Beiträge vom Februar, 2002

Christa Wolf

Samstag, 23. Februar 2002 15:50

“Leibhaftig”
Christa Wolf denkt über den Zusammenhang von Gesellschaftskritik und Blinddarmentzündung nach

Was hat eine Blinddarmentzündung mit Gesellschaftskritik zu tun? Eine ganze Menge, wenn die Geschichte dieser Blinddarmentzündung von Christa Wolf erzählt wird. Denn Erkrankungen waren für Christa Wolf immer mehr als nur Erkrankungen. Es waren und sind für sie so etwas wie verschlüsselte Botschaften des Körpers an den denkfeigen Kopf. “Ihr Körper hat”, heißt es über Christa T., die vor 35 Jahren in Christa Wolfs erstem Roman an Krebs starb, “eher begriffen als ihr Kopf.” Und Jahre später schreibt sie in “Kindheitsmuster”, ihrem zweiten Roman: “Das allerletzte Zeichen dafür, dass sie im Grunde Bescheid wusste, ohne unterrichtet zu sein, kam Nelly aus ihrem eigenen Körper, der sich (…) , in seiner Weise ausdrückte” - indem er erkrankt.

Natürlich steht Christa Wolf mit solchen Vorstellungen nicht allein. Die Erkenntnis, dass ein Leiden der Seele ein Leiden des Leibes nach sich ziehen kann, ist heute zur geachteten Wissenschaft der Psychosomatik gereift. Eine Wissenschaft, die der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich, der so manche Spur im Werk Christa Wolfs hinterlassen hat, letztlich als Instrument der Gesellschaftskritik verstand. Die Psychosomatik, so lehrte er, solle alle “krankheitserregenden Lebensbedingungen der Gesellschaft zu erkennen versuchen. Ein solch neuer sozialmedizinischer Aspekt bedeutet aber, dass die Gesellschaft hier in die Lage versetzt wird, etwas über sich selbst zu erfahren, und zwar gerade das, wofür sie sonst keine Wahrnehmungsorgane besitzt.”

Steile, kühn gedachte Sätze wie diese lassen ahnen, in welches Licht eine Gesellschaftsordnung in Christa Wolfs Büchern gerät, sobald es eine ihrer Heldinnen aufs Krankenlager niederwirft. In dem Buch stellt dann ein Arzt der Figur die Diagnose, die Autorin jedoch mit dem Buch dem Staat, in dem ihre Figur lebt.

Zu Beginn von Christa Wolfs neuer knapp 200-seitiger Erzählung “Leibhaftig” wird eine Frau fortgeschrittenen Alters ins Krankenhaus eingeliefert. Sie hat, wie die Erzählerinnen in “Christa T.”, “Kindheitsmuster”, “Sommerstück” oder “Was bleibt”, auffällige Ähnlichkeiten mit Christa Wolf. Sie muss zunächst unter dramatischen Umständen wegen “Herzrasen”, Tachykardie, behandelt werden. Dann jedoch erfährt der Leser, dass diese Beschwerden nur Symptom einer lange verschleppten Blinddarmentzündung sind. Eine erste Operation ist nicht erfolgreich, ein versteckter Eiterherd verursacht hohes Fieber, weitere Operationen sind unvermeidlich. Erst Wochen später gelingt es, die lebensbedrohlichen Erreger zu identifizieren und die Patientin allmählich wiederherzustellen.

In jenen bangen Wochen, die sie - durch Fieberschübe und Therapieversuche gleichermaßen gequält - im Hospital zubringt, entscheidet sich auch das Schicksal von Urban, eines ehemaligen Freundes der Kranken. Die beiden kennen sich seit Jahrzehnten, haben sich jedoch auseinandergelebt, nachdem Urban in der DDR Karriere machte und den Machthabern des Landes widerstandslos zu Willen war. Kurz bevor die Erzählerin ins Krankenhaus eingeliefert wurde, hat sie erfahren, dass Urban verschwunden ist. Nach ihrer Gesundung wird ihr mitgeteilt, dass er sich erhängt habe und erst nach Wochen in einem entlegenen Waldstück gefunden wurde.

In welchem Maße es Christa Wolf in ihrem neuen Buch noch immer um die konkreten Zustände in der DDR geht, lässt sich nicht zuletzt daran ablesen, dass es diesen bedrückend inszenierten Selbstmord tatsächlich gab: Hans Koch, Literaturwissenschaftler und SED-Apparatschik, half sich, offenbar von Depressionen gequält, 1986 aus dem Leben. Bevor er verschwand, hinterließ er die Notiz: “Mich findet ihr nie.” Urban schreibt in “Leibhaftig” vor seinem Freitod auf einen Zettel: “Ihr findet mich nicht.”

Beide, Urban und die namenlose Kranke, engagierten sich einst, so deutet Christa Wolf an, für hehre sozialistische Ideale und erwarteten von der DDR historisch nur das Allerbeste. Die Ernüchterung über seinen Staat und vor allem auch die eigene Rolle als Staatsdiener, trieb Urban in den Tod. Die gleiche politische Ernüchterung hat die Heldin so lange verdrängt, bis ihr Körper sie mit der ebenfalls verdrängten, verschleppten Blinddarmentzündung zwang innezuhalten. “Die jahrzehntelange Inkubationszeit ist vorbei, jetzt bricht die Heilung aus, als schwere Krankheit,” macht sie sich klar, und erkennt, welche nicht nur körperlichen Torturen diese Heilung ihr zumutet. Torturen, die Urban, so vermutet sie, nicht auf sich nehmen wollte.

Susan Sontag hat einmal in einem wunderbar präzisen Essay erklärt, weshalb es ihr zum Hals heraushängt, wenn Schriftsteller “Krankheit als Metapher” für politische Probleme verwenden: Die Krankheit werde auf diese Weise literarisch dämonisiert und - was schwerer wiegt - das politische Problem oft simplifiziert. Denn anders als gesundheitliche Krisen lassen sich die Krisen der Gesellschaft meist nicht auf eine Hand voll Erreger zurückführen, die sich mit einer Hand voll Pillen therapieren lassen. Christa Wolfs Erzählung kann man diesen Vorwurf wohl alles in allem nicht machen, da sie die Krankheit ihrer Hauptfigur nicht als Metapher benutzt, sondern als konkretes, psychosomatisches Symptom.

In manchen Punkten allerdings nimmt die Krankengeschichte dennoch spürbar metaphorische Züge an: So, wenn die Kranke wieder und wieder angesichts des Unheils in ihrem Körper über das Unheil in der Welt spekuliert. Wenn die grotesken wirtschaftlichen Missstände in den letzten Jahren der DDR wie eine Krankheit zum Tode des Landes wirken. Oder wenn die Heldin von dem Wunsch der Ärzte berichtet, “bis zur Wurzel des Übels vorzudringen, zum Eiterherd, dorthin, wo der glühende Kern der Wahrheit mit dem Kern der Lüge zusammenfällt”. Ist es übertrieben, hier in “Wahrheit” und “Lüge” auch politische - allerdings recht grobschlächtige politische - Begriffe zu sehen? Auffällig auch, dass die Patientin mehrfach ihren gesundheitlichen “Zusammenbruch” begrübelt, der sich wenige Jahre von dem politischen Zusammenbruch der DDR vollzieht. Dies muss als bewusste Anspielung Christa Wolfs verstanden werden, auf jenen gesundheitlichen “Zusammenbruch”, den ihre Heldin in “Kindheitsmuster” kurz vor dem Zusammenbruch des Dritten Reiches durchlebte.

Am deutlichsten wird die Tendenz zu einer literarisch drapierten, simplifizierenden Geschichtsphilosophie, in den Fieberfantasien der Kranken: Während sie sich unter psychosomatischen Qualen von ihren lang gehätschelten sozialistischen Zukunftsträumen verabschiedet, wird sie von Erinnerungen an die Leiden der Gequälten und Gefolterten quer durch alle Jahrhunderte heimgesucht. Der Abschied von den sozialistischen Hoffnungen zieht gleichsam den Verlust jeder politischen Hoffnung nach sich: “Es muss doch einen geheimen Sinn haben, dass alle Arten von Menschenopfern mir vorgeführt werden sollen. Oder hat es den Sinn, mich endlich, nach all den Jahren, Jahrzehnten der Selbsttäuschung, von der durchdringenden Sinnlosigkeit allen Geschehens zu überzeugen?”

Gegen solche Bilder eines an Heiner Müllers theatralische Blutorgien erinnernden Geschichtspessimismus setzt Christa Wolf einige wenige Szenen privaten Glücks: Die Liebe einer “Tante Lisbeth” zu einem jüdischen “Doktor Leitner” während der Nazi-Jahre - die sie schon in “Kindheitsmuster” beschäftigte - dient als ein Symbol der Menschlichkeit in unmenschlicher Umwelt.

Zumindest in Teilen ihres neuen Buches bleibt Christa Wolf also jene erzählende Idealistin, die sie im Grunde immer gewesen ist. Das hat manchem ihrer Romane, vor allem jenen, die sie mit mythologischem Personal bevölkerte, einen mechanischen, fast schon lehrstückhaften Zug verliehen. Die Gleichnisse in diesen Büchern gingen zu gut auf, als dass die Figuren ein Leben hätten entwickeln können, das aus ihnen mehr als bloße Funktionsträger der Handlung gemacht hätte.

“Leibhaftig” ist dort besonders gelungen, wo die Autorin alles gleichnishafte oder metaphorische vermeidet und sich ganz der konkreten Situation ihrer Heldin widmet. Mit welcher Einfühlungskraft sie dann die Situation eines kranken Menschen einzufangen versteht, gehört zu den beeindruckendsten literarischen Leistungen Christa Wolfs überhaupt. Sie zeigt, wie ein Mensch mit dem Verlust der Gesundheit gleichsam in eine Parallelwelt hinüberwechselt, wie ihm die alltägliche Ordnung, die ihm zuvor so viel bedeutete, mit einem Mal völlig gleichgültig wird, wie er aus allen Zeitrhythmen fällt, wie in seinem Kopf Fantasien, Träume, unscharf wahrgenommene Realität und dumpfes Dösen zu einem Brei vermengen, in dem er sich - so absurd das klingt - geborgen fühlt wie in einem Kokon.

Christa Wolf, der es oft nicht ganz leicht fällt, Außenwelt sinnlich und anschaulich in ihrer Prosa einzufangen, hat offenbar eine besondere Gabe, psychische Innenwelten zu schildern. Sie erreicht hier über weite Strecken ihres neuen Buches eine große erzählerische Dichte, die sich bezeichnenderweise verliert, sobald die Patientin ihre Krankheit hinter sich lässt und wieder in die Welt der Gesunden eintaucht. Prompt verliert sich die zuvor suggestive Sprachkraft und geht in papiernes Pathos über. “Darf ich Sie etwas fragen, Herr Professor?”, wendet sich die Geheilte an ihren behandelnden Arzt, “Sie lieben das Leben?” Er antwortet unerschrocken: “Ja”.

Gleichwohl ist “Leibhaftig” das vermutlich persönlichste und gewiss beste Buch von Christa Wolf seit langem. Es ist ein Spiel mit Motiven, die sie seit Jahrzehnten beschäftigen, und die sie, gerade wenn sie darauf verzichtet, ihre Geschichte zu einer Art Welttheater, Weltanschauungstheater aufzubauschen, mit großer Souveränität zu handhaben versteht.

Christa Wolf:
“Leibhaftig”. Erzählung
Luchterhand Verlag, München 2002.
185 Seiten, 18,00 Euro

Thema: Wolf Christa | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Roth Philip

Samstag, 16. Februar 2002 22:36

“Der menschliche Makel”
Philip Roth erzählt von einem Schwarzen, der das Leben eines Weißen lebt

Was für ein Roman! Was für ein ungeheurer, großartiger, menschenkluger Roman! Philip Roth, diese hoch empfindsame Kämpfernatur unter den amerikanischen Erzählern, hat für vier seiner jüngsten Bücher vier der wichtigsten Literaturpreise seines Landes bekommen. Für ihn scheint es kein Halten mehr zu geben beim Aufstieg auf der nach oben offenen Skala schriftstellerischer Meisterschaft. Roth, der mit “Goodbye, Columbus” und “Portnoys Beschwerden” als junger Mann bereits zum Weltstar wurde, der sich zwischendurch immer wieder mal in Spiegellabyrinthe literarischer Selbstreflexion zurückzog, legt seit einem knappen Jahrzehnt ein Spätwerk hin, das seine Kollegen vor Neid erblassen und seine Leser vor Glück erröten lässt.

Wer ist Coleman Silk? Im Grunde versucht Roths neuer Roman “Der menschliche Makel” nichts anderes, als eine Antwort auf diese Frage zu finden. Silk ist ein gut 70-jähriger jüdischer Professor, der sein halbes Leben lang an einem Ostküsten-College Altphilologie lehrte. Als Dekan hat er für das College eine Menge Kastanien aus dem Feuer geholt, sich aber auch eine Menge Feinde gemacht. Einige dieser Feinde blasen eine harmlose Bemerkung Silks, von der sich zwei farbige Studenten diskriminiert fühlen, zum Skandal auf. Silk verteidigt sich aggressiv und bissig. Doch als seine Frau überraschend stirbt, zieht er sich verbittert von dem College zurück.

Ist Coleman Silk also ein Rassist? Oder ein Opfer engstirniger Anschuldigungen? Dieser Auftakt von Roths neuem Roman klingt noch nicht sehr originell: Ein weiteres Campusdrama, ein weiteres Trauerspiel um die absurden Folgen der political correctness, des Lieblingsfetischs öffentlicher amerikanischer Debatten. Doch dieser leicht konventionelle Beginn ist letztlich nur das formale Pendant zu dem konventionellen Eindruck, den Coleman Silk und sein Leben auf den ersten Blick machen.

Auf den zweiten Blick ist alles ganz anders. Denn Coleman Silk ist weder ein Jude noch ein Weißer. Er ist ein Schwarzer mit ungewöhnlich heller Haut. Als Sohn schwarzer Eltern wuchs er in den Zeiten der Rassentrennung unter Schwarzen auf. Doch sobald er die Demütigungen und beruflichen Nachteile, denen ein Schwarzer seines Jahrgangs ausgesetzt war, zu spüren bekommt, trifft er eine rabiate Entscheidung: Beim Eintritt in die U.S. Navy gegen Ende des Zweiten Weltkriegs verleugnet er seine Herkunft, bricht mit seiner schwarzen Familie und lebt fortan das Leben eines Weißen. Da er in seiner Jugend im Boxclub viel Zeit mit jüdischen Altersgenossen verbrachte und er sich in eine Jüdin verliebt, gibt er sich zudem als Jude aus, studiert Altphilologie - das denkbar “weißeste” Fach - und macht eine von Rassenressentiments nicht weiter beeinträchtigte Karriere.

Wer also ist Coleman Silk? Ein Mensch, der darauf besteht, nicht nach seiner Hautfarbe beurteilt zu werden, sondern nach seiner Persönlichkeit? Zu seiner Zeit hätte er schwerlich eine Chance gehabt, Professor zu werden, ja kaum Gelegenheit, das Fach zu studieren, an dem sein Herz hing. Oder ist er ein Mensch, der - als sich in den USA die großen Konflikte zwischen Schwarzen und Weißen anbahnten - schlicht den bequemeren, persönlich vorteilhafteren Weg eingeschlagen hat? Was ist das für ein Mensch, der seine Vergangenheit hinter sich lässt wie einen ausgelutschten Kaugummi, der seiner Mutter ins Gesicht sagt, dass er sie nie wieder sehen will, weil er durch sie als Schwarzer erkennbar wird? Was ist das für ein Leben, in dem Silk - einem alten amerikanischen Traum folgend - sich vollkommen neu und ganz aus eigener Kraft selbst zu erfinden versucht?

Gründlicher und ernster lässt sich die Frage, was Identität ist und wie sie konstruiert wird, wohl kaum stellen. Dennoch wirkt Roths Romanhandlung nie künstlich oder an den Haaren herbeigezogen. Schicksale wie die Silks hat es in Amerika tatsächlich gegeben, nicht zuletzt im Literaturbetrieb. 1990 starb der Kritiker Anatole Broyard - als Rezensent der “New York Times” einer der bekannten Literaturjournalisten des Landes -, der zeitlebens als Weißer auftrat, aber schwarze Eltern hatte. Selbst in seiner Autobiografie (”Verrückt nach Kafka”. Berlin Verlag, Berlin 2001, 189 Seiten 18 Euro) und selbst den eigenen Kindern gegenüber versuchte er, sein Geheimnis zu wahren.

Es gibt einen Haufen Hinweise, dass sich Roth für seinen Roman durch Anatole Broyards Leben hat anregen lassen. Der deutlichste ist, dass Coleman (im Namen schwingt “coal” mit, “Kohle”, das schwärzeste Schwarz) Silk ebenso wie Broyard seine kulturellen Prägungen im New Yorker Greenwich Village der späten vierziger, frühen fünfziger Jahre erlebt. Die Zeit der Beat-Poeten, des Jazz, der frühen, noch zaghaften Jugendrebellionen und des forcierten Individualismus bestärken Silk in der Idee, sich zum alleinigen Herren seines Geschicks zu machen und keinerlei Einschränkungen durch seine Geburt zu akzeptieren.

Doch trotz seiner perfekten Mimikry ans weiße akademische Milieu kann Silk die Spuren seiner Herkunft nicht abschütteln. Seine Aggressivität, seine Kompromisslosigkeit, seine Rothsche Kämpfernatur lässt noch immer spüren, dass er einst einer diskriminierten Minderheit angehörte, der nichts geschenkt wurde. Als Dekan verleiht ihm dies das nötige Durchsetzungsvermögen, um das College in Schwung zu bringen. Doch als man ihm, einem heimlichen Schwarzen, vorwirft, Schwarze abfällig zu behandeln, ist es gerade seine Boxermentalität, die es ihm unmöglich macht, die Vorwürfe still zu entkräften. Stattdessen steigt er in den Ring, verteidigt sich lautstark und herausfordernd und schürt so den Skandal immer mehr.

Wer also ist Coleman Silk? Was macht einen Menschen aus? Das Bild, das der Menschenkenner Philip Roth entwirft, hält sich fern von allen modischen Einseitigkeiten, die unsere Persönlichkeit allein als Ergebnis sozialer Konstruktion ausgeben oder allein als Produkt der Gene betrachten - mit deren Entschlüsselung das Buch des Lebens ohnehin enträtselt sei. Doch damit gibt sich Roth nicht zufrieden, sein Roman versucht, noch tiefer “in das Leben in all seiner schamlosen Schlüpfrigkeit” einzudringen: So, als wolle er den Skandal selbst nach seinem Ausscheiden aus dem College weiter anheizen, lässt sich der gut 70-jährige Altphilologe Silk auf eine Affäre mit einer gerade 34-jährigen Putzfrau ein, die angeblich weder lesen noch schreiben kann. Eine Konstellation, die Roth Gelegenheit gibt, seinem ganzen jugendfrischen Hass auf die Prüderie und Selbstgerechtigkeit großer Teile der amerikanischen Bevölkerung freien Lauf zu lassen. In seinen Augen hat sich seit Hawthornes Zeiten an der amerikanischen Neigung zur Bigotterie und Hexenjagd kaum etwas geändert. Nicht zufällig siedelt er die Romanhandlung im Sommer 1998 an, als Bill Clinton wegen seines gänzlich unpolitischen Fehltrittes mit Monica Lewinsky um ein Haar sein Präsidentenamt verloren hätte.

Die ganze Wahrheit über Coleman Silk kennt nämlich nicht einmal Coleman Silk. Ein Teil davon wird ihm erst von der unstandesgemäßen Putzfrau Faunia (in ihrem Namen schwingt “Fauna”, die Welt der Tiere, mit) ins Bewusstsein gerückt. Nicht zarte Liebe ist es, die diese beiden aneinander kettet. Auch nicht der Trost, den sich zwei soziale Außenseiter - der stigmatisierte Professor und die Analphabetin - gegenseitig spenden. Es ist der Sex, der sie wider jede Klugheit aneinander festhalten lässt, es ist die bloße, nackte Kraft animalischer Triebe. Und dieser Grund ist, so macht Roth unmissverständlich klar, nicht schlechter als andere Gründe, denn Sex ist ein vitaler, unersetzbarer Teil des Menschen. Der Roman “Der menschliche Makel” erweist sich damit auch als eine groß angelegte Verteidigungsrede des Körpers gegen die angeblich guten Sitten, eine Apologie der Lust gegen die Vernunft, des anarchischen Eros gegen jede soziale Ordnung.

Zur Größe und Schönheit dieses Romans gehört nicht zuletzt, dass es Roth gelingt, nicht nur den beiden Helden Coleman und Faunia, sondern auch deren Feinden gerecht zu werden. Er vermag dem Leser die Seele einer gehemmten akademischen Karrieristin ebenso plausibel aufzuschließen wie die eines paranoiden, gewalttätigen Vietnam-Veteranen. Aber er verurteilt seine Figuren nicht und raubt ihnen nicht jedes Geheimnis. Gegen Ende des Buches erfährt der Erzähler beispielsweise, dass Faunia, die Analphabetin, ein Tagebuch geschrieben hat, das er nur zu gern lesen würde, das er aber nicht in seinen Besitz bringen kann. Mit diesem Kunstgriff erreicht Roth zwei gegensätzliche Ziele zugleich: Er lässt seine Geschichte noch realistischer wirken und sät beim Leser zugleich gezielt Zweifel an ihrer Authentizität: “Ich kann nur tun”, schreibt Roth, “was jeder tut, der zu wissen glaubt. Ich stelle mir etwas vor. Ich bin gezwungen, mir etwas vorzustellen. Das ist zufällig das, womit ich meinen Lebensunterhalt verdiene. Es ist mein Beruf.”

“Der menschliche Makel” zeigt mithin nicht nur, welches unerforschliche Rätsel jeder einzelne Mensch für immer bleibt. Das Buch zeigt auch, mit welch einfachen Mitteln ein wahrer Meister seines Faches wie Philip Roth das traditionelle Erzählen samt Figurenpsychologie und spannender Handlung mit der strengen Forderung der literarischen Moderne nach perspektivischer Wahrheit vereinen kann. Was für ein Roman! Was für ein ungeheurer, großartiger, menschenkluger Roman!

Philip Roth:
“Der menschliche Makel”. Roman
Hanser Verlag, München 2002.
399 S., 24,90 Euro.

Thema: Roth Philip | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock