Beiträge vom Januar, 2007

Michael Lentz

Samstag, 27. Januar 2007 8:11

“Gotthelm oder Mythos Claus”
Der Lautpoet Michael Lentz hat sein ersten Stück geschrieben

Ist Gott ein Sprachspiel? Sind die kostbaren Tröstungen der Religion lediglich eine Frage des Wortschatzes? Und Religionskonflikte folglich nur das Resultat unterschiedlichen Vokabulars? Der Lautpoet und traditionsbewusste Sprachspieler Michael Lentz stürzt sich in seinem fürs Frankfurter Theater geschriebenen Bühnentext „Gotthelm oder Mythos Claus“ in lauter Letzte Fragen. Doch sind die in seinen Augen nicht nur finsterernst, sondern auch groteskkomisch, weshalb er seinem Stück den Untertitel „Eine Trophobie“ gibt – und sich damit den alten Liedertitelscherz „Klaus (Trophobie)“ der Gruppe Rosenstolz unter den Nagel reißt.

Sechs Frauen, alle mit Namen Claus und von äußerst schlichtem Gemüt, sitzen beim Friseur und stolpern im Kreuzworträtsel über das ihnen unbekannte Lösungswort „Gott“. Parallel dazu streiten sie sich um eine Frisierhaube, die offenbar über die eigentümliche Gabe verfügt, nicht nur die Haare, sondern auch die Gedanken neu zu ordnen: Sie verschafft jeder der Kundinnen ihr spezifisches Erweckungserlebnis. Kaum unter der Haube hervorgekommen, hat die eine ihren Gott in buddhistischen Atemübungen gefunden, die andere in einem selbst gebastelten Roboter, die nächste in mystischer Askese, und so weiter.

Zur Natur derartiger Erweckungserfahrungen gehört, dass sie kaum vorgeführt, wohl aber wortreich beschrieben werden können. Also lässt Lentz seine Figuren sturzbachartig reden und reden und reden – und, da sich die jeweiligen Gotteserlebnisse widersprechen, naturgemäß auch ein wenig streiten und zanken. Das gibt ihm Gelegenheit eine seiner literarischen Lieblingsübungen durchzuspielen, nämlich die notorisch sinnbefrachtete Sprache durch rasantes Reden in sinnfreie Lautfolgen zu verwandeln, um dann hinter dieser puren Wortmusik wieder eine ferne Ahnung von Sinn aufscheinen zu lassen.

Die Regie von Christiane J. Schneider schmiegt sich dem Literaturprogramm von Lentz an. Sie lässt sein Worttheater von den Schauspielern als Sprachtrommelfeuer mit gnadenlosem Tempo ins Publikum ballern. Sie betont die verspielten, skurrilen, komischen Züge des Stückes – was ihm zweifellos gut tut. Denn auch wenn Lentz gelegentlich mit dem Schwarzbrot gewichtiger Sprachphilosophie zu liebäugeln scheint, hat er hier doch eher sprachverliebte Zuckerwatte abgeliefert. Folgerichtig hat Bühnenbildner Uli Winters aus dem Friseursalon eine Art Jahrmarktbude gemacht.

Bewundernswert ist, was die Schauspielerinnen aus ihren Rollen, herausholen, die ihnen außer Worten, Worten, Worten wenig vorgeben. So verwandeln sie eine Podiumsdiskussion, in der Lentz den üblichen Phrasenleerlauf angeblich intellektueller Debatten demonstriert, in eine prächtige Parodie auf Achtundsechziger-Vollversammlungen mitsamt sämtlicher Macho-Gesten der selbsternannten Revolutionsführer. Vor allem Kartin Grumeth, die sonst nicht oft ihre komischen Talente vorführt, glänzt als Komödiantin und zeigt, wie hilfreich es ist, Charme zu haben, wenn man witzig sein will.

Thema: Lentz, Michael | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Silke Scheuermann

Samstag, 20. Januar 2007 7:56

Ein Schimmer von Glück
Silke Scheuermanns erster Roman „Die Stunde zwischen Hund und Wolf“

Ein kleiner, aber ein sehr schöner, sinnlicher, kluger Roman. „Ich bin nichts“, lautet der erste Satz. Es ist die nüchterne Selbstdiagnose einer jungen Journalistin, die es von Rom nach Frankfurt verschlagen hat. Sie gleitet wie eine unbeteiligte Zuschauerin durchs Leben. Weil die Zeitungen Reportagen kaufen, hat sie in Rom Reportagen geschrieben. Weil schlank als schön gilt, hat sie ihren Körper vom Chirurg zurechtschneiden lassen wollen. Weil alle Freundinnen mit älteren Männern ins Bett gingen, war auch sie nur an älteren interessiert. Weil immer weniger Reportagen aus Rom gebraucht wurden und man ihr in Frankfurt ein Job bot, ist sie nach Frankfurt gegangen. Sicher, sie kommt bei all dem gut zurecht. Aber, so stellt sie fest, sie kommt bei all dem gar nicht vor im eigenen Leben: „Ich bin nichts“.
Gegen Ende des Romans, wenn die namenlose Ich-Erzählerin mit ihrer Schwester im Wald spazieren geht, findet sich ein viel längerer, ein waghalsiger, utopischer, ein ungeheurer Satz: „Und in diesem Zauberwald, unter den strahlenden Bäumen, deren Blätter nicht Schatten, sondern Licht zu spenden schienen, kam es mir sogar so vor, als wäre es gestern gewesen, seit sich so viel verändert hatte, und es schien mir umgekehrt als gut möglich, es könne sich jetzt, hier, in dieser Minute, wieder alles ändern, und wir, Ines und ich, könnten unsere Leben in einer Weise in Ordnung bringen, hinter der wenigstens als Koordinatensystem so etwas wie Glück durchschimmerte“.
Zwischen diesen beiden Sätzen erzählt Silke Scheuermann ein kleines Familiendrama. Die beiden Schwestern sind sich von Kindesbeinen an in aufrichtiger Abneigung zugetan. Doch Ines braucht, stellt sich heraus, dringend Hilfe, denn sie ist auf dem besten Weg, sich als Alkoholikerin zugrunde zu richten. Die aus Rom zurückgekehrte und mit Ironie gut gepanzerte Journalistin will zunächst auch dieses Trauerspiel als Zuschauerin an sich vorüberziehen zu lassen. Wenn da nicht der mittlerweile ziemlich entnervte Liebhaber von Ines wäre, auf den sie, angestachelt durch ihre sehr unschwesterlichen Konkurrenzgefühle, gleich ein Auge geworfen hat.
Mit anderen Worten: Silke Scheuermann lässt nicht plötzlich die Flamme uneigennütziger mitmenschlicher Hingabe im Herzen ihrer Heldin auflodern. Der Schritt auf die Schwester zu und aus der lang geübten Passivität heraus ist beides zugleich: Hilfe und Verrat, ist Unterstützung im Kampf gegen die Sucht und der Versuch, ihr den Freund auszuspannen. Die Ich-Erzählerin wird keine Mutter Theresa, sondern sie macht die Erfahrung, dass jeder Schritt auf einen anderen zu, immer auch das Risiko birgt, den anderen oder sich selbst zu verletzten. Aber sie kann nun nicht mehr „Ich bin nichts“ sagen, denn sie ist, ob im Guten oder im Schlechten, anderen Menschen „jedenfalls nahegekommen“.
Silke Scheuermann hat für ihren ersten Roman einen wunderbaren, kühl poetischen, von leiser Melancholie durchwehten Ton gefunden. Zugegeben, es gibt auch ein paar umständliche, schwerfällige Sätze und sie hat eine unglückliche Vorliebe für die Floskel „äußerte er“. Daneben aber ist ihre Sprache von einer erstaunlichen Kraft der Vergegenwärtigung. Sie kann dem Leser mit wenigen Worten sehr zeitgenössische Szenerien oder Verhaltensweisen vor Augen stellen. Nie wirkt das bei ihr wie eine modische Lifestyle-Reportage, sondern immer wie ein kunstvoll verdichtetes Abbild der Gegenwart. Wie Dichtung eben.

Silke Scheuermann:
“Die Stunde zwischen Hund und Wolf”. Roman
Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2007
172 Seiten, 17,90 €

Thema: Scheuermann Silke | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock