Beiträge vom Juni, 2008

Matthias Politycki

Samstag, 21. Juni 2008 19:48

Ist es Wahnsinn? Ist es Glück?
Matthias Politycki reist um die Welt und braucht dazu 100 Tage länger als Jules Verne

Der heimliche Hauptdarsteller in Jules Vernes genialem Roman „Reise um die Welt in 80 Tagen“ ist die Zeit. Genau 115.200 Minuten hat sein englischer Held Phileas Fogg, um den Erdball zu umrunden. 1872, als der Verne das Buch publizierte, war das eine enorme verkehrstechnische Herausforderung. Der Roman erschien zuerst in einer Zeitung in täglichen Fortsetzungen, und die Leser begeisterten sich Folge für Folge nicht nur an Foggs Abenteuern, sondern eben auch an der Vorstellung, in welchem Maße sich das Reisen in der Moderne beschleunigte. Aber Verne war hellsichtig genug, den Preis jener touristischen Schnelligkeit nicht zu unterschlagen. Er beschrieb zugleich, wie sehr diese Weltumrundungs-Hetzjagd zur Parodie auf die traditionelle Bildungsreise wurde: „Fogg machte keine Reise, sondern beschrieb nur als physikalische Masse, angestoßen von einer Wette, einen Kreis um den Erdball nach den Gesetzen der Mechanik.“

Der heimliche Hauptdarsteller von Matthias Polityckis Roman „In 180 Tagen um die Welt“ ist die Zeitlosigkeit. Sein Held, der bayerische Finanzbeamte im mittleren Dienst Johann Gottlieb Fichtl wird durch einen Lottogewinn auf eines der elegantesten Kreuzfahrtschiffe aller Weltmeere versetzt, auf die MS Europa. Auf ihr reist er um die Erde und fällt dabei nicht nur komplett aus seinen bisherigen Leben, sondern auch aus jeder gewöhnlichen Zeitrechnung heraus: „Man hat Mühe“, schreibt er irgendwann in sein Logbuch, das wir als Polityckis Roman in Händen halten, „sich klarzumachen, ob man die Tage schon immer so verbracht hat oder ob man sie zukünftig immer so verbringen wird. Ist es eine sanfte Form von Wahnsinn? Oder reinstes Glück?“ Und etwas später: „Im Grunde wissen wir alle längst nicht mehr, welchen Wochentag wir gerade haben, wo wir vor einer Woche waren oder übermorgen sein werden, unser Schiff verschlingt die Zeit im Gleichlauf seines eigenen Rhythmus.“

Es ist ein großer Spaß, die Romane von Verne und Politycki nebeneinander zu lesen. Vielleicht werden die Literaturwissenschaftler irgendwann einmal von den „intertextuellen Bezügen“ zwischen beiden Büchern schwärmen, für den Leser sind die vielen kleinen Parallelen und gezielten Kontraste heute schon der Quell eines großes Vergnügen. So wie Phileas Fogg zu Beginn des Romans mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks seinen Londoner Club besucht, besucht Fichtl seinen bayerischen Stammtisch. So wie sich in Foggs Epoche der Moderne und des Glaubens an den technischen Fortschritts alles um Beschleunigung dreht, dreht sich auf Fichtls Luxusliner im Zeitalter der Postmoderne und des Wellness-Kults alles um Entschleunigung. So wie Fogg in Richtung Osten um die Erde rast und dabei kalendarisch einen Tag gewinnt, so lässt sich Fichtl von seinem Dampfer nach Westen um die Welt schippern und büßt dabei an der Datumsgrenze einen Tag ein. Und so wie Verne sein Buch zunächst als Fortsetzungsroman publizierte, stellte Politycki sein Buch Tag für Tag als Weblog ins Netz.

Zu den wenigen Zugeständnissen, die Politycki während seiner tatsächlichen Umrundung des Erdballs als Schiffsschreiber auf der MS Europa zwischen November 2006 und Mai 2007 zu machen hatte, gehörte die Bedingung der einladenden Reederei, er dürfe keinen seiner realen Mitreisenden literarisch porträtieren. Mit Blick auf die juristischen Kräfteverhältnisse zwischen Persönlichkeitsrecht und Kunstfreiheit in Deutschland war das wohl eine kluge Vorgabe.

Sie sorgte dafür, dass Politycki das Logbuch seines Helden von Anfang an mit einem wunderlichen, sehr skurrilen und amüsanten Phantasie-Ensemble bevölkert. Da ist von einer millionenschweren Besitzerin eines Glückskeksimperiums bis zu einer Tierpsychologin samt im Haar nistender Meise, von einem russischen Oligarchen mit Nörgelallergie bis zu einem adligen Lektor mit auffälliger Neigung zu Bildungsvorträgen ein comicbuntes Personal an Bord. Es wird von der MS Europa um die Welt getragen wie in einer schillernden, unverwundbaren Seifenblase, in der die Figuren pausenlos umeinander kreisen und von keinem Problem des Planeten tangiert werden, zugleich aber die prächtigsten Aussichten genießen.

Das Ganze hat natürlich, wie schon das Buch von Verne, kräftige satirische Züge. Worüber beschwert man sich auf einem Traumschiff, auf dem es schlicht an nichts fehlt? Darüber, dass die Kaviarportionen zu klein ausfallen, dass der Seegang nicht den Vorstellungen von ozeanischer Dramatik entspricht oder dass die Lieblings-Liegestühle schon wieder besetzt sind. Politycki ist ein Meister der gefundenen oder auch erfundenen Anekdote. Sein nur durchs Glück im Spiel unter die happy few geratenen Finanzbeamte Fichtl bestaunt als ein zeitgenössischer Simplicissimus die Riten der Reichen und der Superreichen – doch beschreibt er sie nicht mit Neid oder Zorn, sondern eher mit einer wilden Freude am Abwegigen und Kuriosen.

Wer will, kann Fichtls Logbuch mit seinen täglichen Einträgen auch als eine Sammlung von Kolumnen lesen. Und wie alle guten Kolumnisten hat Matthias Politycki jede einzelne seiner Arbeiten mit zahllosen Einfällen, Pointen und Wortspielereien sowie mit Querverweisen auf frühere Einfälle, Pointen und Wortspielereien hochgradig angereichert. Derart dichte Texte eignen sich allerdings nicht gut dazu, in hohem Tempo gleich dutzendweise gelesen zu werden. Man sollte sie lieber in Ruhe und in wohl bemessenen Häppchen genießen wie sehr gehaltvolle Speisen. Besser, man legt Polityckis Roman zwischendurch immer mal aus den Händen, um zur Abwechslung wieder ein paar Seiten in Jules Vernes Roman weiterzukommen. In diesem Wechsel können beide zusammen eine ebenso erheiternde wie die Gegensätze zwischen den Jahrhunderten erhellende Urlaubslektüre abgeben.

Matthias Politycki:
“In 180 Tagen um die Welt”. Das Logbuch des Herrn Johann Gottlieb Fichtl
Mare Buchverlag, Hamburg 2008
390 Seiten, 24,90 €

Thema: Politycki Matthias | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Erwin Strittmatter

Montag, 16. Juni 2008 8:32

Schriftsteller sind keine besseren Menschen
Der bekannte Epiker der DDR, Erwin Strittmatter, gehörte einem SS-Regiment an. Die SED wusste das und schwieg in der Öffentlichkeit dazu.

Erwin Strittmatter, der große Epiker der DDR, gehörte im Zweiten Weltkrieg, so wurde jetzt bekannt, einem SS-Regiment an. In seiner Romantrilogie „Der Wundertäter“ hatte er Kriegserfahrungen verarbeitet, seinen Lesern aber zeitlebens vorenthalten, dass er in einer Truppe diente, die an Massakern und Geiselerschießungen beteiligt war. Die SED wusste mehr als die Leser und schwieg öffentlich dazu. Ob sie Strittmatter, der sich mitunter regimekritisch geäußert hat, mit diesem Wissen erpresste, ist unklar. Dass er erpressbar war, liegt auf der Hand.

An Nachrichten wie dieser war in den jüngsten Jahren kein Mangel. Etliche Intellektuelle und Schriftsteller, die nach dem Krieg anderen ihre Nazi-Verstrickungen vorgehalten hatten, mussten sich nun mit Belegen für eigene Mitgliedschaften in NSDAP oder SS konfrontieren lassen. Prominentester Fall ist Günter Grass, der sich 2006 dazu bekannte, 1944 als 17-Jähriger zur Waffen-SS einberufen worden zu sein. Anders als Strittmatter überließ er damit die Entdeckung des heiklen biografischen Punkts nicht den Historikern, sondern gestand ihn ein. Niemand wird ihm zum Vorwurf machen wollen, dass er als Jugendlicher zur Waffen-SS geriet. Doch dass er trotz des moralischen Rigorismus, mit dem er von anderen die Offenlegung ihrer Vergangenheit forderte, selbst über dieses Kapitel seines Lebens lange schwieg, beschädigt selbstverständlich seine Glaubwürdigkeit.

Die Verehrung von Schriftstellern als Repräsentanten oder als Gewissen der Nation hat in Deutschland Tradition. In einem lange unter seiner inneren Zersplitterung leidenden Land ist das verständlich. Kultur und Sprache mussten über Jahrhunderte die Klammer bilden, die den Bürgern politisch vorenthalten blieb. Zur Zeit der Weimarer Klassik gab es in Deutschland Dutzende von Kleinstaaten – aber nur einen Goethe. Nach dem Zweiten Weltkrieg dann lag das Land politisch und moralisch am Boden. Nur zu gern richteten sich die Deutschen am Glanz ihrer kulturellen Tradition wieder auf: Dieses Volk hatte Hitler hervorgebracht – aber auch Thomas Mann. Also wurde von den Autoren zuallererst Belehrung, Ernst, Sinnstiftung, Würde erwartet.

Nüchtern betrachtet eignen sich Schriftsteller für eine solche Rolle nicht gut. Viele von ihnen sind, wie die meisten Künstler, labile, gefährdete und oft sehr selbstbezogene Menschen. Ein Künstler darf, wie ein Kunstwerk, nie ganz festlegbar, nie völlig berechenbar sein. Er muss überraschen und verblüffen können, muss unbewussten Eingebungen folgen dürfen, ohne sich zu jeder Zeit mit kritischer Vernunft über sein Vorgehen Rechenschaft abzulegen. „Ein Dichter ist“, um es mit Thomas Mann zu sagen, „ein auf allen Gebieten ernsthafter Tätigkeit unbedingt unbrauchbarer, einzig auf Allotria bedachter, dem Staate nicht nur nicht nützlicher, sondern sogar aufsässig gesinnter Kumpan.“

Diese habituelle Aufsässigkeit sorgt allerdings dafür, dass Schriftsteller in Diktaturen nicht selten zu Symbolfiguren von Oppositionsbewegungen heranwachsen wie Solschenizyn – oder schließlich ganz ins politische Fach wechseln wie Václav Havel. Der Mut, sich gegen vorherrschende Meinungen zu stellen, prädestiniert Autoren in manchen Situationen auch dazu, unterdrückte oder unerwünschte Ansichten in die Öffentlichkeit zu tragen wie Emil Zola in der Dreyfusaffäre oder Heinrich Böll mit seinem Aufruf „Freies Geleit für Ulrike Meinhof“.

Doch all dieser oft bewundernswerten Qualitäten zum Trotz haben Schriftsteller naturgemäß keine höhere Einsicht in politischen Fragen als andere Bürger. Anders als es die Genieästhetik will, sind sie nicht von erhabenen Geistern inspiriert. Zumal in offenen, liberalen Gesellschaften, in denen jeder am politischen Meinungsstreit teilnehmen kann, dürfen sie für ihre Sicht der Dinge keine Privilegien in Anspruch nehmen. „Wenn sie sich politisch äußern“, schreibt der Philosoph Odo Marquard, „ergibt das keine politpriesterlichen Verlautbarungen des Weltgeistes ex cathedra, sondern es handelt sich dabei dann selber um politische Maßnahmen, die politisch klug und produktiv oder – insbesondere, wo sie Eitelkeiten pflegen und Wichtigkeitserlebnisse suchen – politisch unklug und kontraproduktiv sein können.“ Kurz: In politischen Fragen verdient ein Schriftstellen nicht mehr Verehrung als ein Politiker. Und er kann wie ein Politiker seine Glaubwürdigkeit gründlich verspielen.

Thema: Strittmatter Erwin | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Peter Rühmkorf

Samstag, 14. Juni 2008 17:50

Peter Rühmkorf ist tot
Kleine Erinnerung an einen Paradiesvogeldichter

Peter Rühmkorf war ein Genießer. Und hinter dieser Bereitschaft zum Genuss, hinter seiner Freude an der Schönheit und am Witz steckte keine kleine Leistung. Als vaterloser Sohn, der in Deutschlands düsteren dreißiger Jahren aufwuchs, dürfte ihm früh klar geworden sein, dass der Menschen Tage auf diesem Planeten gewöhnlich nicht mit Zuckerschlecken verbracht werden. Wäre Rühmkorf ein Dichter der Schwermut geworden, es hatte niemanden wundern dürfen. Aber irgendwann einmal muss er für sich beschlossen haben, dass trübe Laune keine Lösung ist, und dass er Leben und Literatur allem Anlass für Melancholie zum Trotz so viel Glück, Glanz, Reiz und Lust wie möglich abgewinnen will.
Manchmal genügte es zu sehen, wie Rühmkorf an einer Zigarette zog, um zu spüren, wie sehr er jeden Augenblick, ja buchstäblich jeden Atemzug auszukosten verstand. Er war ein ungeheuer gebildeter Dichter, aber seine Gelehrtheit hatte nie etwas Gravitätisches. Er liebte Intelligenz, weil sie schlicht viel funkelnder, anregender, unterhaltsamer ist als die Dummheit. Er liebte es, wenn Verse einen musikalischen Klang haben, weil das der Sprache etwas Sinnliches hinzufügt und sie so noch reicher macht – zumal es ohnehin viel zu viel ärmliche, klanglose, unsinnliche Sprache gibt allerorten. Er liebte das Artistische und Feinnervige, das Zündende und Bezaubernde, kurz: das Außergewöhnliche, das nur selten gelingt.
All das machte Rühmkorf und seine Literatur jederzeit so zugänglich. Zum deutschen Dichter gehörte lange Zeit eine gewisse Vorliebe für den gewichtigen Auftritt als Großfürst des Geistes. Rühmkorf war das fremd. Er gehörte zum Geschlecht der fahrenden Sänger. Ihm war eine verrauchte Jazz-Kneipe allemal lieber als eine Akademie-Sitzung. Vermutlich war er der Lebenslust, um die es ihm ging, dort auch viel näher als auf den feierlich blankgeputzen, repräsentativen Podien des Kulturbetriebs, die oft als die Siegertreppchen unseres literarischen Lebens ausgegeben werden. „Nein“, schrieb er einmal, „Literatur ist ja gar nicht diese exklusive Verschlußsache, deren Siegel nur die Berufskritik zu erbrechen vermöchte, weshalb ich einem neuen Märchenbuch auch gleich des Wahlspruch ‚In dubio pro publico’ mit auf den Weg gegeben habe.“
Im März 2008 traf ich Peter Rühmkorf noch einmal zu einem Gespräch über seinen neuen Gedichtband „Paradiesvogelschiß“. Er lag während des Besuchs angekleidet auf dem Bett. Die Krankheit hatte seinen Körper fest im Griff. Was ihn nicht davon abhielt, seinen Geist schweifen zu lassen, neugierig zu fragen, zu erzählen, zu rauchen, mit seiner Frau Eva die Vorzüge und Nachteile bestimmter Heißgetränke zu erörtern und zwischendurch am Telefon mit seinem Verleger Alexander Fest die Gestaltungsdetails seines neuen Buches zu erörtern. Er war fest entschlossen, auch diesen grauen Wintertag zu genießen. Es war schön, ihm dabei zuzusehen.

Thema: Rühmkorf Peter | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Maxim Biller

Mittwoch, 11. Juni 2008 18:05

“Esra” ist frei und verboten
Ein Kommentar

Im vergangenen Oktober hat der erste Senat des Bundesverfassungsgericht den Roman “Esra” von Maxim Biller mit fünf zu drei Stimmen endgültig verboten. Senatspräsident Hans-Jürgen Papier ließ es sich nicht nehmen, das Urteil während der Buchmesse zu verkünden. Dem in Frankfurt versammelten Literaturbetrieb sollte auf diese Weise wohl symbolsprachlich ins Bewusstsein gebracht werden, wer hierzulande über Möglichkeiten und Grenzen der Literaturfreiheit das letzte Wort zu sprechen hat. Nämlich die Juristen, nicht die Autoren.

Das Verbot erfolgte auf Grund der Klage von Billers Ex-Freundin, die sich in dem Roman wiedererkannte und in ihrer Intimsphäre verletzt fühlte. Eine zweite Klage von deren Mutter, die sich in dem Buch verunglimpft sieht, hat das Verfassungsgericht bei dieser Gelegenheit an den Bundesgerichtshof zurückverwiesen. Der musste nun noch einmal prüfen, ob auch deren Klage zu recht besteht - und hat den Roman jetzt gegen die zweite Klägerin in Schutz genommen. Nach den neuen Vorgaben, die das Verfassungsgericht formuliert habe, gebührt nach Ansicht des BGH in diesem Fall “der Kunstfreiheit der Vorrang”.

Das ändert nichts an dem Urteil im ersten Fall. Billers Roman “Esra” bleibt auch künftig verboten. Es hat aber Auswirkungen auf die Schadenersatzansprüche der zweiten Klägerin. Das Münchner Landgericht hat der ersten Klägerin bereits Schmerzensgeld in Höhe von 50 000 Euro zugesprochen. Die zweite wollte ebensoviel, wird nun aber leer ausgehen. Das belegt noch einmal, welche enorme Bedeutung das Urteil des Verfassungsgerichts vom letzten Herbst hatte. Es hat die Literaturfreiheit hierzulande neu definiert. Wie bereits die drei Gegenstimmen innerhalb des Ersten Senates zeigten, bleibt es ein hochproblematisches Urteil. Aber es hat zumindest für so viel Klarheit gesorgt, dass Bücher in manchen anderen Fällen leichter freigesprochen werden können.

Thema: Biller, Maxim | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock