Beiträge vom Februar, 2006

Robert Gernhardt

Donnerstag, 23. Februar 2006 12:20

Der vollständige Lyriker
Robert Gernhardt und der Büchnerpreis

Klarer Fall, Robert Gernhardt muß den Büchner-Preis kriegen. Soviel steht ohnehin fest für jeden, der seine fünf Sinne beisammen und noch alle Bücher im Regal hat. Nötig wäre das nicht zur höheren Ehre Gernhardts, der bei den Lesern längst Legende ist, sondern um der Deutschen Akademie, die den Preis vergibt, einen Anschein von Zurechnungsfähigkeit zu erhalten. Der Büchner-Preis hat ja in letzter Zeit Federn gelassen: Die konkurrierende Mainzer Akademie schickt einen Breitbach-Preis ins Rennen, der spürbar besser dotiert ist. Gleiches gilt für den Frankfurter Goethe-Preis, der dazu noch, wie der Friedenspreis des Buchhandels, international ein himmelweit höheres Ansehen genießt. Soll der Büchner-Preis weiter in der Spitzenliga mitspielen, darf er nicht komplett dösig vergeben werden.

Sicher, Gernhardt begann als Autor im komischen Fach, ist aber inzwischen über alle Fächergrenzen hinausgewachsen. Sportreporter bejubeln manche Tennisprofis als „vollständige“ Spieler, weil sie über jede Schlagtechnik perfekt verfügen. In diesem Sinne ist Gernhardt heute ein vollständiger Lyriker. Er beherrscht alle Formen und Tonfälle, schreibt philosophische Gedichte ebenso wie melancholische, ironische wie elegische, Heine’sche wie schweinische.

Dazu noch hat er eine Wirkungsgeschichte, nach der sich andere die Finger lecken. Vor Gründung der Neuen Frankfurter Schule, deren Lehrpersonal er angehört, waren im Nachkriegsdeutschland qualitätvoll komische Töne nur im Politkabarett, bei Loriot oder Erich Kästner zu hören. Die diversen Universen zuvor ganz ungeahnter Satire-, Parodie- oder Nonsens-Formen, die Gernhardt und seine Mitstreiter in den Magazinen „Pardon“ und „Titanic“ eroberten, haben die Mentalität einer Generation und damit des Landes aufs Angenehmste durchdrungen.

Als ich einen Amtsträger der Akademie fragte, ob sie Gernhardt aus purer Humorlosigkeit übergingen, antwortete er (neben einigen hier nicht zitierfähigen Bemerkungen): „Wilhelm Genazino“. Richtig, auch Genazino schrieb einst für „Pardon“ und „Titanic“. Allerdings hat er danach 20 Jahre lang krachlangweilige, übellaunige Romane verfaßt, bevor er zwei gute ablieferte und prompt den Büchner-Preis bekam. Soll Gernhardt also erst 20 Jahre Fadheit vortäuschen, bevor die Akademie ihm zu verzeihen bereit ist, daß er über mehr Witz verfügt als so manches Akademiemitglied?

Thema: Gernhardt, Robert | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Imran Ayata

Samstag, 18. Februar 2006 17:53

“Hürriyet Love Express”
Imran Ayata Erzählungen von Dandys, Gescheiterten und Filous

Integration von Ausländern ist niemals leicht, in Deutschland ist sie schwer. Wird Integration hierzulande gefördert, heißt es, man raube den Ankömmlingen ihre kulturelle Identität. Wird sie nicht gefördert, heißt es, die Deutschen bildeten eine geschlossene Gesellschaft. Inmitten dieser tagtäglichen Absurditäten hat Imran Ayata, Jahrgang 1969, seine Erzählungen angesiedelt. Amtsdeutsch würde man die Helden seiner Geschichten Migranten nennen, er selbst nennt sie Kanakster: Helle, schnelle Typen, die sich von niemandem die Wurst vom Brot nehmen lassen. Es sind Dandys darunter, schräge Romantiker oder gescheite Filous. Sie verstehen aus dem Zusammenprall der Kulturen, zwischen denen sie sich bewegen, echte Funken zu schlagen. Ayata Stil ist nicht so geschmeidig wie es seine Figuren sind. Aber er erzählt mit viel Witz und Gespür für die seelenwunden Augenblicke im Leben junger Männer, die davon überzeugt sind, nichts könne sie je umwerfen.

Imran Ayata:
“Hürriyet Love Express”. Erzählungen
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2006
208 S., 7,90 €

Thema: Ayata, Imran | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Thomas Gsella

Samstag, 18. Februar 2006 13:30

“Ins Alphorn gehustet”
Komische Gedichte von Thomas Gsella

Laut Gottfried Benn gelingen selbst den besten Dichtern in ihrem Leben nur wenige sehr gute Gedichte. Und Benn wußte da Bescheid. Also sollte man zufrieden sein, wenn sich in einem neuen Lyrikband ein paar starke Gedichte finden und der Rest immerhin so mittel ist. Und nach den starken Gedichten muß man das Buch dann beurteilen. In Thomas Gsellas Band „Ins Alphorn gehustet“ hat mich die erste Abteilung nicht überzeugt: Seine Idee, die diversen Vorurteile über angebliche Nationalcharaktere in Versform zu parodieren, hat sich bald erschöpft. Aber im Mittelteil liefert er ein paar Gedichte, die er „Alternden Männern, die in einer langjährigen Ehe leben, zum Trost“ zugedacht hat: Wie Gsella da Komik in Melancholie umschlagen läßt, wie er hinter Coolness kurze Momente von Gefühl hervorblitzen läßt, das hat Format. Und gegen Ende des Bandes besingt er einem „bösen Jungen“, der später zwar Journalist wird, dem es aber nie gelingt, böse zu sein. Auch das ist schlicht großartig. Gsella beherrscht sein lyrisches Handwerk und wenn ihn dann noch die Muse küßt, ist er umwerfend gut und oft umwerfend lustig. In einem Reisegedicht zum Beispiel heißt es: „Wenn es viel zu heiß und klamm ist; / wenn durch Gassen Wesen rennen, / die sich, da man in Vietnam ist, / durchweg Vietnamesen nennen“ – dann ist das echt witzig

Thomas Gsella:
“Ins Alphorn gehustet”. Gedichte
Reclam Verlag, Leipzig 2005
143 S., 12,90 €

Thema: Gsella, Thomas | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Susanne Schleyer

Samstag, 18. Februar 2006 13:28

“Unterwegs”
Ein Bildband von Susanne Schleyer

Mit Fotobänden über fremde Länder oder Städte kann man die Straße pflastern. Egal wohin heutzutage die Reise geht, lang bevor man ankommt, weiß man schon, wie es dort ausschaut. Die Fotografin Susanne Schleyer hat deshalb in ihrem Band „Unterwegs“ nicht die üblichen Bilder entfernter oder vertrauter Orte zusammengestellt, sondern seltsam eigenwillige, atmosphärestarke Straßen- und Alltagsszenen. Ihre Fotos erzählen kleine Geschichten über andere Städte, über London oder Buenos Aires oder Sankt Petersburg. Es sind Angelhaken für die Fantasie. Da ist zum Beispiel dieses Foto eines Wiener Paares, die sich Nachts hinter einer offenen Gittertür am hell erleuchteten Schreibtisch gegenübersitzen. Woran arbeiten sie? Oder das kleine Bild von einem Glas und einer einsamen Gabel auf einem Pariser Restauranttisch. Wer sitzt da zusammen und worüber reden die? Weil ihre Fotos so schön der Vorstellungskraft einheizen, hat Susanne Schleyer ein Dutzend Schriftsteller dafür gewonnen, Erzählungen zu den Bildern zu schreiben, darunter den neuen Superstar der jungen deutschen Literatur Daniel Kehlmann, aber auch Tanja Dückers, Katharina Hacker oder David Wagner. Besser kann man in seinem Lesesessel nicht mehr reisen.

Susanne Schleyer
“Unterwegs”
Schwartzkopff Verlag, Berlin
163 S., 22,- €

Thema: Schleyer Susanne | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Martin Heckmanns

Mittwoch, 1. Februar 2006 14:05

„Die Liebe zur Leere“
Martin Heckmanns zelebriert in Frankfurt den Tod des Entertainers

Hans Müller ist ein Comedy-Star und eine tragischen Figur zugleich. Er hat den Job von Harald Schmidt und den Zynismus Heiner Müllers. Der einzige Standpunkt, den er kennt, ist die Pointe, sein einziges Lebensziel die nächste ironische Volte. Das Publikum erwartet von ihm das Unerwartete, und er liefert es zuverlässig. In vergangenen Jahrhunderten wäre er nichts weiter gewesen als ein Hofnarr, als ein Clown, der für ein bißchen Spaß am Rande sorgt. Doch in einer Zeit, der keine Gewißheiten mehr gewiß sind und die den Wandel zu ihrer unwandelbaren Grundlage gemacht hat, wird er zur exemplarischen Gestalt.

Martin Heckmanns, hochbegabter und -gelobter Nachwuchsdramatiker, macht in seinem neuen, jetzt in Frankfurt uraufgeführten Stück „Die Liebe zur Leere“ die Late-Night-Show zum Austragungsort der Epochenkonflikte. Hans Müller, der Late-Night-Entertainer, ist die Innovation in Person, für ihn zählt nur der neueste Gedanke, der neueste Gag, die neueste Geliebte. Doch das Publikum, dieses divenhafte Wesen, das bislang an seinen Lippen hing, bevorzugt plötzlich die etwas gemütlichere Unterhaltungsware. Also sinkt Müllers Quote und folglich auch die Laune seines Produzenten. Schon ist von der Suche nach einem Nachfolger die Rede, Müllers Assistent scharrt bereits in der Startlöchern, die Krise ist da.

Die Geschwister Eva und Arne Gruber sind von all dem, was Müller ist, das exakte Gegenteil. Er ist der Star der Show, sie arbeiten für ihn im Hintergrund, er liebt das Neue, sie sehnen sich nach Vergangenem, er kennt kein Halten, sie finden Halt in Gott, er witzelt, sie beten. Doch als Publikum und Produzent von Müller weniger Bissigkeit und mehr Besonnenheit verlangen, verliebt er sich prompt in die besonnene Eva. Ihr Bruder fürchtet deshalb um ihre Tugend, und als sie tatsächlich während eines Festes vergewaltigt wird, erschießt er Müller – nicht weil Müller der Täter war, sondern weil Müller der Repräsentant jener Haltlosigkeit ist, die solche Taten möglich macht.

Martin Heckmanns gehört nicht zu den Seelenerforschern unter den Theaterautoren. Er ist ein Sprach- und Ideenspieler. Seine Figuren sind Gedanken auf zwei Beinen. Die Widersprüche zwischen einer durch und durch ironischen, liberalen und einer konsequent religiösen, dogmatischen Weltsicht, die seit dem 11. September zum Dauerbrenner der intellektuellen Debatten geworden sind, führt er in seinem Stück brillant vor Augen. Er seziert die Konflikte seiner Helden wie ein Pathologe mit präzisen Schnitten, doch zum Leben erweckt er seine Helden nicht. Er findet für beide Seiten kluge, klangvolle, bis zur Sentenz kondensierte Sätze, aber Stimme verleiht er ihnen nicht.

Auf den eindringlichen Rhythmus in Heckmanns Sprache antwortet die Regisseurin Simone Blattner wie schon 2004, als sie Heckmanns „Kränk“ uraufführte, mit einer konsequent rythmisierten Schauspielerführung. Gern läßt sie sämtliche Figuren auf der Bühne in seltsam künstlichen Posen verharren, um sie dann alle zugleich wie auf ein Signal hin in neue, nicht minder bizarre Posen zu schicken. Das treibt den Stücken jeden Realismus aus und verwandelt sie mitunter in einen Comic-Strip – wie bei ihrer hochkomischen Inszenierung von Feydeaus „Floh im Ohr“. An Heckmanns’ „Liebe zur Leere“ allerdings hebt diese Regietechnik die ohnehin leicht mechanischen Züge des Stückes hervor, es wirkt nun fast wie ein mehrstufiger Versuchsablauf unter Laborbedingungen.

Hans Müller ist ein Comedy-Star und eine tragische Figur. Seine immerwährende, alles zersetzenden Ironie ist für ihn Lust und Leid zugleich. Doch Rainer Frank, der ihn in Frankfurt spielt, wird von Simone Blattner in einem Tempo über die Bühne gehetzt, daß er oft genug nur noch um Atem ringen kann statt Charme und Schmerz dieses komplett illusionslosen Alleinunterhalters spürbar werden zu lassen. Felix Römer macht aus den Müllers kriecherischem Assistenten eine Art Gollum des Unterhaltungsbusiness. Und Annedore Bauer und Sebastian Schindegger sind als Geschwister Gruber weder fromm noch fanatisch, sondern vor allem bieder und blaß.

Thema: Heckmanns, Martin | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock