Beiträge vom August, 2008

Barbara Honigmann

Samstag, 16. August 2008 14:34

“Das Überirdische Licht”
Barbara Honigmann erzählt von ihren Begegnungen mit dem jüdischen Leben in New York

Reisen nach New York gehören heute zum Freizeitprogramm oder auch den Berufspflichten von Millionen. Selbst den Glücklichen, die wie Barbara Honigmann zehn Wochen dort verbringen können, dürfte es nach ihrer Rückkehr nicht immer leicht fallen, die Daheimgebliebenen mit ihren Reiseerinnerungen in Erstaunen zu versetzen. Aus New York ist von so Vielen so viel Abenteuerliches, Ausgefallenes, Skurriles, Schrilles zu hören, dass man inzwischen sehr dazu neigt, beim jeweils nächsten Sensationsbericht nur noch abgeklärt mit den Schultern zu zucken. In New York gibt es ein ganzes Kaufhaus nur für Barbie-Puppen! Was, denkt man erstaunt, nur ein einziges? Das Baden in Long Beach kann an manchen Tagen so gefährlich sein wie in der Biskaya. Wie, gefährlicher nicht? New York hat die Kriminalitätsrate glatt halbiert! Ach, nur halbiert?

Es gehört zu den Qualitäten von Barbara Honigmanns kleinem Buch „Das überirdische Licht“ über ihren Aufenthalt in New York, dass sie sich auf einen solchen Wettbewerb des Sensationellen nicht einlässt, andererseits aber auch nicht das andere, alltägliche New York zu kennen behauptet, das sich einem naturgemäß erst nach Jahren der Vertrautheit allmählich erschließt. Ihr Bericht konzentriert sich statt dessen auf einen kleinen Ausschnitt von Manhattan, der ihr aus ganz persönlichen Gründen wichtig ist, auf ein Areal in Greenwich Village zwischen German House, Maison Française und der koscheren Mensa der New York University.

Dieses „magische Dreieck“ repräsentiert in einem zweifachen Sinne wesentliche Pole ihres Lebens. „I come from France, but I am a German Jew“, so stellt sie sich unbekannten Amerikanern üblicherweise vor, und die „Formelhaftigkeit, in der meine Existenz so ihren Ausdruck findet, beglückt mich“. Denn ihre Herkunft und ihren Werdegang in seinen Feinheiten verständlich zu machen, ist nicht leicht. Sie wurde 1949 in Ost-Berlin als Tochter eines kommunistischen jüdischen Ehepaars geboren, das nach dem Exil in die DDR zurückgekehrt war und dort wichtige kulturelle und politische Funktionen übernahm.

Doch als Jugendliche wandte sich Barbara Honigmann entschieden gegen das Milieu ihrer Eltern und damit auch gegen das SED-Regime. Sie opponierte allerdings nicht nur gegen deren sozialistische, sondern auch gegen deren strikt rationalistische Grundhaltung und suchte Anschluss an die jüdische Gemeinde der DDR, in der sie die jüdische Religion überhaupt erst kennenlernte. Bald wurden die Konflikt mit ihrem Geburtsland unüberbrückbar, sie stellte einen Ausreiseantrag und übersiedelte 1984 mit Mann und Kindern von der DDR ins französische Straßburg. Denn die Stadt verfügt nicht nur über ein reges jüdisches Leben, sondern in Frankreich hoffte sie außerdem Distanz zu dem vom Holocaust überschatteten und bis heute belasteten, oft verkrampften Verhältnis der deutschen Nicht-Juden zu den Juden zu gewinnen.

Das Leben in Greenwich Village vergegenwärtigte für sie aber noch in einer anderen, zweiten Hinsicht eine zentrale Erfahrung ihres Lebens. Denn als junge Frau war sie Teil einer Ost-Berliner Boheme, die in Kunst, Theater, Literatur ihre Zuflucht vor den Zumutungen der Diktatur suchte – und diese „Clique lebte und bewegte sich mehr wie ein einziger, vielarmiger und mehrköpfiger Körper. Mal schlief eine Freundin bei mir, mal ich bei ihr, oder wir beide schliefen bei einer dritten, oder wir schliefen zu dritt bei einer vierten, jedenfalls trugen wir immer eine Zahnbürste bei uns, weil wir ja nie wussten, wo wir aufwachen würden.“

Im New Yorker Village trifft sie nicht nur eine alte Freundin aus Ost-Berliner Zeiten wieder, sondern fühlt sich auch durch das bohemehafte Milieu der Menschen dort wie in die eigene Vergangenheit zurückversetzt: „Ein längst vergangenes Leben stellt sich wieder ein, sozusagen vor meinen eigenen Augen verwandele ich mich in eine kinderlose, unverheiratete Studentin zurück und bin erschüttert, wie leicht und selbstverständlich ich diesen Zustand wieder als den natürlichen annehme.“

So ist „Das überirdische Licht“ zu einem außergewöhnlich persönlichen Reisebericht geworden. Fast fühlt man sich an Bücher wie „Was bleibt“ oder „Sommerstück“ von Christa Wolf erinnert, die erklärtermaßen dem literarischen Programm einer „subjektiven Authentizität“ folgten und die alltägliche, sehr individuelle Erlebnisse, Begegnungen und Einfälle der Schriftstellerin in den Mittepunkt stellen. „Das überirdische Licht“ wirkt über weite Strecken wie ein Tagebuch, in dem die Autorin ihren Lesern einen intimen, durch literarische Maskenspiele kaum noch verschlüsselten Einblick in ihre New Yorker Zeit gewährt. Im Zentrum nicht nur dieser Wochen stehen bei ihr die bewusst wiederbelebten Bindungen an die jüdische Religion, die zur Basis ihres Lebens geworden ist. „Nicht wir halten Schabbes“, schreibt sie, als sie nach ihrer Ankunft in New York mithilfe der religiösen Rituale für Ordnung in ihren ansonsten völlig verpflichtungslosen Tagen sorgt, „sondern Schabbes hält uns. Sagt der Talmud. Die Wahrheit dieser Weisheit kann ich bestätigen.“

Doch ebenso wie Barbara Honigmanns Buch kein literarischer Reiseführer durch New York ist, ist es kein Wegweiser durch das jüdische Leben der Stadt. Sicher, sie erzählt von Begegnungen mit ganz unterschiedlichen Formen des amerikanischen Judentums, mit sehr traditionellen oder auch sehr liberalen Juden, mit Reformern oder Orthodoxen, mit ungläubigen Intellektuellen, aber auch modischen Gläubigen: „Heute ist es hip und cool und in, Jude zu sein und das auch stolz zu zeigen. Woody Allan und das jiddische Mamme-Problem sind überhaupt nicht mehr aktuell. Jüdische Rapper und jüdische Supermänner treten jetzt auf.“ Doch Barbara Honigmann ist weder auf einen vollständigen Überblick noch auf detaillierte Analysen aus, sondern versucht vielmehr festzuhalten, welche Eindrücke diese Begegnungen bei ihr hinterließen.

Barbara Honigmann:
“Das überirdische Licht”. Rückkehr nach New York
Hanser Verlag, München 2008
157 Seiten, 14,90 €

Thema: Honigmann, Barbara | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Ingo Schulze

Samstag, 9. August 2008 13:05

Keine Mauer zwischen Gut und Böse
Ingo Schulzes Roman „Adam und Evelyn“

„Es gibt schreckliche Versuchungen“, hat Oscar Wilde einmal geschrieben, „es erfordert Kraft, Kraft und Mut, ihnen nachzugeben.“ Ingo Schulze ist heute der hartnäckigste, der sorgfältigste literarische Chronist der deutschen Wiedervereinigung. Kein anderer Schriftsteller geht den grundstürzenden Erfahrungen jener Wochen und Monate so minuziös nach wie er. Doch wurde Schulze darüber nicht zu einem politischen Romancier, zumindest nicht zu einem, der Romanen über das politische Milieu schreibt. Er wurde vielmehr zu einem Dichter der Versuchung und Verführung und Verlockung, zu einem Moralisten ohne dogmatisches moralisches Koordinatensystem, zu einem Erzähler, der seine Figuren vor immer neue, hoch ambivalente Lebensentscheidungen stellt, auf die es für sie nie die einzig richtige Antwort gibt. Schulze liefert sie den schrecklichsten Versuchungen aus, um dann zu beobachten, ob ihre Kraft und ihr Mut so groß ist, ihnen nachzugeben oder so klein, ihnen zu widerstehen.

Dass es Schulze also irgendwann einmal verlocken würde, die Geschichte von Adam und Eva, jenen Urmythos der Versuchung, auf seine Weise zu variieren, war wohl zu erwarten. Sein Roman „Adam und Evelyn“ beginnt im Paradies. Es ist, zugegeben, ein reichlich schäbiges Paradies, das dumpf nach stilldeutschem Glück im Winkel riecht. Die DDR wurde in den letzten Jahren ihrer Existenz gern eine Nischengesellschaft genannt, in einer solchen Nische hat es sich Adam, Schulzes Hauptfigur, aus seiner Sicht sehr vorteilhaft eingerichtet: Er ist Mitte dreißig, ein selbständiger Schneidermeister, der an das Regime längst nicht mehr glaubt, es aber auch nicht für nötig hält, sich mit dem Regime anzulegen. Von seinen Eltern hat er ein kleines Haus in einer kleinen Stadt geerbt, in dem er mit seiner gerade 21-jährigen Freundin Evelyn lebt und in dem er im Atelier unterm Dach sein Schneiderhandwerk als Kunst der Verführung betreibt. Denn viele der Frauen, die auf ihn angewiesen sind, weil die Mauer sie trennt von Cerruti und Prada, Lagerfeld und Versace, erliegen bei den Anproben nicht nur dem Reiz seiner Schöpfungen, sondern auch dem etwas ruppigen Charme des Schöpfers. Kurz, Adam lebt das Leben eines Don Juans und Modezaren im beschaulichen Format der DDR-Provinz.

Bis Evelyn ihn eines Tages im August 1989 mit einer Kundin nackt im Badezimmer ertappt. Sie sagt wenig, packt ihre Koffer und fährt mit einer Freundin und deren Cousin, der aus dem Westen zu Besuch ist, nach Ungarn in den Urlaub. Von diesem Augenblick an überstürzen sich die Ereignisse, denn im August 1989 kann hinter einem Aufbruch aus der DDR in Richtung Ungarn längst mehr stecken als der Aufbruch in einen Urlaub. Im Mai schon hatte Ungarn begonnen, die Befestigungsanlagen nach Österreich abzubauen und am 19. August gab es eine erste Massenflucht von DDR-Bürgern über die grüne Grenze in den Westen. Adam muss also fürchten, dass Evelyn nicht nur für ein paar Wochen schmollt und dann zu ihm zurückkehrt, sondern – noch erscheint ein Fall der Mauer als völlig unvorstellbar – dass er sie vielleicht niemals wieder sehen wird, wenn er sie nicht im Osten halten kann.

Der alltägliche Liebeszank um Untreue und Treue, Verlassenwerden oder Versöhnung wird in Schulzes Roman also durch die weltpolitische Situation entschieden zugespitzt. Adam, der nun immerfort davon spricht, wie sehr er seine Evelyn liebt, fährt halb als Verfolger, halb als Begleiter der anderen drei gleichfalls nach Ungarn. Auf dieser Reise verschafft Schulze allen vier Figuren reichlich Gelegenheit ihre zwischenmenschlichen Stärken und Schwächen unter Beweis zu stellen. Die schöne Evelyne zum Beispiel macht ihrer Freundin im Handumdrehen den Westcousin abspenstig, obwohl die sich von ihm aus dem Osten „rausheiraten“ lassen wollte. Dieser Cousin wiederum liegt zwar allen damit in den Ohren, wie risikolos es geworden sei, über Ungarns grüne Grenze in den Westen zu spazieren. Doch als ihm der Pass gestohlen wird, ist es für ihn völlig undenkbar, mit den anderen den gleichen Weg zu wählen, lieber besorgt er sich über die Botschaft Ersatzpapiere. Adam dagegen zeigt sich plötzlich immerfort von seiner ritterlichen Seite und schmuggelt eine junge Frau mit Fluchtplänen aber ohne Ausreiseerlaubnis im Kofferraum durch die Grenzkontrollen der DDR, und verzichtet auf jede Gegenleistungen von ihr.

„Adam und Evelyn“ ist ähnlich aufgebaut wie Schulzes „Simple Storys“, sein erster „Roman aus der ostdeutschen Provinz“: Eine Serie von 55 betont lakonischen Kurzgeschichten, die sich auf das Handeln und Reden der Figuren konzentrieren, deren Gedanken aber fast immer verschweigen – und die den Einfluss der Short-Stories des von Schulze verehrten Raymond Carver weder verleugnen können noch wollen. Das Buch ist letztlich ein Stakkato knapper Szenen, zwischen denen zu Anfang nur kurze, gegen Ende hin aber immer größere zeitliche Zwischenräume liegen.

Schaut man genauer hin, bemerkt man, dass die Figuren einige ihrer wichtigsten Entscheidungen gerade eben nicht in den geschilderten Szenen treffen, sondern dass sie in der dazwischen liegenden Zeit getroffen werden und für den Leser nur indirekt zu erschließen sind. Bei welcher Gelegenheit Evelyn ihrer Freundin den Cousin ausspannt und weshalb sie ihn wieder verlässt, warum Adam seine Evelyn zurückgewinnt und wann er sich doch entschließt, mit ihr in den Westen zu fahren und dort zu bleiben – all das wird von Schulze durch seine hüpfende Erzählweise ausgespart und so der Neugier und Fantasie der Leser überlassen. Er liefert keine mehr oder minder schlüssigen psychologischen Beschreibungen, sondern stellt das Verhalten seiner Figuren zu Beobachtung aus.

Ein Schachzug, mit dem Schulze zwei literarische Risiken verringert: Jeder Schriftsteller, der ein bis heute so stark spürbares und folgenreiches politisches Beben wie die Wiedervereinigung zum Thema macht, gerät leicht in Gefahr, nicht über das historische Ereignis, sondern über seine Ansichten zu diesem Ereignis zu schreiben. Tatsächlich vertritt Schulze in Interviews einige sehr dezidierte Überzeugungen zur Wiedervereinigung und zur politischen Situation der Gegenwart. Doch muss ein Roman, wenn er nicht im bloßen Meinungsstreit befangen bleiben soll, sich letztlich – so paradox es klingt – sogar von den Ansichten seines Autors emanzipieren können.

Zum anderen ist jeder, der heute die Wochen der Wiedervereinigung zum Gegenstand eines Romans macht, seinen Figuren haushoch überlegen. Denn er weiß, zu welchen historischen Ergebnissen diese Wochen führten und kann deshalb der Unsicherheit und Ratlosigkeit seiner Helden, für die alles noch in unerforschter Zukunft liegt, nur schwer gerecht werden. Mit Blick sowohl auf ihre Liebe wie auf ihr Land DDR sind für Adam und Evelyn die Entscheidungen zwischen Gehen oder Bleiben, zwischen dem Wunsch nach einem Aufbruch in die Freiheit und die Sehnsucht nach dem Festhalten am Vertrauten noch vollkommen ungeklärt und offen. Indem Schulze das Verhalten seiner Figuren nie kommentiert und ihre Meinungen mit Gegenmeinungen anderer Figuren wie ein meisterlicher Dramatiker fein ausbalanciert, legt er dem Leser kein bestimmtes Urteil über sie nahe, sondern sorgt dafür, dass die Urteile über sie wechseln, je nachdem aus welcher Perspektive man sie betrachtet. „Keine Mauer trennt Gut und Böse“, hat Schulze einmal mit Blick auf Carvers Short-Stories geschrieben, „das eine kann im nächsten Augenblick schon das andere sein, die Welt steht immerzu auf der Kippe“.

Wie für einen Dramatiker spielt auch für den Erzähler Schulze in diesem Roman der Dialog die zentrale Rolle. Je weiter die Geschichte auf die Entscheidung zur Flucht zuläuft, desto mehr Raum nehmen die Gespräche ein, ganze Seiten, ganze Kapitel bestehen nur noch aus schneller Wortwechseln. Allerdings dienen sie nicht wie beim klassischen Drama dazu, die Handlung voranzutreiben, sondern dazu, die Abhängigkeiten und Machtfragen zwischen den Figuren zu klären. Zu Beginn des Romans beugt sich Adam über die Fotos, die er von seinen Kundinnen in den von ihm genähten Kleidern gemacht hat: ein souveräner Don Juan, der sich nicht einmal durch die Anwesenheit seiner Freundin davon abhalten lässt, stolz sein Bilder-Leporello zu komplettieren. Am Schluss der Romans ist er als ein von Selbstzweifeln geplagter Untermieter Evelyns irgendwo im Westen gelandet und verbrennt seine Fotos: eine Unterwerfungsgeste Evelyn gegenüber, vielleicht aber auch eine Unabhängigkeitserklärung, nach der er für nichts und niemanden mehr erreichbar ist. Mit dem Umsturz in politischen Machtfragen werden in diesem Roman auch in allen privaten Machtfragen die Karten gründlich neu gemischt.

Doch Schulze beschreibt nicht nur die Verunsicherung seiner Figuren, er lässt seine Leser, wenn sie aufmerksam sind, ein wenig auch an dieser Verunsicherung teilhaben. Nachdem Evelyn ihren Adam im Bad beim Seitensprung erwischt hat, geht sie in ihr Zimmer und lackiert sich seelenruhig ihre Fußnägel, damit sie besser zu den Urlaubssandalen passen, bevor sie nach Ungarn aufbricht. Kann es sein, dass Adams Untreue für sie längst kein Geheimnis mehr war? Dass sie ihre Empörung nur deshalb betont, um Adam in die Defensive zu bringen und zur Flucht aus der DDR zu überreden? Als Adam ihr nach Ungarn folgt, packt er ungefragt die Kassette mit Evelyns Familienschmuck ein, obwohl er sie doch angeblich zur Rückkehr bewegen will. Ist er sich längst darüber klar, dass sie beide letztlich im Westen landen werden und den Schmuck als Startkapital oder Notgroschen gut brauchen können? Will er gar nicht im Osten bleiben, sondern braucht Evelyns Aufbruch nur als Rechtfertigung vor sich selbst für die eigene Flucht? Hinter den vordergründigen Motivationen seiner Figuren eröffnet Schulze mit wenigen klugen Andeutungen ein weites Feld für Spekulationen über ihre anderen halb- oder unbewussten Antriebe. Er lässt ihnen so, was ihnen besondere Lebendigkeit verleiht, ihre Geheimnisse.

Mit „Adam und Evelyn“ hat Ingo Schulze nach „Neue Leben“ (2005) einen zweiten wunderbar lesbaren und zugleich literarisch hoch komplexen Roman über die Wiedervereinigung geschrieben. In „Neue Leben“ war es der Teufel selbst in Gestalt eines Unternehmensberaters, der den vom Mauerfall überraschten Romanheld dazu verlockt, mit den neuen, vom Westen gebotenen Lebenschancen sein Glück zu machen oder auch sich selbst zu verlieren. Das Titelpärchen von „Adam und Evelyn“ zitiert nun ebenfalls urmythische Gestalten und wieder liefert Schulze keine vorschnellen Antworten, ob seine Figuren richtig oder falsch handeln, sondern versucht die Erfahrung ihrer umfassenden, bodenlosen Verunsicherung literarisch einzufangen und für den Leser zu konservieren.

Ingo Schulze:
“Adam und Evelyn”. Roman
Berlin Verlag, Berlin 2008
208 Seiten, 18,- €

Thema: Schulze Ingo | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Gerhard Polt

Samstag, 2. August 2008 22:08

Drecksbagage
Literarische Feinarbeit von Gerhard Polt

Es gibt heute in der deutschen Literatur keinen großartigeren Polterer als Gerhard Polt. Wer in ihm nur den Parodisten des ewigen bayerischen Stammtisch-Krakeelers sieht, unterschätzt seine literarische Leistung. Natürlich, wenn man Polts Texte liest und sie nicht vom Kabarettisten Polt auf der Bühne gesprochen und gespielt sieht, muss man sich erst einmal, wie Bernd Eilert schrieb, „diese unverschämte Eindringlichkeit seiner Auftritte aus dem Kopf schlagen“. Aber dafür hat man dann einen genaueren Blick auf die sprachliche Feinarbeit, die in Polts Rollenprosa steckt. Ein bayerischer Konservator oder Mäzen poltert bei ihm naturgemäß ganz anders und viel gebildeter daher als etwa der bayerische Metzger namens Schickaneder, der von seinen Vorfahren noch einen Schuldschein Mozarts geerbt hat. Nur in einem Punkt sind sich alle Figuren Polts einig: Sie haben recht und die Welt tut ihnen Unrecht: „Aber wehr dich amal dagegen und stell dich hin, und willst was sagen, dann holen’s dich ab im Zeiserlwagen. Dieses Gschwerl, diese Drecksbagasch, Saubande, Halsabschneider, Blutsauger, Banditen, Mörder!“

Gerhard Polt:
“Drecksbagage”
Verlag Kein & Aber, Zürich 2008
119 Seiten, 12,90 €

Thema: Polt Gerhard | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock