Beiträge vom November, 2008

Hans-Ulrich Treichel

Samstag, 29. November 2008 20:26

“Anatolin”
Hans-Ulrich Treichel tänzelt auf der Grenze zwischen Tragödie und Komödie

Damals, als Literatur und Engagement gern wie zwei Seiten der selben Medaille betrachtet wurden, damals, als der Wunsch zu schreiben und der Wunsch, die Welt zu verbessern, für viele untrennbar verbunden schien, sorgte der unermüdliche Störenfried Jean Genet für eine wunderbare Provokation: Er wolle, verkündete er, dass die Welt so schlecht bleibe, wie sie ist, damit er weiter gegen sie sein und weiter gegen sie anschreiben könne. Mangel und Leid sind das Material der Schriftsteller, das sie in Literatur verwandeln und zugleich der Motor, der sie beim Schreiben antreibt. In einer idealen Welt gäbe es wohl keinen Anlass für Literatur.

Diese kleine dialektische Denkfigur wendet Hans-Ulrich Treichel in seinem Roman „Anatolin“ aus dem Politischen ins Persönliche und Biographische. Der Held und Ich-Erzähler seiner Geschichte ähnelt ihm wie ein Ei dem anderen und darf dennoch nicht mit ihm verwechselt werden. Er hat (wie Treichel) einen erfolgreichen Roman geschrieben über die heimliche Suche seiner Eltern nach ihrem ersten Sohn, der auf der Flucht vor den Russen während der Endphase des Zweiten Weltkriegs verschwand. Er ist (wie Treichel) im ostwestfälischen Versmold aufgewachsen und litt dort unter seinen arbeitssüchtigen, kaltherzigen Eltern, die ihrerseits unter dem Verlust ihres ersten Sohnes, ihrer Heimat, ihres gesamten Besitzes litten und alles Vergangene folglich hilflos beschwiegen. Er klagt deshalb (wie Treichel) über ein Gefühl der Wurzellosigkeit, über eine fast zwanghafte Abwehr gegen alles Vergangene und also letztlich über die Unfähigkeit, in den Ereignissen, die ihm zustoßen, so etwas wie seine Lebensgeschichte zu sehen.

Natürlich ist Treichels Held klug genug zu wissen, dass sich das alles nicht nur reichlich seltsam anhört, sondern kaum noch von einer handfesten Neurose zu unterscheiden ist. Allerdings beschäftigt er sich in den Büchern, die er schreibt, seiner lauthals verkündeten Abneigung zum Trotz, unermüdlich mit dem Vergangenen. Er arbeitet also in seinen Romanen daran, seine neurotische Abwehr zu überwinden, sich selbst seine Lebensgeschichte gleichsam vorzubuchstabieren und darf das Schreiben folglich als eine Art fortgesetzte Selbsttherapie betrachten.

Auch in „Anatolin“ steckt ein solches Kapitel psychischer Selbsthilfe. Die Hauptfigur des Romans, die Treichel so täuschend ähnlich sieht, reist mit der Bahn nach Polen, um das Heimatdorf seiner Mutter zu sehen. Auch den Geburtsort seines Vaters, ein abgelegener Flecken irgendwo in der Ukraine, hat er schon besucht. Im Grunde weiß er nicht, was er in diesen verschlafenen Nestern soll, in denen fast alle Erinnerungen an die ehemaligen deutschstämmigen Siedler getilgt sind und kämpft wie immer mit seiner reflexhaften Aversion gegen alles, was mit seiner Vergangenheit zu tun hat. Er versucht sich auf diese Weise jene Familien-Vorgeschichte, von der seine Eltern beharrlich schwiegen, anzueignen und so eine Grundlage für die eigene Lebensgeschichte zu schaffen. Tatsächlich überkommt ihn am Rande jenes polnischen Dorfes, aus dem seine Mutter stammt, ungewohnter Frieden: Er legt sich in eine sonnenbeschienene Mulde und schlummert wohlig auf warmer Muttererde ein.

Wenige Augenblicke später jedoch erwachte er verschwitzt und verlässt den Ort fast wie in Panik. Treichels Held ist viel zu klug, als dass er sich der schönen Hoffnung hingäbe, die Familiengeschichte, die er literarisch zu rekonstruieren versucht, könnte für ihn mehr sein als nur eine konstruierte Geschichte. Das Gefühl des Mangels, das Gefühl ein biographieloser Mensch zu sein, bleibt – und in gewisser Hinsicht ist er froh darüber, denn der Denkfigur Jean Genets folgend, ist es eben dieser Mangel, der seine Arbeit als Schriftsteller vorantreibt. Würde seine Selbsttherapie jemals gelingen, würde er sich selbst des Stoffes berauben, über den er schreibt.

Treichel breitet das alles mit sicherer Hand aus, er ist ein souveräner Erzähler. Doch wirklich lesenswert wird seine literarische Analyse einer sehr speziellen Neurose letztlich, weil Treichel diese Krankengeschichte mit viel lakonischer Iro-nie vorzuführen versteht. Er berichtet nicht nur von dem Schicksal und den Leiden seines Helden, er behält auch im Blick, wie kurios und verstiegen dessen Nöte klingen. So tänzelt sein Roman anmutig auf der Grenze zwischen Tragödie und Komödie – und ihm bei diesem Balanceakt zuzuschauen, macht aus der Lektüre tatsächlich ein Vergnügen.

Hans-Ulrich Treichel:
“Anatolin”. Roman
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008
189 Seiten, 17,80 €

Thema: Treichel Hans-Ulrich | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Uzodinma Iweala

Samstag, 29. November 2008 14:23

“Du sollst Bestie sein!”
Massaker, Märsche, Morde: Uzodinma Iweala erzählt vom Schicksal eines afrikanischen Kindersoldaten

Leid lässt sich nicht rezensieren. Vor dem Elend verstummt das ästhetische Urteil. Einem Bericht über erlittene Qualen wird man nicht gerecht mit Fragen nach der Sprach- oder literarischen Gestaltungskraft des Autors, sondern durch Mitgefühl, Respekt und Empörung über die Ursachen der Qual. Etwas anderes ist es, wenn die geschilderten Leiden der Imagination des Autors entspringen, wenn der Autor sich in die Lage eines Erniedrigten und Gepeinigten hineinversetzt hat, um von dessen fiktivem Unglück zu erzählen. Auch dann kann das Ausmaß des Leids den Leser fassungslos machen. Doch da es sich nicht um einen Erlebnisbericht handelt, sondern um ein Kunstwerk, liegt es sehr viel näher und ist nicht deplatziert, nach der Machart, nach den literarischen Qualitäten der Geschichte zu fragen.

Uzodinma Iwealas Roman „Du sollst Bestie sein!“ ist nur sehr schmal, aber randvoll mit Schrecken, Gewalt und Grausamkeit. Iweala wurde 1982 in den Vereinigten Staaten als Sohn nigerianischer Eltern geboren. Sein Vater ist Arzt und arbeitet in Washington. Seine Mutter Ngozi Okonjo-Iweala war Vizepräsidentin der Weltbank, zwischen 2003 und 2006 Finanz-, bzw. Außenministerin Nigerias und kehrte inzwischen zur Weltbank zurück. Der heute 25-jährige Uzodinma ist in Amerika aufgewachsen, kennt Afrika von Reiseaufenthalten, hat in Harvard einen Abschluss in Englische Literatur gemacht und studiert zurzeit in New York Medizin.

Kurz: Uzodinma Iweala ist ein hochbegabter junger Mann, der zudem das Glück hat, exzellente Schulen mit großartigen Lehrern besuchen zu können – bei der Arbeit an seinem Roman beriet ihn unter anderem die Schriftstellerin und Harvard-Professorin Jamaica Kincaid. Er wirkt auf seiner Lesereise durch Deutschland trotz seiner Jugend sehr professionell, fast routiniert. In den Vereinigten Staaten kam das Buch 2005 heraus, es liegt für Iweala schon eine ganze Weile zurück, man spürt das. Er sei, sagt er, neugierig auf Deutschland, und antwortet dann abgeklärt auf die Fragen zu seinem Roman. Er hat etwas von der früh erworbenen Weltläufigkeit des Diplomatenkindes.

Ein schärferer Kontrast als der zu dem Helden seines Buches ist schwer vorstellbar: Agu ist in etwa zehn Jahre alt, wächst in einem Bauerndorf eines nicht näher benannten afrikanischen Landes auf und besucht die dortige Zwergschule. Ein plötzlich aufflammender Krieg reißt die Familie auseinander: Mutter und Schwester müssen fliehen, der Vater wird von marodierenden Rebellen erschossen und Agu von dem nächstbesten, ebenfalls marodierenden Soldatenhaufen zwangsrekrutiert.

Was dann folgt, ist definitiv nichts für Leser mit zartem Gemüt. Agu wird von dem Kommandanten des Trupps, in den er geraten ist, zum Kämpfen und Töten abgerichtet. Zu Anfang zögert Agu und der Kommandant muss ihm, als das erste Opfer wehrlos vor ihm kniet, buchstäblich die Hand führen: „Kill ihn, sagt der Kommandant in mein Ohr und hebt meine Hand mit der Machete hoch. Kill ihn. Der Feind sagt zu mir, bitte töte mich nicht. Bitte. Gott wird dich dafür segnen. Und bei jedem Wort spuckt er Spucke und Blut überallhin. Dann pinkelt er und kann gar nicht mehr aufhören. Siehst du diesen Mann, sagt Kommandant. Schau ihn dir an. Er ist nicht mal ein Mann. Der bepisst sich wie ein Schaf, wie eine Ziege, wie ein Hund. Er nimmt meine Hand und schlägt mit ihr so hart auf den Kopf vom Feind, und mein ganzer Körper fühlt sich an, wie wenn Strom durchgeht. Der Mann schreit, AJEEII!, lauter als das Geräusch von Kugel, und dann hält er sein Kopf, aber das hilft nichts, weil sein Kopf platzt auf und Blut läuft raus wie Milch aus Kokosnuss.“

Auf diese Weise geht es für Agu von nun an weiter. Sein Leben verwandelt sich in einen endlosen Albtraum aus LKW-Fahrten, Märschen, Überfällen und Massakern, aus katastrophaler Ernährung, permanentem Hunger und Nächten im Morast. Als sei das des Entsetzlichen noch nicht genug, pflegt der Kommandant ihn oder einen anderen Kindersoldaten seiner Truppe außerdem noch jeden Abends an seine Pritsche zu befehlen, um ihn zu vergewaltigen. Für Agu versinkt alles in einem großen Wirbel des Grauens, er lebt wie in einem Fieberwahn, aus dem er sich in Erinnerungen zu retten versucht an die heile Welt in seinem Heimatdorf vor dem Krieg.

Es ist unmöglich, von all dem nicht bestürzt und schockiert zu sein. Zumal man sich als Leser bei jeder Seite des Romans darüber klar sein muss, dass es in der Realität verzweifelt viele Beispiele für ein Schicksal wie das Agus finden lassen. Nach Schätzungen von Terre des hommes und der UN werden gegenwärtig weltweit 250.000 zwangsrekrutierte Minderjährige von regulären Armeen oder Rebellengruppen unter Waffen gehalten. Allein zwischen 1990 und 2000 sind etwa 2 Millionen Kindersoldaten gefallen. Aus politischer Sicht ist das Buch, da es den Blick auf diese katastrophalen Tatsachen lenkt, auf jeden Fall verdienstvoll. Bleibt die Frage nach seiner literarischen Machart.

Iweala hat für seinen Helden, aus dessen Perspektive er den ganzen Roman erzählt, eine eigenwillig beschränkte Sprache erfunden, eine Art Mixtur aus Pidgin und Kindersprache. Sie hat im englischen Original zudem einen leise hörbaren Rhythmus, den Iweala, wie er erzählt, bei Besuchen in Nigeria unter Halbwüchsigen aufgeschnappt hat – von dem aber in Marcus Ingendaays Übersetzung ins Deutsche leider nur wenig zu spüren ist. Eine derart reduzierte Sprache wirkt allerdings sehr schnell dürftig. Es sei denn, dem Autor gelingt es, ihr eine besondere, überraschende Poesie abzugewinnen, indem er trotz dürrem Vokabular und unbeholfener Grammatik Wahrnehmungen und Empfindungen mit großer Anschaulichkeit zu vermitteln versteht. Doch solche Höhenflüge sind in Iwealas Roman selten. Natürlich liefert die Geschichte eindrucksvolle Splatter-Effekte, doch daneben bleibt das, was über Agus Lebensbedingungen und sein Gefühle berichtet wird, undifferenziert und matt.

Nüchtern betrachtet erfährt man über die Zeit, die Agu als unfreiwilliger Kämpfer seines Kommandanten verbringt, fast nichts. Obwohl er dessen Trupp nun auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist, scheint er zu keinem der Soldaten irgendeinen nennenswerten Kontakt aufzubauen. Von zwei, drei Fällen abgesehen, tragen die Männer, mit denen Agu sein Schicksal teilt, für den Leser nicht einmal Namen. Sie werden allenfalls als Schemen sichtbar. Von der Kunst, Nebenfiguren mit einigen wenigen Strichen zu charakterisieren und so das soziale Umfeld, in dem sich der Romanheld bewegt, näher auszuleuchten, scheint Iweala wenig zu halten.

Kommt hinzu, dass man als Leser zwar immerzu um Leib und Leben des bedauernswerten Kindersoldaten Agu fürchten muss, erstaunlicherweise aber nie um dessen ethische Grundsätze. Sicher, irgendwann einmal versucht er sich an einer kindlich verqueren Rechtfertigung seines mörderischen Treibens: „Ich bin nicht böser Junge. Ich bin Soldat, und Soldat darf das, töten. Das sag ich mir, weil Soldat muss killen, killen, killen. Deshalb, wenn ich kill, mach ich nur, was richtig ist.“ Doch schon im nächsten Satz spricht Agu dann wieder von den vielen „Stimmen in meinem Kopf, die sagen, ich wär böser Junge.“ Sein Gewissen lässt ihm keine Ruhe, gleichgültig wie inhuman seine Lebensumstände sind. Im Grunde weiß er genau, dass er nicht töten dürfte. Lediglich durch „Gun-Juice“, eine aufputschende, enthemmende Droge, die der Kommandant seinen Leuten vor Gefechten verabreicht, ist er zu seinen grauenvollen Taten bereit und fähig.

Inmitten barbarischer Landsknechte wirkt Agu deshalb wie ein in seinem guten Kern letztlich unantastbarer Unschuldiger. Nichts ist zu spüren von der sonst so verbreiteten Freude halbwüchsiger Knaben am Kampf, nichts von einer Faszination durch Waffen oder Macht, nichts von einer zunehmenden Abstumpfung und Verrohung durch das Zusammenleben mit einer Soldateska, die kaum ein Verbrechen auslässt. Der Roman bekommt damit, trotz der Ströme von vergossenem Blut, etwas Verharmlosendes und Traktathaftes. Agu scheint noch die schrecklichsten Erfahrungen zu überstehen, ohne selbst zu einem schrecklichen Menschen zu werden.

Vielleicht ist eben das ein Baustein für den Erfolg dieses Buches: Man möchte als Leser nur zu gern daran glauben, dass Kinder durch die Hölle gehen könnten, ohne dass ihre Seele ernstlich Schaden nimmt. Iwealas Roman kommt dieser Sehnsucht weit entgegen. Sicher, das Buch zu lesen ist erschütternd, aber dennoch zugleich trostreich. Man spürt, dass Agu Bestie sein soll und ist sich trotzdem jederzeit sicher, dass er es niemals sein wird.

Uzodinma Iweala:
“Du sollst Bestie sein!”
Aus dem Englischen übersetzt von Marcus Ingendaay
Ammann Verlag, Zürich 2008
155 S., 18,90 €

Thema: Iweala, Uzodinma | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Alison Lurie

Donnerstag, 27. November 2008 15:20

Wo Unglück ist, wächst die Versuchung auch
Alison Lurie erzählt von zwei ungleichen Paaren, die wie für einander gemacht sind

Wieso lieben wir eigentlich den Menschen, den wir lieben? Weil er so ist, wie er ist? Sicher, so soll es sein. Doch falls sich dieser Mensch verändert, sind wir dann in unserer Liebe unbeirrbar? Falls er – vielleicht durch einen Schicksalsschlag – zu einem anderen Menschen wird, bleiben wir dennoch bei ihm? Und wenn wir trotz aller Veränderungen treu zu ihm stehen, was steckt dann dahinter: Unsere Liebe, die ihm früher galt, oder der Wunsch, unsere Standhaftigkeit und unseren guten Charakter unter Beweis zu stellen? Derart unbequemen Fragen spürt Alison Lurie, eine der großen alten Damen der amerikanischen Literatur, in ihrem Roman „Paare“ nach. Die Geschichte erinnert ein wenig an einen Versuchsaufbau unter Laborbedingungen. Man wird jedoch den Eindruck nicht los, als habe Alison Lurie diesen Versuch im Grunde gar nicht gebraucht. Sie scheint keine Sekunde in Zweifel darüber gewesen zu sein, wie das Ergebnis auszusehen hat.

Ihre Heldin heißt Jane Mackenzie. Jane ist Verwaltungsangestellte einer amerikanischen Universität und seit sechzehn Jahren kinderlos verheiratet mit Alan, Professor für Architekturgeschichte, der an der gleichen Universität lehrt. Das Leben der beiden verläuft in ausgeglichenen, ja glücklichen Bahnen – bis sich Alan beim Sport verletzt, ein Bandscheibenvorfall, der trotz Behandlung durch etliche Ärzte und eine Operation nicht geheilt werden kann. Die permanenten Rückenschmerzen verwandeln den zuvor geduldigen, erfolgreichen, charmanten Hochschullehrer binnen einem Jahr in ein gereiztes, ständig missgelauntes, oft arbeitsunfähiges und dazu medikamentenabhängiges Wrack.

Jane findet sich plötzlich in einem völlig anderen Leben wieder, einem Leben als Krankenschwester, die fast rund um die Uhr für einen anspruchsvollen Patienten zu sorgen und auf Freizeit mit Freunden oder Sex zu verzichten hat, denn zu beidem findet Alan seiner Schmerzen wegen keine Kraft mehr. Wie weit also trägt in einem solchen Fall die Liebe, wenn man an dem neuen kranken Alan sowohl körperlich wie charakterlich kaum noch etwas entdecken kann, was an den gesunden alten Alan erinnert? Jane ist ganz aufopferungsbereite Ehefrau, leistet Verzicht, erduldet ihren quengeligen Mann und scheint fest entschlossen, der Welt das Beispiel einer auch in schlechten Tagen treuen Gefährtin vorzuleben. Doch wie viel hat das noch mit Liebe zu tun?

Aber wo das Unglück ist, wächst die Versuchung auch – weiß Alison Lurie. Also konfrontiert sie die Mackenzies mit einem anderen Paar, das sich als ein versuchstechnisch perfektes Gegenstück zu ihnen herausstellt. Delia ist Schriftstellerin, kommt als Gastprofessorin an die Universität, und ist so überspannt und launisch, wie es ihr Name erwarten lässt. Ihr Mann ist ein eher bodenständiger Lektor, hört auf den bodenständigen Namen Henry und sorgt für alles, um das sich seine Frau nicht sorgen mag. Schnell beginnen sich die Paare neu zu gruppieren: Delia ermutigt Alan, der durch seine Krankheit immer dünnhäutiger geworden ist, seine brachliegenden kreativen Talente zu entdecken und verführt ihn nebenbei zu Formen der Sexualität, die ohne vollen Körpereinsatz auskommen. Jane erwischt die beiden dabei, ist empört und gibt sich bald schon mit Henry gewöhnlicheren Freuden hin.

Wie die Geschichte ausgeht, soll hier nicht verraten werden. Sie ist, obwohl im Grunde wenig und schon gar nichts Spektakuläres geschieht, immer temporeich und anschaulich. Alison Lurie, Jahrgang 1926, eine routinierte Erzählerin zu nennen, ist sicher nicht übertrieben. Für ältere Bücher wurde sie mit dem Pulitzerpreis und dem Prix Fémina Étranger ausgezeichnet. Mit wenigen Sätzen versteht sie vor den Lesern die üblichen Kulissen des angelsächsischen Campus-Romans aufzurichten. Man merkt sofort, sie kennt das Milieu, kennt die einschlägige literarische Tradition und fühlt sich als Leser gut bei ihr aufgehoben.

Doch geht die Rechnung dieses Romans alles in allem zu glatt auf. Den Vorwurf, die Figuren ein wenig zu gradlinig und passgenau zurechtgeschneidert zu haben, kann man Alison Lurie nicht ersparen. Die beiden Paare gewinnen wenig Individualität und wirken eher wie Demonstrationsobjekte, an denen Alison Lurie vorführt, was ihr am Herzen zu liegen scheint: Nämlich, dass auch die lang erprobte, stabile Liebe naturgemäß nichts Zeitloses oder Unzerstörbares ist, sondern sich mit einer Änderung der Rahmenbedingungen sehr schnell verflüchtigen kann. Eine traurige, aber letztlich nicht sehr überraschende Einsicht.

Alison Lurie:
“Paare”. Roman
Aus dem Amerikanischen von Renate Orth-Guttmann.
Diogenes Verlag, Zürich 2008
309 S., 20,90 €

Thema: Lurie, Alison | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Herzlich Willkommen!

Dienstag, 25. November 2008 10:29

Büchertagebuch
Von Uwe Wittstock

Eine Auswahl meiner Buchrezensionen, Schriftstellerporträts, Interviews etc. entstanden seit dem Jahr 2000. Hier in extrem alphabetischer Reihenfolge streng nach Autorenamen von “Aichinger, Ilse” bis “Zeh, Juli”. Die meisten sind erstmals in der Tageszeitung “Die Welt” gedruckt worden, allerdings mitunter in leicht gekürzter Form. Hier erscheinen sie in voller Länge und Schönheit. Um einzelne Artikel aufzurufen bitte einfach auf den Autorennamen klicken.

Thema: Zum Schluß | Kommentare (1) | Autor: Uwe Wittstock

Literatur und Atom

Freitag, 21. November 2008 10:51

„Strahlungen“
Das Literaturmuseum der Moderne in Marbach zeigt eine Ausstellung zu „Atom und Literatur“

Der erste Roman über die Atombombe wurde geschrieben, lange bevor es die Atombombe gab. Eric Ambler, der Großmeister des Polit-Thrillers, dessen Bücher so oft die Grenzen des Genres überschreiten, dass man ihn besser einen Meister des politischen Romans nennen sollte, war noch ein junger Werbetexter, als er in wissenschaftlichen Zeitschriften über neue Forschungsergebnisse der Atomphysik stolperte. Er zog daraufhin einige sehr nüchterne Schlussfolgerungen, die nur wenig Vertrauen in die moralischen Standards führender Wissenschaftlern und Politiker erkennen lassen und schrieb 1935 seinen ersten Roman „The Dark Frontier“. Darin wird die Atombombe zum Objekt naturgemäß übler machtpolitischer Machenschaften. Aber vom Weltuntergang ist nirgendwo die Rede.

In der Ausstellung „Strahlungen. Atom und Literatur“ im Marbacher Literaturmuseum der Moderne spielt Amblers Roman keine Rolle, denn sie ist der deutschsprachigen Literatur gewidmet. Doch auch ein deutscher Autor, Gerhard Hauptmann, war seiner Zeit voraus und ließ bereits 1943, zwei Jahre bevor die beiden ersten Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki fielen, in seinem Romanfragment „Der neue Christopherus“ eine Figur die Gefahren nuklearer Rüstung ausmalen: „Da gibt es zum Beispiel ein Uranatom; wenn es von einem anderen getroffen und aufgespalten wird, entwickelt es mächtige Energie. Sofern rapide Summierungen ein Uranoxydpulver zu einem Kubikmeter vereinen, entwickelt es in weniger als dem hundertsten Teil einer Sekunde Energie, die ausreicht, um ein Gewicht von einer Million Tonnen siebenundzwanzig Kilometer hochzuheben. Seine Explosion könnte unserem ganzen Planeten zur gefährlichen Katastrophe werden.“

Vielleicht ist es mehr als ein Zufall, dass schon in diesem ersten Dokument, in dem ein deutscher Schriftsteller eine Atomexplosion imaginiert, gleich von Gefahren die Rede ist, die planetares Ausmaß annehmen. Denn die Angst vor dem ultimativen Desaster, vor der selbst bereiteten Apokalypse ist der beherrschende Zug der literarischen Zeugnisse, die in der von Helga Raulff zusammengestellten Marbacher Ausstellung zu sehen sind. In den allerersten Nachkriegsjahren waren die deutschen Reaktionen auf Hiroshima und Nagasaki noch verhalten. Zu sehr war man hierzulande mit der eigenen Kriegsschuld, der totalen Zerstörung der Städte und dem Wiederaufbau beschäftigt. Doch spätestens Anfang der fünfziger Jahre, parallel zu den amerikanischen Tests der Wasserstoffbombe, spielt das Thema im literarischen und intellektuellen Leben eine immer gewichtigere Rolle.

Wenn man heute, ein halbes Jahrhundert später, auf die Debatten von damals zurückschaut, will einem manches davon ausgesprochen deutsch erscheinen. Überall macht sich der Drang zur möglichst dramatischen, überhitzten Formulierung bemerkbar, der alle vorangegangenen Wortmeldungen an Pathos noch zu übertreffen versucht. Immer wieder spürt man den Wunsch, alle Überlegungen bis zu ihren äußersten, extremsten Konsequenzen voranzutreiben – und vor diesem Hintergrund dann mit rigorosem Moralismus zu letztgültigen Bekenntnissen und Entscheidungen aufzurufen. Nur von nüchterner Sachkenntnis und realpolitischen Pragmatismus ist bei all dem wenig zu finden.

Das alles tut der literarischen Qualität nicht gut. Nur wenige der in Marbach gezeigten Manuskripte können heute mehr als ein literaturhistorisches Interesse wecken. Auch die entsprechenden theoretischen Überlegungen von zeitgenössischen Philosophen wie Karl Jaspers oder Martin Heidegger („…das ontische Ende des Planeten…“) machen inzwischen einen einigermaßen angestaubten Eindruck. Andererseits erwiesen sich die hoch emotionalisierten Kampagnen gegen die nukleare Aufrüstung offenkundig als Kristallisationspunkte für einen späteren brutalen politischen Radikalismus: Die erste literarische Anti-Atom-Anthologie mit dem unbedingt zustimmenswerten Titel „Gegen den Tod“ wurde herausgegeben von Gudrun Ensslin und Bernward Vesper; zu den Mitarbeitern des „Komitees gegen Atomrüstung“ gehörte die Studentin Ulrike Meinhof.

Zum desillusionierenden, aufklärerischen Gehalt der Ausstellung gehört, dass sie mit einigen Missverständnissen aufräumt, die sich mitunter bis heute gehalten haben. Der nach dem Krieg im Zivilleben gescheiterte US-Pilot Claude Eatherly gab sich als Kommandant des Flugzeuges aus, der die Bombe über Hiroshima abgeworfen hatte. Der Philosoph Günther Anders korrespondierte mit ihm, Marie Luise Kaschnitz und Ludwig Harig schrieben Gedichte über ihn. Dass er zerrüttet in einem Sanatorium lebte, wurde seinerzeit als Beleg dafür herangezogen, wie sehr er unter der Verantwortung für seine Tat leide. Doch flog Eatherly, wie sich inzwischen nachweisen ließ, nur einen Wetteraufklärer, der mit dem Bombenabwurf nichts zu tun hatte. Der tatsächliche Kommandant des Hiroshima-Angriffs Paul W. Tibbet schied 1966 als Brigadegeneral aus der Armee aus und rechtfertigte den Bombenabwurf bis ins hohe Alter als Kriegshandlung.

Und Heinar Kipphardts Drama „In der Sache J. Robert Oppenheimer“ gilt als hervorragendes Beispiel des Dokumentartheaters, das authentische Zeugnisse auf die Bühne bringt. Kipphardt lässt seine Hauptfigur Oppenheimer, der als Physiker maßgeblich die Konstruktion der amerikanischen Atombombe vorantrieb, im Schlussmonolog das eigene Tun verdammen: „Wir haben die Arbeit des Teufels getan, und wir kehren nun zu unseren wirklichen Aufgaben zurück.“ Doch in einem Brief, der in Marbach zu sehen ist, bestreitet der reale Oppenheimer diese Kehrwendung energisch. Man habe ihm die Frage gestellt, ob er, auch in Kenntnis der historischen Resultate, sich wieder für eine Mitarbeit am amerikanischen Atomprogramm entscheiden würde: „To this I answered yes.“

Auch Ängste haben ihre Konjunkturen. Seltsam, wie wenig Raum die Gefahr eines mit nuklearen Waffen ausgetragenen Kriegs heute im öffentlichen Bewusstsein einnimmt. Seltsam, wie viel mehr Aufmerksamkeit der Terrorismus in Anspruch nimmt, obwohl selbst in schwärzesten Szenarien die Gefahren, die von ihm ausgehen, ungleich geringer sind.

Thema: Literatur und Atom | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Ruth Klüger

Sonntag, 2. November 2008 10:20

Kleine Skizze einer großen Autorin: Ruth Klüger
Frankfurter Rede anlässlich der Übernahme des Marcel Reich-Ranicki-Lehrstuhls an der Universität Tel Aviv durch Ruth Klüger

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin Petra Roth,
lieber Marcel Reich-Ranicki,
liebe Tosia Reich-Ranicki,
sehr verehrte Frau Klüger,
meine Damen und Herren,

„Er war ein Dichter und hasste das Ungefähre“, lautet eine der vielzitierten Zeilen von Rainer Maria Rilke. Nicht so oft zitiert wird die Fortsetzung dieses Satzes: „Vielleicht war es ihm nur um die Wahrheit zu tun.“

Ruth Klüger ist eine Dichterin buchstäblich von Kindesbeinen an. Sie war Wienerin und sechs Jahre alt, als die Nationalsozialisten aus Österreich die Ostmark machten. In diesem Augenblick endete die Kindheit Ruth Klügers, denn zur Kindheit gehört doch wohl, dass ein junger Mensch sich behütet und behutsam seine ersten Wege durch die Welt suchen darf. Doch für Ruth Klüger bestand die Kindheit von nun an nicht aus sacht wachsender Selbstständigkeit, sondern aus rapide wachsenden Einschränkungen und Verlusten. Sie durfte in kein Kino mehr gehen, durfte auf keiner Parkbank mehr sitzen, schließlich keine Schule mehr besuchen. In immer schlechtere, dunklere Wohnungen musste sie umziehen und auf der Straße einen gelben Stern tragen, weshalb selbst Spaziergänge keinen Reiz mehr für sie hatten. Und sie verlor, größter Verlust von allen, ihren Vater. Da war sie neun.

Sentimentalität liegt Ruth Klüger fern. In ihrer Autobiographie schreibt sie nicht, angesichts all dieses Unrechts und dieser Verluste habe sie sich als Kind von der Literatur das Leben verzaubern oder verschönern lassen. Sie schreibt stattdessen: „Man ließ mich lesen, weil ich dann niemanden behelligte.“ Nachdem sie von der Schule ausgesperrt worden war, sah sie monatelang keine Kinder und auch die Familie hatte wenig Zeit. Also vertiefte sie sich in Bücher, las Schiller und andere Klassiker, denn die galten den Erwachsenen als unbedenklich, und da sie ein Talent hatte zum Auswendiglernen, brauchte sie für Schillers Balladen bald kein Buch mehr. Sie sagte sie sogar auf der Straße murmelnd her, was ihre Verwandten für unmanierlich hielten. Aber als sie dann zwölfjährig im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau bei den Appellen stundenlang in der Sonne stehen musste, hatte sie in diesem lyrischen Gedächtnisvorrat etwas, mit dem sie sich über die Zeit retteten konnte. Und beim Auswendighersagen blieb es nicht. Schon im ersten KZ, in das man sie und ihre Mutter deportierte, in Theresienstadt schrieb sie eigene Gedichte, und im KZ Christianstadt dann Verse, mit denen sie das Unfassliche, was sie zwischenzeitlich in Auschwitz erlebt hatte, fassbar zu machen versuchte.

Ruth Klüger ist eine Dichterin und hasst das Ungefähre. An beidem lässt ihre inzwischen zweibändige Autobiographie keinen Zweifel. Sie nimmt es genau und sie hat die Fähigkeit zur genauen Beobachtung, zu genauen Gedanken, zur genauen Formulierung. Auch und gerade wenn es um ihre Erfahrungen während des Holocaust geht. Sie will, so schreibt sie, sich nicht mit der „Schreckensrührung“ zufrieden geben, in die viele Menschen verfallen, wenn sie von den KZs hören und denen, so schreibt sie „alle Lager in einem Entsetzensnebel verschwimmen, worin man sowieso keine Einzelheiten erkennen kann“.

Ihre Genauigkeit auch in den Einzelheiten ermöglicht Ruth Klüger unerwartete Einsichten. Da sind zum Beispiel die Minuten, in denen sich ihre Rettung aus Auschwitz entschied. Frauen von 15 bis 45 wurden selektiert für einen Arbeitstransport, der Auschwitz verlassen durfte. Ihre Mutter hatte es geschafft, sie war dem Transport zugeteilt worden. Aber Ruth Klüger hatte dem SS-Mann, der die Auswahl traf, die Wahrheit gesagt, sie sei erst zwölf und der verurteilte sie daraufhin mit einem Kopfschütteln zum Tode. Doch die Mutter überredete die Tochter, sich ein zweites Mal bei einem anderen SS-Mann anzustellen. Und dessen Schreiberin, eine Gefangene wie alle andern, bestärkte Ruth Klüger nicht nur flüsternd darin, ihr Alter diesmal mit 15 anzugeben, sondern überzeugte noch dazu den SS-Mann, diese wenig glaubwürdige Angabe zu akzeptieren.

An einer solchen Szene zeigt sich die Genauigkeit des Nachdenkens und Erzählens von Ruth Klüger. Sie schildert die Szene nicht nur, sie erforscht sie. Es gab für diese Schreiberin nicht den geringsten Grund, sich für sie einzusetzen. Ruth Klüger hatte diese junge Frau noch nie zuvor gesehen und ist ihr auch danach nicht mehr begegnet. Dennoch hat diese Mitgefangene ohne den geringsten Vorteil für sich erwarten zu können, etwas ganz und gar Unerwartbares getan und viel riskiert für eine fremde Zwölfjährige. „Sie sah mich“, schreibt Ruth Klüger, „in der Reihe stehen, ein zum Tod verurteiltes Kind, sie kam auf mich zu, sie gab mir die richtigen Worte ein, und sie hat mich verteidigt und durchgeschleust. Die Gelegenheit zu einer freien, spontanen Tat war nirgends und nie so gegeben wie dort und damals.“ Ein Absatz weiter spitzt Ruth Klüger diese Einsicht noch einmal zu. Die junge Frau hatte nichts zu gewinnen und konnte allzu leicht alles verlieren. Wenn sie sich dennoch gegen jeden Eigennutz für eine Unbekannte einsetze, dann war das eine tatsächlich altruistische, eine tatsächlich freie Entscheidung: „Es kann“, folgert Ruth Klüger, „die äußerste Annäherung an die Freiheit nur in der ödesten Gefangenschaft in der Todesnähe stattfinden, also dort, wo die Entscheidungsmöglichkeit auf fast Null reduziert ist. In dem winzigen Spielraum, der dann noch bleibt, dort, kurz vor Null, ist die Freiheit.“

Solche Sätze haben es in sich. Sie setzen einer anonymen Schreiberin ein Denkmal, die unter unsäglichen Bedingungen menschlich handelte, und sorgen mit ihrer Unerbittlichkeit beim Leser für einen Schock, der in Erinnerung bleibt. Ruth Klügers Bücher sind voller solcher Sätze. Zum Beispiel, wenn sie nachdenkt über all die literaturkritischen Verbotstafeln, die in den ersten Nachkriegsjahren aufgerichtet wurden, und wenn sie sich dann die hochfahrenden Verbotstafel-Aufsteller wie Adorno zum Beispiel vorknöpft: „Ich meine“, schreibt sie, „die Experten in Sachen Ethik, Literatur und Wirklichkeit, die fordern, man möge über, von und nach Auschwitz keine Gedichte schreiben. Die Forderung muss von solchen stammen, die die gebundene Sprache entbehren konnten, weil sie diese nie gebraucht, verwendet haben, um sich seelisch über Wasser zu halten. Statt zu dichten möge man sich nur informieren, heißt es, also Dokumente lesen und ansehen – und dass gefassten, aber auch betroffenen Mutes. Und was sollen sich Leser und Betrachter solcher Dokumente dabei denken? Gedichte sind eine bestimmte Art von Kritik am Leben und könnten ihnen beim Verstehen helfen. Warum soll man das nicht dürfen? Und“, spitzt Ruth Klüger ihren Widerspruch erneut zu, „was ist das überhaupt für ein Dürfen und Sollen? Ein moralisches, ein religiöses? Welchen Interessen dient es? Wer mischt sich hier ein?“

Ich glaube, es wäre ein Klischee, wollte man Ruth Klüger solcher Sätze wegen eine streitbare Frau nennen. Das klänge ein wenig so, als würde sie Kontroversen suchen, damit unser öffentlicher Debattenbetrieb kräftig brummt und weiterlaufen kann. Nein, treffender ist es wohl, Ruth Klüger eben eine Dichterin zu nennen, die auf Genauigkeit besteht, weil es ihr um die Wahrheit zu tun ist – und die dafür keinem Streit aus dem Weg geht. Nicht nur, wenn es um ihre Erfahrungen in deutschen KZs geht oder um allzu selbstgewisse Literaturtheorie. Schonungslos ist sie auch sich selbst gegenüber.

Wie sie in ihren beiden autobiographischen Büchern die, wie es wörtlich heißt, „blühende gegenseitige Mutter-Tochter-Neurose“ entfaltet, wie sie über die zehn Jahre ihrer frostige Ehe oder über das komplexe Verhältnis zu ihren beiden Söhnen schreibt, ist nie exhibitionistisch oder indiskret, aber doch von einer solchen Schärfe und Klarheit, wie man sie selten findet. Auch das, was die Feministin Ruth Klüger über das Verhältnis zwischen Männern und Frauen schreibt und mit Alltagsbeobachtungen untermauert, ist von solcher Treffsicherheit, dass man es gerade als Mann nicht leichten Herzens liest.

Oder was sie vom akademischen Betrieb zu erzählen hat: Sechs Jahre lang war sie Ordinaria in Princeton, einer den nobelsten Eliteuniversitäten der amerikanischen Ostküste. Doch was sie mit den ausschließlich männlichen Professoren im German Department dort erlebte, war alles andere als nobel: Die ließen fast keine Gelegenheit aus, ihr das Gefühl zu vermitteln, sie sei dort nur als Quotenfrau geduldet, die an das wissenschaftliche Niveau ihrer männlichen Kollegen nicht heranreiche. Die intensive Beschäftigung mit Kultur, die Ruth Klüger bei diesen Professoren-Kollegen doch wohl voraussetzen durfte, hatte deren Verhalten offenbar nur an der Oberfläche zu kultivieren vermocht. Was darunter zum Vorschein kam, ließ manches von der Behauptung Schillers, die Literatur trage bei zu einer ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechts, in einem eher fahlen Licht erscheinen.

Bleibt zum Abschluss nur, zu der Berufung von Ruth Klüger als erster Gastprofessorin auf den Marcel Reich-Ranicki-Lehrstuhl für Deutsche Literatur an der Universität Tel Aviv zu gratulieren. Eine bessere Wahl ist kaum denkbar. Marcel Reich-Ranicki ist elf Jahre älter als Ruth Klüger, und er ist definitiv kein Feminist. Das unterscheidet sie. Ansonsten aber ist die intellektuelle Nähe zwischen beiden und sind die Parallelen in ihren Biographien mit Händen zu greifen. Der Berliner Gymnasiast Marcel Reich, der vor dem Terror der Nationalsozialisten seine Zuflucht in Büchern findet, die Schülerin Ruth Klüger, die tagelang allein in dunklen Wiener Wohnungen bleiben muss und sich in eine bessere Klassiker-Welt hineinliest. Marcel Reich, der zuerst zu Schillers Dramen, Ruth Klüger, die zuerst zu Schillers Balladen greift. Marcel Reich, der im Warschauer Getto zusammen mit seiner Frau Tosia deutsche und polnische Gedichte liest. Ruth Klüger, die in Theresienstadt, Auschwitz, Christianstadt Gedichte vor sich hersagt oder schreibt. Und dann später dennoch die atemraubende Entscheidung von Marcel Reich-Ranicki und Ruth Klüger, ihr Arbeitsleben ganz und gar der Literatur zu widmen, der deutschen Literatur. Nein, eine bessere Besetzung ist für diesen Lehrstuhl nicht vorstellbar. Zu dieser Wahl kann man nur gratulieren und die Studenten der Universität Tel Aviv nur beglückwünschen zu der Gastprofessorin, die sie bekommen.

Meine Damen und Herren, haben sie Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Thema: Klüger, Ruth | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock