Beiträge vom August, 2007

Birgit Vanderbeke

Samstag, 25. August 2007 15:36

Die sonderbare Karriere der Frau Choi
Birgit Vanderbeke erzählt vom Aufstieg eines Dorfs in Südfrankreich

Aus literarischer Sicht ist gegen die Provinz nichts zu sagen. Ein Schriftsteller kann im kleinsten Dorf die ganze Welt entdecken, kann vor den staunenden Augen seiner Leser im Mikrokosmos des Zusammenlebens von einer handvoll Menschen den Makrokosmos einer ganzen Gesellschaft entfalten. Wenn er es kann. Eine große Liebe zum Detail gehört dazu, die Fähigkeit, den Figuren tief in ihre Seelen zu schauen und vor allem die Bereitschaft, das Personal nicht kurzerhand in Schafe und Böcke, Gute und Schlechte, Sympathische und Unsympathische zu sortieren. Denn zum einen machen solche schnurgraden Frontverläufe eine Geschichte nicht gerade spannend, zum anderen lehrt die Erfahrung, dass Menschen gewöhnlich ambivalente Geschöpfe sind und nur selten durch und durch böse oder durch und durch liebenwert.
In ihrer neuen Erzählung berichtet Birgit Vanderbeke von der Geschichte eines winzigen südfranzösischen Fleckens und der „Sonderbaren Karriere der Frau Choi“ in dieser ländlichen Welt vom Beginn der neunziger Jahre bis heute. Sie tut das im typischen Vanderbeke-Sound, einem lakonischen Parlando, das sich durch eine spielerisch vorgetäuschte Naivität und durch regelmäßige Wiederholung einiger feststehender Wendungen um ironische Pointen bemüht.
Frau Choi stammt aus Korea, aus Gwangju und lässt sich mit ihrem kleinen Sohn in dem französischen Dorf nieder. Sie stößt als Ausländerin nicht auf Ablehnung, sondern ist mit ihrer unermüdlichen Tatkraft „schnell vom ganzen Ort hoch geachtet“. Tatsächlich gelingt es ihr fast im Alleingang, das aus der Welt gefallene Nest behutsam aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken und für einen sanften, kulturell anspruchsvollen und natürlich ganz und gar nicht zerstörerischen Tourismus zu erschließen.
Die Geschichte ist nicht zuletzt deshalb literarisch so reizlos, weil Frau Choi immer alles richtig und nie einen Fehler macht. Mit federleichter Hand gewinnt sie ihre neuen Nachbarn für sich, räumt alle bürokratischen Hindernisse für ihre Pläne aus dem Weg, zieht genau die zahlungskräftigen, aber unaufdringlichen Gäste an, von denen jeder Fremdenverkehrsort nur träumen kann, bietet in ihrem architektonisch hinreißend gestalteten Restaurant nur die schmackhaftesten und zugleich gesündesten Speisen an. Nebenbei erzieht sie noch ihren Sohn zu einer perfekten Mischung aus Selbstbewusstsein und Respekt. Das klingt alles ein wenig zu schön, um wahr zu sein. Doch nicht nur beim Entwurf der Handlung, sondern auch mit ihrer Hauptfigur hat es sich Birgit Vanderbeke erstaunlich leicht gemacht. Denn Frau Choi ist der klassischen Klischee-Asiatin präzise aus dem Gesicht geschnitten, sanft, fleißig, von wunderbarer Weisheit und dabei immer ein wenig undurchschaubar.
Das einzige Motiv, mit der Birgit Vanderbeke das Charakterbild ihrer Heldin aufraut, ist nicht eben subtil. Denn Frau Choi, die als geniale Köchin nebenbei manches hartnäckige Leiden ihrer Nachbarn durch Naturkost oder geheimnisvolle Pülverchen heilt, neigt offenbar zum Giftmord. Schon ihr Mann, ein Holländer, ist eines unklaren Todes gestorben. Dann trifft es den Bürgermeister, der mit dem Ort andere Ziele – schlechtere, versteht sich – verfolgte als sie. Schließlich serviert sie einem Gast, der eine ihrer Mitarbeiterinnen belästigt und bedroht, ein Gericht mit verdächtiger Pilzbeilage und prompt haucht auch der sein Leben aus. Über den Ehemann erfährt man wenig, aber die beiden anderen Opfer sind ausgemachte Widerlinge, so dass Frau Choi nicht wirklich als finstere Killerin, sondern eher als Retterin dasteht – und es niemanden in moralische Turbulenzen stürzt dürfte, wenn er liest, dass sogar zwei einschlägig ausgewiesene Wissenschaftler ihren sehr speziellen Zutaten nicht auf die Spur kommen.
Birgit Vanderbeke hat mit „Muschelessen“ (1990) auf den Spuren Thomas Bernhards eine eindrucksvolle Familienschreckensgeschichte und mit „Alberta empfängt einen Liebhaber“ (1997) eine kunstvoll schillernde, ganz zarte Liebesgeschichte geschrieben. Sie schien auf gutem Weg, eine der wichtigen Erzählerinnen der deutschen Literatur zu werden. Doch die Bücher, die sie in den letzten Jahren vorgelegt hat, von „Geld oder Leben“ (2003) über „Sweet Sixteen“ (2005) bis jetzt zur „Karriere der Frau Choi“ sind von ernüchternder Dürftigkeit. Hier ist eine talentierte Autorin in eine lang anhaltende Krise geraten. Bleibt zu hoffen, dass sie bald zu ihrer alten literarischen Kraft zurückfindet.
Birgit Vanderbeke
Die sonderbare Karriere der Frau Choi
S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main
124 Seiten, 16,90 €

Thema: Vanderbeke Birgit | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Martin Mosebach

Dienstag, 14. August 2007 17:18

Gespräch mit Martin Mosebach über die Pläne zur Umgestaltung der Frankfurter Altstadt, den modernen Städtebau und das rituelle Krönungsmahl den deutschen Kaisers über einem offenen Laden sowie die Sicherheit, dass jeder Zustand, auch der Allererfreulichste, ein Übergangszustand ist

Der Romancier Martin Mosebach, der im Herbst 2007 den Büchnerpreis erhielt, ist in Frankfurt am Main geboren, lebt dort und hat seine Heimatstadt unverkennbar zum Zentrum seiner literarischen Welt gemacht. 2007 entschied der Frankfurter Magistrat, das zwischen Dom und Römer gelegene Technische Rathaus der Stadt abzureißen, um die im und nach dem Zweiten Weltkrieg zerstörte Altstadt zumindest in Teilen seiner historischen Gestalt wiederanzunähern. Uwe Wittstock sprach mit Mosebach über diese umstrittenen und nicht zuletzt kostspieligen Pläne, Frankfurt in seinem Zentrum ein neues Gesicht zu geben, das seinem früheren ähnelt.

Uwe Wittstock: Das Technische Rathaus Frankfurts soll, vor drei Jahrzehnten erst errichtet, jetzt abgerissen werden, obwohl keine technischen Baumängel bestehen. Ist das in Ihren Augen nötig?
Martin Mosebach: Das Areal zwischen Dom und Römer machte vor seiner Zerstörung den Kern der Frankfurter Altstadt aus. Die Altstadt war ein Meer aus schmalen, hoch gebauten, eng aneinander gepressten Häusern mit spitzen Giebeln, aus dem der Dom riesenhaft herausragte. Der Frankfurter Dom ist gemessen an anderen deutschen Domen ein bescheidenes Bauwerk. Aber der Domturm ist ein architektonisches Meisterwerk. Dem Architekt Madern Gerthener ist da Großes gelungen. Das zweite bedeutende Gebäudeensemble ist der Römer. Diese beiden architektonisch wichtigen Orte müssen zur Geltung gebracht, müssen eingerahmt werden. Dazu war das Häuser-Gewimmel bestens geeignet.

Wittstock: Eine solche adäquate Einrahmung ist nach dem Krieg nicht wieder gelungen?
Mosebach: Der moderne Städtebau hat dafür bis heute keine angemessene Lösung gefunden. Das moderne Bauen denkt nicht in dem engen mittelalterlichen Kataster – und kann in ihm nicht denken. Deshalb ließ man dieses Gebiet auch nach dem Krieg lange brach liegen. Dann entschloss man sich, dort das völlig überproportionierte Rathaus hinzusetzen, das den Dom seiner Wirkung beraubt. Ganz egal wie man die Qualität dieses Gebäude beurteilt: Es ist ein gewaltiger Elefantenkörper neben dem Dom. Das neu entstandene Areal ist nie von der städtischen Bevölkerung angenommen worden, es ist eine tote Welt geblieben. Das war keine Lösung, die auf Dauer Bestand haben konnte. Deshalb ist es sehr gut, wenn dieses Gebäude jetzt wegkommt.

Wittstock: Was soll dort stattdessen entstehen? Halten Sie es für richtig, wenn das Areal historisierend rekonstruiert wird?
Mosebach: Frankfurt ist eine Stadt der halben Sachen oder der Kompromisse. Das gehört seit je zu ihr. Hier wurde nie eine ästhetische Linie radikal durchgefochten, es wird vielmehr so lange diskutiert, bis alle Meinungen berücksichtig sind und der groß gemeinte ästhetische Wurf sehr klein gerät. Man überlegt gegenwärtig, einige Häuser der Altstadt, deren Pläne man noch hat, zu rekonstruieren und um sie herum Häuser nach dem alten Kataster zu bauen. Die sollen der Silhouette der Altstadthäuser nachempfunden sein, aber den Gesetzen moderner Architektur gehorchen. Ich halte das für sehr problematisch. Ich fürchte, man wird so zu etwas kommen, dass schnell veraltet und dann sehr unansehnlich ist.

Wittstock: Ist denn die Rekonstruktion von Gebäuden, die vor sechzig Jahren zerstört wurden, nicht ebenfalls ästhetisch problematisch?
Mosebach: Es geht hier doch nicht um solche großen, erhabenen Architekturfragen wie: Darf man Vergangenes rekonstruieren, oder löscht man damit die Erinnerung an die historischen Ereignisse aus, die zur Zerstörung führten. Hier geht es einfache Bürgerhäuser, nicht um architektonische Meisterwerke wie die Frauenkirche in Dresden. Diese Altstadthäuser sind Bestandteil des Rahmens von Dom und Römer. Wenn man einen alten Sessel hat, dem eine Lehne abgebrochen ist, kommt niemand auf die Idee, statt der Lehne vom Polsterer ein Erinnerungszeichen der Zerstörung an dieses Möbel anfügen zu lassen. Nein, man sorgt dafür, dass der Sessel repariert wird, damit er als Ganzes wirkt und seine Funktion erfüllt.

Wittstock: Zwischen Dom und Römerberg verlief der sogenannte „Krönungsweg“ der Deutschen Kaiser. Sie zogen auf ihm während ihrer Krönungszeremonie zum Römer. Heute ist dort auf der einen Seite das Rathaus, auf der anderen liegen antike Fundamente zur Besichtigung frei. Wie kann man mit denen umgehen, wenn man der Altstadt wieder Züge ihrer alten Gestalt geben will?
Mosebach: Diese Fundamente, das haben andere schon sehr schön formuliert, sind nicht das Forum Romanum. Es sind ein paar Mäuerchen und es ist sehr interessant, dass sie dort sind. Aber sie werden auch gut in einem Keller aufbewahrt sein. Man soll sie um Gottes Willen nicht zubetonieren, sondern bei angemessenem Zugang überbauen. Wenn wir durch eine Rekonstruktion des Altstadtcharakters wieder eine Ahnung bekommen von der Gestalt des „Krönungsweges“, wird das historisch äußerst reizvoll sein. Dies ist ein wesentlicher Ort deutscher Geschichte und der Verfassung des Heiligen Römischen Reiches. Die allergrößte Zeremonie des Reiches zog nicht über irgendeine Camps Elysee, irgendeine Prachtstraße, sondern über ein enges Sträßlein. Das ist in meinen Augen ein ergreifendes Zeugnis für den Charakter dieses Reiches. Es herrschte ein ganz anderes Verhältnis zur Repräsentation des Reiches, das zersplittert war, das kein Zentralstaat war, und in dem man mit den Gegebenheiten der Bürgerstadt Frankfurt vorlieb nehmen musste. Dort hatte man bei einigen Häusern, die nebeneinander standen, die Zwischenwände herausgebrochen und nannte das so entstandene, gründlich verbaute Gebäude Römer. Unten war eine große Lagerhalle. Wenn der Kaiser sein rituelles Kaisermahl zu sich nahm, fand das quasi über einen offenen Laden statt. Alles war nur eine Improvisation.

Wittstock: Haben Sie keine Angst, dass durch eine Rekonstruktion der Altstadt entlang des Krönungsweges eine Art Disney-Frankfurt entsteht?
Mosebach: Mit dem Wort Disney geht man sehr großzügig um. Wer schon einmal in einem Disney-Park gewesen ist, weiß, dass es dort anders aussieht, als wenn historische Gebäude von anspruchsvollen Restauratoren wiedererrichtet werden. Den Disney-Vorwurf könnte man in Frankfurt auch gegen das Goethe-Haus erheben, das bis auf die Grundmauern abgebrannt war und – glücklicherweise – wieder aufgebaut wurde. Die Vergleichsgröße sollte nicht ein Disney-Park sein, sondern Warschau. Die Altstadt dort hat mir einen großen Eindruck gemacht. Natürlich, dem Warschauer Königsschloss sieht man an, dass es eine Rekonstruktion ist. Aber die großen Plätze mit ihren Bürgerhäusern sind gelungen.

Wittstock: Wird durch solche Rekonstruktionen nicht Geschichte – genauer: das düsterste Kapitel deutscher Geschichte – architektonisch beschönigt und überpinselt?
Mosebach: Es kommt doch nur darauf an, den Domturm, das beste Stück Frankfurter Architektur, der wie eine Glucke über der Altstadt saß, zur Geltung zu bringen. Um mehr geht es hier nicht. Den Krieg vergessen machen, das können wir in Frankfurt sowieso nicht. Die die Konstabler Wache, die Berliner Straße, die Kurt-Schumacher-Straße, all diese Unorte werden uns an den Krieg erinnern, so lange wir in dieser Stadt leben. Noch in einem Jahrhundert wird man ihr ansehen, dass ihr mal eine Katastrophe geschehen ist. Sieben Altstadthäuschen können einen Krieg nicht weglügen.

Wittstock: Wieso wurde gerade in Frankfurt so konsequent mit der Tradition gebrochen und vieles, was der Krieg verschonte, noch nachträglich zerstört?
Mosebach: Es ist leichter eine Residenzstadt wie München wiederaufzubauen, die am grünen Tisch entstanden ist. Etwas anderes ist es, eine gotische Altstadt wieder herzustellen, wie sie in Frankfurt über Jahrhunderte gewachsen ist. Bei einem solchen Organismus kann man nie sagen, welches der zu bewahrende Endzustand war, weil sich alles immerfort weiterentwickelte. Das Fachwerk vieler Häuser zum Beispiel, das heute bei den Rekonstruktionsplänen oft auf Befremden stößt, war über Jahrhunderte gar nicht zu sehen. Wenn man alte Kupferstiche oder Fotos betrachtet, sieht man, dass dieses Fachwerk verputzt war oder mit Schieferschindeln bedeckt, weil man Fachwerk als mindere Bauform empfand und den Anschein fester Steinhäuser erreichen wollte. Mein Vorschlag wäre, die Häuser als Fachwerk wieder zu errichten, dann aber zu verputzen, so wie sie um 1930 aussahen. Sie würden dann in viel geringerem Maße als Rekonstruktion wirken, und sie könnten ihrer dienenden Funktion als Rahmen für Dom und Römer besser gerecht werden.

Wittstock: In ihrem jüngsten Roman „Der Mond und das Mädchen“, der in Frankfurt spielt, deuten sie an, die Stadt habe fast jedes spezifische Aroma verloren: „Ausgesogenheit konnte man es nennen“, schreiben Sie, einen „vollständigen Verlust von Hall und Timbre“. Wird die Wiederherstellung der Altstadt daran etwas ändern?
Mosebach: Nein, daran wird man bestimmt nichts ändern können. Diese Art metaphysischer Öde, die ich spüre, wird man mit solchen Maßnahmen nicht in den Griff kriegen. Die Ursache dafür ist nicht eine Hässlichkeit, die man durch architektonische Reparaturen beseitigen könnte. Diese Öde liegt meinem Empfinden nach über der ganzen Stadt. Auch die wenigen Gebäude, die den Krieg überstanden haben, wirken seltsam neu. Die feinen Wurzelgeflechte, die ein Haus, eine Straßen, einen Winkel mit anderen Epochen verbinden, die sind hier gekappt. Das hat sicher viele Gründe. Darunter wohl auch den, dass ein relativ kleiner Stadtorganismus sich zu einer Finanzmetropole wandelte, in der viele Menschen nur sehr vorübergehend leben, bevor sie dann in andere Städte weiterziehen. Das heimatliche Element, das Beharrende, das typisch Frankfurterische ist fast nicht mehr vorhanden.

Wittstock: Aus diesem nomadenhaften Hin und Her vieler Menschen bildet sich aber auch etwas Neues. Das beschreiben Sie ebenfalls in ihrem neuen Roman.
Mosebach: Es bildet sich immer etwas Neues. Man kann mit großer Sicherheit sagen, dass jeder Zustand, auch der Allererfreulichste, ein Übergangszustand ist. Ich will deshalb gar nichts bejammern. Ich will nur feststellen, dass diese Stadt Voraussetzungsloser, Geschichtsloser ist als viele andere. Umso wichtiger wäre es, historische architektonische Haltepunkte wiederherzustellen.

Thema: Mosebach, Martin | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Ulrich Plenzdorf

Freitag, 10. August 2007 22:05

Aus Stimmen Leben machen
Ulrich Plenzdorf, der Vater „des jungen W.“ und von „Paul und Paula“ ist tot

Ulrich Plenzdorf vereinte auf verblüffend harmonische Weise vollkommen gegensätzlichen Eigenschaften. Er war ein Rebell und ein präziser literarischer Handwerker, ein Popautor und ein Preuße, ein Mann mit nüchterndem Blick für politische Tatsachen und zugleich ein unbelehrbarer Romantiker. Vor allem aber verfügte der 1934 in Berlin geborene Plenzdorf über ein Talent, dass unter deutschen Gegenwartsautoren nicht im Übermaß verbreitet ist: Er hatte die Fähigkeit, seine Figuren vor den inneren Augen der Leser lebendig werden zu lassen – und zwar nicht durch das, was sie sagen, sondern dadurch, wie sie es sagen. Er konnte einprägsame, für viele Menschen unvergessliche Charaktere formen allein aus Vokabular und Tonfall.
Kein Wunder, dass Plenzdorf also Drehbuch- und Bühnenautor wurde. Er schrieb nicht nur Rollen, er schrieb Stimmen, in die Schauspieler hineinschlüpfen konnten wie in Maßanzüge. Am erfolgreichsten war er mit dieser Kunst allerdings nicht in einem Theater- oder Film-Manuskript, sondern in einem kleinen Roman: „Die neuen Leiden des jungen W.“ (1973). Plenzdorf hatte das Buch zunächst für die Schublade geschrieben, denn er ahnte, dass sich die Kulturfunktionäre der DDR mit Händen und Füßen dagegen wehren würden, es zu veröffentlichen. Als aber Erich Honecker 1971 Walter Ulbricht aus dem Amt schubste und den Schriftstellern des Landes vorübergehend etwas längere Leine ließ, konnten die „Neuen Leiden“ zunächst in einer Bühnenfassung in Halle uraufgeführt und dann auch gedruckt werden.
Das Buch erzählt die realsozialistische Variante der ewig gleichen, ewig wahren Geschichte des idealistischen Jugendlichen, der aufbegehrt gegen die engherzige, rationale Welt der Erwachsenen. Obwohl Plenzdorf nach eigenen Worten „rot bis auf die Knochen“ war (er stammte aus einer kommunistischen Arbeiterfamilie, die Nazis hatten beide Eltern inhaftiert, seine Mutter verbrachte ein Jahr im KZ Mohringen), hielt er dabei mit seiner Enttäuschung über den tristen Alltag der DDR nicht hinterm Berg: Sein junger Held schwärmt für Jeans und Popmusik aus dem Westen und reibt sich wund an dem kleingeistigen sozialistischen Spießertum des Landes.
Der Roman ist ein Meisterwerk der Stimmimitation: Auf den Spuren von Mark Twains „Huck Finn“ und Salingers „Fänger im Roggen“ traf Plenzdorf einen schnoddrigen Ton, in dem sich Jugendliche sowohl in Ost wie in West wiedererkennen konnten. Dass es ihm aber darüber hinaus noch gelang, den verlogenen Polit-Jargon der DDR-Zeitungen, die hilflosen Platitüden der Erwachsenen und nicht zuletzt das glühende, bedrängende Deutsch aus Goethes „Werther“ – den Plenzdorfs Held über die Jahrhunderte hinweg als einen Seelenverwandten betrachtet – in diesem schmalen Roman unterzubringen, macht aus ihm ein frühes Glanzstück postmoderner Literatur, entstanden zu einer Zeit, in der in Deutschland noch kaum jemand diesen Begriff auch nur buchstabieren konnte. Das Buch wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt und erreiche eine Auflage von weit über vier Millionen. Man darf es zu den wenigen Welterfolgen der DDR-Literatur zählen.
Einfacher gebaut, aber emotional nicht minder wirkungsvoll war Plenzdorfs Drehbuch zu „Die Legende von Paul und Paula“ (1973), das der Regisseur Heiner Carow auf die Leinwand brachte. Der Film avancierte in der DDR zum Klassiker und wird noch heute in Berliner Kinos gespielt. Angesiedelt irgendwo zwischen Erich Segals „Love Story“ und Christa Wolfs „Nachdenken über Christa T.“ zeigt er eine junge Frau, die mit ihrer unbedingten Lebens- und Liebeslust an der Schmalspurigkeit ihrer sozialistischen Umwelt scheitert und bei der Geburt des dritten Kindes stirbt. Der Film machte Angelika Domröse zum Star und Plenzdorf zum Helden aller romantischen Seelen der DDR.
Mit dem virtuosen Prosastück „kein runter kein fern“ gewann Plenzdorf dann 1978 den Klagenfurter Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis: Er entwarf den Bewusstseinstrom eines geistig behinderten zehnjährigen Schülers, der mit anderen Jugendlichen von Ost-Berlin aus ein Konzert der Rolling Stones auf dem Dach des Springer-Hochhauses in West-Berlin hören will, und von Grenzpolizisten – unter ihnen der eigene Bruder – niedergeknüppelt wird. Moralisch schärfer, aber auch literarisch entschiedener konnte die Kritik am diktatorischen Sozialismus der DDR schwerlich ausfallen. Bereits 1976 hatte Plenzdorf den legendären Petitionsbrief gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns unterschrieben, und danach, was ihm kaum ein anderer Autor damals nachmachte, die SED aus Protest verlassen.
Die siebziger Jahren waren Plenzdorfs große Zeit. Aber auch danach hat er, der disziplinierte Preuße, unbeirrt weitergearbeitet. Er schrieb unter anderem die Drehbücher zu Martin Walsers „Fliehendem Pferd“ und zu Hans Falladas „Trinker“ (verfilmt mit Harald Juhnke), zu Erwin Strittmatters „Der Laden“ und schließlich zu der von Jurek Becker übernommenen Fernsehserie „Liebling, Kreuzberg“ – die er in sein vertrautes Revier am Prenzlauer Berg verpflanzte und für die er mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. So spektakuläre Publikumserfolge wie zuvor erzielte er nicht mehr, aber was immer er ablieferte, hatte hohe handwerkliche Qualität. Plenzdorf war, was es in der deutschen Literatur selten gibt, ein Meister des well-made-plays, des dramaturgisch wie sprachlich perfekt gearbeiteten Stückes. Er ist gestern im Alter von 72 Jahren nach langer Krankheit in Berlin gestorben.

Thema: Plenzdorf Ulrich | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Martin Mosebach

Samstag, 4. August 2007 17:13

„Der Mond und das Mädchen“
Martin Mosebachs zauberhaft zarter und zugleich satirisch böser Roman

Die Freiheit ist ein seltenes Wild. Selbst in den Ländern und Großstadtdschungeln des liberalen Westens ist sie nicht oft und nur unter beträchtlichem Einsatz zu erjagen. Man schließt gern die Augen davor, aber im Grunde gleiten Lebensläufe meist dahin wie auf Schienen, in ihrer Richtung vorbestimmt durch Erziehung, Zeitgeist, Konventionen. Nur sehr gelegentlich kommt mal eine Weiche, an der behutsam der Weg korrigiert werden kann und fast nie wagt es jemand, die Lok von den Geleisen zu heben und sich jenseits des Bahndamms die eigene Spur zu suchen. Solche raren Momente der Freiheit, gezielt oder halb unabsichtlich herbeigeführt, hat Martin Mosebach, schon mehrfach zum Motor seiner Romane gemacht. Jetzt wurde ihm, der lange Zeit wenig Aufmerksamkeit fand, mit dem Büchnerpreis eine der höchsten literarischen Ehrungen des Landes zugesprochen.

Gerade rechtzeitig zur Auszeichnung erscheint sein neuer, zauberhaft zarter und zugleich satirisch böser Roman „Der Mond und das Mädchen“. Und auch den treibt die geheime, vor sich selbst uneingestandene Sehnsucht des Helden voran nach einem Ausbruch aus der festgelegten Lebensbahn.
Hans heißt seine Hauptfigur: ein junger, frisch verheirateter Hamburger Universitätsabsolvent, der gerade in Frankfurt seine erste Stelle bei einer Bank antritt. Er ist kein Dummkopf, aber offenkundig von ernsteren Lebenserfahrungen bislang verschont geblieben und deshalb nicht frei von einer gewissen Naivität. Seine Frau Ina reist gleich nach der Hochzeit mit ihrer Mutter nach Italien, er selbst nimmt in Frankfurt seine Arbeit auf und möchte nebenher in der fremden Stadt gewissermaßen Quartier machen, also eine geeignete Unterkunft für sich und Ina finden. Da die Mieten in den besseren Stadtteilen eine infame Höhe erreicht haben, entscheidet sich Hans schließlich für eine Wohnung in der Nähe vom Hauptbahnhof, unmittelbar an einem der tristesten, verkehrsreichsten, unwirtlichsten Plätze der Innenstadt.

Damit scheint der weitere Handlungsverlauf des Romans absehbar: Der Held, aus wohlgeordneten Verhältnissen stammend, findet sich inmitten rauer sozialer Realitäten wieder, die ihn und seine junge Frau bedrohen, und gegen die er sich zur Wehr setzen muss. Tatsächlich ist das Milieu, mit dem er sich nun konfrontiert sieht, für Hans weder vertraut noch Vertrauen erweckend: Das Ehepaar in der Etage unter ihnen, er Kunsthistoriker, sie Schauspielerin, machen einen zwar gebildeten, aber reichlich bohèmehaften Eindruck. Dazu ein marokkanischer Hausmeister, der nicht nur die Post der Mieter ausforscht, sondern die ganze Nachbarschaft wie ein Mafia-Pate zu kontrollieren vorgibt. Überdies ein grotesk verfetteter Hausbesitzer, der über das Scheitern seine Ehe nicht hinwegkommt, sich offenbar vom Hausmeister um die Mieteinnahmen prellen lässt und deshalb auf Almosen angewiesen ist.

Doch Mosebach kippt die Verhältnisse um. Nicht die scheinbar so dubiosen neuen Bekanntschaften machen Hans zu schaffen, sondern die Lebenskreise aus denen er stammt. Seine Schwiegermutter, die bezeichnenderweise von Klein heißt, ist eine bornierte, engherzige Familientyrannin. Sie kennt kein Interesse jenseits des materiellen Wohlergehens – und diesem Vorbild eifert die Tochter immer offener nach. Beide Damen haben für die Anwohnerschaft rund um den Frankfurter Bahnhof keinen Sinn. Hans dagegen fühlt sich nicht unwohl zwischen den neuen Nachbarn, die aus allen Himmelsrichtungen in die Stadt gespült wurden und sich während heißer Sommerabende im Hof bei einer Trinkhalle versammeln, um die Nächte zu verplaudern. Die kuriose Völker- und Schicksalsmixtur weckt seine Neugier und die lebensfrohe Schauspielerin eine Etage tiefer seine Abenteuerlust.

Martin Mosebach ist einer der großen Erotiker unter den deutschen Erzählern der Gegenwart. Nicht, dass er sexuelle Vorgänge besonders explizit beschriebe, im Gegenteil, er ist in dieser Hinsicht auf eine liebenswert altmodische Weise diskret. Vielmehr versteht er es zum Beispiel in diesem Roman, die sommerlich aufgeheizte Stadt Frankfurt in eine sinnlich schwüle, lastende, der ersehnten Entspannung entgegenfiebernde Atmosphäre zu tauchen. Er zeigt, wie die Distanz zwischen Hans und Ina zunimmt und wie die wachsenden Anziehungskräfte zwischen Hans und seiner Nachbarin für immer neue Begegnungen und kleine Flirts sorgen. Ohne zuviel vom Ausgang der Geschichte zu verraten: In der Wohnung der Schauspielerin recken sich die übervollen Bücherregale der Decke entgegen und auf den letzten Zeilen des Romans heißt es von dem Helden, der zuvor kein großer Anhänger der Literatur war: „Hans liest viel“.

Erstaunlicherweise wird Mosebach gern als Kronzeuge für eine Renaissance des Bürgertums in Anspruch genommen. Daran sind sein sehr kultiviertes Auftreten, seine beeindruckende Bildung und die Tonlage seiner Romane vermutlich nicht unschuldig. Weil er Gesellschaftsromane nach dem Vorbild bürgerlicher Romanciers des 19. und frühen 20. Jahrhunderts schreibt, möchte man in ihm gern einen Vorboten der Wiederkehr bürgerlicher Lebensformen sehen. Doch wer sich etwas gründlicher mit seinen Büchern beschäftigt, wird darin wenig finden, das zu solchen Hoffnungen ermutigt. „Der Krieg hatte erbarmungslos den wahren Zustand bürgerlicher Kultur offenbart“, schrieb Mosebach einmal. „Vor dem Krieg hatten die Nachkommen alter Familien in ihren unzerstörten Häusern mit den Bildern und Möbeln gesessen, die ihnen über Generationen zugewachsen waren. Aber als es nach dem Krieg daranging, etwas Neues zu schaffen, das ansehnlich und menschenwürdig aussah, kam heraus, dass das ästhetische Konto seit langem überzogen war. Die Barockmöbel waren erst jüngst verbrannt, der Geschmack, der sie hervorgebracht hatte, war schon lange gestorben.“ Kultureller Niedergang ist, so Mosebach, kein abrupter, sondern ein allmählicher Prozess, auch wenn er nach historischen Katastrophen schlagartig sichtbar wird. Und er lässt sich, das liegt auf der Hand, nicht durch eine plötzlich wiedererwachte öffentliche Wertschätzung des lange geschmähten Bürgertums kurzerhand rückgängig machen.

Sicher, Mosebach stellt im neuen Roman Frau von Klein als typische Vertreterin eines amorphen Wohlstandsmilieus, zu dessen höchstem denkbaren Lebensziel größtmögliche Bequemlichkeit geworden ist, mit satirischer Schärfe bloß. Doch sein Held lässt sich im Kontrast dazu eben nicht von reanimierten bürgerlichen Ideen faszinieren, sondern von einer betont unkonventionellen Schauspielerin und von dem multikulturellen Völkergemisch, das noch die ödesten Wüsteneien unserer Großstädte zu besiedeln und auf seine Weise zu rekultivieren beginnt.

Selbst in seinem bislang einzigen historischen Roman „Der Nebelfürst“, der größtenteils im Frankfurt des Fin de Siècle spielt, und aus dem Mosebach leicht eine nostalgische Liebeserklärung an die versunkene Bürgerkultur hätte machen können, begegnet er allen braven Bürgersleuten betont ironisch. Seine Zuneigung dagegen gehört immer wieder jenen Figuren, die aus den Geleisen der üblichen Biographien herausspringen, also den Abenteurern, Hochstaplern, schrägen Vögeln und Phantasten, die jenseits der viel befahrenen Bahndämme die eigene Freiheit suchen, oder eben jenen Träumern, die sich nach einem solchen Ausstieg sehnen wie der schlichte Held in „Der Mond und das Mädchen“. Vielleicht darf man in Hans einen späten Nachfahren von Eichendorffs Taugenichts sehen – der sich allerdings letztlich als so willensschwach herausstellt, dass er anders als sein literarischer Urvater nicht selbst nach Italien aufbricht, sondern statt dessen Frau und Schwiegermutter reisen lässt, also zu einem echten Taugenichts nicht taugt.

Mosebachs Sympathie für die Aussteiger aus der auf moderate Mittelwerte gedimmten Massengesellschaft ist in der Nachkriegsliteratur nichts Ungewöhnliches. Von Böll bis Grass haben einige der wichtigsten Erzähler mit Vorliebe die Nonkonformisten, die Querköpfe und -treiber zu ihren Helden gemacht. Das Besondere von Mosebachs Romanen ist vielmehr ihre Form, ihre Tonlage. Für zahllose Kritiker und Literaturwissenschaftler galt es hierzulande mindestens eine Generation lang als ausgemacht, dass der auktoriale Erzähler, der den Leser gleichsam an die Hand nimmt, um ihn durch den Roman zu führen und alle Handlungen oder Gefühle der auftretenden Figuren ausführlich zu kommentieren, ein für allemal überlebt sei. Mosebach aber hat nie an die Innovationsgebote und das an das Fortschrittspathos der modernen Ästhetik geglaubt, sondern sich als Schriftsteller die Freiheit genommen, aus den Geleisen der literarischen Trends zu springen und den Möglichkeiten des auktorialen Erzählens zu schwelgen, obwohl ihn der Literaturbetrieb deshalb lang Zeit missachtete.

Doch die alten Dogmen haben inzwischen ihre alte Macht verloren. Dass es gute literarische Gründe dafür geben kann, Geschichten in alter Manier zu erzählen – um es mit dem Untertitel von Ingo Schulzes jüngstem Erzählungsband zu sagen – beginnen allmählich selbst Kritiker zu akzeptieren, die noch vor wenigen Jahren ganz und gar auf den Modernismus fixiert waren. An dem wunderbaren Roman „Der Mond und das Mädchen“ lassen sich einige solche Gründe studieren. So kann Mosebach beispielsweise von seinem unbedarften Helden Hans erzählen, ohne in unbedarfte Rollenprosa verfallen zu müssen, da ein auktorialer Erzähler eben auf den ganzen Scharfsinn, die Bildung und die Sprachkraft des Romanciers Mosebach zurückgreifen kann. Und wenn Mosebach in einen alten, reichen, gut zweihundert Jahre tief in der Literaturgeschichte verwurzelten Tonfall unsere aktuelle Milieus und Umgangsformen schildern, wirft das auf die Gegenwart ein seltsames Zwielicht. Man erkennt mit einem Mal wie ärmlich, wie karg unsere Zeit – die sich so gern für die Krönung der Geschichte hält – mitunter wirkt im Vergleich zur ästhetischen Fülle und Pracht vergangener Epochen.

Martin Mosebach:
“Der Mond und das Mädchen”. Roman
Carl Hanser Verlag, München 2007
191 Seiten, 17,90 €

Thema: Mosebach, Martin | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock