar nicht politisch korrekt. Aber lustig. Wenn es in den Schlagzeilen heißt, Deutschland profitiere von eingewanderten Fachkräften, zeichnen sie den afrikanischen Medizinmann Mbongo, wie er mitten in der deutschen Provinz mit Knochen in der Hand beschwörend ums Lagerfeuer tanzt, während der moribunde Patient „Ach, Herr Docktor“ haucht, „ich bin ja so froh, dass die Praxis endlich wieder besetzt ist.

Vor entschlossenen Typisierungen schrecken Greser & Lenz nicht zurück. Jeder Neonazi hat bei ihnen ein Stiernacken und ist sofort als Schläger zu erkennen. Jeder Chef fährt Mercedes, jeder Bayer trinkt Bier und jeder Koch ist fett. Klischees wollen sie nicht durchbrechen, sondern benutzen. Denn erst durch Vereinfachung kann die schnell Pointe zünden. Wenn sie den gesamten Vorstand der Deutschen Bank wegen der Finanzkrise sparsam vor einem Kiosk tagen lassen, dann trägt Josef Ackermann natürlich Unterhemd, Trainingshose und Sandalen, wenn er für seine Leute bestellt: „Zwei Dosen Bier und eine Quittung fürs Finanzamt“.

Der einzigen Weltanschauung, der sich Greser & Lenz verpflichtet fühlen, der einzige Gott, dem sie opfern, ist die Komik. Ansonsten werden Rücksichten nicht genommen. Die Organisation, die bei ihnen Senioren für höhere Rente demonstriert, trägt den schönen Namen „herz attac“. Im Terrorcamp werden die Taliban neuerdings zu Investmentbankern ausgebildet: „Derivate und Zertifikate, viel gutt!“ Und vor der Amtsübernahme des neuen amerikanischen Präsidenten wird das Weiße Haus schon mal schwarz angestrichen.

Doch wer auf ihren Karikaturen nicht nur den Witz sucht, sondern genauer hinschaut, erkennt rasch, dass Greser & Lenz trotz aller Frechheit einen oft sehr zarten Blick auf die Welt pflegen. Seit etlichen Jahren liefern sie rund sieben Bilderwitze wöchentlich ab. Mit vielen davon arbeiten sie an einer liebevollen optischen Bestandsaufnahme des deutschen Alltags. Wie heutzutage und hierzulande Werkhallen und Villen, Kirchen und Kneipen (diese wunderbaren Kneipen!), Behörden oder Bahnhöfe Wohnstuben und Supermärkte aussehen – auf ihren Karikaturen ist es in knappster Form eingefangen

Greser & Lenz:
„Hurra, die Krise ist vorbei!“
Kunstmann Verlag, München 2009
191 Seiten, 18,90 €

Thema: Greser, Achim, Lenz, Heribert | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Philip Roth

Samstag, 7. Februar 2009 15:08

“Empörung”
Philip Roth über die fünfziger Jahre und die Kleinigkeiten, die das Leben entscheiden

Wir schreiben das Jahr 1951. Marcus Messner lebt in Newark, New Jersey, ist 18 Jahre alt und Jude. Er stammt aus einfachen Verhältnissen, sein Vater ist koscherer Metzger, kein sehr religiöser, aber ein solider, gewissenhafter Mann. Marcus hat die High School mit glänzenden Noten abgeschlossen und soll als erster seiner Familie ein College besuchen. In der Zeit zwischen Abschluss der einen und Beginn der anderen Schule arbeitet er im Geschäft seines Vaters. Nach fünf, sechs Stunden ist er erschöpft, und sieht, wie sein Vater unermüdlich weiterarbeitet, Rindehälften zerteilt, Fleisch zurechtschneidet, die Kundschaft bedient.

Auch Marcus muss durchhalten, denn am Ende jedes Tages soll er die Metzgerklötze mit der Eisenbürste abschrubben, soll das Blut wegkratzen, damit der Laden koscher bleibt. In diesen Wochen ist Marcus dem Vater näher als je zuvor oder danach, er liebt und bewundert ihn. Doch schon kurz darauf machen sich beide gegenseitig das Leben zur Hölle. Als College-Student braucht und nimmt sich Marcus erste Freiheiten. Sein Vater aber ist so ängstlich besorgt um sein einziges Kind, dass er ihn mit Verboten überhäuft, jeden seiner Schritte zu kontrollieren versucht und auf alle Ansätze zu größerer Selbstständigkeit mit irrationaler, hysterischer Wut reagiert.

1951 war Philip Roth, der die Geschichte von Marcus Messner in seinem neuen, großartigen Roman „Empörung“ erzählt, 18 Jahre alt und ist als Jude in Newark, New Jersey, aufgewachsen. Er stammt aus einfachen Verhältnissen, sein Vater war zwar kein Metzger, sondern Agent einer Versicherung, aber Konflikte mit ihm sind auch Roth nicht erspart geblieben. „Er war nicht irgendein Vater, er war der Vater mit allem, was es an einem Vater zu hassen gibt und allem, was es an einem Vater zu lieben gibt“, schrieb Roth in seinem Buch „Mein Leben als Sohn“. Dass uns Roth mit Macus so etwas wie einen jugendlichen Doppelgänger seiner selbst vorstellt und in „Empörung“ eine Art Alternativbiographie entwirft, liegt auf der Hand.

Eine Alternativbiographie jedoch, bei der sich alles zum Schlechten wendet. Marcus Messners Leben endet in der Katastrophe – und ist schon deshalb ein literarisch dankbarer Stoff. Wie Roth in seiner Jugend so ist auch Marcus ein exzellenter Student und wie Roth es oft genug bei sich selbst beschrieb, neigt auch Marcus zu einer ungeheuren Intensität: Was immer er für ungerecht oder unsinnig hält, reizt ihn zu radikalem Widerspruch, zur Empörung. Er ist mit hoher Intelligenz, aber mit wenig diplomatischer Zurückhaltung gesegnet. Eigenschaften, mit denen Roth seine Karriere als Schriftsteller beförderte, Marcus aber nach Kräften das eigene Verderben.

Da die Konflikte mit dem Vater zu eskalieren drohen, sucht sich Marcus ein College, das mehrere hundert Meilen von New Jersey entfernt ist. Da er sich mit der ihm eignen Intensität aufs Studium wirft und durch nichts ablenken lässt, ist er unter seinen Kommilitonen bald ein Außenseiter. Da er in Liebensdingen keine Erfahrung hat, stürzt ihn seine erste Freundin – sie ist sexuell ebenso weitherzig wie psychisch gefährdet – in heillose Verwirrung. Da er im College regelmäßig religiöse Predigten besuchen muss, obwohl er sich als Atheist empfindet, bezahlt er einen Strohmann, der für ihn diese Veranstaltungen absitzt. Da der Schwindel auffliegt, wird er vom College verwiesen, als Soldat zum Koreakrieg eingezogen und stirbt, gerade 19-jährig, in einem Schützenloch, aufgeschlitzt vom Bajonett eines chinesischen Soldaten.

Ist es eine Sünde wider den Leser, den Tod des Helden schon in einer Rezension zu verraten? In diesem speziellen Fall nicht. Denn Roth macht fast von Beginn seines Buches an kein Geheimnis aus dem Ende seiner Hauptfigur. Er lässt Marcus selbst die Geschichte seines kurzen unglücklichen Lebens berichten, aber Marcus erzählt sie „Unter Morphium“, wie ein vorangestellter Titel verkündet. Er liegt bereits tödlich verletzt im Schützenloch, weiß, dass er sterben wird, und nur weil das Morphium seine Schmerzen unterdrückt, bleibt ihm noch eine Frist, in der er die einzigen beiden Jahre seines erwachsenen Lebens an sich vorüberziehen lassen kann. Mit diesem erzählerischen Kunstgriff nimmt Roth seiner Geschichte etwas von ihrer möglichen Spannung. Doch verschiebt er damit die Aufmerksamkeit des Lesers von der Frage, ob sich Marcus der drohenden Einberufung zum Koreakrieg entziehen kann, frühzeitig auf die Frage, wodurch sich das Leben dieses so jungen, so begabten Mannes entscheidet.

Natürlich ist die Versuchung groß, in Marcus ein Opfer zu sehen. Ein Opfer der übersteigerten Ängste seines Vaters, der muffigen, sexualfeindlichen Atmosphäre der fünfziger Jahre und vor allem der nicht nur in religiöser Hinsicht engstirnigen Studienordnung des Colleges. Roth hat das College nach Winesburg, Ohio verlegt, was naturgemäß als Hommage an Sherwood Andersons Erzählungs-Zyklus „Winesburg, Ohio“ zu verstehen ist. Marcus hat dort zudem einen Studentenjob in einem Gasthaus namens New Willard House, das offenkundig nach George Willard, Andersons Hauptfigur, benannt ist.

Doch Roth ist ein viel zu intelligenter, ein für Zwischentöne viel zu empfänglicher Schriftsteller, als dass er Marcus schlicht und einseitig zum Opfer stilisierte. Ihn interessiert nicht nur, dass Marcus an den Hindernissen scheitert, die ihm das Leben in den Weg stellt, sondern mindestens ebenso sehr, wie Marcus auf diese Hindernisse regiert und dabei am eigenen Scheitern mitarbeitet. Auf den vernagelten Kontrollzwang seines Vaters reagiert er mit vernagelten Unabhängigkeitserklärungen. Auf die Freizügigkeit seiner Freundin erst mit überspannter Scheu, dann mit überspannten Liebesschwüren. Auf die bornierten Vorschriften des College mit jähzornigem Abscheu.

Der Höhepunkt des Romans ist ein 25-seitiger Dialog zwischen Marcus und dem Dean des Colleges, der für die soziale Betreuung der Studenten zuständig ist. Wie Roth hier nicht nur das geistige Klima jener Jahre, sondern vor allem die Charaktere der beiden Figuren herausarbeitet, ist meisterhaft: Marcus, der sich zunächst nicht in die Karten schauen lassen will, der dann berechtigten Widerspruch erhebt gegen die Verpflichtung, Gottesdienste zu besuchen, und sich in Rage redet, der sich schließlich zu einem zornigen Prediger des Atheismus wandelt und dabei alle Regeln taktischer Klugheit sowie viele Grenzen elementarer Höflichkeit aus dem Blick verliert. Andererseits der Dean, der unter dem Deckmantel väterlicher Fürsorge Marcus seine Macht und seine Vorbehalte gegen Juden spüren lässt, der so tut, als seien seine Fragen von Anteilnahme bestimmt, aber Marcus letztlich einem gnadenlosen Verhör bis in die intimsten Bereiche zu unterziehen versucht.

Man kann „Empörung“ also als alternativen, tragischen Lebenslauf von Philip Roth betrachten, den er sich zurechtgeschneidert hat unter dem Gesichtspunkt, was ihm hätte blühen können, wenn an entscheidenden Punkten seiner Biographie ein paar Kleinigkeiten anders gelaufen wären. Man kann ihn ebenso gut als Roman über das Unglück lesen, das die Spießigkeit und Prüderie der Fünfziger im Leben vieler Menschen anrichtete. Doch darüber hinaus hat das Buch noch einen überzeitlichen, fast mythische Motivstrang, der durch leichthändig in die Handlung eingewobenen Bilder und Symbole getragen wird.

Immer wieder ist von Blut, von Messern und vom Schlachten die Rede. Marcus’ Vater, der Metzger watet beim Schlachten buchstäblich im Blut. Er weiß von Berufswegen, wie verletzlich das Leben ist, wie wenig es braucht, dass ein Messer fehlgeht und unwiderruflichen Schaden anrichtet. Davor will er seinen Sohn bewahren und es ist in der Symbolsprache des Romans kein Zufall, dass er Marcus allabendlich die Aufgabe zuteilt, die Metzgerklötze vom Blut zu reinigen. Doch wie es die absurde Logik des Schicksals will, sorgt sein verzweifelter Drang, den Sohn zu behüten, für eben den Anlass, der den Sohn aus dem Haus treibt und schließlich zum Schlachtopfer, zum Opfer der Bajonett-Schlachten des Koreakrieges werden lässt. Am Ende ist es dann der Sohn, der im Blut watet, dem eigenen und dem seiner Kameraden.

Zugegeben, das klingt reichlich düster und wenig erfreulich. Tatsächlich ist „Empörung“ kein sonnig-wonniger Roman. Doch zum besonderen Rang eines Schriftstellers wie Philip Roth gehört, dass er den Lesern Vergnügen auch an tragischen Gegenständen zu verschaffen versteht. Die Klarheit seiner Sprache, die Dichte der Atmosphäre, die Plastizität seiner Charaktere – dieser Roman eines inzwischen 75-Jährigen ist kein Alterswerk, sondern hat die Energie, die Frische, ja nicht zuletzt die Empörung eines großen Erzählers in seinen besten Jahren. Und dazu den Witz. „Es geht um das Leben, wo der kleinste Fehltritt tragische Folgen haben kann“, sagt der Vater. „O Gott“, antwortet der Sohn, „du redest wie ein Glückskeks.“

Viele der Romane, die Philip Roth in den vergangenen 10 oder 15 Jahren veröffentliche, wurden – zu Recht – Meisterwerke genannt. So viele, dass sich der Begriff mit Blick auf seine Bücher abzunutzen beginnt. Lassen wir ihn also beiseite und ziehen stumm den Hut.

Philip Roth:
“Empörung”. Roman
Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz
Hanser Verlag, München 2009
202 Seiten, 17,90 €

Thema: Roth Philip | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock