Beiträge vom Februar, 2005

Gerald Zschorsch

Samstag, 26. Februar 2005 16:40

Unfreie deutsche Jugend
Wie sich der Lyriker und Maler Gerald Zschorsch für eine Handvoll Gedichte vier Jahre Haft einhandelte

Es ist eine finstere, eine böse Geschichte, die hier erzählt werden muß. Eine Geschichte von jugendlichem Idealismus und staatlicher Brutalität. Eine Geschichte von geradezu selbstzerstörerischer Aufrichtigkeit und von einer ebenso engstirnigen wie ängstlichen Diktatur, die wegen Lappalien bereit war, ein Leben zu zerstören. Kein angenehmer Stoff also, auch wenn das Land, um das es geht, die DDR, inzwischen längst entschlafen ist. Nicht von einer ostalgisch verklärten Freien Deutschen Jugend kann hier die Rede sein, sondern es muß von dem berichtet werden, was die Jugend im anderen Deutschland seinerzeit so unfrei machte. Und von dem Triumph eines Menschen, der trotz allem den längeren Atem gehabt und das Land überstanden hat, das ihm zusetzte.

Die DDR war zwei Jahre alt, als der Lyriker und Maler Gerald Zschorsch in Elsterberg im Vogtland geboren wurde. Vater und Mutter zählten sich zu den gläubigen Sozialisten, also nahmen die üblichen Familienkonflikte während der Pubertät schnell einen grellen politischen Beiklang an. Jedes Wort des Sohnes gegen das Regime war in den Ohren der Eltern eine unerträgliche Provokation. Als 1968 in der benachbarten Tschechoslowakei Dubceks demokratischer Sozialismus bejubelt wurde, jubelte der Heranwachsende mit. Woraufhin der Streit mit den Eltern eskalierte, der Sohn im Zorn für stattliche Sachschäden sorgte und, mit 17 Jahren, zu zwei Jahren Haft verurteilt wurde.

Zschorsch gehört nicht zu den Leuten, die viel jammern. Wer sich beklagt, fügt sich seiner Ansicht nach schon in die Rolle des Opfers. Und Opfer wollte Zschorsch nie sein. Von seiner Seite aus, versichert er, gibt es keine Beschwerden gegen diese frühe Strafe: “Wer Regeln bricht, muß zahlen”, meint er und seine Stimme nimmt einen hohen, gepreßten Ton an, der klingt, als stampfe da jemand sprechend mit dem Fuß auf. Diese Bereitschaft, dieser Drang, die Folgen seiner Handlungen unbedingt zu tragen - gleichgültig, wer die Regeln aufstellt und ob sie angemessen sind - spielt später eine entscheidende Rolle bei Zschorschs zweiter Verurteilung. Die ließ nicht lange auf sich warten.

Als er 1970 aus der Jugendhaft entlassen wird, ist das Verhältnis zu den Eltern ruiniert. Gerade volljährig geworden sucht er Schutz und zugleich Freiraum an dem einzigen Ort der näheren Umgebung, der etwas Offenheit verspricht: Er wird Bühnentechniker am Theater in Plauen, der größten Stadt des Vogtlandes. Doch sein Eifer dort hält sich in engen Grenzen - was man ihm beim folgenden Verfahren vorwerfen wird: “Zschorschs Einstellung zur Arbeit war mangelhaft.” Statt dessen beginnt Zschorsch Gedichte zu schreiben. Wolf Biermann war zum überlebensgroßen Idol einer kleingehaltenen DDR-Jugend herangewachsen. Also besorgt sich Zschorsch wie sein Vorbild eine Gitarre, leiht sich eine Schreibmaschine und versucht, was ihn bedrängt, in Verse zu fassen. Viel bekommt er nicht aufs Papier, nur erste, noch unbeholfene Versuche - und sie galten jahrzehntelang als verloren. Jetzt sind sie, zusammen mit Gerichtsakten des zweiten Prozesses, wieder aus den DDR-Archiven aufgetaucht.

Zschorsch, heute ein erfahrener Lyriker, sieht diese Anfängerarbeiten inzwischen mit teils verwundertem, teils amüsiertem Blick. Es sind eher Bekenntnisse und schlichte Phantasien als sprachlich durchgearbeitete Gedichte. Vom Haß auf “diesen Staat, diese Menschen und das Leben” schwadroniert einer der Texte. Ein anderer beschwört vagen Weltschmerz: “Straßenzüge, leer und ohne Namen, / inmitten einer grauen, kalten Welt. / Im Innen suchen Menschen Platz für ihre Liebe, / Glut im Herzen, die Taschen ohne Geld.” Und dazu schreibt der noch sehr junge Mann, der erst vor Monaten aus dem Gefängnis kam, vom Zorn auf die Uniformen und Politiker des Landes und von einer Revolution, bei der falsche Sozialisten an Laternen landen.

Man kann sich die Anstrengungen des 20jährigen Zschorsch, für seine Gedichte so etwas wie Öffentlichkeit zu finden, nicht zufällig, nicht hoffnungslos genug vorstellen. Einmal spielt er auf dem Bürgersteig vor einen Schallplattenladen in Plauen mit einer geliehenen Gitarre, und zehn, zwölf Jugendliche hören ihm zu. Ein andermal liest er an der Talsperre Pöhl ein paar Fremden beim Baden zwei Texte vor. Und schließlich sieht er seine große Chance gekommen, als sich in einem Tanzlokal bei Schleiz die Musiker verspäten: Er greift die Gitarre, springt auf die Bühne und singt vor einem Publikum, das dann später in den Akten unaufhaltsam von 100 über 500 auf 700 Personen anschwillt.

Kurz drauf wird er festgenommen, und seine Notizen in Versform samt dem Entwurf zu einem Flugblatt verwandeln sich unter den Augen der Untersuchungsrichter zu staatsgefährdender ideologischer Konterbande. “Zschorsch hat”, heißt es im Haftbeschluß, “seit 1971 mindestens 15 sogenannte Gedichte, deren Inhalt sich gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR, dabei insbesondere gegen die führende Rolle der SED und die Wehrpolitik unseres Staates richtet, verfaßt. Diese “Gedichte’ brachte er in mindestens 3 Fällen gegenüber jeweils 10 bis 100 Personen zum Vortrag mit dem Ziel, diese Bürger gegen die sozialistische Staats- und Gesellschaftsordnung der DDR aufzuwiegeln.”

Seinem trotzigen Charakter entsprechend, leugnet Zschorsch nichts, wie die Akten erkennen lassen. Was immer die Verhörspezialisten an subversiven Ideen in seinen Gedichten zu erkennen glauben, bestätigt er ihnen lauthals. Ja, sagt er, als sie in seiner Wut auf Uniformen Wut auf die NVA erkennen wollen. Ja, als sie aus seiner Verachtung gegen Politiker gezielte Hetze gegen den Staat heraushören. Ja, als sie von seiner Revolutionsträumen auf konkrete Umsturzpläne in der DDR schließen. “Mit meinen Gedichten und Liedern”, so legen sich die Beamten Zschorschs Aussagen im Protokoll zurecht, “wollte ich die Menschen auffordern, gegen die meiner Meinung nach bestehende Meinungsmanipulation in der DDR anzukämpfen und ihre “wahren Anschauungen’ zu äußern, woraus sich zwangsläufig Veränderungen in den bestehenden Machtverhältnissen ergeben müßten.”

Der Rest ist ein Kinderspiel. Bei der Lektüre der Akten glaubt man die Begeisterung förmlich zu spüren, mit der hier ein Heer eifriger Amtsinhaber daran geht, endlich einmal die ganze Gewalt ihrer Gesetze zu exekutieren. Denn Zschorsch ist nicht der Mann, der um mildernde Umstände bittet. Und anders als Wolf Biermann genießt er weder im Osten noch im Westen Popularität, die ihn schützen könnte. Im März 1973, Zschorsch ist 21 Jahre alt, verurteilt ihn das Bezirksgericht von Karl-Marx-Stadt zur Höchststrafe von fünf Jahren Gefängnis. Zwei Monate später setzt das Berufungsgericht das Urteil auf vier Jahre herab - mit bemerkenswerter Begründung: Sechs der angeklagten Gedichte seien nach genauer Lektüre nicht als staatsfeindlich, sondern nur als “pessimistisch” oder als “unverständlich” zu betrachten, was in den Augen der Richter einen Abschlag von einem Jahr Lebenszeit rechtfertigte.

Für ein paar aufgebrachte Zeilen, wie sie viele zornige junge Leute überall in der Welt notieren und für die Illusion, singend ein Land verändern zu können, verbringt Zschorsch 30 Monate im Gefängnis Cottbus. 30 Monate Haftalltag: “Das Licht klatschte in die Zelle, es war sieben Uhr. “Los, hoch!’ Der Wächter der Nachschicht schlug mit dem Schlüssel gegen die Tür.” Über seine eingemauerte Zeit schrieb Zschorsch später einen seiner wenigen Prosatexte. “Sport zu machen war verboten - Gymnasik war erlaubt. Zurück in die Zelle, und laufen, in der Zelle im Kreis laufen und denken, nachdenken über alles”, bis zum Abend, bis zur Nachruhe: “Das Licht summte und dann waschen, dann Licht aus, aber nur kurz, alle zehn Minuten wird es wieder angemacht. Lichtkontrolle. Und schlafen - nur auf dem Rücken oder mit dem Gesicht zur Zellenmitte - auf dem Bauch und mit dem Gesicht zur Wand schlafen ist verboten. Wer sich doch einmal “verlegt’, wird geweckt, ein Schlag mit dem Schlüsselbund gegen die Tür.”

Ende 1974 kauft die Bundesrepublik den Häftling Gerald Zschorsch frei. Er ist 23 Jahre alt, knapp vier davon hat er in DDR-Gefängnissen verbracht. Im Westen studiert er erst ohne Erfolg, dann schreibt er weiter mit Erfolg: Seine Gedichte erscheinen im Klett-Cotta und im Suhrkamp Verlag - wo jetzt auf gut 400 Seiten sein bisheriges lyrisches Gesamtwerk erscheint: “Torhäuser des Glücks”. Und er zeichnet. Die Galerie Brusberg, eine der ersten Adresse des deutschen Kunstbetriebs, veranstaltete im vergangenen Jahr in Berlin eine Einzelausstellung seiner Graphik.

Zschorschs unfreie deutsche Jugend liegt weit zurück. Auf ein paar grauen Kopien von Polizeiberichten und Gerichtsbeschlüssen rasselt sie jetzt mit ihren Ketten wie ein lang vergessenes Gespenst. Und gibt eine Ahnung davon, wie die DDR jenseits der niedlichen Ampelmännchen, der Club Cola und den prächtigen Konzerten mit den Puhdys auch sein konnte.

Gerald Zschorsch:
“Torhäuser des Glücks”. Gedichte
Mit einem Nachwort von Lorenz Jäger
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005
470 S., 14,00 €

Thema: Zschorsch Gerald | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Silke Scheuermann

Samstag, 5. Februar 2005 7:38

Verschlungene Paare
Was geht in Menschen vor, wenn sie heute von Liebe sprechen? Silke Scheuermanns „Reiche Mädchen“ wissen es

Um gleich so ungeschützt wie möglich mit der Tür ins Haus zu poltern: Ich habe schon lange keine Erzählungssammlung mehr gelesen, die mir so gut gefallen hat wie diese. Silke Scheuermann ist ein großes Talent, sie ist eine Hoffnung für die deutsche Literatur – und also eine Hoffnung für uns Leser, etwas mehr über uns und unsere Zeit zu erfahren. Sie versteht sich auf die Kunst, in ihren Geschichten etwas vom besonderen Klima, vom speziellen Aroma der Gegenwart zu verdichten und damit sichtbarer, spürbarer zu machen, als es im Alltag ist. Sie erzählt ganz locker, unangestrengt, wie nebenher und doch hat man, wenn man sich ihr anvertraut, das Gefühl, manche Dinge ein wenig klarer zu sehen als zuvor.
Auch wenn Silke Scheuermann noch recht jung ist, gerade mal ihr dreißigstes Jahr hinter sich hat, ist ihr Talent keineswegs unbemerkt geblieben. 2001 wurde sie für ihre Gedichte mit dem Leonce-und-Lena-Preis ausgezeichnet, zwei Lyrikbände sind seither erschienen, beide wurden mit viel Anerkennung und Beifall bedacht. Sie gehört nicht zu den dunkel raunenden, nicht zu den gravitätisch predigenden Dichtern. Ihre Verse sind leicht, tänzelnd, fast immer ironisch unterfüttert und doch konzentriert. Es ist in ihnen unübersehbar von unserer Welt hier und heute die Rede, vom „heimischen Laptop“ ebenso wie von „Reisen im Cyberspace“. Zugleich aber verlieren sie nicht die Vergangenheiten aus dem Blick, die hinter dieser Oberfläche zu entdecken ist. Also tummelt sich in ihren Gedichten munter das ganze zeitlos-mythische Personal vom Phönix bis zur Sphinx, von Äneas bis Arachne, von Medusa bis hin zu einer Minerva, die es satt hat, immer nur Göttin zu sein und auch mal „in den Pirelli-Kalender“ will.
„Reiche Mädchen“ – das jetzt erschienene Buch – enthält nun Silke Scheremanns ersten Prosaarbeiten und die scheinen mir noch beeindruckender zu sein als ihre Gedichte. Was eine ebenso angenehme wie leider seltene Überraschung ist. Hat man sich doch in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr daran gewöhnt, daß auf freudetrunken gefeierte Debüts junger Autoren eher schwache zweite oder dritte Bücher folgen. Zumal wenn sich die Autoren dann in einer anderen als in der zunächst gewählten literarischen Disziplin versuchen, also von Gedichten zum Roman wechseln, oder nach Erzählungen ein Theaterstück publizieren. Meist werden da beim Schritt über die Grenzen der Gattungen die Grenzen der Begabung schmerzhaft deutlich.
Nicht so bei Silke Scheuermann. Sie zeigt in der Prosa von der ersten Seite an große Sicherheit. Sie erzählt zum Auftakt von der kurzen Liebesgeschichte einer jungen Universitätsmitarbeiterin mit einem älteren Dozenten. Die Affäre nimmt keinen ungewöhnlichen oder sensationellen Verlauf: Die junge Frau ist zunächst ganz hingerissen von ihren Gefühlen und spielt mit dem Gedanken, ihren langjährigen, ein wenig langweilig gewordenen Freund zu verlassen. Der neue routinierte Liebhaber dagegen mag sich aus seiner Ehe nicht lösen und hält bereits, noch während er sporadisch mit der Heldin schläft, Ausschau nach der nächsten Gespielin.
Silke Scheuermann erzählt das alles denn auch nicht als unvorhersehbare Gefühls-Havarie. Sie zeigt vielmehr, daß die junge Frau, noch während sie auf eine gemeinsame Zukunft mit ihrem Liebhaber hofft, sich bereits wiedererkennt in der Rolle der Natascha aus Tolstois „Krieg und Frieden“, die den ehrenwerten Fürst Andrej versprochen ist, aber dem verheirateten Lüstling Anatol verfällt. Doch obwohl (oder gerade weil?) sie sich darüber klar ist, welches uralte Muster sie hier nachvollzieht, wird ihr Verlangen nach dem unerreichbaren Mann (gerade weil er unerreichbar ist?) nicht geringer und auch der Schmerz, sobald die absehbare Enttäuschung eintritt, nicht kleiner. Staunenswert, wie souverän Silke Scheuermann das alles auf nur gut 25 Seiten aufblättert, mit welcher Anschaulichkeit, Präzision und Grazie.
Und mit welcher Sinnlichkeit. Bettszenen werden gern als eine Nagelprobe für erzählerisches Können betrachtet, an der nicht zuletzt junge deutschsprachige Autoren oft scheitern. Silke Scheuermann meistert sie meines Erachtens mit einer schönen Mischung aus poetischer Kraft und psychologischer Klarsicht: „Ein Gefühl der Macht durchströmt mich, während ich die Beine und dann die Arme um ihn schlinge wie eine große, glückliche Spinne. Er bewegt sich in einem merkwürdig komplizierten Rhythmus, und das Gefühl der Ohnmacht, das ich nun auf einmal verspüre, ist genauso angenehm wie das Gefühl der Macht ein paar Sekunden zuvor, vermutlich sind Macht und Ohnmacht sowieso dasselbe, wir schlingen uns ineinander, jetzt gibt es mit einer verrückten Ausschließlichkeit nur noch uns beide auf der Welt, nur diese Gegenwart, die sich in einem vollkommenen Kreis um uns schließt, eine schützende Kugel, die für Sekunden schweben kann wie eine Seifenblase, Sekunden, die mir lange vorkommen, aber nur, bis sie vorbei sind.“
Auf den ersten Blick sind alle sieben Erzählungen dieses Bandes Liebesgeschichten. Genauer betrachtet berichten sie davon, wie wir durch unsere Liebesbedürfnisse und -affären neue, unerwartete und nicht immer angenehme Seiten der eigenen Persönlichkeit entdecken. Sie handeln davon, wie unser Begehren uns Antworten auf die ewige Identitätsfrage „Wer bin ich?“ gibt, Antworten, mit denen wir nicht gerechnet haben und die wir mitunter gar nicht gerne hören. „Diese Nacht hat ihr endgültig den Beweis geliefert, daß sie nie eine normale Liebe erleben wird, daß sie sich etwas überlegen muß, vielleicht Leute zu zwingen, sie zu berühren“, heißt es gegen Ende der Erzählung „Lisa oder der himmlische Körper“, die mir wie ein bitterer Nachklang auf Kirkegaards „Tagebuch des Verführers“ in heutigen Tagen vorkommt.
Liebe ist im Bewußtsein von Silke Scheuermanns Figuren fast immer etwas Flüchtiges, Kurzfristiges. Schon deshalb sehen sie in ihr selten einen romantischen Selbstzweck, sondern betrachten sie eher als eine naturgegebene Chance, mit Hilfe des jeweils neuen Partners persönliche Defizite auszugleichen und die diversen Sinnlöcher des modernen Daseins zu stopfen. Da ist zum Beispiel die „Obsession eine Vergangenheit zu haben“, von der Silke Scheuermann schon in ihren Gedichten sprach: Ihre Helden befriedigen die Sehnsucht nach einer erfahrungssatten Biographie in unseren geschichtsarmen Zeiten ersatzweise einfach durch eine wechselvolle Liebesbiographie. Und zu der seltsamen Dialektik des Seelenlebens gehört, daß die Figuren nichts mehr erhoffen und zugleich fürchten als eine Liebe, die sich tatsächlich als biographisches Schicksal erweisen sollte.
Eine der schönsten Erzählungen des Bandes ist in meinen Augen „Zickzack oder Die sieben Todsünden“: Die Geschichte eines Mädchens, das gerade eben auf der Altersgrenze zur jungen Erwachsenen angelangt ist und die Wohnung einer älteren Bekannten einhüten soll. Sie inspiziert die Räume, sie badet, sie lädt eine Freundin und einen Freund zu einem Video-Abend ein, sie badet wieder, diesmal mit dem Jungen und telefoniert ein paar mal mit ihrem Bruder, viel mehr passiert nicht. Doch wie es Silke Scheuermann gelingt, bei all dem das Seelenleben des Mädchens auszuleuchten, das sich hin- und hergerissen fühlt zwischen dem Geborgensein der Kindheit und der Abenteuerlust des Jugendlichen, das ihren ersten, noch ganz harmlosen sexuellen Erlebnissen mit ebensoviel ängstlicher Scheu wie forscher Neugier begegnet, das auf jede Geste, jedes Wort der anderen insgeheim voller Unsicherheit und Ambivalenz reagiert und deshalb glaubt, umso entschlossener auftreten zu müssen, kurz: wie Silke Scheuermann diesen ganzen Zickzack der Gefühle in ihre Geschichte einfängt, ist rundum virtuos.
Die Erzählungen leben von einer Sprache, die niemals prunkt oder protzt. Silke Scheuermann leistet sich keine aufdringlichen stilistischen Eitelkeiten, sondern schreibt eine schlanke, klug durchstrukturierte, sanft ironisch, immer aber auch poetische Prosa. Das ein oder andere Symbol ist für meinen Geschmack etwas überdeutlich gewählt: Zum Beispiel wenn eine von der Liebe besonders herb enttäuschte Frau auf dem Höhepunkt ihrer Verzweiflung in ihrer Phantasie (oder in der Realität?) einen sehr dünnen, sehr elenden, jesusähnlichen jungen Mannes ermordet. Oder wenn das einzige Paar des Bandes, dem das seltene und legendenumrankte Glück lebenslanger Zuneigung zuteil wird, zugleich noch bei Gewitter auf die Suche nach den ebenso seltenen und legendenumrankten Kugelblitzen geht.
Doch das sind Kleinigkeiten. Man darf, wenn man ein über weite Strecken so glanzvolles Stück Literatur in die Hand bekommt, nicht mäkelig sein. Silke Scheuermanns Band „Reiche Mädchen“ enthält reiche Beute für jeden Leser, der genauer wissen und verstehen möchte, was in Menschen vorgeht, wenn sie heute von Liebe sprechen. Seit Judith Hermanns Erzählungen habe ich keine schöneren gelesen als diese.

Silke Scheuermann:
„Reiche Mädchen“. Erzählungen
Schöffling & Co. Verlag, Frankfurt am Main 2005
163 Seiten, 17,90 €

Thema: Scheuermann Silke | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock