Beiträge vom März, 2004

Franziska Gerstenberg

Samstag, 20. März 2004 11:27

„Wie viel Vögel“
Das erstaunliche Debüt von Franziska Gerstenberg

Vieles in diesem Buch ist wirklich außerordentlich schön und gelungen. Der Anfang der Geschichte „Glückskekse“ zum Beispiel: „Marianna zu küssen war das eine. Marianna hatte einen blonden Zopf, dunkle Brauen und dunklen Flaum auf der Oberlippe. Ihr Körper war schwer und fest wie mit Puderzucker bestäubter Stollen.“

Drei einfache, kurze Sätze und sofort hat man als Leser nicht nur eine Figur vor Augen, blond und kräftig, mit Zopf und Flaum, sondern man glaubt den Körper dieses Mädchens regelrecht unter den Händen zu spüren, verführerisch wie ein Kuchenleib zur Weihnachtszeit. Und als spannungssteigernde Zugabe klingt außerdem noch an, dass diese Geschichte von mehr handeln wird, als von einer erotischen Begegnung: „Marianna zu küssen war das eine.“ Neben diesem einen muss man sich ganz offenbar noch auf etwas anderes gefasst machen. Und diese Erwartung trügt nicht.

Ein solcher Auftakt ist wirklich sehr schön, ist gekonnt, ist handwerklich perfekt. Franziska Gerstenberg, gerade mal fünfundzwanzig Jahre alt, legt ihr erstes Buch vor „Wie viel Vögel“, einen Band mit fünfzehn Erzählungen, doch keine der Geschichten wirkt wie die einer Anfängerin. Die Autorin weiß genau, was sie tut, sie ist nicht naiv, sie setzt ihre Mittel sehr bewusst und zielsicher ein. Ihre Geschichten sind immer klar und gut gebaut, schlank und durchdacht, und manchmal sind sie noch mehr als das, manchmal entfalten sie, wie jene drei Anfangssätze einen eigenen Zauber. Dann zieht man beim Lesen im Geiste den Hut vor Franziska Gerstenberg und beglückwünscht sie zu ihrem prächtigen Talent.

Sie erzählt fast ausschließlich von jungen, unsicheren, noch unfertigen Menschen. Von einem Paar beispielsweise, das drauf und dran ist, getrennte Wege zu gehen, sich zuvor aber noch eine Frist von fünf Tagen in Amsterdam gibt. Oder von zwei Freundinnen, die halb ängstlich, halb mitleidlos beobachten, wie die Ehen ihrer Eltern zu zerbröckeln beginnen, und die eine Wette abschließen, welche zuerst geschieden werden wird. Oder von einer zurückgezogen lebenden Frau, die gelegentlich mit den Handwerkern schläft, die in ihre Wohnung Rohre und Waschmaschinen reparieren, die aber mit ihrer Verführungskunst ausgerechnet an jenem Handwerker scheitert, der sehr symbolträchtig ihre Wohnung zur Außenwelt hin aufbricht, um eine neue Tür zum Balkon einzusetzen.

Schon allein weil sich Franziska Gerstenberg auf solche schwankenden, noch unentschiedenen Menschen konzentriert, wirkt die Welt in ihrem Buch wie durchdrungen von diffuser Unruhe und Ratlosigkeit. So etwas wird dann in Rezensionen gern als literarisches Psychogramm einer orientierungslosen Jugend hingestellt, als Porträt einer gefährdeten Generation. Doch die Erzählungen sind, was sehr sympathisch ist, viel bescheidener. Sie spüren einzelne Menschen nach, nicht der Haltung ganzer Jahrgänge, Menschen, die sich an die ersten wichtigen Weggabelungen ihres Lebens herantasten, und die einfach noch nicht wissen, welche Richtung sie dort einschlagen werden.

Eine Schwäche allerdings scheint diese kühl und klug kalkulierende Autorin bislang noch zu haben: Ihre Geschichten sind nicht sonderlich stimmungsstark. Sie entwickeln bei aller Anschaulichkeit und Lebendigkeit wenig Atmosphäre. Es macht Spaß sie zu lesen, aber es bleibt wenig von ihnen in Erinnerung, sie richten sich eher an den Verstand als an die Sinne. Doch dann stolpert man beim Lesen plötzlich wieder über einen dieser Sätze, bei dem einfach alles stimmt, einer wie die drei zu Anfang der Geschichte „Glückskekse“, und man denkt, Hut ab, was für ein Talent, was für ein Versprechen.

Franziska Gerstenberg:
„Wie viel Vögel“. Erzählungen
Schöffling & Co. Verlag, Frankfurt am Main 2004
229 Seiten, 18,90 €

Thema: Gerstenberg, Franziska | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Martin Heckmanns

Dienstag, 16. März 2004 14:46

Die Welt ändern, damit sie zu den Träumen passt
Martin Heckmanns Sprach- und Revolutionsdrama „Kränk“ in Frankfurt uraufgeführt

„Die Sprache ist“, schrieb Karl Marx, „das praktische Bewusstsein“. Muss also ein Revolutionär, wenn er unser Bewusstsein radikal erneuern möchte, gar nicht die ökonomischen Verhältnisse umstürzen, wie Marx einst dachte, sondern schlicht eine neue Sprache erfinden? Christof, der Held aus Martin Heckmanns starkem Stück „Kränk“ – das jetzt im Kleinen Haus in Frankfurt uraufgeführt wurde – ist so ein Rebell, der die ganze Welt verändern will, damit sie endlich zu seinen Träumen passt: „Ich möchte mir vorstellen können, was über mich hinausgeht. Ich möchte erwarten können, was mir fremd ist. Ich möchte ein anderer werden als jemals einer war.“

Also schwärmt Christof von einem anderen Sprachsystem, sprich: Denksystem, nennt es Kränk, sich selbst Ernk und geht mit all dem seinem Vater gewaltig auf die Nerven. Der nämlich hält, wie sich das für den typischen Bühnen-Repräsentanten der herrschenden Ordnung gehört, zunächst eisern fest am Bestehenden und schwelgt mit Vorliebe in den fadesten Phrasen: „Die Freude ist auf meiner Seite“. Seine Frau Iris hat er mit solchem verbalen Schwach- und Starrsinn bereits in den Wahn und eine Irrenanstalt getrieben (wo sie bezeichnenderweise Sprachübungen macht) und möchte sie jetzt gern durch die nächste Dame namens Doris ersetzen.

Dem hält Christof alias Ernk natürlich seine Utopie alias Kränk entgegen, tut sich mit dem Mädchen Rosa zusammen und probt mit ihr den Widerstand gegen die alte, verkommene Generation. Bis zu diesem Punkt wirkt Heckmanns Stück wie eine in expressionistische Wortfetzen gehüllte Variation auf Büchners „Leonce und Lena“: ein junges, kluges, verspieltes Liebespaar im Kampf gegen die erstarrten Bewusstseinsverhältnisse. Doch Heckmanns ist nicht von gestern und deshalb geht er über das bekannte Muster noch einen entscheidenden Schritt hinaus.

Der Vater seines Stückes nämlich gewinnt trotz allen Starrsinns Gefallen am flotten Aufbegehren seines Sohnes, ja es schließt sich kurzerhand dessen Jugendbewegung an und spielt selbst Kränk. Wie ein neoliberaler Wirtschaftsideologe übernimmt er die ehemals revolutionär gedachte Idee der pausenlosen Innovation, „des permanenten Neu“, „des radikalen Änders“ für seine Zwecke: Du möchtest, könnte er seinen Sohn fragen, ein anderer werden als jemals einer war? Bitte sehr, verwirkliche Dich selbst, gründe Deine Ich-AG.

Heckmanns hoch konzentrierter Text wird von der Regisseurin Simone Blattner in Frankfurt ebenso schwung- wie wirkungsvoll entfaltet. Sie gibt dem Stück einen präzisen Rhythmus und macht die rapiden Wortwechsel der Figuren auf diese Weise durchsichtig und gut verständlich. Doch ihre Inszenierung ist nie lehrstückhaft oder dozierend. Sie betont vielmehr mit einigen ganz einfachen und doch hinreißenden Einfällen die komischen Aspekte des Stückes – was ihm nur gut tut. Kurz: Mit einem Minimum an Aufwand erreicht sie ein Maximum an Effekt.

Ähnliches gilt für die Schauspieler, die ihren intellektuell zugespitzten Rollen ein Menge Lust und Leben einhauchen. Babett Arens Auftritt als aus dem Tritt geratene, in die Anstalt abgeschobene Sprechmaschine ist virtuos witzig und virtuos erschütternd zugleich. Rainer Frank spielt einen Sohn, der aus tiefster innerer Not zu seiner Rebellion getrieben wird und Joachim Nimtz einen Vater, der aus tiefster innerer Zufriedenheit nie eine Chance hat, seinen Sohn zu verstehen.

Der eigentliche Star des Abends aber ist der Autor. Martin Heckmanns wurde 2001/2002 von „Theater heute“ zum Nachwuchsautor des Jahres ausgerufen und sein – ebenfalls von Simone Blattner uraufgeführtes – Stück „Schieß doch, Kaufhaus!“ von vielen Kritikern über den grünen Klee gelobt. In „Kränk“ kreuzt er jetzt das Revolutionstheater von Heiner Müllers mit dem Sprachexperimentaltheater von Ernst Jandls. Und voilà: Was unter seinen Händen aus dieser gewagten Mischung entsteht, ist kein bizarrer Bastard, sondern ein kraftvoller, wohlgestalteter Sprössling, der zu den schönsten Hoffnungen Anlass gibt.

Thema: Heckmanns, Martin | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock