Beiträge vom Juni, 2004

Benjamin von Stuckrad-Barre

Samstag, 5. Juni 2004 14:06

“Festwertspeicher der Kontrollgesellschaft”
Der große Pop-Schwindel oder: Benjamin von Stuckrad-Barre schreibt weiter

Manchmal macht das literaturkritische Geschäft hier zu Lande einen reichlich kleinkarierten Eindruck. Benjamin von Stuckrad-Barre kann davon ein Lied singen. Als er – gerade unbekümmerte 23 Jahre alt – mit seinem Roman „Soloalbum“ vornehmlich jüngere Leser zum Johlen und zum Kreischen brachte, schickten ihn einige Platzanweiser unseres Literaturbetriebs umgehend an den Katzentisch: Er sei, teilten sie ihm mit, gar kein Autor, sondern ein Popautor und sein Buch keine Literatur, sondern Popliteratur. Die hochkulturelle Ab- und Ausgrenzungsmaschinerie ratterte was das Zeug hielt.
Natürlich war solcher Zurückweisungseifer für Stuckrad-Barre lästig – aber auch lustig. Denn was könnte werbewirksamer sein, als ausgerechnet von dem oft als betulich und bräsig geltenden Literaturbetrieb wegen erwiesener Frischheit, Forschheit, Frechheit mit der Warnaufschrift „Pop“ versehen zu werden? Trotzdem hat er immer wieder mal versucht, die mit diesem Etikett verbundenen Missverständnisse aus der Welt zu schaffen. Wenn Pop das Bewusstsein seiner Figuren präge, dann sei das „ein Abbild der Realität von Kultur hier zu Lande“. Da Pop große Bereiche unseres Alltags beherrsche, müsse sich das auch „niederschlagen in zeitgenössischer Literatur. Ich verstehe die Aufregung nicht.“
Geholfen hat das natürlich nicht. Auch im Literaturbetrieb sind die Markenzeichen längst mächtiger geworden als die bezeichneten Marken. Im endlosen Geplapper über Pop oder Nicht-Pop geriet immer mehr aus dem Blick, wie wenig Stuckrad-Barre mit seinen Büchern letztlich aus dem Rahmen unserer Gegenwartsliteratur fällt. Er ist eben kein Epigone des britischen Erzählers Nick Hornby, wie so viele Kritiker behaupteten, als „Soloalbum“ erschien. Hornby nämlich schreibt Gesellschaftsromane in bester angelsächsischer Tradition, seine Bücher bemühen sich darum, soziale Gegenwart am Beispiel einer Vielzahl von handelnden Personen zu schildern.
Stuckrad-Barre dagegen kennt in seinen Romanen – wie die meisten Schriftsteller hier zu Lande – nur eine einzige Hauptfigur. Sie mag heißen oder aussehen wie sie will, hinter ihr verbirgt sich immer der Autor selbst. Egal wie viele Popgruppen Stuckrad-Barre auflistet, egal wie viele Markennamen er über die Seiten verstreut, letztlich geht es in seinen Büchern doch um die eigene Person. Wie schon so viele Pastorensöhne unter den deutschen Dichtern vor ihm betreibt er schreibend vor allem Introspektion und Gewissenserforschung. Wer nach Vorbildern für sein „Soloalbum“ Ausschau hält (oder für seine Geschichte „Vom Netz“), wird wohl eher bei Botho Strauß’ Liebeskummer-Erzählung „Die Widmung“ fündig als bei Hornbys „High Fidelity“. Und wer wissen möchte, welcher Autor ihm Anregungen lieferte für sein wortreiches Dauergranteln, für sein ewiges Rohrspatzschimpfen über die unausrottbare Dummheit der Welt, dürfte nicht ganz falsch liegen, wenn er in Thomas Bernhards Romanen blättert.
Was Stuckrad-Barre jedoch, neben seinen Entertainer-Qualitäten bei Live-Auftritten, von Anfang an heraushob aus der Konkurrenz der deutschen Nachwuchsautoren, war sein Witz und seine Sprachkraft. Während Romane über Liebesunglück üblicherweise von tiefschwärzester Melancholie durchweht werden, machte er aus dem Helden seines „Soloalbums“ eine derart hemmungslos in den eigenen Weltschmerz vernarrte Figur, dass sie gleich wieder herzerfrischen komisch wirkte. Dazu schüttelte er den deutschen Wortschatz kräftig durch, machte aus abgefingerten Substantiven taufrische Adjektive, verwandelte schale Adjektive in schrille Verben und zwang flüchtigste, coolste Umgangssprache in präzise abgezirkelten Zeilen, dass es nur so eine Freude war.
Doch leider ist von diesen Qualitäten im jetzt erschienenen Buch mit dem so poetischen Titel „Festwertspeicher der Kontrollgesellschaft. Remix 2“ nicht viel geblieben. In den letzten Wochen hat Stuckrad-Barre jedem, der nicht schnell genug weiterzappte, über alle Medienkanäle wissen lassen, dass er in den vergangenen Jahren diversen Süchten verfallen war. Unglücklicherweise hat ihn das offenbar nicht nur persönlich, sondern auch professionell beeinträchtigt. Sein neuer Band ist ein konturloses Gewürfel aus Reportagen, Interviews, Tagebuch-Häppchen, Rezensionen und endlos langen Listen (siehe WELT vom 24.5.).
In ein paar wenigen Abschnitten blitzt etwas auf von seinem Talent: Wenn Stuckrad-Barre etwa in einem Begleittext zu einer Brahms-CD von seiner Musikschulzeit erzählt, dann gewinnt diese Erinnerung an die für ihn ja nicht so weit zurückliegende Jugend eine anrührende Intensität. Die meisten anderen Stücke jedoch sind Verlegenheitsarbeiten ohne literarischen Wert. Früher ging Stuckrad-Barre seine Themen und auch seine Gegner gern direkt an mit schnörkelloser polemischer Wucht. Er trat auf als die Abteilung Attacke, als der Uli Hoeneß der deutschen Gegenwartsliteratur. Das machte nicht immer einen sonderlich überlegten Eindruck, hatte aber immer den Vorzug entschiedener Klarheit und fröhlicher Unverzagtheit.
Der neue Band nimmt sich im Vergleich dazu linkisch und verdruckst aus. Wenn Stuckrad-Barre zum Beispiel einen Waffeninspektor porträtiert, der im Irak gearbeitet hat, begibt er sich auf für ihn unübersehbar fremdes, politisches Terrain. Prompt wirken seine gewohnt hektischen Reporterspielchen deplaziert und sein Wunsch „Entschuldigung, könnten wir dann jetzt mal eine Bombe sehen?“ nicht komisch, sondern dümmlich. Über die neuen CDs von Westbam und Grönemeyer sondert er unverfälschten Kritikerkitsch ab. Und wenn er dazu noch Tagebuch-Aufzeichnungen veröffentlicht, in denen er hingebungsvoll den zarten Verästelungen der eigenen Künstlerseele nachspürt, glaubt man endgültig supersausensible Debütantenprosa aus Klagenfurt zu lesen.
Klar, Stuckrad-Barre geht es zurzeit nicht besonders gut. Aber den Lesern aus Mitleid sein Buch empfehlen? Das wäre wohl auch keine Lösung. Er selbst hat nie viel Mitleid gezeigt mit den popeligen Prominenten, über die er gewöhnlich schreibt. „Bisschen interessanter werden“ hat er dem einen oder anderen als Rat mit auf den Weg gegeben, „und ab und zu mal kein Interview geben, das könnte auch nicht schaden“. Guter Tipp.

Benjamin von Stuckrad-Barre:
„Festwertspeicher der Kontrollgesellschaft. Remix 2“
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2004
485 Seiten, 12,90 €

Thema: Stuckrad-Barre Ben. von | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Wilhelm Genazino

Freitag, 4. Juni 2004 12:11

Verschrobenheit ist eine Tugend
Wilhelm Genazino, der sich selbst einen Tagträumer nennt, bekommt den Büchnerpreis 2004

Der Schriftsteller Wilhelm Genazino ist ein literarischer Einzelgänger. Ihm den Büchnerpreis zuzusprechen, also die nach wie vor renommierteste literarische Auszeichnung des Landes, ist eine geradezu demonstrative Entscheidung. In Zeiten fast allwöchentlicher Literaturskandale hebt die Jury der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt damit einen zurückhaltenden, alles andere als skandalträchtigen Autor hervor, dessen Bücher immer von literarischer Begabung zeugten - aber auch von einer oft ermüdenden Monotonie waren.

Man hat Genazino gern einen literarischen Flaneur genannt, einen poetischen Stadtwanderer, der seine Figuren gern ruhe- und auch ein wenig ziellos durch die Straßen unserer Gegenwart streifen lässt. Es ist nicht das wohl organisierte Leben einer modernen Gesellschaft, das seine Helden auf ihren einsamen Ausflügen interessiert. Ihr Blick fällt vielmehr regelmäßig auf die unbedeutenden Randerscheinungen, die beiseite geschobenen Reste, auf funktionslose Details oder verunglückte kleine Gesten unbekannter Passanten.

Derlei Tagträumereien hat Genazino als einen unverzichtbaren Bestandteil der schriftstellerischen Arbeit schlechthin bezeichnet. Und sicher hat er recht damit, dass sie ein unverzichtbarer Bestandteil seiner schriftstellerischen Arbeit sind. Anders jedoch als Walter Benjamin etwa, der als Großstadtflaneur in der metropolitanen Flut flüchtiger Impressionen schwelgte, litten Genazinos Helden lange unter dem für sie mausgrauen Wust trister Normalität. Da Genazino zudem in seinen frühen Romanen streng darauf achtete, auch nicht die geringste Spannung aufkommen zu lassen, war die Lektüre seine Bücher kein Vergnügen für jedermann.

Erstmals machte er zwischen 1977 bis 1979 mit der “Abschaffel”-Trilogie auf sich aufmerksam. Drei Romane, die das zurückgezogene, freudlose Leben eines subalternen Büroangestellten auf nahezu 600 Seiten vor dem Leser ausbreiteten. Verschrobenheit ist, das machen diese Bücher dem Leser sofort klar, für Genazino eine unbestreitbare Tugend. Das abgesonderte und absonderliche Dasein der Hauptfigur Abschaffel wurde von den Kritikern gern als - so hieß das im Jargon der Zeit - Folge entfremdeter Lebens- und Arbeitsverhältnisse interpretiert.

Doch Genazino zielte mit seiner Prosa nicht auf eine sozialkritische Literatur der Arbeitswelt. Ihm ging es, so zeigten seine folgenden Romane, vielmehr darum, in der Tradition der literarischen Moderne schreibend Wirklichkeitsbereiche auszukundschaften, die von unserem Alltagsbewusstsein üblicherweise ausgeblendet werden. Doch ganz allmählich begannen Genazinos Figuren neben den schäbigen und faden Aspekten des Lebens auch dessen heitere und lockende Seiten zu entdecken.

Natürlich war Genazino immer ein viel zu intelligenter Autor, um sich der Illusion hinzugeben, die Welt seit tatsächlich so miesepetrig wie seine Helden sie sehen. Vielmehr ließ er den Leser mal mehr, mal weniger deutlich spüren, dass diese Figuren sich, weil sie sich als Außenseiter empfinden, in eine unglückliche Mixtur aus Über- und Unterlegenheitsgefühlen ihren Mitmenschen gegenüber hineinsteigern: in eine fatale Mischung aus Welt- und Selbstverachtung.

Mit seinen ungleich frischeren und beschwingteren Büchern “Ein Regenschirm für diesen Tag” (2001) und “Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman” (2003) hat Genazino dann ein entschieden neues Kapitel seiner Arbeit aufgeschlagen. Zwar leiden auch die Helden dieser Bücher an einem recht neurotischen Verhältnis zu ihrer Umwelt, aber sie betrachten sich mit spürbar zunehmender Selbstironie als die Neurotiker, die sie sind - was die Lektüre ihrer Leidensgeschichten weitaus vielschichtiger und nebenbei auch vergnüglicher macht. Zudem wird das Schreiben für sie zu einem klugen Mittel der Selbstheilung und -rettung.

Vor allem aber ist Wilhelm Genazino in diesen beiden späten Romanen zu einer zuvor nie erreichten Perfektion des Erzählens vorgestoßen. Er hat ein bewundernswertes Gespür für stimmungsstarke, suggestive Details entwickelt, die den Leser mit wenig Aufwand in eine andere Welt entführen können.

Und sein jüngster Roman “Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman” ist dann mehr geworden, als nur die Selbsterforschung eines Sensibilisten: Es ist zugleich ein begeisternd intensives Porträt der späten Adenauer-Ära - ein Stück literarische Geschichtsvergegenwärtigung wie es hier zu Lande leider viel zu selten geschrieben wird.

Thema: Genazino, Wilhelm | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock