Beiträge vom März, 2007

Günter Grass, Martin Walser

Mittwoch, 28. März 2007 19:50

In der Opferrolle
Auf der Leipziger Buchmesse präsentieren sich Günter Grass und Martin Walser effektvoll als die Verfolgten. Selbst teilen sie kräftig aus - vor allem gegen die Presse

Das soll ihnen erst mal einer nachmachen: Zwar haben weder Günter Grass noch Martin Walser in diesem Frühjahr bedeutende Bücher vorgelegt, sondern jeweils nur ein kleines Nebenwerk, und dennoch sind sie zu den dominierenden Figuren der Leipziger Buchmesse geworden. Zugegeben, bei Walser half der 80. Geburtstag kräftig mit, doch er hat schon oft genug unter Beweis gestellt, dass er auf Jubiläen zur Selbstvermarktung nicht angewiesen ist. Die beiden Altstars der deutschen Ü70-Literaturnationalmannschaft, das Angriffsduo Grass-Walser, haben wieder einmal ihr Genie bewiesen, sich präzise im Zentrum des öffentlichen Interesses zu platzieren.

Beide sind inzwischen allerdings auch seit über 50 Jahren im Geschäft: Walser debütierte 1955 mit Erzählungen, Grass 1956 mit einem Gedichtband. Wenn sich aber in diesem Frühjahr wieder die meisten Scheinwerfer auf sie richteten, hat das weniger mit ihren aktuellen literarischen Leistungen zu tun als vielmehr mit ihren zugespitzten publizistischen Äußerungen: Grass nannte die deutsche Presse pauschal “entartet” und warf ihr vor, die Kritik an seinem langen Schweigen über die Mitgliedschaft bei der Waffen-SS grenze an einen “Vernichtungsversuch”. Als man ihn daran erinnerte, welchen Platz der Begriff “entartet” im Wörterbuch des nationalsozialistischen Unmenschen einnimmt, gestand er zu: “Ich korrigiere das Wort”, hielt aber in der Sache an seinem Vorwurf fest.

Auch Walser ließ, nicht zum ersten Mal, wenig Gutes an der gesamten Medienlandschaft. Es gibt, behauptete er, “nicht einen Hauch von Meinungsfreiheit”. Sobald man von ungeschriebenen, aber deshalb umso eifriger bewachten Sprachregelungen abweiche, so wie er das gelegentlich tue, “bist du ein Nationalist, ein Kommunist oder was weiß ich. Das führt unweigerlich zur Exkommunikation.” Darüber, mit wie viel Eifer, Gründlichkeit und zumeist auch Sympathie sein 80. Geburtstag von der Presse an die Leser kommuniziert wurde, verlor der angeblich Exkommunizierte kein Wort.

Aber niemand sollte es sich deshalb so leicht machen, die Neigung dieser beiden Schriftsteller zur Polemik ebenso pauschal zu verurteilen, wie sie es umgekehrt mit der Presse tun. Die deutsche Literatur, ja der ganze Medienbetrieb, verdankt ihnen einiges. In den Fünfziger- und frühen Sechzigerjahren, als die Zeitungen noch weitaus staatsfrömmer auftraten, als man das heute glauben mag, war es nicht zuletzt die damals junge Schriftstellergeneration mit Grass und Walser, die durch politische Interventionen am Aufbau einer kritischen Öffentlichkeit mitwirkte und dafür von manchen Politikern als “Pinscher” oder “Ratten und Schmeißfliegen” attackiert wurde. Rückblickend kann man die von Autoren entzündeten publizistischen Schlachten als öffentliche Trainingskurse in Sachen Demokratie für ein damals noch demokratieungewohntes Publikum betrachten.

Allerdings scheinen die alten Meinungskämpfe bei den Veteranen einen unseligen Hang zum Lagerdenken hinterlassen zu haben - und dazu eine gute Portion Selbstgerechtigkeit. Eine andere Rolle als die der verfolgten Unschuld kommt für sie in den eigenen Augen offenbar nicht infrage. Da sich aber Politiker heute in Debatten mit Schriftstellern gewöhnlich bedeckt halten, bietet sich als Widerpart für die Angriffslust der Autoren vor allem die Presse an, die mit manchen ihrer Äußerungen streng ins Gericht geht. Resultat ist ein grobschlächtiges Schwarz-Weiß-Denken - hier der gute Dichter, da die bösen Medien -, in das auch Peter Handke gern verfällt, wenn man ihm seine Unbelehrbarkeit in Sachen Milosevic vorhält.

Nüchtern betrachtet, ist nicht recht begreiflich, worüber Grass sich beklagt. Natürlich muss man ihm dankbar sein, dass er jahrzehntelang einen selbstkritischen Umgang der Deutschen mit ihrer Vergangenheit forderte und förderte. In was für politische Zwangslagen sich ein Land manövriert, das seine historischen Verbrechen nicht wahrhaben will, lässt sich zum Beispiel an den Problemen der Türkei ablesen, sobald die Rede auf den Massenmord an den Armeniern kommt. Wenn Grass, Walser und andere Autoren die Verbrechen der Deutschen während des Nationalsozialismus mit literarischen Mitteln ins öffentliche Bewusstsein rückten, haben sie sich damit um ihr Land verdient gemacht. Wenn Grass dann aber eingesteht, selbst ein wesentliches Detail seiner Nazi-Vergangenheit über Jahrzehnte verborgen zu haben, führt kein Weg daran vorbei, ihm einen erheblichen Verlust seiner politischen Glaubwürdigkeit zu attestieren.

Vielleicht ist es nicht falsch, in diesem Zusammenhang an den 1984 gestorbenen, im Westen leider weitgehend unbekannten DDR-Schriftsteller Franz Fühmann zu erinnern. Auch er ließ, wie Grass, keinen Zweifel daran, dass er als ein von den Nazis verführter Jugendlicher freudig für Hitler in den Krieg gezogen war. Doch anders als Grass spürte er in seinen Büchern trotz aller Scham den Gründen für seine Verführbarkeit leidenschaftlich nach, legte jedes Detail offen, so schmerzlich das für ihn auch wurde, und bezog daraus dann die Rechtfertigung, eine ähnlich gründliche Selbstprüfung von anderen Deutschen zu fordern.

Es war mitunter gespenstisch, in Leipzig dabei zuzuhören, mit welcher Virtuosität Grass es verstand, vom langjährigen Schweigen über den eigenen Fehler abzulenken und stattdessen das “Ausmaß an Niedertracht” seiner Kritiker zu geißeln. Nicht selten verführt er mit diesem schlichten Trick, sich als den Verfolgten, als das Opfer einer rücksichtslosen Presse hinzustellen, seine Zuhörer zu Beifallsstürmen. Doch fällt er damit den eigenen früheren Bemühungen um eine kritische Öffentlichkeit in Deutschland naturgemäß in den Rücken. Denn zum einen bleibt er seinem Publikum so eine sorgfältige Selbstprüfung schuldig. Zum anderen fertigt er sein Publikum ab mit stammtischhaften, leicht paranoiden Klischees von einer verschworenen Presse, die Vernichtungskampagnen gegen ihn führe.

Wie Walser in seiner Polemik, so verschweigt auch Grass, dass die Rezensionen über seine Autobiografie “Beim Häuten der Zwiebel” samt SS-Geständnis keineswegs einheitlich ausfielen, dass viele literarische Argumente zugunsten des Buches vorgebracht wurden und dass ihm als Schriftsteller in den Medien nach wie vor großer Respekt entgegengebracht wird. Das öffentliche Engagement, das beide früher einmal aus aufklärerischen Impulsen begannen, gerät so in die Nähe der Demagogie in eigener Sache.

Thema: Grass, Günter, Walser Martin | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Robert Gernhardt

Samstag, 24. März 2007 12:07

„Denken wir uns“
Robert Gernhardts letzte Erzählungen

Denken wir uns einen Mann, einen vielbegabten Mann, einen Schriftsteller und Künstler, der gerne denkt und gerne spielt. Was liegt näher, als dass er Denkspiele ersinnt und uns, das Publikum, dazu einlädt, sie spielend mit- und nachzudenken, um uns an ihnen zu erfreuen. Als eine derartige literarische Spielesammlung darf man Robert Gernhardts Buch „Denken wir uns“ betrachten, einen Band mit Erzählungen, den er – neben seinem ebenso schönen wie erschütternden letzten Lyrikband „Später Spagat“ – noch kurz vor seinem frühen Tod im Juni 2006 fertig stellte.

Jede der Geschichten beginnt mit den Worten „Denken wir uns…“ Sie stehen da wie drei Wachposten, die jedem, der sie lesend passiert, noch einmal energisch ins Bewusstsein rücken, dass alles Nachfolgende als reine Konstruktion, als literarische Versuchsanordnung, eben als Gedankenspiel zu betrachten ist. Es geht Gernhardt nicht um die in der neueren deutschen Literatur mitunter so hochgeschätzte Authentizität, nicht um Erzählungen, die angeblich wahr sein sollen, sondern vielmehr um künstlerische Wahrhaftigkeit. Gleich mit der ersten Erzählung signalisiert Gernhardt zudem noch an welchen Traditionen er sich hier orientiert, welche Themen ihn vor allem interessieren und – welche Ambitionen er ganz und gar nicht teilt. In dieser Geschichte nämlich greift er zurück auf das „Deutsches Requiem“ aus der Erzählungssammlung „Das Aleph“ (1949) von Jorge Luis Borges, die man zusammen mit Borges’ Sammlung „Fiktionen“ (1944) als die Urzelle der modernen lateinamerikanischen Prosa und des Magischen Realismus’ betrachten kann.

Auch die Geschichten in jenen beiden Bänden, sind eher literarische Gedankenspiele als Erzählungen im üblichen Sinne. Im „Deutschen Requiem“ zum Beispiel lässt Borges einen gebildeten deutschen KZ-Kommandanten zu Wort kommen, der in der Nacht vor seiner Hinrichtung die eigenen Verbrechen und die des Nationalsozialismus mit der Geschichtsphilosophie Schopenhauers, Nietzsches und Spenglers zu erklären versucht. Zudem erfindet Borges einen jüdischen Dichter, der sein Werk dem Lobgesang auf die Freude an den kleinen Dingen des Lebens gewidmet hatte und der in jenem KZ stirbt – was von dem Kommandanten als das Sinnbild für das Ende einer humanen und den Anbruch einer „unbarmherzigen Epoche“ betrachtet wird. Mit einem höheren – von Borges allerdings ironisch unterlaufenen – welt- und ideengeschichtlichen Anspruch als diese knapp zehnseitige Geschichte kann eine Erzählung wohl kaum auftreten.

Gernhardt hat in seinen Erzählungen für Ansprüche von solch epochalem Ausmaß nur ein Schulterzucken übrig. Er knüpft in seiner Eröffnungsgeschichte nicht an den überspannten nihilistischen Geschichtsanschauungen des KZ-Kommandanten man, sondern demonstrativ an dem einzigen Gedicht jenes fiktiven jüdischen Dichters, das Borges in seiner Erzählung näher beschreibt. Dieses Gedicht nämlich hat mit den großräumigen politischen oder philosophischen Überlegungen der Erzählung nichts zutun, sondern ist selbst wieder eine Art Gedankenspiel über das Verhältnis von Kunst und Leben. Es beschreibt einen Londoner Pfandleiher des 16. Jahrhunderts, der „in seiner Sterbestunde umsonst seine Verfehlungen zu rechtfertigen sucht, ohne zu ahnen, dass die geheime Rechtfertigung seines Lebens darin besteht, dass er einem seiner Kunden (den er nur ein einziges Mal sah und an den er sich nicht mehr erinnert) den Charakter des Shylock eingegeben hat.“

Mit einer solchen spielerischen Reflektion über Aufgaben, Möglichkeiten und Grenzen von Kunstwerken aber sind wir bei einem typischen Thema Robert Gernhardts – und zugleich weit weg vom Schlachtenlärm der so weltgeschichtsentscheidenden Theorien und Ideologien. Wer will, könnte anhand der Art und Weise wie Gernhardt hier Bezug nimmt auf die Erzählung von Borges eine kleine Skizze der Differenzen zwischen einer unter dem Eindruck hochgespannter ideologischer Konflikte entstandenen Literatur der Moderne und einer betont ideologieskeptischen Postmoderne entwerfen.

Gernhardts Geschichte läuft auf die prächtige ironische Volte hinaus, nach der sich jeder, der als Künstler nicht berühmt wird, über die Maßen glücklich schätzen muss. Denn da er der Nachwelt kein gefeiertes Oeuvre liefert, liefert er eben auch keine Lebensrechtfertigung für all die miesen Pfandleiher, KZ-Kommandanten und übrigen widerlichen Zeitgenossen, denen er sonst als Vorbilder der Gestalten in seinen Werken zu literarischer Unsterblichkeit verholfen hätte.

Nicht alle Geschichten dieses Bandes entwickeln eine solche Komplexität. Manche sind nicht mehr als die Umsetzung eines kleinen erzählerischen Einfalls und wollen auch nicht mehr sein. Es sind Gelegenheitsarbeiten, mit denen Gernhardt noch einmal sein Talent unter Beweis stellt, selbst aus dem nebensächlichsten oder schrägsten Material mit leichter Hand sehr lesbare und vergnügliche Texte machen zu können. Wie schon bei seinem letzten Lyrikband „Später Spagat“ wollte er angesichts seines sehr bewusst vollzogenen Abschieds vom Leben, seinen Lesern offenbar nicht nur als einer der wichtigen Schriftsteller seiner Generation Lebwohl sagen, sondern auch als der Unterhaltungskünstler, der Entertainer und Spaßmacher, der er ebenso war.

Der Schriften Lichtenbergs, hat Goethe einmal geschrieben, „können wir uns als der wunderbarsten Wünschelrute bedienen: wo er einen Spaß macht, liegt ein Problem verborgen.“ Auch für Gernhardt war der Witz unter anderem ein Problem-Detektor und Erkenntnismittel. Denn durch das, was uns zum Lachen reizt, machen sich nicht selten die Bruchlinien in jenen Gesetzes- und Regelwerken bemerkbar, mit denen wir dem Leben eine möglichst bruchlose Ordnung zu geben suchen. Wenn Gernhardt zum Beispiel Walther von der Vogelweides herrliche lyrische Altersklage „Owê war sint verswunden alliu mîniu jâr!“ (Oweh wohin sind entschwunden alle meine Jahre!) mit den Ratschlägen eines Seniorenberaters unserer Tage konfrontiert, ist das nicht nur sehr lustig, sondern auch ein Mittel, sowohl die modernen wie die mittelalterlichen Selbsttäuschungen im Umgang mit dem Elend des Alters sichtbar zu machen.

Zu großer Form läuft Gernhardt nicht zuletzt dann auf, wenn es um die unerschöpflichen Rätsel der Kunst und der Kreativität geht. Da wird auf satirische Weise angedeutet, welche ungeheure Stilisierung und Sublimationsleistung hinter den so makellosen Bildern eines Jan Vermeer steckt. Da rechtfertigt sich ein Künstler vor dem Jüngsten Gericht für einen Abend, den er nicht enthaltsam mit Arbeit verbracht, sondern an ein schlechtes Abendessen bei unkultivierten Millionären verschwendet hat. Da verfällt ein Maler, der sich um seinen Pinsel, will sagen: um seine Potenz beraubt sieht und um seine Produktionskraft fürchtet, nicht in lebensfeindliche Bitterkeit und findet gerade deshalb einen unverhofften Helfer, der ihm die Weiterarbeit möglich macht.

Zu den schönsten Geschichten gehört ein kaum getarntes Selbstporträt als leicht verzweifelter Toskana-Bewohner. Der Held, ein Schriftsteller, erklärt einem Besucher wortreich, dass er inzwischen schlichtweg alles rings um seinen italienischen Landsitz, die Landschaften, Pflanzen, Tiere, als Anregung und poetisches Material für seine Arbeit verbraucht habe, und also inspirationstechnisch inmitten verbrannter Erde lebe. Daraufhin beginnt der Besucher nach irgendeinem Detail Ausschau zu halten, das der Dichter noch nicht bedichtet hat, sucht und sucht – und fängt auf diese Weise an, etwas zu ahnen von den Mühen des Dichtens.

„Denken wir uns“ ist ein beschwingter Prosazyklus, in dem Robert Gernhardt noch einmal die Bandbreite seines Könnens zeigt. Von der parodistischen Stimmimitation, bis zur liebevoll ausgemalten, atmosphärisch dichten Erzählung, von der dezidiert komischen Anekdote bis zum kunsttheoretischen Erzählessay, vom satirischen Zeitgeistporträt bis zum vieldeutigen Lehrstück. Mit wie viel Freude liest man dieses Buch, und dann, mit wie viel Melancholie schlägt man es, sein letztes, zu.

Thema: Gernhardt, Robert | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Heinrich Böll

Samstag, 17. März 2007 10:46

Reise an den Rand der Welt
Landschaftsbild mit Heinrich Böll. Vor 50 Jahren erschien sein „Irisches Tagebuch“

Wen es hierher lockt, den lockt der Rand der Welt. Weiter geht es nicht. Der nächste Schritt auf den Cliffs of Croaghaun führt ins Nichts. Tief unten rollen die Wellen gegen den Fels, brechen, schlagen hoch, greifen mit ihren Gischtfingern ins Leere. Land’s End. Das ist die äußerste Kante des Kontinents. Dahinter nur noch Wasser und Wolken 4000 Kilometer weit. Schafe stehen im Wind, kauen an dürren Halmen ungerührt. Neben ihnen bricht der Boden weg ins Bodenlose. Wer hier ankommt, muss anhalten, oder ihn hält nichts mehr. Wer hier stehen bleibt, steht mit dem Rücken zur Welt.

Bäume gibt es nicht. Achill Island, gelegen vor der Westküste Irlands, ist ein kahler Außenposten. Den Croaghaun, den letzten Berg bevor Europa ins Meer stürzt, bedeckt Hochmoor wie ein löchriger, verschossener Filzteppich: Torfmoos, bleiche Grasflecken, Steine, Heidekraut weiter als jedes Auge reicht. Wenn der Atlantik keinen Regen gegen die Felsen treibt, wenn doch einmal die Wolken aufreißen, sieht man hier am Abend das Licht im Meer verschwinden. Vom Land her kehrt es am Morgen zurück, lässt bei klarem Himmel zuerst den Gipfel des Croaghaun aufleuchten und dann nach und nach eine scharfe Schattenlinie bis zu dessen Fuß hinabwandern. Wenn man ihr zusieht, glaubt man zu spüren, wie sich der Planet um sich selber wälzt auf seinem Weg unter der Sonne.

Die letzte, die westlichste Siedlung heißt Keel, verstreute Häuser entlang einer Landstraße, die bald darauf im Moor endet. Hier kam Böll an mit dem Bus im Juni 1955, ein irischer Freund hatte ihm ein billiges Cottage für den Sommer empfohlen. Daheim in Deutschland, Fußballweltmeister seit einem Jahr, blühte das Wirtschaftswunder, es war wieder Geld da, genug um in den Süden aufzubrechen, Elba, Capri, Rimini hießen die Sehnsuchtsziele jener Jahre. Heinrich Böll zog es in entgegen gesetzte Richtung, nach Irland, ins Armenhaus Europas, noch katholischer als seine Heimat Köln, noch frommer als Italien. Und in Irland wurde Achill Island zu dem Ort, von dem er nicht mehr loskam, der Rand der Welt in der Grafschaft Mayo, die so karg, so arm, so dünn besiedelt ist, dass die Iren refrainhaft „God help us“ flehen, sobald ihr Name fällt. Hierher kam er Jahr für Jahr ein paar Wochen, manchmal ein paar Monate lang. Hier kaufte er sich 1958 ein altes Haus, vier kleine Räume zu ebener Erde, verborgen hinter Büschen, aber mit Blick auf Blacksod Bay, die Nordküste der Insel, auf die man schaut, sobald man an seinem Schreibtisch den Kopf hebt.

Jeder Weg, der hierher führt, wirkt wie ein Fluchweg, aus dem Getümmel der Städte in die Gelassenheit des Moors. Für Böll war Achill Island Ausbruch und Rückkehr zugleich. Man sieht ihn hier mit einem Mal in anderem Licht. Böll, der Moralist, der engagierte Literat, der politische Romancier und Polemiker, der in allen Arenen der Öffentlichkeit zugleich in den Meinungskampf zog, nimmt auf Achill Island sanftere Züge an. Aus seinem schmalen Haus mit Blick auf Moor, Fels und Meer tritt er einem wieder entgegen als der Verteidiger eines einfachen Lebens, der er immer auch war, als der Poet einer schlichten, direkten Mitmenschlichkeit, als ein Prediger der Armut und der Liebe, der dem Lärm der Welt misstraute, weil er über ihren Rand hinweg Ausschau hielt nach einer anderen.

Nachdem die Iren im 5. Jahrhundert früh zum christlichen Glauben bekehrten worden waren und den Brüdern des Heiligen Patrick nun kein „roter“, blutiger Märtyrertod durch Heiden mehr drohte, zogen sich manche der Missionare als Einsiedler zum „grünen“ Martyrium auf die Felseninseln vor Irland zurück. Sie ließen sich schon zu Lebzeiten aus dem Leben fallen ins Gebet und in die Meditation. Für Böll, der sich in Deutschland einer Bekehrungsarbeit eigener Art verschrieben hatte, der auf Missionszug war gegen die alten Lücken im Gedächtnis und eine neue Lust am Überfluss, wird diese Versuchung zum radikalen Rückzug nichts Fremdes gewesen sein.

Auf Achill Island bekommen die Dinge ein anderes Gewicht. Hier hat sich seit St. Patricks Zeiten wenig geändert, hier ist die Geschichte wie ausgestrichen. Doch dafür gewinnen in dieser Landschaft all die alten Sätze, die davon sprechen, dass zwischen Geburt und Tod nur ein Augenblick liegt oder dass die Jagd nach Reichtum das Leben nicht reicher macht, eine neue Kraft. Es gab wohl keinen Ort, der weiter weg war vom Wirtschaftswunder-Deutschland der fünfziger Jahre als dieser. Es gab wohl keinen, an dem sich Böll so nah war wie hier.

*

Böll hat große Teile seines „Irischen Tagebuchs“ nicht in Irland geschrieben. Seinem Verleger vertraute er in einem Brief an: „Die Irischen Impressionen werde ich im Winter in Köln fertig schreiben: das geht aus der Ferne besser, als wenn man so ganz nah dran ist.“ Gleich als die ersten Reiseberichte in verschiedenen Zeitungen, vor allem in der FAZ, erschienen, trugen sie ihm glänzendes Echo ein. Alfred Andersch pries die „souveräne Prosa“, Wolfgang Hildesheimer nannte sie die „hinreißendste“ seit Jahren, für Carl Zuckmayer war das Buch eines der „schönsten und wertvollsten“. Bis heute zählt es zu den meistgekauften, meistgelesenen Bölls, geliebt nicht nur von den Deutschen, sondern auch von den Iren.

1957, vor 50 Jahren, als es veröffentlicht wurde, konnte dieser Erfolg skeptisch machen. Schließlich war dies Bölls erstes Buch, in dem er nicht ins Gericht ging mit Deutschlands Vergangenheit oder Gegenwart. Böll, der Zornige, schien plötzlich sanft geworden, versöhnlich, heiter. Wurde er sonst nicht müde, den Machthaber in Kirche und Staat ihre Verantwortung vorzurechnen für die Misere der Menschen, schien er hier ein Loblied auf das kleine Glück der kleinen Leute zu singen. Malte er eine Idylle, die es den Lesern leicht machte, sich in das Land und das Buch zu verlieben?

Wer genau liest, spürt auch im „Irischen Tagebuch“ Bölls Grimm, vor allem beim Blick auf den Klerus. Doch er war Gast in diesem Land und deshalb behutsam im Urteil. „Auf dieser Insel also wohnt das einzige Volk Europas, das nie Eroberungszüge unternahm“, heißt es zu Beginn. Man merkt, dass Böll im armen, aber fröhlich-frommen Irland vor allem eine Gegenwelt sah zu jenem Deutschland, das so wenige Jahre zuvor Europa in Trümmer gelegt hatte und sich nun mit nüchternem Fleiß daran machte, eins der reichsten Länder des Kontinents zu werden. Die alte, zutiefst romantische deutsche Sehnsucht nach einer solchen besseren, wärmenden Gegenwelt ist es wohl, die dem Buch noch heute so viele Verehrer einträgt.

Doch Irland ist anders geworden inzwischen. Seit den neunziger Jahren erlebt es sein Wirtschaftswunder. Niedrige Steuersätze, der Internet-Boom, Geld der EU haben die grüne Insel in den Celtic Tiger verwandelt, dessen Wachstum dem der Tigerstaaten Asiens kaum nachsteht. Der stete Auswandererstrom, der seit den großen Hungersnöten in der Mitte des 19. Jahrhunderts Millionen aus dem Land spülte, weil das Land sie buchstäblich nicht ernähren konnte, ist nahezu versiegt. Überall wird gebaut, rings um die Städte und Städtchen stehen Siedlungsnester aus schlanken Einfamilienhäusern, Doppelhäusern, Reihenhäusern, als hätten Riesen gerade eben ihre Bauklötzchen in die Landschaft gestellt. Wie nach überlangem Winterschlaf scheint das Land sich zu räkeln, zu recken und neue Kräfte zu erproben.

Dieses Erwachen ist auch an Achill Island nicht spurlos vorübergegangen. An manchen Stellen der Landstraße nach Keel und darüber hinaus drängen sich jetzt Ferienhäuser, warten auf Wochenendgäste aus Dublin oder Urlauber vom Kontinent. Noch sind es wenige, noch verlieren sie sich in der zeitlosen Leere der Insel. Ein paar Meilen hinter Keel ist man auch heute allein mit Moor und Schafen. Doch selbst hier wäre ein Schriftsteller, wenn er es will, via Notebook und Netz den publizistischen Schlachtfeldern seiner Zeit so nahe wie auf dem Times Square, der Fleet Street oder Unter den Linden. Wer heute der Welt entkommen will an ihren Rand, muss ihre Fangarme noch energischer kappen als einst.

Trotz allem ist in Irland das Leben den Mythen noch immer näher als anderswo. Auch Böll begegnete ihnen hier, als Alltäglichkeiten maskiert, und hielt sie fest in seinem Tagebuch. Am Hang des Slievemore etwa, des anderen großen Bergs der Insel, liegt der Friedhof von Keel. Er ist Meilen vom Meer entfernt, aber doch von der Küste aus unübersehbar wie eine monumentale Inschrift. Man sieht die Gräber, sieht die Mauer, die sie einfasst und die weit ausgreift, wie um daran zu erinnern, dass sie noch lange nicht alle umschließt, die hier ihren Platz finden werden, und sieht einen Kutter, der mitten im Land gleich an der Friedhofsmauer vor Anker gegangen ist. Wer näher kommt, begreift, dass er von seinem Besitzer ins Trockene gebracht, dass es zur Reparatur an die Mauer gelehnt wurde, und doch bleibt der Schreck, vor Charons Fähre zu stehen, die angelegt hat am Friedhof, startklar um die nächste Fracht über den Styx zu bringen in die Unterwelt.

*

Als Böll nach Drumcliff fuhr, nordöstlich von Achill Island, zum Grab von W.B.Yeats, der 49 Jahre vor ihm den Nobelpreis entgegen nahm, lag das Land im Dauerregen und Krähen flogen um den Kirchturm „wie schwarze Schneeflocken.“ Es braucht nur wenig, dort das gleiche Bild vorzufinden wie er. Die Wolken hängen so tief und nass über Drumcliff Bay, dass man meint, mit erhobenem Arm hineingreifen zu können. Es ist ein schmales, graues Grab. „Cast a cold Eye / On Life, on Death. / Horseman, pass by!“ hat Yeats auf seinen Stein schreiben lassen, der oben am Rand wie poliert ist von den Händen all der Besucher. Blicke beidem, rät Yeats, kalt ins Auge, Leben und Tod, und dann auf und davon.

Das nächste Restaurant ist nach ihm benannt, Yeats Tavern. Nach dem Essen ist die Welt wie ausgewechselt. Böen vom Atlantik haben die Wolken weggeschoben, den Himmel freigeräumt, nun liegt Sonne über den Hängen, die sanft abfallen zum Meer, und über Drumcliff Bay. Auf den Wiesen stehen Schafe im Wind, ihre Kiefer mahlen ungerührt. Zwischen ihnen springen, es ist März, bald Ostern, die Lämmer durchs Gras.

Heinrich Böll:
Irisches Tagebuch
Mit Materialien, Fotos und Nachwort von René Böll und Jochen Schubert.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007
208 Seiten, 15,- €

Thema: Böll, Heinrich | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Stinnes Clärenore

Samstag, 3. März 2007 16:01

„Diese Frau muss muss aus Stahl sein!“
Vor 80 Jahren fuhr der erste Mensch mit dem Auto um die Welt: Clärenore Stinnes, eine Tochter und Rennfahrerin aus bestem Hause

Nur vier Tagen zuvor war Charles Lindbergh nach seinem Atlantikflug in Paris gelandet. Die Welt feierte ihn, und ihren Glauben an eine Technik, die das Leben besser, schöner, glücklicher machen werde. 33 Stunden hatte er gebraucht, um ein Held zu werden. Niedriger hatte auch Clärenore Stinnes ihr Ziel nicht gesteckt. Sie war 26 Jahre alt, schmächtig, aber drahtig und entschlossen, als erster Mensch mit einem Auto um die Welt zu fahren. Vor 80 Jahren, am 27. Mai 1927, stand sie in Frankfurt am Main am Start, mindestens 40.000 Kilometer, die Länge des Erdumfangs, lagen vor ihr. Sie würde Richtung Osten aufbrechen und, das hatte sie sich geschworen, von Westen aus zurückkehren.

Clärenore Stinnes war jung, aber sie war kein Backfisch. Ihr Vater, Hugo Stinnes, hatte einen der größten Industrie- und Handelskonzerne Europas geformt, und gehörte, als er 1924 starb, zu den einflussreichsten Männern des Landes. Sorgen ums Geld hatten im Leben seiner Tochter nie eine Rolle gespielt, auch nicht nachdem der Konzern 1925 unter der Führung ihrer Brüder während der Inflation zerfiel. Die Liste der Menschen, die sie im Haus ihrer Familie kennenlernte, liest sich heute wie ein Lexikon der gesellschaftlichen Elite ihrer Zeit.

Da der Vater ihr mit Anfang zwanzig noch keine führende Position in einem seiner Unternehmen anvertrauen wollte, hatte sich ihr Ehrgeiz andere Ziele gesucht. Autos waren ihre Leidenschaft. Schon mit 24 fuhr sie ihr erstes Rennen. Bald darauf war sie mit 17 Siegen Europas erfolgreichste Rennfahrerin. 1925 wurde sie zu einer Rallye eingeladen, die von St. Petersburg über Moskau und Tiflis nach Moskau zurück führte. Das noch junge sowjetische Regime wollte durch extreme Prüfungsfahrten ermitteln, welche Autotypen sich in ihrem weitgehend straßenlosen Land am besten bewährten. Clärenore Stinnes gewann auch diesen Wettbewerb in ihrer Klasse – und kam auf die Idee einer Weltumrundung.

Als moderne Abenteurerin schaute sie sich zu allererst nach Sponsoren um. Sie nahm die nötigen 100.000 Reichsmark nicht von der Familie, sondern beschaffte sie bei anderen Unternehmen wie Bosch und Aral. Außenminister Gustav Stresemann persönlich setzte sich bei etlichen Ländern für die nötigen Durchreisevisa ein und wies die deutschen Auslandsvertretungen an, sie zu unterstützen. Ihre Fahrt sollte nicht zuletzt für die Qualität deutscher Industrieprodukte werben, die seit dem Ersten Weltkrieg noch immer bei einstigen Gegnern mit Boykotten zu kämpfen hatten.

Deshalb entschied sich Clärenore Stinnes auch, zu ihrem Vorhaben in einem normalen Serienfahrzeug anzutreten. Die Frankfurter Firma Adler stellte ihr einen „Standard 6“ mit 50 PS-Motor und Dreiganggetriebe zu Verfügung. Als einzige Veränderung vom Originalzustand ließ sie zwei Liegesitze einbauen. Was es bedeutet, längere Strecken mit einem gewöhnlichen Wagen der zwanziger Jahre zu fahren, ist heute nur schwer zu ermessen. Eine Ahnung davon weht einen an, wenn man in einem Automuseum vor den schwerfälligen, kutschenartigen Gefährten jener Zeit steht.

Es war eine Expedition zu der Clärenore Stinnes aufbrach. Jenseits Westeuropas und Nordamerikas gab es keine Infrastruktur, keine Tankstellen, ja nicht einmal Straßen. Alles lebens- und reisenotwendige Material, Proviant, Ersatzteile, Benzin musste sie in einem Begleitfahrzeug, einem Kleinlaster über den größten Teil der Strecke mitnehmen. Der Lastwagen wurde von zwei Mechanikern gefahren. Und um noch mehr öffentliche Aufmerksamkeit für ihr Unternehmen wecken zu können, engagierte sie zudem einen Kameramann, der ihre Weltumrundung als Dokumentarfilm festhalten sollte. Sie lernte ihn zwei Tage vor Abfahrt kennen, es war ein Schwede namens Carl-Axel Söderström.

Bereits hinter Prag ist die Kupplung des „Standard 6“ kaputt, hinter Belgrad ein Kugellager des Lasters. Skeptisch notiert Söderström in sein Tagebuch, es sehe nicht so aus, „als wenn die Autos die ganze Reise halten würden.“ Doch er hat nicht mit der Entschlossenheit und Durchsetzungskraft seiner Chefin gerechnet. Clärenore Stinnes ist keine angenehme Expeditionsleiterin. Sie treibt ihre Crew morgens gegen 5 Uhr aus den Betten und nicht selten erreichen sie das nächste Etappenziel erst gegen Mitternacht. Sie gibt sich unzugänglich, ist hochfahrend und starrköpfig, ganz unbescheidene Tochter aus herrschaftlichem Haus. Söderström hadert zumal zu Anfang oft mit ihr, aber er kann ihr seine Anerkennung nicht verwehren: „Sie muss“, notiert er, „aus Stahl gemacht sein, so wie sie alles aushält, ohne zu klagen.“

Schon in Bulgarien und dann in der Türkei gibt es außerhalb der Städte nur noch Feldwege, auf denen sie sich vorankämpfen. Noch vor Ankara wird ein Gebirgspfad so schmal, dass sich die Männer auf der Bergseite an den Laster hängen müssen, um mit ihrem Körpergewicht zu verhindern, dass er talseits in die 80 Meter tiefe Schlucht stürzt. Bereits seit Serbien werden sie von Temperaturen über 40 Grad gequält. Bei der Fahrt durch die Wüste von Damaskus nach Bagdad zeigt das Thermometer 54 Grad im Schatten – allerdings findet sich Schatten nur unter den Autos. Die Wagen sind über und über mit Wassersäcken behängt, doch das meiste davon brauchen sie für die Kühler der Motoren, nicht für sich selbst.

Beim Aufstieg zum Kaukasus vom Iran aus verirren sie sich in einer Nachtfahrt. In einem Hohlweg stürzt der Lastwagen um und kann erst mit Hilfe einiger Bauern und ihrer Ochsen wieder aufgerichtet werden. In Moskau dann scheidet der erste Mechaniker wegen eine Blinddarmentzündung aus. Sein Ersatzmann ist den Strapazen nicht gewachsen und wird bald darauf nach Hause geschickt. Inzwischen sind Stinnes und Söderström mit beiden Wagen so vertraut, dass sie auch größere Reparaturen selbst vornehmen. Doch die russischen Wege versinken im Regen, sind nur noch ein Brei aus Lehm. Immer wieder müssen sie die Autos mit Spaten, Winden und Flaschenzügen regelrecht ausgraben. Oft schaffen sie nicht mehr als zehn Kilometer pro Tag.

Noch vor dem Ural, am Fluss Sura, bei Kilometerstand 10.000 droht die Fahrt zu scheitern. Die Strömung ist reißend, die Fähre zu klein für die Wagen und die Landungsstege angefault. Der letzte verbliebene Mechaniker ist am Ende seiner Kräfte, will das Risiko der Überfahrt nicht eingehen, sondern zurück nach Deutschland. Doch Clärenore Stinnes lässt sich nicht stoppen. Unterstützt von Söderström verstärkt sie Landungsstege und Fähre notdürftig mit Baumstämmen, fährt den zwei Tonnen schweren „Standard 6“ selbst auf das floßähnliche Gefährt, tanzt mit beiden über die Wellen und erreicht glücklich das andere Ufer. Als sie danach den noch schwereren Lastwagen übersetzen will, lässt Söderström sich nicht lumpen und nimmt das Wagnis dieser Überfahrt auf sich. „Von diesem Tag an“, schreibt sie später, „wurde die Fahrt eine deutsch-schwedische, denn nur dadurch, dass Söderström aushielt, gelang es, unser Programm zu Ende zu führen.“ Der Mechaniker verließ sie bald darauf und auf den folgenden gut 30.000 Kilometer wurden die beiden nur noch von wechselnden Dolmetschern begleitet.

Kurz vor dem sibirischen Baikalsee werden die Ochsenpfade, auf denen sie sich mit Schneeketten durch den Schlamm wühlen, vollends unpassierbar. Sie schicken den Lastwagen per Zug voraus. Zweieinhalb Monate müssen sie in Irkutsk bei Temperaturen von 30 bis 40 Grad unter Null warten, bis der See zugefroren ist, dann wagen sie die Überfahrt. Auf dem See ist die Luft plötzlich wie mit fernem Geschützdonner erfüllt. Vor ihnen bricht ein halbmeterbreiter Eisspalt auf. Bremsen ist unmöglich, Clärenore Stinnes gibt Gas und der Wagen springt über den Spalt. Am anderen Ufer notiert Söderström lakonisch: „Mit heiler Haut davongekommen. Wölfe begleiten unsere Fahrt. Fräulein Stinnes bietet mir das Du an.“

Fast scheint es, als würde, je länger die Fahrt dauert, der Realitätssinn der beiden schwinden. Es scheint keine Gefahren mehr zu geben, die sie noch schrecken könnte. Selbst als man sie energisch vor berittenen Warlords in der Mongolei warnt, lassen sie sich von der Durchquerung der Wüste Gobi nicht abhalten. Tatsächlich werden sie von bewaffneten Reitertrupps verfolgt, als bei dem Laster eine Feder bricht. Mit fliegenden Händen wechseln sie die Feder und können mit knapper Not entkommen. Als sie in China eintreffen, erfahren sie, dass zur gleichen Zeit westliche Reisende überfallen und erschossen wurden.

Nachdem sie auch China trotz Bürgerkriegswirren hinter sich gebracht haben, setzen sie nach Südamerika über. Hier fahren sie von Lima über die Kordilleren an die Ostküste des Kontinents nach Buenos Aires und wieder über die Anden an die Westküste zurück. Dass es keine Straßen gibt, sind sie längst gewohnt, aber von den Gebirgsstrecken gibt es hier nicht einmal mehr Landkarten. Wie Fizzcarraldo in Werner Herzogs Film ein Schiff, so müssen sie ihren Wagen in Dschungel und Hochgebirge von Einheimischen, oder mit Flaschenzügen allein über Pässe und Steigungen bis 60 Grad zerren. Die Pfade sind oft so schmal, dass ihnen nichts anderes übrig bleibt, als sich den Weg mit Dynamit frei zu sprengen. An manchen Tagen schaffen sie nur 150 Meter und als sie sich im August 1928 mit ihren Vorräten verrechnen, verdursten Sie um ein Haar.

Von Chile aus lassen sie sich von einem Frachter nach Los Angeles bringen. Die Durchquerung der Vereinigten Staaten gleicht einem Triumphzug. Die Straßen sind hier perfekt, fahrerische Herausforderungen gibt es für sie nicht mehr. Überall werden sie von Reportern umlagert, von Gouverneuren oder Bürgermeistern empfangen, vom Publikum gefeiert. Als Präsident Herbert Hoover Clärenore Stinnes allein nach Washington einlädt, sagt sie ab. Erst als die Einladung auf Söderström erweitert wird, besuchen sie das Weiße Haus.

Von New York aus erreichen sie per Schiff Le Havre in Frankreich. Nach zwei Jahren und einem Monat Fahrzeit treffen die beiden am 23. Juni 1929 in Berlin ein und sind für Tage die Stars der Stadt. Ihr Wagen ist 46.063 Kilometer gefahren. Zu Ehren Söderströms beschließt Clärenore Stinnes nach Stockholm weiterzufahren, wo sie Kilometer 49.244 erreichen und erneut gefeiert werden. Im Herbst kommt der Dokumentarfilm der beiden in die Kinos und Clärenore Stinnes Buch „Im Auto durch zwei Welten“ erscheint.

Mit der letzten Pointe ihrer Geschichte lässt sich das ungleiche Paar noch ein Jahr Zeit. Sie, die kleine, aber unbeugsam Tochter einer der reichsten Familien der Zeit und er, der große, etwas ungeschlachte Sohn eines schwedischen Schmieds, die sich zwei Tage vor Fahrtbeginn kennenlernten, heiraten am 20. Dezember 1930. Als wären sie ein für allemal genug gereist, ziehen sie sich nach Südschweden zurück, und bewirtschafteten gemeinsam einen Gutshof.

Clärenore Stinnes:
“Im Auto durch zwei Welten”. Die erste Autofahrt einer Frau um die Welt 1972 bis 1929
Promedia Verlag, Wien 1996
253 S.,

Thema: Stinnes Clärenore | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock