Beiträge vom März, 2003

Anna Gavalda

Samstag, 29. März 2003 12:06

Das Leben, und wie man es verpasst
Anna Gavalda weiß, wie man durch Liebe rundum unglücklich wird

Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu: Chloé ist von ihrem Mann verlassen worden. Er hat Schluss gemacht, seine Koffer gepackt und ist mit einer anderen Frau in Urlaub gefahren. Nun sitzt Chloé zu Hause, allein mit ihren beiden kleinen Töchtern, und ihr bricht das Herz entzwei. Schließlich kann Pierre, ihr Schwiegervater, das Elend der jungen Frau nicht mehr mit ansehen, packt sie und die Kinder kurzerhand in den Wagen und fährt mit ihnen für ein paar Tage in das Wochenendhaus der Familie irgendwo in der französischen Provinz.

Dort erweist sich Pierre, ein verschlossener, schroffer Firmenchef, als überraschend fürsorglich und gesprächig. Für eine schlechtere Schriftstellerin als die 32-jährige Französin Anna Gavalda wäre die Versuchung groß gewesen, aus dieser Exposition ein neues Produkt der hier zu Lande so beliebten frechen Frauenkolportage zurechtzuzimmern: Nachdem der Sohn mit einer Nebenbuhlerin durchgebrannt ist, blüht zwischen dem Oberhaupt der Familie und seiner schutzlosen Schwiegertochter eine triumphale Liebe auf, die den Patriarchen mit einem Mal in einen zartsinnigen Liebhaber verwandelt. Und wenn er nicht gestorben sind, so lebt der Kitsch noch heute.

Anna Gavalda dagegen verzichtet darauf, den Charakteren ihrer Figuren um eines Happy Ends willen literarisch Gewalt anzutun. Bei ihr kann sich ein ergrauter Familiendiktator nicht mehr im Handumdrehen in einen Romantiker verwanden, er kann lediglich davon berichten, wie er zu dem abweisenden Griesgram wurde, der er ist.

So verschränken sich in Anna Gavaldas fast ausschließlich in Dialogen gehaltenem Roman “Ich habe sie geliebt” zwei unglückliche Liebes- und Lebensgeschichten: Aus Chloé bricht der Zorn heraus über ihren untreuen Mann - und sie macht kein Geheimnis daraus, dass sie den hartherzigen Schwiegervater für seinen hartherzigen Sohn verantwortlich macht. Pierre wiederum berichtet von dem Schicksal, treulich bei der Ehefrau geblieben zu sein, obwohl er sie nicht mehr liebte - und von der Hartherzigkeit, die er sich antrainieren musste, um diese Entscheidung durchzuhalten.

Pierre war nämlich, gesteht er der verblüfften Chloé, als noch einigermaßen junger Mann in eine abenteuerlustige Übersetzerin verliebt. Die beiden hatten jahrelang ein ebenso inniges wie heftiges Verhältnis, doch Pierre hielt eisern an seiner Familie fest, bis seiner Freundin (vermutlich gerade von ihm schwanger) der Kragen platzte und sie jeden Kontakt mit ihm abbrach. Jahre später trifft er sie zufällig mit einem kleinen Sohn irgendwo in Paris und trauert nun doppelt: um ein verpasstes Leben mit einer geliebten Frau und um ein gelebtes Leben mit einer ungeliebten.

Natürlich, nichts von alledem ist sonderlich originell, Geschichten wie diese gibt es zu Dutzenden. Auch sind die langen Dialoge dieses Buches eher solide als brillant. Doch die unvermittelte Direktheit, mit der Anna Gavalda die beiden Erfahrungen nebeneinander stellt, auf der einen Seite das Unglück der verlassenen Frau, auf der anderen das Unglück des Mannes, der blieb, macht ihren Roman trotz allem zu einer eindrucksvollen Lektüre.

Es ist nicht zuletzt ihre schnörkellose Entschiedenheit, die für diese junge Schriftstellerin einnimmt. Mit ihrem ersten, im vergangenen Jahr erschienenen Erzählungsband “Ich wünsche mir, dass irgendwo jemand auf mich wartet” hatte sie in Frankreich und inzwischen auch bei uns erstaunliche Erfolge gefeiert. Ihr erster Roman “Ich habe sie geliebt” stand in Paris lange auf den Bestsellerlisten.

Anna Gavalda hat, was der oft akademisch und selbstverliebt wirkenden französischen Literatur nicht selten fehlt: Schwung, Temperament, Fabulierlust. Wie weit sie dieser Schwung noch tragen wird, ist naturgemäß nicht abzusehen. Im Moment sieht es so aus, als hätte Frankreich in Anna Gavalda neben dem finsteren, immer ein wenig schmuddeligen Literatur-Mode-Star Michel Houellebecq ein ernstes und doch helles, lebenszugewandtes Starlet bekommen.

Anna Gavalda:
“Ich habe sie geliebt.”
Aus dem Französischen von Ina Kronenberger
Hanser Verlag, München 2003
164 S., 16,90 Euro

Thema: Gavalda, Anna | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Wilhelm Genazino

Samstag, 15. März 2003 8:01

Fliehen in die Kunst
Wilhelm Genazinos neues Buch ist ganz anders als seine früheren – und ein wahres Juwel

Weigand ist 17 Jahre alt, gerade von der Schule geflogen und auf dem besten Weg eine prächtige Neurose zu entwickeln. Immer deutlicher tritt ihm eine erschreckende Erkenntnis vor Augen: Er ist anders als die anderen Menschen, er ist allein. Seine Mutter zum Beispiel sorgt sich vor allem um seine berufliche Zukunft und will ihm eine Lehrstelle verschaffen, damit er Arbeit habe wie anderen Menschen auch. Weigand dagegen fürchtet sich weniger vor einem Leben ohne Arbeit als vielmehr vor dem Leben selbst. Wenn er etwa sieht, wie ein Lehrherr während eines Vorstellungsgesprächs aus einer Kakaoflasche trinkt, ekelt es ihn vor dieser banalen Geste und den braunen Schlieren an der Innenseite der Flasche derart, das er wie unter Zwang kein Wort mehr herausbekommt.
Prompt wirkt er natürlich wie ein Tölpel, wie ein dumpfer Klotz, den niemand um sich haben möchte, schon gar nicht als Lehrling. Doch Weigand macht noch eine andere Entdeckung: Er kann die verabscheute Banalität der Welt besser ertragen, wenn er über sie schreibt, wenn er die Welt der Worte wie ein Filter, wie ein Puffer zwischen sich und die Zumutungen des Daseins schiebt. Dann lässt das Gefühl von Zwang nach. Er lebt dann nicht mehr in einer Realität allein, sondern kann vor der einen bequem in die andere ausweichen. Und plötzlich ist er kein dumpfer Klotz mehr, sondern führt eine geheimnisvolle Doppelexistenz, von der niemand etwas ahnt.
Das alles ist literarisch nicht gerade Neuland. Romane über Jugendliche, die sich als Außenseiter empfinden und von der Schule fliegen, über angehende Neurotiker oder angehende Schriftsteller, die sich aus der Rohheit des Alltags in die Pracht der Sprache flüchten, gibt es zu Hunderten. Dennoch ist Wilhelm Genazinos Buch „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“ ein wahres Juwel, und wohl das Beste, was Genazino je geschrieben hat: Ein gelungene Mischung aus ironisch funkelndem Künstlerroman, aus zarter, untergangsgeweihter Liebesgeschichte und aus einer suggestiven Vergegenwärtigung der frühen sechziger Jahre.
Genazinos Werk war in der Vergangenheit nicht eben abwechslungsreich. Er hatte sich von seiner „Abschaffel“-Trilogie (1977-79) bis hin zu seinem jüngsten Roman „Ein Regenschirm für diesen Tag“ (2001) zu einem Spezialist für tagträumende Einzelgänger mit einer Vorliebe für Stadtwanderungen entwickelt. Doch anders als etwa die Flaneure Walter Benjamins oder Zygmunt Baumans, die genießerisch schwelgen in der metropolitanen Flut flüchtiger Begegnungen und Impressionen, litten die Figuren Genazinos unter dem „Grauen der Normalität“. Ihr Blick fiel regelmäßig auf die schäbigsten, die freudlosesten Details urbaner Gegenwart und färbte ihre Tage oft monochrom mausgrau ein. Da Genazino zudem darauf bestand, die Spannungskurven seiner Geschichten stets dicht an den Null-Linie zu halten, war die Lektüre seiner Bücher keineswegs ein Vergnügen für jedermann.
Bei all dem war Genazino natürlich ein viel zu intelligenter Autor, um zu glauben, die Welt sei tatsächlich so trist, wie er sie schildert. Vielmehr ließ er mal mehr, mal weniger deutlich spüren, dass es seine Helden sind, die sich in eine miesepetrige Lebenshaltung hineinsteigern. Die Geist- und Geschmacklosigkeiten unserer Epoche animieren sie nicht zu kopfschüttelnder Heiterkeit, sondern zu grimmiger Verzweiflung. Sie entwickeln eine quälende Mixtur aus Überlegenheits- und Minderwertigkeitsgefühlen, aus Verachtung und Selbstverachtung: Man kann große Teile von Genazinos Werk als die endlos kreisende Beschreibung der immer gleichen Neurose betrachten, die schon seinen ersten Helden Abschaffel in eine psychosomatische Klinik brachte.
Genazinos neues, ungleich frischeres und beschwingteres Buch „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“ schildert nicht mehr, aber auch nicht weniger als einen ersten, frühen Sieg über diese Neurose. Der junge Held Weigand wächst, wie so viele Helden Genazinos, bei einem verschlossenen Vater und einer offenbar depressionsgeplagten Mutter auf. Seine Fluchtversuche vor dieser niederdrückenden Kindheit führt ihn auf direktem Weg in die Literatur: Seine ersten Geschichten schreibt er zwar noch gänzlich naiv, sie lassen ihn aber doch schon etwas spüren von der wohltuenden, rettenden Distanz, die sich ein Autor durch die Beschreibung des Lebens vom Leben erkämpfen kann.
Genazino erfindet in seinem Buch für diese psychische Selbstrettung eine ganz zwanglose, plausible Konstellation. Weigands Mutter hat für ihren Sohn schließlich doch noch eine Lehrstelle auftreiben können, die nun allerdings ihren sensiblen Sprössling mit allen Demütigungen und Absurditäten des Arbeitslebens konfrontiert. Zugleich aber kann sich Weigand als freier Mitarbeiter bei der Tageszeitung seiner Stadt durchsetzen. Damit hat er die Chance, sich schreibend zu einer gewissen Distanz über jenen Banalitäten des Alltages zu erheben, als deren hilfloses Opfer er sich sonst empfindet. Was seiner wunden Seele, wie Genazino behutsam und deshalb umso wirkungsvoller andeutet, köstliche Linderung verschafft.
In seiner Rolle als Feierabend-Reporter lernt Weigand schließlich auch eine Kollegin namens Linda kennen, die wie er hochfliegenden schriftstellerischen Träumen nachhängt. Mit ihr verliert er sich in schwärmerische Gespräche über Kafka und Joseph Conrad, von ihr wird er in die ebenso schmalspurige wie amüsante Boheme der Stadt einführen, und mit ihr möchte er schon bald mehr als nur seine literarischen Leidenschaften teilen. Doch Genazino entfaltet hier nicht nur gekonnt in wenigen Szenen die komplexe Liebesgeschichte zweier Menschen, die beide aus der verachteten Wirklichkeit in die Kunst zu fliehen versuchen. Er führt anhand von Lindas Schicksal auch vor, wie gefährdet Hoffnungen sind, die in die eigene künstlerische Arbeit gesetzt werden und wie katastrophal sie scheitern können.
Mit leichter Hand bettet Genazino diese Geschichte einer glückenden Selbstrettung und einer missglückenden Liebe ein in ein Porträt der späten Adenauer-Ära. Ganz wenige, aber stimmungsintensive Details genügen ihm, den einschneidenden historischen Abstand spürbar zu machen, der uns heute von jener Jahre kurz vor dem Beginn der Studentenbewegung trennt. Doch anders als Wilhelm Genazinos finstere Flaneure ergeht sich Weigand nicht demonstrativ im Leiden an seiner Zeit. Er entdeckt sie vielmehr mit einer kritischen Neugier, aber auch einer Begeisterungsfähigkeit, die wunderbar zu seiner Jugend passt.

Wilhelm Genazino:
„Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“
Carl Hanser Verlag, München 2003
160 Seiten, 15,90 €

Thema: Genazino, Wilhelm | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Maxim Biller

Samstag, 1. März 2003 12:27

Maxim Billers altmeisterlicher und doch ganz und gar zeitgenössischer Liebesroman „Esra“

Esra gehört zu den Frauen, in die man sich besser nicht verlieben sollte. Ihre Mutter ist herrschsüchtig wie Stalin, ihr Ex-Mann ein Kontroll-Freak und allgegenwärtig, ihre Karriere als Schauspielerin bereits frühzeitig verpfuscht und ihre kleine Tochter möglicherweise todkrank. Jeder einzelne dieser Schicksalsschläge kann einem Menschen die seelische Balance rauben. Alle vier zusammen haben Esra in ein Gefühlschaos ohne gleichen gestürzt. Das Zusammenleben mit ihr kann man nicht mehr als schwierig bezeichnen, es ist ein permanentes emotionales Katastrophenmanagement.

Auch wer sich in Adam verliebt, braucht eine Menge Mut. Adam hat eine Tochter, die er abgöttisch liebt, mit einer Frau, die er nie liebte, und die, seit sie schwanger wurde, einen anderen Mann liebt. Adam ist zudem Schriftsteller und ihn egozentrisch zu nennen wäre eine handfeste Untertreibung. Jenseits der eigenen Person und der eigenen Arbeit gibt es nur ein einziges Thema, für das er sich zuverlässig interessiert: Seine herablassende Abgrenzung der Umwelt gegenüber. Doch da er fast alle anderen Menschen verachtet, erwartet er nach einem tiefsitzenden Mechanismus ausgleichender psychologischer Gerechtigkeit, von diesen anderen Menschen ebenfalls verachtet und bekämpft zu werden. So hat er eine fabelhafte Paranoia herausgebildet, die ihn, wohin er auch blickt, immer nur Feinde entdecken lässt.
Adam und Esra sind also nicht eben das, was man sich unter einem Traumpaar vorstellt. Aber dennoch, oder besser: gerade deshalb sind sie exzellente Romanhelden. An diesen vom Schicksal schwer geschlagenen Figuren kann Maxim Biller deutlicher und mit leichterer Hand vorführen, was ihm mit zwei Durchschnitts-Charakteren nicht oder nur schwerlich hätte gelingen können: Wie zwei Liebende bis an den Rand ihrer Kräfte und ihrer Selbstaufgabe um einander kämpfen und sich schließlich doch verlieren. Die Intensität, mit der Biller dabei die Seelen seiner Figuren bis in deren verborgensten Winkel auskratzt und vor den Lesern offen legt, macht aus „Esra“ einen herausragenden, einen ungewöhnlich bewegenden Roman.
Es ist im Grunde ein altmeisterliches Rezept, nachdem der 43-jährige Erzähler Biller hier arbeitet. Aber das spricht nicht gegen sein Buch, sondern um so mehr für es. Denn die traditionelle Kunst der Übertreibung und der Zuspitzung, durch die er das Innenleben seiner zwei Helden gnadenlos ausleuchtet, vereint er überzeugend mit einem betont modernen, wenn man so will: globalisierten Milieu, in dem nichts so ist, wie es dem schnellen Vorurteil auf den ersten Blick scheinen will. Esra zum Beispiel lebt als Türkin in München, und doch ist sie alles andere als die typische materiell wie kulturell Not leidende Tochter einer Gastarbeiterfamilie. Ihr Vater war Amerikaner, ihre Mutter führt von Deutschland aus ein einträgliches Hotel in einen türkischen Badeort und setzt den dortigen Behörten in Umweltschutzfragen derart zu, dass man ihr für ihr wirkungsvolles öffentliches Engagement schließlich den – alternativen – Nobelpreis zuspricht.
Adam ist Jude und hegt und pflegt den Verdacht, Esras Familie könnte den Dönme angehören, einer türkischen Bevölkerungsgruppe, die im 17. Jahrhundert gezwungenermaßen vom Judentum zum Islam übertrat, aber heimlich immer noch dem jüdischen Glauben anhängt. Zudem hat Adam zwar – wie Biller – seine Kindheit in der Tschechoslowakei verbracht und ist erst – wie Biller – nach dem gewaltsamen Ende des Prager Frühlings mit seinen Eltern in die Bundesrepublik übergesiedelt. Aber seine Mutter sei, legt sich der liebeskranke Adam zurecht, trotz ihres armenischen Großvaters eine halbe Türkin, denn sie wuchs in Baku auf, dem türkischen Aserbeidschan.

Dieses fast manische Interesse für Abstammungen und Herkünfte, für Volksgruppen- und Religionszugehörigkeiten ist neben der Liebe zu Esra die zweite Besessenheit Adams. Er, der sich als Jude und Einwanderer aus Osteuropa als Außenseiter in Deutschland fühlt, bemüht sich verzweifelt darum, immer neue gemeinsame Zugehörigkeiten für sich und den Menschen zu konstruieren, den er liebt. Da er Jude ist, möchte er um jeden Preis, dass seine Esra zumindest den Dönme angehört. Da Esra in der Türkei aufwuchs, beschwört, ja erfindet er einen türkischen Zweig seiner Familie. Obwohl Adam ansonsten ein durchaus rationaler, nicht sehr religiöser Mensch ist, scheinen diese mehr oder minder an den Haaren herbeigezogenen Gemeinsamkeiten für ihn von nahezu mystischer Bedeutung zu sein: Er steigert sich sogar in das Gefühl hinein, Esra bereits gekannt zu haben, bevor er sie zum ersten Mal traf und ihr deshalb in besonderer, verwandtschaftlicher Nähe verbunden zu sein.
Bewundernswert mit welch ironischen Distanz Biller seinen Ich-Erzähler oft behandelt: Immer wieder möchte sich Adam in seinen halb tragischen, halb hysterischen Berichten über die endlosen Konflikte mit Esra zu einer Art Märtyrer der wahren Liebe stilisieren. Aber Biller lässt der Leser gekonnt spüren, dass dieser selbsternannte Märtyrer vor allem an seiner schier grenzenlosen Egozentrik scheitert und eben erst in zweiter Linie an den äußeren Hindernissen, die sich ihm in den Weg stellen. Er glaubt, sich ritterlich für Esra aufzuopfern, im Grunde aber nutzt er sie emotional oft ebenso aus, so wie es alle anderen auch tun.
Nicht zuletzt deshalb gelingt es Adam und Esra immer nur sehr vorübergehend einen Schutz-und-Trutz-Pakt gegen den Rest der Welt zu schließen. Und es liegt, so die melancholische Einsicht, die Billers Roman vermittelt, vielleicht sogar zwangsläufig an ihrer Außenseiter-Rolle, dass sie sich verfehlen. Esra ist ihr schweigendes Dulden inzwischen so sehr zur Natur geworden, dass sie Adam nicht mehr sagen kann, was sie sich wirklich von ihm wünscht: ein zweites, ein gesundes Kind. Und Adam kreist durch seine Dauerfeindschaft zu allem und jedem schon derart unrettbar ums eigene Selbst, dass er Esra gar nicht mehr wirklich wahrnimmt, ja nicht einmal Zeit und Kraft aufbringt, sich die wenigen Filme, die sie als Schauspielerin gemacht hat, ein einziges Mal anzuschauen. So ist Maxim Billers „Esra“ letztlich mehr als ein kluger, feinfühlig geschriebener, elegischer Liebesroman, es ist dazu ein Buch über die Erfahrung, wie viel schneller Heimat verschwindet als Heimatlosigkeit.

Maxim Biller:
„Esra“. Roman
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003
214 Seiten, 18,90

Thema: Biller, Maxim | Comments Off | Autor: Uwe Wittstock