Beiträge vom September, 2008

W.G. Sebald

Samstag, 27. September 2008 22:51

Vom Geist zwischen den Vitrinen
Zwei Ausstellungen versuchen dem Rätsel des Schriftstellers W.G. Sebald auf die Spur zu kommen

Der einzige Ort, an dem man einem Autor von Rang begegnet, ist sein Werk. Diese alte, ein wenig banale und doch unerbittliche Erkenntnis wird jetzt bestätigt von zwei Ausstellungen zum Werk von W.G. Sebald, dem 2001 bei einem Unfall umgekommenen Schriftsteller, der erst spät seine ersten Prosaarbeiten veröffentlichte, hohe Bewunderung für sie erntete und seit seinem Tode eine eigenwillige Karriere macht. Die Ausstellungen haben große Verdienste, sie wurden mit vorbildlicher Sensibilität und Sachkenntnis zusammengestellt. Beide sind auf ihre je eigene Weise rundum gelungen – und doch beschleicht einen bei ihrem Besuch ein Gefühl von Hilflosigkeit.

„Wandernde Schatten“ heißt die ungleich größere der beiden, und sie wird im Marbacher Literaturmuseum der Moderne gezeigt. Es ist, wenn man zurückhaltend inszenierte Präsentationen von papierenen Dokumenten in Vitrinen mag, geradezu das Muster einer Literatur-Ausstellung. Ihre Voraussetzungen waren ungewöhnlich günstig: Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach konnte 2004 den schriftstellerischen Nachlass Sebalds übernehmen und dabei stellte sich heraus, dass dieser Autor den Bedürfnissen seiner neugierigen Nachwelt beispielhaft zugearbeitet hatte: 68 Archiv-Boxen enthielten von ihm vorgeordnete Materialien zu seinen Büchern – so als sei all das von ihm bereits mit Blick auf zukünftige Forschungsarbeiten zurechtgelegt worden.

Über das private Leben des Menschen namens Sebald gibt es, betont der Direktor des Deutschen Literaturarchivs Ulrich Raulff, dabei wenig zu entdecken. Sebald hat den Boxen seine Arbeitsmaterialien anvertraut und so geistert der Autor, obwohl die Ich-Erzähler seiner Geschichten ihm gelegentlich zum Verwechseln ähnlich sind, nur als Chimäre durch die Vitrinen. Das ist gut so, denn Sebald betrachtete seine Prosa nicht zuletzt als eine Einladung an die Leser in eine schwer greifbare Halbwelt zwischen Fakten und Fiktionen.

Gezeigt werden unter anderem Stapel mit Bänden aus der rororo-Monographien-Reihe, die Sebald mit Vorliebe benutzte. Ihr Aufbau als Mischung aus Fotos, Zitaten und biographischem Text ist den Büchern Sebalds nicht unähnlich. Nur dass sich die Leser bei ihm nie sicher sein können, welche der erwähnten Lebensdaten seiner Figuren sich auf Realitäten beziehen und welche nicht. Die Ausstellung kann so mit den zahlreichen Dokumenten, von denen sich Sebald anregen ließ, ein schier endlos sich verästelndes Beziehungsgeflecht zwischen Arbeitsmaterialien und Prosa herstellen.

Für jeden Sebald-Fan ist das natürlich ein Traum. Aber es ist ein vertrackter Traum: Denn obwohl die Kuratorinnen Heike Gfrereis und Ellen Strittmatter ihre Archivschätze mit vorzüglicher Sorgfalt ausgebreitet haben, begreift man bald, dass nichts davon den speziellen Zauber von Sebalds Büchern vermitteln oder auch nur näher bringen kann. Es ist, als wollte man Bonbons lutschen, ohne sie auszupacken. Die Prosa dieses Autors lebt stärker noch als die vieler anderer von ihrer Ton. Nicht die Handlung seiner Geschichten, nicht ihre Figuren, Themen oder Motivketten machen sie so anziehend, sondern ihr getragener, ans Fin de siècle erinnernden Stil, ihre von Sebald gezielt mit sinnlichen Qualitäten aufgeladene Sprache.

Folglich steht man vor den Vitrinen beglückt und unglücklich zugleich. Wie so oft in Sebalds literarischen Beziehungslabyrinthen glaubt man im ersten Moment zu verlässlichen Fixpunkten vorgedrungen zu sein, und muss sich dann doch eingestehen, dass die bei näherem Hinsehen wie zwischen den Fingern zerrinnen. An Lob für seine hochartifizielle Arbeit fehlte es Sebald nicht, doch zu einem populären Autor ist er nie geworden. Daniel Kehlmann, der jetzt für das Stuttgarter Literaturhaus zusammen mit dem Sebald-Biographen Mark M. Anderson ein Podiumsgespräch über Sebald bestritt, beklagt diese Zurückhaltung vieler Leser und einiger Kritiker hierzulande mit Vehemenz, denn in seinen Augen zählt Sebald zu den größten deutschen Schriftstellern seiner Zeit.

Tatsächlich gehört es zu den Seltsamkeiten von Sebalds Autoren-Karriere, dass er schon vor seinem Tod und erst recht danach in USA und Großbritannien (wo er an der University of East Anglia in Norwich Germanistik lehrte) höhere Anerkennung genießt als bei uns. 2000 veröffentlichte Susan Sontag ein – allerdings nicht sehr gedankenreiches – Essay über seine Prosa und nach diesem intellektuellen Ritterschlag avancierten seine Bücher endgültig zu einem Lieblingsforschungsthema der angelsächsischen Literaturwissenschaft. Für die gehört Sebald heute „ganz selbstverständlich zur Weltliteratur“, wie Florian Höllerer, der Leiter des Stuttgarter Literaturhauses betont, das Sebald 2001 wenige Wochen vor seinem Tod mit einer Rede eröffnete.

Diese Rede wurde zwei Jahre später vom „New Yorker“ nachgedruckt – eine Ehre, die nicht vielen deutschen Autoren zuteil wird, und die in unserem nach internationaler und insbesondere amerikanischer Anerkennung gierenden Literaturbetrieb mit einigem Raunen zur Kenntnis genommen wurde. Parallel zur Marbacher Ausstellung hat das Stuttgarter Literaturhaus dieser Rede nun ebenfalls eine – naturgemäß kleine – Ausstellung gewidmet, bei der es unter anderem auf Dokumente aus dem Sebald-Nachlass im Marbacher Archiv zurückgreifen konnte. Auch hier sind mit viel Liebe und Kompetenz Materialien zusammengetragen worden, die den Tatsachenhintergrund ausleuchten, auf die sich die Rede in einigen Passagen bezieht. Aber auch hier stellt sich wieder das Gefühl ein, dem schönen Rätsel dieses Autors letztlich doch nicht auf die Spur zu kommen.

Diesem Rätsel begegnet man nur in seiner Prosa – und ein bislang unzugängliches, fast hundertseitiges Fragment davon wird jetzt im Katalog zur Marbacher Ausstellung ediert. 1995 war Sebald nach Korsika gereist, um ein essayistisches Reisebuch über die Insel vorzubereiten. Nach anderthalb Jahren Arbeit und einer zweiten Korsika-Reise betrachtete er das Projekt als gescheitert. Er experimentierte hier mit einer Tagebuchform, die sich für seine kunstvoll durchgearbeitete Sprache wenig eignete. Dennoch gab Sebald, als er das Manuskript schließlich resigniert beiseite legte, die Arbeit offenbar nicht vollständig verloren, denn manches davon tauchte schließlich in seinem letzten großen Buch „Austerlitz“ wieder auf.

Thema: Sebald W.G. | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Volker Braun

Samstag, 27. September 2008 17:12

“Machwerk”
Volker Braun erzählt 48 Schwänke aus dem Leben des Arbeiters Flick

Zum Unglück des Don Quijote gehört, dass er im falschen Jahrhundert lebt. Er will Ritter sein in unritterlicher Zeit. Diese Fallhöhe zwischen Wunsch und Wirklichkeit hat Don Quijote unsterblich und das Buch des Cervantes’ zum Inbegriff des komischen Romans gemacht. Volker Brauns Held Flick von Lauchhammer will Arbeiter sein in einer Zeit, in der die Arbeit immer seltener und Arbeitslosigkeit immer häufiger wird. Flick könnte aus dem Geschlecht jener Neuen Menschen stammen, deren Geburt die kommunistische Propaganda für die Zukunft voraussagte und deren „oberstes Lebensbedürfnis“ angeblich die Arbeit sein werde. Doch ist dieser Flick bei Volker Braun eben nicht in eine marxistische Zukunftswelt geraten, sondern in die postindustrielle Dienstleistungsgesellschaft der Gegenwart. Auch diese Fallhöhe zwischen Utopie und Realität könnte eine gute Basis für komische Einfälle schaffen. Doch leider ist Brauns Buch eher wirr als witzig.

Flick von Lauchhammers Schicksal wird nach der Art einer Nummernrevue in 48 kurzen Schwänken vorgeführt. Der Prosa-Schwank, der im Spätmittelalter seine Blüte erlebte, gehört jedoch zu den holzschnittartigen Erzählformen. Bedauerlicherweise schließt sich Volker Braun dieser literarischen Tradition konsequent an und zielt auf grobschlächtige Kontraste und plumpe Pointen. Schnell hat man das gnadenlos wiederholte Handlungs-Schema der 48 Episoden durchschaut: Flick wird von einem brachialem Schaffensdrang angetrieben, aber ob er sich nun auf eigene Faust nach einer Beschäftigung umschaut, oder ob ihn die Bundesanstalt für Arbeit zu einer offenen Stelle schickt, niemand hat für seine ungestüme Energie Verwendung oder auch nur Verständnis. Also entgleist die Situation im Handumdrehen und Flicks Arbeitseifer sorgen nicht für gesteigerte Produktionsergebnisse, sondern nur für gesteigertes Chaos.

So wird Flick beispielsweise vom Arbeitsamt als Aufseher an ein Museum für modere Kunst vermittelt. Dort soll er eine Installation hüten: ein verunglücktes Motorrad samt eingeklemmter Fahrerpuppe. Naturgemäß bleibt Flick nicht untätig neben dem Objekt stehen, sondern betätigt sich als Retter, indem er die Puppe „in den Achseln fasste und aus dem Schrott zog, und versuchte, sie künstlich zu beatmen (nachdem es künstlerisch nicht gelungen war), aber als das Polyersterharz nicht nachgab und der Brustkorb splitterte, er das bunte Opfer an die kalkweiße Wand lehnte und begann, das verzogene Blech geradezubiegen usw. liefen die Wachmänner alarmiert herbei, die zu sichern hatten, dass der verzweifelte Zustand erhalten blieb, so wie er nun einmal gemacht war. Sie hielten den Tatmenschen fest, den sie für einen Attentäter halten mussten.“

Auch wer im Museum häufiger mal skeptisch vor derlei Installationen steht, wird zugeben, dass über diese Kunst schon bessere Witze gemacht wurden als dieser. Dem simplen Strickmuster des Schwankes entsprechend, sind die meisten Scherze in diesem Buch alles andere als überraschend – doch Pointen, die man schon von weither Anlauf nehmen sieht, sind nicht komisch, sondern peinlich. Braun versucht dem mit allerlei Wortspielen und kleineren Kalauern abzuhelfen, doch dadurch wird der Ton der Geschichten bestenfalls neckisch und verquer, nie aber wirklich lustig.

Natürlich hat Volker Braun das „Machwerk“, wie bislang noch jedes seiner Bücher, mit vielen Anspielungen auf Texte verehrter Klassiker der Literatur und Philosophie gespickt. Die damit verbundene Einladung an den Leser zum heiteren Zitate-Raten ist bei der Lektüre noch das Amüsanteste. Doch auch hier bevorzugt Braun nicht selten das Abgedroschene. So lässt er seinen Flick gegen Windräder kämpfen, wie Don Quijote einst gegen Windmühlen im berühmtesten Kapitel von Cervantes’ Roman, damit auch dem unaufmerksamsten Leser die Parallelen zwischen beiden Figuren ja nicht entgehen. Wie dem erfahrenen Schriftsteller Volker Braun, der 2000 immerhin den Büchner-Preis erhielt, ein solches Buch unterlaufen konnte, ist ein Rätsel.

Volker Braun:
“Machwerk oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer”
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008
220 Seiten, 19,80 €

Thema: Braun, Volker | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

David Sedaris

Freitag, 26. September 2008 22:49

Schöner wird’s nicht
David Sedaris schöpft Witz aus den Widrigkeiten seines Lebens

Einfach ist das Leben nie und durch eine solide Neurose wird es nicht leichter. Das kann man zum Anlass nehmen für vielfältige Klagen. Doch die Aussichten, damit die Lage zu verbessern, sind nicht hoch. Denn, soviel stellt das neue Buch von David Sedaris schon mit seinem stoischen Titel klar, „Schöner wird’s nicht“. Man kann aber auch versuchen, die endlosen Widrigkeiten, mit denen man zu kämpfen hat, auf erfinderische Weise für sich nutzbar zu machen. Das ist ebenfalls nicht einfach, doch manchen besonders begabten Menschen gelingt es. Sie verwandeln ihre Problemen in die Energiequellen, die sie voranbringen. Sie sind dann zwar noch immer nicht auf Rosen gebettet, aber immerhin haben sie etwas, mit dem sie sich auf ihre Weise zur Wehr setzen können.

Sedaris zählt zu diesen besonders begabten Geplagten. Heute ist er einer der bekanntesten komischen Autoren in den Vereinigten Staaten. Er hat es bis an die Spitze der Bestsellerliste der New York Times gebracht, schreibt für „New Yorker“ und „Esquire“, wurde als „Humorist of the Year“ gefeiert, mit dem James Thurber Prize for American Humor ausgezeichnet und durfte bei David Letterman zur besten Late-Night-Sendezeit fünf Minuten lang eine seiner Stories vorlesen (zu bewundern auf YouTube: www.youtube.com/watch?v=YBdymtyXt8Y). Viel mehr darf man, falls man nicht vermessene Forderungen ans Leben stellen möchte, als Schriftsteller nicht erwarten: Schöner wird’s nicht.

Das Rohmaterial aus dem Sedaris seine Geschichten entwickelt, ist autobiographischer Natur. Er ist als komischer Erzähler auf die Ich-Form eingeschworen. Allerdings wäre es ein Missverständnis zu glauben, ihm würden häufiger komische Dinge zustoßen als anderen. Im Gegenteil, vieles von dem, über das er schreibt, könnte man als waschechte Schicksalsschläge bezeichnen. Da ist beispielsweise der offenbar unerschöpfliche Schatz von Ausgrenzungs- und andern Schreckens-Erfahrungen aus den Jugendjahren im sonnigen, aber spießigen North Carolina. Oder die Erinnerungen an seine gescheiterte Karriere als Performancekünstler. Oder an seine erfolgreiche Karriere als Drogenkonsument. Oder an die Aushilfsjobs, mit denen er sich über Wasser hielt, bevor er mit seinen ersten Radio-Texten Erfolg hatte.

Der Witz der Geschichten rührt zu einem Gutteil her aus dem offenkundigen Widerspruch zwischen der hochintelligenten, geschmeidigen Sprache des Autors namens Sedaris und der Unfähigkeit seines Helden namens Sedaris mit vergleichsweise einfachen Anforderungen des Alltags zu Rande zu kommen: Ob es darum geht, nach mehreren Jahren Aufenthalt in Paris allein ein Restaurant zu besuchen oder friedlich mit Sitznachbarn in Flugzeugen auszukommen oder auch nur mit dem Taxifahrer small talk zu machen. Noch die harmloseste Begegnung mit fremden Leuten kann für ihn gepflastert sein mit Peinlichkeiten, weshalb er zu den aberwitzigsten Verrenkungen neigt, um alle potentiellen Fettnäpfchen zu vermeiden – dabei aber desto sicherer von dem einem ins nächste tritt.

Doch das heißt nicht, dass Sedaris alter ego im Umgang mit vertrauten Menschen entspannter wäre. Zumindest nicht, wenn es sich um Familienangehörige handelt. Wie im Vorübergehen lässt Sedaris finsterste Konflikte in knappen Nebensätzen anklingen. Wenn er von seinem vertraulichen, fast zärtlichen Umgang mit Spinnen erzählt, heißt es unvermittelt: „Ich hatte diese Einstellung von meinem Vater, der nichts zerquetschte, das nicht unmittelbar mit ihm verwandt war.“ Oder wenn er von seiner Unfähigkeit berichtet, ein herzhaftes Lachen zu unterdrücken, schreibt er ganz unvermittelt: „Das hatte ich schon als Kind gelernt. Ich weiß auch nicht genau warum, aber nichts ärgerte meinen Vater mehr als das Lachen seiner Kinder. Wenn alle heulten, war das nicht weiter schlimm, aber lautes Gelächter hieß, es auf eine Bestrafung anzulegen.“

Angesichts solcher Seitenhiebe liegt die Versuchung nahe, den Ursprung von Sedaris’ liebevoll gehätschelten Unverträglichkeiten und Idiosynkrasien in offenbar wenig beglückenden Familienverhältnissen zu orten. Damit würde dann noch verständlicher, weshalb Sedaris auch in diesem Buch in immer neuen Geschichten seine Kindheitsjahre durchforscht. Es wirkt fast so, als sei er den biographischen Ausgangspunkt auf der Spur, von dem an er sich so ganz anders entwickelte, als die anderen Menschen, die in seinen Augen mit dem Leben besser zu Rande kommen als er. Vermutlich kann man, psychologisch gesprochen, darin eine Form von schreiend komischer Trauerarbeit sehen. Je nach Lesertemperament wird man den Akzent eher auf „schreiend“ oder auf „komisch“ legen – lachen aber wird man auf jeden Fall.

David Sedaris
„Schöner wird’s nicht“.
Aus dem Amerikanischen von Gregor Deggerich.
Karl Blessing Verlag, München 2008.
320 Seiten, 19,95 €

Thema: Sedaris David | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Alfred Andersch

Freitag, 19. September 2008 16:06

“Sansibar ist überall”
Die moralische Integrität Alfred Anderschs wird angegriffen. Doch der Anlass dazu ist fragwürdig

Es kommt einem vor, als seien die Uhren der deutschen Literatur stehen geblieben. Als würden wie vor einer Tonbandschleife immer wieder dieselben Texte abgespult und zwanghaft die gleichen Argumente ausgetauscht. Namen und Details wechseln, doch im Grunde ändert sich wenig an dem regelmäßig aufgeführten Stück. Die aktuelle Hauptfigur des literatur- und vergangenheitspolitischen Dramas heißt Alfred Andersch. In weiteren Hauptrollen sind der verstorbene Schriftsteller W. G. Sebald, einige Literaturwissenschaftler sowie die Tochter und der Schwiegersohn Anderschs zu besichtigen. Eine rundum neue, überraschende Inszenierung ist es nicht geworden.

Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach hat jetzt neue Manuskripte von Andersch und Materialien zu seinem Leben erhalten und in einer Veranstaltung der Öffentlichkeit präsentiert. Bei dieser Gelegenheit wurde zudem ein neues, hervorragend ausgestattetes Buch über Andersch vorgestellt: „Sansibar ist überall“, herausgegeben von Anderschs Tochter Annette Korolnik-Andersch und ihrem Mann Marcel Korolnik (Edition Text und Kritik, 254 Seiten, 36,- €). All das ist derzeit nicht nur für Germanisten von Interesse. Denn es wurde Fakten bekannt, die Anderschs Verhalten während des Dritten Reichs ins Zwielicht zu rücken scheinen. Da Andersch zu den führenden linksliberalen Intellektuellen der alten Bundesrepublik zählte, lassen solche Nachrichten – wie das späte SS-Eingeständnis von Grass, oder die Tatsache, dass auch Walter Jens als Mitglied der NSDAP geführt wurde – die Wellen medialen Aufregung hoch schlagen.

Ganz neu sind die Vorwürfe nicht. Stephan Reinhardt hat in seiner zehn Jahre nach dem Tod Anderschs erschienenen Biographie die wesentlichen Fakten dargelegt. Andersch zeigte von Jugend an einen ausgeprägten literarischen Ehrgeiz. 1933 war er wegen seiner Mitgliedschaft im Kommunistischen Jugendverband mehrere Wochen im KZ Dachau. 1935 heiratete er Angelika Albert, deren Mutter Jüdin war und die also nach den Gesetzen der Nazis als Halbjüdin galt. Um 1940 begann es in der Ehe zu kriseln, 1943 ließ Andersch sich scheiden. Er beantragte seine Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer, ohne die er nicht publizieren konnte und zu der er mit einer halbjüdischen Frau nie zugelassen worden wäre. Das genügte dem Schriftsteller W. G. Sebald, um Andersch als gewissenlosen Literatur-Karrieristen hinzustellen, der seine Frau angesichts der Judenverfolgung im Stich gelassen und versucht habe, als Autor mit den Nazis seinen Frieden zu machen.

Neu aufgetaucht ist jetzt ein Dokument, das erklärt, weshalb Andersch, der 1940 als Bau- und Besatzungssoldat in Frankreich eingesetzt war, 1941 vorübergehend aus der Wehrmacht entlassen wurde. In Reinhardts Biographie war noch davon die Rede, Andersch selbst habe eine Verordnung entdeckt, die befahl, ehemaligen KZ-Häftlinge aus der Wehrmacht auszuschließen und damit seine Rückkehr ins Zivilleben durchsetzen können. Nun stellte sich heraus, dass Andersch mit Hinweis auf eine Anordnung entlassen wurde, nach der alle Angehörigen von Juden oder „jüdischen Mischlingen“ aus der Armee zu entfernen seien. Von ebenso eifrigen wie eifernden Germanisten wurde das zu Andersch Ungunsten ausgelegt: Obwohl das Verhältnis zu seiner Frau bereits zerrüttet gewesen sei, habe er 1941 noch Vorteile aus seiner Ehe mit Halbjüdin gezogen, von der er sich in Frühjahr 1943 scheiden ließ und die er im Antrag an die Reichsschrifttumskammer komplett verschwieg.

Der Historiker Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, betont nun in dem in Marbach vorgestellten Buch, dass Andersch auf seine Entlassung aus der Wehrmacht und deren Begründung keinen Einfluss hatte – man sie ihm also auch nicht zum Vorwurf machen kann. Außerdem fiel mit der Trennung von seiner Frau 1943 der Grund für Anderschs Freistellung vom Militärdienst weg, worüber sich Andersch offenbar klar war. In ihm also nur den Profiteur der Scheidung sehen zu wollen, ist unsinnig. Tatsächlich wurde er im Herbst 1943 wieder eingezogen. Zudem hätte die Ehe mit Andersch, selbst wenn sie fortgeführt worden wäre, seine Frau nicht vor einer möglichen Deportation schützen können.

Doch betrachtet sich Tuchel nicht als blind entschlossener Verteidiger Anderschs. Vor allem bei dessen Berichten über die frühe KZ-Haft ist er auf einige Ungenauigkeiten gestoßen, die er keineswegs verschweigt. Andersch habe „manche Fakten verändert, um sich positiver darzustellen, anderes hat er weggelassen oder geschönt. Aber auch darin unterscheidet sich Alfred Andersch nicht von vielen anderen Deutschen nach 1945“. Dass die Herausgeber des neuen Buchs Tuchel Aufsatz trotz dieses für Andersch unvorteilhaften Fazits in den Band aufgenommen haben, unterscheidet ihn von peinlichen Rechtfertigungsschriften zur Rolle anderer Autoren während des Dritten Reichs.

Bleibt die Frage, weshalb solche Details aus dem Leben eines Autors, der bereits 1980 gestorben ist, heute für bewegte öffentliche Debatten sorgen können. Andersch war als Mitbegründer der Gruppe 47 und als Romancier eine der prägenden Gestalten der deutschen Nachkriegsliteratur. Von vielen wurde er – wie auch Grass und Jens – in der ebenso notwendigen wie quälenden Konfrontation des Landes mit den Verbrechen der deutschen Vergangenheit als moralische Instanz betrachtet. Das war ihm nicht unbekannt und er hat wenig dafür getan, diese Rolle zurückzuweisen. Wenn nun klar wird, dass manches in seinen Berichten über die eigene Vergangenheit geschönt war, schmälert das im Grunde nicht seine literarische Arbeit, sondern nur seine politische Glaubwürdigkeit. Doch wäre es naiv zu behaupten, dass heute oder zu Anderschs Lebzeiten im Kulturbetrieb die Grenzlinie zwischen beidem immer streng gezogen würde. Gerade weil der Literaturbetrieb der ersten Nachkriegjahrzehnten stark geprägt war durch einen politischen Rigorismus, steht für diese Schriftsteller mit ihrer moralischen Integrität immer auch ein Gutteil ihre künstlerischen Anerkennung auf dem Spiel.

Aber inzwischen wäre es wohl an der Zeit, in Autoren wie Andersch nicht nur die Könige des damaligen Literaturbetriebs zu sehen, sondern ebenso deren Opfer. Nach der totalen moralischen Niederlage des Landes muss der Drang zur Abrechnung mit dem Vergangenen und zur vorteilhaften Selbststilisierung enorm gewesen sein. Dafür brauchte es, wie im Falle Anderschs, nur kleine biographische Retuschen, oder aber wie im Falle von Stephan Hermlins „Abendlicht“ den Entwurf einer ganzen heroischen Wunschbiographie – über deren Abstand zu den gelebten Tatsachen die Leser nicht aufgeklärt wurden. So wurden Schriftsteller, die sich selbst gern als Nonkonformisten bezeichneten, zu Konformisten eines biographischen Moralismus’, der es immer schwerer machte, sich zu den oft nur minimalen Zugeständnisse ans Nazi-Regime zu bekennen.

Vernünftig wäre der Versuch, mit wachsender historischer Distanz den Gründen für die politisch korrekte Selbststilisierung während der Nachkriegsjahrzehnte genauer auf die Spur zukommen. Wenig hilfreich ist es dagegen, wie Sebald den Ton des überzogenen Moralismus zu übernehmen und nach Anlässen zu fahnden, um ihn gegen die Autoren von damals zu wenden. Das bringt dann letztlich nur das gleiche Stück noch und noch einmal zur Aufführung, ohne dass die Mechanismen, die es antreiben wirklich je begriffen würden.

Annette Korolnik-Andersch und Marcel Korolnik (Hg.):
“Sansibar ist überall”
Edition Text und Kritik, München 2008
254 Seiten, 36,- €

Thema: Andersch, Alfred, Sebald W.G. | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock