Beiträge vom November, 2002

John Barth

Samstag, 23. November 2002 19:04

“Tage ohne Wetter”
John Barth zeigt, wie schwierig es ist, das Gefühlstheater der Liebe mit zurechtgezimmerten Denkgebäuden in Einklang zu bringen

Liebesromane sind immer auch Gedankenexperimente: Was geschieht, wenn die Figur A der Figur B begegnet? Wie plötzlich, wie intensiv, wie haltbar ist ihre Liebe? Wie reagiert die Umwelt auf die neue Konstellation? Welche gesellschaftlichen Regeln müssen die beiden Liebenden beachten, welche Konventionen brechen, um ein Paar zu werden oder zu bleiben? In den „Wahlverwandtschaften” hat Goethe exemplarisch vorgeführt, wie die zwischenmenschliche Liebes-Chemie mitsamt ihrer ungeheuren Bindungs- und Zerstörungskräfte in einer literarischen Versuchsanordnung ausgeleuchtet werden kann.

Der Amerikaner John Barth lässt in seinem 1958 veröffentlichten Roman „Tage ohne Wetter” zwei extrem gegensätzliche junge Männer aufeinander treffen. Der Collegelehrer Joe Morgan eifert entsprechend der philosophischen Mode der Zeit mit seiner Frau Rennie den strengen Idealen einer existentialistische Ehe nach: Sie sind in jeder Hinsicht rücksichtslos offen zu einander, scheren sich einen Dreck um die Gepflogenheiten ihrer Umwelt, akzeptieren keinerlei bürgerliche Werte und verfolgen nur jene Ziele, die sie sich selbst aus freiem Willen gesetzt haben.

Jacob Horner dagegen, auch er Dozent am selben Ostküsten-College, würde man heute als typisch postmodernen Charakter bezeichnen. Er verspürt wie Morgan keinen Glauben mehr an irgendwelche überzeitlichen Werte. In seinen Augen gibt es zahllose gleichberechtigte Wertesysteme, die in sich schlüssig und historisch begründbar sind, von denen aber letztlich keines den anderen überlegen ist. Folglich streiten unausgesetzt gleich mehrere Seelen in seiner Brust. In jeder Situation probiert er neue Haltungen aus und ist als Persönlichkeit so wenig greifbar, dass Rennie schließlich behauptet, er existiere überhaupt nicht. Tatsächlich ist Horner gelegentlich mit den inneren Konflikten zwischen seinen vielen Rollen so beschäftigt, dass er in stundenlange Lähmungen verfällt.

Morgan und Horner merken rasch, wie gegensätzlich sie sind und haben einen Heidenspaß daran, in endlosen Debatten ihre Ansichten und ihr Redetalent aneinander zu messen. Barth beschreibt das mit viel Witz und intellektueller Nonchalance. Doch die Handlung kommt erst richtig in Schwung, nachdem Rennie und Horner eine unbedachte Nacht zusammen im Bett verbracht haben. Mit einem Mal kriegen die Diskussionen zwischen den Männern deutlich mehr Ernst und Biss. Barth lässt spüren, wie schwer es ihnen fällt, die üblichen Emotionen wie Begierde oder Eifersucht, Reue oder den Wunsch nach Bindung, kurz: das ganze Gefühlstheater der Liebe mit ihren so sorglich zurechtgezimmerten Denkgebäuden in Einklang zu bringen.

Als eigentlich Leidtragende des nun nicht mehr nur philosophischen Streites zwischen Joe und Jacob erweist sich allerdings Rennie. Sie wird aus dem aufwendigen Gerede der zwei immer weniger schlau und weiß bald nicht mehr aus noch ein. Wenn die beiden beispielsweise Selbstmord als Lösung der Kontroverse erwägen und schon mal den geladenen Revolver zwischen sich auf dem Tisch bereit legen, dann ist sie es, die schließlich verzweifelt zur Tat schreiten will. Rennies Elend spitzt sich zu, als sie feststellen muss, dass sie ein Kind erwartet und sowohl Joe als auch Jacob als Vater in Frage kommen. Sie entschließt sich zu einer Abtreibung ­ und Barth führt in einem literarisch eindrucksvollen Finale vor, wie lächerlich sich die theorieverliebten rhetorischen Freiübungen der beiden Männer ausnehmen im Kontrast zu der blutigen, unwiderruflichen Wirklichkeit eines solchen Eingriffs.

John Barth war 28 Jahre alt, als er diesen Roman veröffentlichte. Er gilt heute als hoch geschätzter, aber nicht sehr populärer Autor, als ein writers writer, der mit seinen Büchern und literaturtheoretischen Essays großen Einfluss auf andere Schriftsteller gewonnen hat. Am beeindruckendsten an „Tage ohne Wetter” ist zweifellos die hellsichtige Beschreibung Jacob Horners, der wie aus den erst 20 oder 30 Jahre später entstandenen Lehrbüchern zur Psychologie und Soziologie der Postmoderne entsprungen zu sein scheint. Vorstellungen wie Subjektivität oder Individualität lehnt er rundweg ab, „denn Subjektivismus impliziert ein Ich, und wo man eine Pluralität von Ichs empfindet”, kann „jedes einzelne Ich dieselbe unwiderlegbare Gültigkeit für seine eigene spezifische Ansicht” beanspruchen. Wohin diese Auflösung des Subjektbegriffs letztlich führt, haben dann Derrida, Foucault, Baudrillard und andere in den siebziger Jahren ausformuliert.

Doch dass ein Schriftsteller seiner Zeit philosophisch voraus ist, sagt noch nichts über die Qualität seiner Romane. Man kann „Tage ohne Wetter” über weite Strecken mit einigem Vergnügen am geistigen Kräftemessen der beiden Hauptfiguren lesen. Alles in allem aber wirkt die Geschichte, vom Finale abgesehen, ziemlich abstrakt. Der Grundriss der Versuchsanordnung, nach der Barth sein Buch konstruiert hat, bleibt zu deutlich spürbar. Ein Liebesroman, der ein wenig nach Labor riecht.

John Barth:
“Tage ohne Wetter”. Roman
Aus dem Amerikanischen von Matthias Müller
Verlag Liebeskind, München 2002
254 S., 20 ,- €

Thema: Barth, John | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Dieter Forte

Samstag, 16. November 2002 18:17

Ein Gespräch mit Dieter Forte über den Bombenkrieg, die Sprache als Hilfsmittel bei der Annäherung an den Schrecken und das Gefühl gleich tot zu sein sowie Martin Walser

Er war als kleiner Junge ein Nervenbündel, ein Stotterer, reagierte nur noch auf Sirenen, Bomben und den Wunsch nach Essen: Vor sieben Jahren hat der 1935 geborene und in Düsseldorf aufgewachsene Schriftsteller Dieter Forte in seinem Roman “Der Junge mit den blutigen Schuhen” eines der wenigen literarischen Werke über die Leiden der deutschen Zivilbevölkerung während der Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg geschrieben. In seinem Buch “Schweigen oder sprechen” (S.Fischer, Frankfurt/M. 89 S., 10 E) kommt er jetzt noch einmal auf das Thema zurück. Uwe Wittstock sprach mit Forte über Literatur und Luftkrieg.

Uwe Wittstock: Bei Kriegsende waren Sie zehn Jahre alt. Sie gehörten keiner der von den Nazis verfolgten Minderheit an. Waren Sie ein Opfer des Nationalsozialismus?
Dieter Forte: Eigentlich ja. Ja. Ich habe das damals nicht so begriffen. Auch Imre Kertész, der als 15-Jähriger aus dem KZ befreit wurde, hat davon erzählt, wie wenig er begriffen hatte von der Gewalt, die ihn töten wollte. Die Qualen, die man als Zehnjähriger erlebt, nimmt man als willkürliche Folge von Schrecken wahr, die grundlos niederprasseln. Später lernt man dann, was und wer die Terrormaschine in Gang gesetzt hat, die den einen als Kind ins KZ bringt und den anderen dem Hagel der Bomben aussetzt.

Wittstock: Sie waren als Kind nicht für den Krieg verantwortlich. Dennoch haben Sie im Krieg gelitten wie die Erwachsenen.
Forte: Ja, das ist heute schwierig zu vermitteln. Natürlich haben damals viele Deutsche gewusst, dass der Krieg ein deutsches Verbrechen war. Auch wenn Rundfunk und Zeitungen zensiert wurden, hat man doch begriffen, was direkt vor den eigenen Augen geschah. Es gab KZ-Außenlager mitten in der Stadt, im Düsseldorfer Volksgarten. Die KZ-Häftlinge wurden nach den Luftangriffen eingesetzt, um uns aus den einstürzenden Kellern zu holen. Wir waren diesen Menschen natürlich dankbar. Wir spürten sofort, dass da ein Unrecht mit ihnen geschah, und dass wir als Deutsche dafür würden büßen müssen. Das war Thema in den Luftschutzkellern, wenn wir auf die Bomben warteten. Aber wir waren zugleich Opfer und erbittert über die Taktik der Bombardements.

Wittstock: Inwiefern?
Forte: Heute weiß man, das der britische Luftwaffengeneral Arthur Harris, Bomber-Harris genannt, angeordnet hatte, vor allem die Arbeiterviertel der Städte zu bombardieren. Nicht die Fabriken. Das haben wir natürlich gemerkt, meine Familie war eine Arbeiterfamilie und lebte in einem Arbeiterviertel. Wir waren wütend, wenn wir nach den Luftangriffen aus den Kellern der verwüsteten Straßen stiegen und sahen, dass die Fabriken, in denen Panzer und Geschütze gebaut wurden, unversehrt geblieben waren. Sie blieben es bis zum Schluss, und die Maschinen wurden nach dem Kriegsende demontiert und nach Russland oder Jugoslawien geschickt.

Wittstock: Warum wurden die Fabriken nicht bombardiert?
Forte: Das hätten wir damals auch gern gewusst. Die besten Viertel der Stadt, wo die meisten Nazi-Größen lebten, wurde ebenfalls nicht bombardiert. Die Angriffe sollten, heißt es heute, die Arbeiter zum Aufstand gegen die Nazis treiben. Doch das war psychologisch falsch gedacht. Wenn man Menschen in die Steinzeit zurückbombt, denken sie nicht an Aufstände, sondern nur ans pure Überleben. Steinzeit - das ist wörtlich zu verstehen: Es gab kein Wasser mehr, kein Essen, keine Heizung, wir lebten in Höhlen unter der Erde, zerlumpt, dreckig und schutzlos gegen die Angriffe, die über uns hereinbrachen.

Wittstock: Warum wurde nach dem Ende des Kriegs so wenig über die Luftangriffe geschrieben?
Forte: Das kann ich letztlich nicht beantworten. Ich kann nur vermuten, dass der Bombenkrieg gegen Deutschland zunächst zu einem Tabu-Thema wurde, denn das größere Unrecht während dieses Kriegs war die Ermordung der Juden in den KZs. Das Wissen um diese Verbrechen und das entsprechende Bewusstsein der Schuld musste man erst verbreiten, bevor man über anderes reden konnte.
DIE WELT: Es gibt nur wenige Bücher, die den Schrecken des Luftkrieges zu vergegenwärtigen versuchen: Gert Ledigs “Vergeltung”, Hans Erich Nossacks Beschreibung des Luftangriffs auf Hamburg.
Forte: Ledigs Buch ist sehr gut. Aber diese Autoren und Bücher haben damals keine große Rolle gespielt. Ledig wurde sehr früh regelrecht weggedrückt aus dem literarischen Leben.

Wittstock: Kann man die Erlebnisse während eines Bombenangriffs überhaupt beschreiben?
Forte: Im Grunde natürlich nicht. Genauso wenig wie man das Inferno eines KZ beschreiben kann. Ich habe versucht, mich schreibend dem anzunähern, was ich da als Kind in den Kellern unterm Bombenhagel erlebt habe. Die Sprache trägt und hilft da sehr, das war für mich als Schriftstellers eine große Erfahrung. Aber was immer man schreibt, es bleibt nur eine Annäherung an den wirklichen Schrecken. Das ungeheuerliche körperliche Grauen, dem man nicht nur einmal, sondern über Jahre ausgesetzt war, kann man letztlich nicht schildern. Ich war als Kind ein Nervenbündel, ein Stotterer. Ich reagierte nur noch auf Sirenen, Bomben, den Wunsch nach Essen. Man führt kein menschliches Leben mehr, man folgt archaischen Reflexen. Ich kann Ihnen zeigen, an welcher Stelle ich im Manuskript meine Erinnerung an Luftangriffe abgebrochen habe, weil ich es nicht mehr ertragen konnte, weil ich krank wurde darüber und der Notarzt kommen musste.

Wittstock: Die entsprechende Szene in ihrem Roman “Der Junge mit den blutigen Schuhen” ist apokalyptisch und erschütternd für den Leser.
Forte: Die Luftschutzräume waren damals ja keine Bunker, sondern Ziegelkeller, abgestützt mit Balken. Man sitzt mit Menschen auf engstem Raum, Menschen die schreien, die Todesangst haben, die irrationale Dinge tun, plötzlich mitten im Angriff raus wollen, aber Gott sei Dank hält ein anderer die Gasschutztür zu. Man hört die Bomben, gewaltige Explosionen, die sich rasend schnell rhythmisch nähern, die Erde bebt, die Wände zittern, Staub beginnt zu rieseln, ein weißer Schleier legt sich über alles, das Licht flackert, erlischt. Es kracht rein, ohrenbetäubend. Hat die Explosion das Nachbarhaus zerrissen? Trifft die nächste Bombe uns? Oder trifft sie das Haus neben uns? Kaum ist diese Bombenwelle vorbei, nähert sich die nächste rhythmisch, werden die Explosionen lauter, rasen auf einen zu.

Wittstock: Wie haben Sie damals reagiert?
Forte: Oft apathisch. Es ist nicht gut für ein Kind, wenn es so genau erfährt, jetzt, in den nächsten Sekunde kannst du tot sein. Oder wenn es raus kommt aus den Kellern und sieht verbrannte Menschen, zerstückelte Menschen, oder - ganz schlimm - verbrühte Menschen. Denn das Wasser, mit dem die Feuerwehr löschte, wird durch Brände solchen Ausmaßes zum Kochen gebracht. Also fanden sich in den Kellern, wo das Wasser sich sammelte, aufgebrühte Körper, Menschen, die bei lebendigem Leibe gekocht worden waren. Deshalb hat die Feuerwehr manchmal nicht einmal mehr gelöscht, sondern hat einfach alles brennen lassen. Für ein Kind war das schrecklich, denn das Kind glaubt an die Feuerwehr, und die Feuerwehrleute saßen da, schauten in die Flammen und konnten nichts tun.

Wittstock: Welches Ausmaß hatte ein solcher Angriff?
Forte: Es gab 243 Bombenangriffe allein auf Düsseldorf. Bei einem Angriff zu Pfingsten kamen 1000 Bomber. Zu Anfang fielen die Sprengbomben, um die Hausdächer zu öffnen. Dann über 200.000 Brand- und Phosphorbomben. Danach noch einmal Sprengbomben, um die Rettungsmannschaften zu treffen. Am Schluss brannte die Stadt in einer Länge von acht Kilometern und einer Breite von fünf Kilometern. Ich war damals sieben, acht, neun Jahre alt. Ich bin dann krank geworden, und es gab natürlich keine ärztliche Behandlung, keine Medikamente, wir lebten ja, nachdem alles verbrannt war, in einer Steinwüste.

Wittstock: Wie leben Menschen in einer solchen Situation weiter?
Forte: Nur mit ihren klassischen Überlebensreflexen. Ich habe meine Mutter nie so stark gesehen wie in dieser Zeit. Sie war voll konzentriert auf den einen Punkt, mich zu retten und vielleicht auch sich selbst, aber auf jeden Fall mich. Sie ging durch Feuer, durch Mauerdurchbrüche, sie schaffte es, Essen zu organisieren. Es ging nur ums Überleben, daneben war nichts mehr, was an Zivilisation erinnerte.

Wittstock: Im Chaos bietet nur die Familie Schutz?
Forte: Ja, die Familienbindungen waren ganz stark. Vor allem zwischen Müttern und Kindern. Die Väter waren ja in den Armee. Die Frauen hielten zusammen, es gab zerlumpte Frauen-Banden, die beschafften und teilten, was zum Überleben notwendig war.

Wittstock: Günter Grass erzählt in seinem Buch “Im Krebsgang” vom Tod der deutschen Flüchtlinge auf der “Gustloff”. Wie kommt es, dass die Leiden deutscher Zivilisten im Krieg jetzt zum literarischen Thema werden?
Forte: Das ist natürlich kein Zufall. Heute haben wir die letzte Gelegenheit mit Menschen, die dabei waren, über diese Themen zu reden. Das gleiche gilt für Imre Kertész - ich finde es wunderbar, dass er jetzt den Nobelpreis bekommen hat. Die Generation, die in jungen Jahren die Schrecken des Krieges erlebt hat, versucht gegen Ende ihres Lebens ihre Erinnerungen und Albträume zur Sprache zu bringen, um ihre Erfahrungen weiterzugeben.

Wittstock: Kann das gelingen?
Forte: Wenn man sich Mühe gibt, schon. Ich war vor kurzem in der Abiturklasse einer Schweizer Schule, die meinen Roman durchgearbeitet hatte. Zu Anfang hielten die Schüler das meiste, was ich beschrieben hatte, für Erfindung. Am Ende unserer Gespräche wurden sie ganz still, weil sie begriffen, dass ich das alles wirklich erlebt hatte, vor wenigen Jahrzehnten nur und nur wenige Kilometer von ihrer Heimat entfernt. Diese Jugendlichen fühlen sich in meinen Erinnerungen so verloren wie ich in den seit Jahrhunderten unveränderten Städten der Schweiz. Als im Fernsehen die Bilder von Grosny zu sehen waren, das die Russen dem Erdboden gleichgemacht haben, fühlte ich mich sofort zu Hause. So sehen für mich die wahren Städte aus: Trümmerlandschaften. Die schönen Fassaden von heute sind nur Täuschung. Sie werden nicht lange halten.

Wittstock: Schon während des Krieges war das Inferno des Luftkriegs für die nicht unmittelbar beteiligten Menschen unbegreifbar.
Forte: Meine Mutter und ich wurden aus dem zerstörten Düsseldorf aufs Land nach Süddeutschland geschickt, wo es keine Bombardierungen gab. Man glaubte uns dort einfach nicht, aus welcher Not wir geflohen war. Man hielt uns für Schmarotzer, die zu faul zum Arbeiten waren, und so behandelten man uns auch. Martin Walser beschreibt in “Der springende Brunnen” die Evakuierten als schäbige, selbstsüchtige Menschen - was ich ihm sehr übel nehme. Die Bauern kannten die Steinwüsten der Städte nicht, sie glaubten nicht, was wir erzählten, nannten die Frauen “Bombenweiber” und behandelten uns so lange schlecht, ja verweigerten den hungernden Kindern das Essen, bis die Frauen wieder in die zerstörten Städte zurückgingen, zurück unter den Bombenhagel, in dem sie zu Hause waren. Kein Wort davon hat Martin Walser beschrieben, wahrscheinlich hat er bis heute nicht begriffen, was damals geschehen ist

Thema: Forte, Dieter | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Siegfried Unseld

Montag, 4. November 2002 16:44

Die alte Ordnung ist dahin
Mit Siegfried Unseld wurde manche liebgewordene Gewissheit zu Grabe getragen

Die Beerdigung Siegfried Unselds in Frankfurt am Main war mehr als der Abschied von einem Menschen und mehr als der Abschied von einem Verleger. Diese Beerdigung machte noch einmal nachdrücklich sichtbar, wie sehr das intellektuelle Leben der Bundesrepublik im Begriff ist, sich von einem Teil seiner selbst zu verabschieden. Die Bühne für diese denkwürdige Zeremonie war prachtvoll bereitet: Über dem Frankfurter Hauptfriedhof breitete sich ein hellblauer Himmel, aus dem die wunderbar kraftvolle Novembersonne strahlte. So war alles von Licht überschüttet, als dürfe an diesem Tag, bei diesem Abschied kein Schritt, keine Geste, keine Gebärde unausgeleuchtet bleiben.

Siegfried Unseld war ein großer Mann. Wie die meisten großen Männer hat er, um sich ganz entfalten zu können, andere an den Rand gedrängt und vor den Kopf gestoßen. Er war ein Patriarch, der nach eigenem Recht den einen nahm und den anderen gab. Autoren, die in seiner Gnade standen, lebten wohl; weh all jenen, die seiner Ungnade verfielen. So waren unter denen, die in der Frankfurter Trauerhalle mit Blick auf seinen Sarg Platz nahmen, nicht nur Menschen, die ihre Zeit mit ihm in vollendeter Harmonie verbracht hatten, sondern auch solche, die in den Begegnungen mit ihm manche Blessuren davongetragen haben.

Es ist das Verdienst Adolf Muschgs, dass Unseld noch bei seiner Totenfeier die Ehre angetan wurde, in aller Freundschaft unverlogen und aufrichtig dargestellt zu werden. “Wie schwer es diesem Mann fiel, etwas loszulassen”, erinnerte Muschg, “es gelang ihm nicht, solange er noch im Vollbesitz seiner Kräfte war.” Erst als ihm seine Krankheit die Energie nahm, “ließ er anderen Raum”. Unseld war ein Mensch der Macht, der unermüdlich seinen Einfluss zu mehren suchte, und für den - wie für viele Machtmenschen - die errungenen Positionen schließlich gleichbedeutend waren mit ihrem Leben selbst. Wie hätte er sie da aufgeben können?

Aus Unselds Suhrkamp Verlag sei, sagte Muschg in seiner Totenrede, viel an geistiger Substanz “in das Fundament der Bundesrepublik eingeflossen”. Kein Zweifel, die intellektuellen Konturen Westdeutschlands in den sechziger und siebziger Jahren sind ohne diesen Verlag und also auch ohne diesen Verleger nicht denkbar. In jener Zeit begründete er den Ruf seines Hauses, Hüter eines geistigen Grals zu sein, der das eigentlich legitime Zentrum unserer Kultur ausmache. Unseld hat es verstanden, diesen Ruhm von allen Tatsachen abzulösen und bis in unsere Gegenwart zu verlängern. An fleißigen, bis zur Selbstverleugnung eifrigen Mitstreitern hat es ihm dabei nie gemangelt - denn schließlich darf sich als Ritter fühlen, wer neben König Artus einen Gral hütet.

Aber kann eine solche Tafelrunde weiterexistieren, wenn Artus tot ist? In Frankfurt versammelten sich unter strahlendem Herbsthimmel die meisten seiner Ritter ums Grab. Ein glanzvolles Bild. Doch die bange Frage nach der Zukunft brauchte unter ihnen kaum noch ausgesprochen zu werden. Denn sie stellt sich nicht erst seit Unseld krank dem Verlag fern blieb. Sie schwärt wie eine alte Wunde, seit Unseld seinen Sohn Joachim nach einem Zerwürfnis aus dem Verlag drängte und seither einen Nachfolgekandidaten nach dem anderen verschliss.

Unselds Haus hat, kein Zweifel, das literarische Leben der alten Bundesrepublik beeinflusst wie kein anderer Verlag. Aber ist Suhrkamp je angekommen in der “Berliner Republik”? Es ist von fast schon aufdringlicher Symbolik, dass Unselds Versuche, in den neuen Hauptstadt verlegerisch Fuß zu fassen, rasch scheiterten: Mit Arnulf Conradi gründete er 1994 den Berlin Verlag, musste aber seine Anteile bald verkaufen - bezeichnenderweise an den Bertelsmann Konzern, der in jeder denkbaren Hinsicht als Gegensatz des Suhrkamp Verlags betrachtet werden darf. Weder die englischsprachigen Erzähler, die auf unserem Buchmarkt traditionell die größten Erfolge erzielen, noch die deutsche Pop-Literatur, die in den letzten Jahren Leser und Kritik in Atem hielt, sind in Unselds Haus je heimisch geworden. Manche sehen darin einen Segen, gut. Aber was geschieht, wenn die Ritter seiner literarischen Tafelrunde nun die Tür zu der Kammer aufstoßen, in sie seit Jahren den Gral zu hüten glaubten, und feststellen, dass die Kammer längst leer ist?

Verleger werden in der Öffentlichkeit gern als eine Art Gärtner betrachtet, die ihre Beete pflegen, sich am Wuchs ihrer Pflanzungen freuen und schließlich die geernteten Früchte zu Kauf anbieten. Vielleicht ist es an der Zeit, diese Metaphorik entschieden zu modernisieren und Verleger mit börsenerfahrenen Fondsmanagern zu vergleichen, die langfristig auf bestimmte Autoren wie auf Aktien setzen. Den Spitzenleuten unter ihnen - und zu denen zählte Unseld - gelingen mit manch einer Anlage ganz exzellente Kurssteigerungen. Woraufhin sich unsichere Kollegen und zahllose Kleinanleger an ihre Entscheidungen anhängen, kaufen, was sie kaufen, verkaufen, was sie verkaufen. Die Macht der wenigen Erfolgsverwöhnten wächst daraufhin unaufhaltsam, und die Kurse ihrer Lieblingsaktien stoßen in schwindelnde Höhen vor.

Lange Jahre war, was bei Suhrkamp erschien, für viele Kritiker, Buchhändler und auch Leser das Richtmaß aller literarischen Dinge. Dieser Verlag schuf seine eigene Ordnung, und sie wurde oft von anderen allzu fraglos nachgebetet. Auch von diesen scheinbaren Gewissheiten heißt es Abschied zu nehmen. Nicht erst durch Unselds Tod, aber mit ihm wird unübersehbar ein liebgewordenes intellektuelles Koordinatensystem zu Grabe getragen. Auf dem Frankfurter Friedhof lag, als die Erde auf den Sarg fiel, das Licht der Sonne nur noch in den Bäumen. Es war noch nicht Dämmerung, aber der Abend kündigte sich an. Was einst Ordnung stiftete, ist dahin, die Zukunft ist offener denn je, die Dinge sind in Bewegung geraten. Was kommt, wird nicht mehr in die alten Koordinatensysteme passen.

Thema: Unseld Siegfried | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock