Beiträge vom Januar, 2005

Christoph Hein

Samstag, 29. Januar 2005 14:10

Wo leben wir eigentlich?
Christoph Heins Roman “In seiner frühen Kindheit ein Garten”

Bad Kleinen, 27. Juni 1993: Mehr als 50 Polizisten sollen die RAF-Terroristen Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams verhaften. Obwohl die Aktion aufwendig vorbereitet wurde, kommt es auf dem Bahnhof des 3000-Seelen-Ortes zu einer wüsten Schießerei. Grams und ein Beamter sterben. Eine Zeugin sagt aus, der verletzte Grams sei von Polizisten mit einem Kopfschuß regelrecht hingerichtet worden. Bundesinnenminister Rudolf Seiters tritt zurück, Generalbundesanwalt Alexander von Stahl verliert sein Amt. Obwohl Beweismittel verschwinden und die Spuren am Tatort ungenügend gesichert wurden, gibt die Bundesregierung eine Ehrenerklärung für die beteiligten Beamten ab. Bis heute weiß die Öffentlichkeit nicht zuverlässig, was sich auf dem Bahnhof in Bad Kleinen abspielte.

Christoph Hein erzählt diese Affäre in seinem neuen Roman aus der Perspektive der Eltern von Grams. Sie heißen bei ihm Zurek und sind in vielen, aber nicht in allen Details ihren historischen Vorbildern nachgeformt. Richard Zurek, der Vater, ist bei Hein ein ehemaliger Schuldirektor, ein kluger, gewissenhafter Mann, der sowohl seinen Beamteneid auf die Verfassung wie auch seine Vaterpflichten sehr ernst nimmt. Hilflos muß er mitansehen, wie sich sein Sohn nach einer ersten ungerechtfertigten Haft politisch immer weiter radikalisiert und schließlich in den Untergrund abtaucht. Jahrelang leben seine Frau und er tagtäglich in der Angst, schon die nächste Nachrichtensendung könnte die Meldung bringen, ihr Kind habe getötet oder sei getötet worden.

Als die befürchtete Katastrophe dann schließlich eingetreten ist, bemüht sich der Vater mit allen rechtlichen Mitteln, die Wahrheit über die Vorgänge auf jenem Bahnhof ans Licht zu bringen. Doch trotz zahlreicher eklatanter Ungereimtheiten wird sein Sohn am Ende offiziell zum Mörder des GSG-Mannes erklärt und sein eigener Tod als Selbstmord bezeichnet. “Wo leben wir eigentlich?” fragt sich Richard Zurek, angesichts des fragwürdigen Abschlußberichts und vermutet, daß sich sämtliche Behörden, von der Staatanwaltschaft bis zum Innenministerium verschworen haben, um die haarsträubenden Mängel dieser Polizeiaktion zu vertuschen.

Doch Hein schildert nicht nur Richard Zureks Sicht der Dinge. Die Gegenposition läßt er von Christin, der Schwester des Terroristen vertreten, die ihrem Vater begreiflich zu machen sucht, daß er seinen toten Sohn nicht zum Märtyrer stilisieren darf. Denn der Sohn habe, indem er “Mitglied einer Mörderbande” wurde und einen völlig unsinnigen Kampf gegen die Bundesrepublik führte, die mißglückte Verhaftung überhaupt erst notwendig gemacht. Der Roman suggeriert also keine Antwort auf die Frage “Wo leben wir eigentlich?”, sondern legt sie den Lesern zur Beantwortung vor. Sie müssen sich anhand der Geschichte und der Argumente der Figuren ihr eigenes Urteil bilden.

Im Roman trägt die Terroristin Birgit Hogefeld den Namen Katharina Blumenschläger. Hein spielt so unübersehbar an auf Heinrich Bölls große Erzählung “Die verlorene Ehre der Katharina Blum”. Und wie Böll geht es auch Hein mit seinem Roman nicht in erster Linie darum, ein brillantes Sprachkunstwerk abzuliefern, sondern eine spannende, die Bürger aufstörende politische Geschichte über unsere Gegenwart zu erzählen. Und das gelingt ihm auch. Dieses Buch hat mich eine schlaflose Nacht gekostet, nachdem ich mit dem Lesen begonnen hatte, konnte ich es vor dem letzten Satz nicht zuschlagen.

So weit die politische Seite des Romans. Daneben ist “In seiner frühen Kindheit ein Garten” auch eine Elegie auf einen zu früh gestorbenen geliebten Menschen. Hein beschreibt den Kummer der Eltern über den Tod ihres Sohnes mit anrührender Intensität. Er verzichtet hierbei auf große Auftritte theatralischer Verzweiflung, sondern beschränkt ganz auf kleine, aber um so glaubwürdigere Gesten des Schmerzes.

Erst vor wenigen Jahren ist Christoph Heins Frau gestorben. Daß er den langen, leidvollen Weg der Trauer aus eigener Erfahrung nur zu gut kennt, ist fast auf jeder Seite dieses Buches zu spüren.

Christoph Hein:
“In seiner frühen Kindheit ein Garten”. Roman
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005
250 S., 17,90 €

Thema: Hein, Christoph | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Gruppe 47

Samstag, 15. Januar 2005 13:18

“Gruppe 47″
Das literarische Trainingslager der Republik in einer Monographie

Autoren-Klubs, -Kreise, -Cliquen oder -Gruppen werden in der Literaturgeschichte schnell von Legenden umrankt. Zum einen, weil deren Mitglieder professionelle Animateure der Fantasie sind und nur zu gern Geschichten in die Welt setzen, in denen sich Dichtung und Wahrheit schwer trennen lassen. Zum anderen, weil wohl jede derartige Gemeinschaft beim Beobachter unbewußt mit dem Mythos der ritterlichen Tafelrunde von König Artus verschmilzt, die für die Leser den heiligen Gral einer gültigen Weltdeutung hütet. Um nicht blind Legenden fortzuspinnen, sollte man sich folglich bei der Beschäftigung mit Schriftsteller-Zirkeln gründlich der historischen Fakten versichern. Die Gruppe 47 ist zweifellos die wichtigste und wirkmächtigste Autorenvereinigung der deutschen Nachkriegsliteratur. Heinz Ludwig Arnold hat ihre Geschichte jetzt übersichtlich erzählt. Er orientiert sich dabei eng an einem beim Hörverlag in München erschienen Hörbuch, das er von zwei Jahren veröffentlichte, und für das er wertvolle akustische Dokumente aus Radioarchiven barg.

Alles begann 1947 bei Füssen, als der Schriftsteller Hans Werner Richter eine handvoll Autoren einlud, sich gegenseitig ein Septemberwochenende lang aus ihren Manuskripten vorzulesen. Danach kritisierten die Anwesenden das Gehörte offen, aber noch recht unbeholfen. 1958 erlebte Günter Grass mit seiner bejubelten Lesung aus der noch unveröffentlichten “Blechtrommel” bei einer Tagung der Gruppe die Initialzündung zu seiner Weltkarriere. Spätestens von diesem Zeitpunkt an entwickelte sich die Gruppentreffen zu einer entscheidenden Instanz des deutschen Literaturmarktes. Die Kritiker Walter Höllerer, Walter Jens, Joachim Kaiser, Hans Mayer, Marcel Reich-Ranicki saßen in den Lesungen und brannten, kaum war der letzte Satz verklungen, prächtige Beurteilungs-Feuerwerke ab, die über Wohl und Wehe manches Buches entschieden.

All diese Fakten breitet Arnold materialreich und anschaulich aus. Doch bei deren Analyse hält er sich auffällig zurück. Das ist schade, denn die Gruppe 47 war mehr als ein Trainingslager für Schriftsteller und Kritiker. Obwohl sich ihr Chef Hans Werner Richter darum bemühte, politische Diskussionen bei den Tagungen zu vermeiden, entwickelte sich die Gruppe 47 zu einer Art Katalysator für das vorherrschende Bewußtsein der Nachkriegsrepublik.

Die meisten der Autoren empfanden sich als “Nonkonformisten”, die gegen das schnelle bundesdeutsche Wohlstandglück opponierten. Aber waren sie das wirklich? Wenn Alfred Andersch etwa in den ersten Jahren den amerikanischen Materialismus kritisiert, schwingt in seinen Argumenten noch viel vom pseudoidealistischen Nazi-Jargon mit. Die sozialistischen Diktaturen des Ostblock wurden von den 47ern stets verurteilt, die sozialistische Theorie jedoch, wie von der beginnenden Studentenbewegung, schwärmerisch gefeiert. Der Holocaust avancierte für die Schriftsteller der Gruppe, genauso wie für das ganze Land, erst mit dem Frankfurter Auschwitz-Prozeß zu einem vordringlichen Thema.

Vielleicht war die Gruppe 47 weder intellektuelle Opposition noch geistige Avantgarde der Bundesrepublik, sondern schlicht ein Modellfall ihrer Entwicklung. Wer wären dann aber die wahren literarischen Nonkonformisten der Nachkriegsgesellschaft gewesen?

Heinz Ludwig Arnold:
“Die Gruppe 47″
Rowohlt Verlag, Reinbek 2005
160 S., 8,50 €

Thema: Gruppe 47 | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock