Beiträge vom August, 2001

Ilse Aichinger

Samstag, 25. August 2001 17:11

“Film und Verhängnis”
Gespräch mit Ilse Aichinger über ihr neues Buch, ihre Begegnung mit Mengele, ihre Leidenschaft für das Kino sowie die Möglichkeit, darin zu verschwinden

Ilse Aichinger, die Grande Dame der österreichischen Literatur veröffentlichte nach 15-jährigem Schweigen 2001 ihr Buch “Film und Verhängnis. Blitzlichter auf ein Leben”. Es handelt zu einem großen Teil vom Kino und von der Pop-Kultur - und erschien rechtzeitig zu ihrem 80.Geburtstag. Mit Ilse Aichinger sprachen Richard Reichensperger und Uwe Wittstock.

Uwe Wittstock: Sie schreiben zurzeit an einem “Journal des Verschwindens”. Was ist am Verschwinden für Sie so wichtig?
Ilse Aichinger: Verschwinden war mein erster Wunsch. Schon als ich kaum sprechen konnte. Ich habe immer wieder versucht, nicht zu atmen. Oder ich dachte, wenn ich die Augen schließe, bin ich weg. Das hat, wie man sieht, nicht funktioniert.

Wittstock: Aber andere, vor allem Schriftsteller versuchen, möglichst intensiv präsent zu sein, auch in der Öffentlichkeit.
Aichinger: Bei mir ist das anders. Meine Schwester und ich sind identische Zwillinge. Wir sind gewissermaßen Klone, Doppelexistenzen. Da wünscht man sich, gar keine Existenz zu sein, jedenfalls nicht auch noch doppelt. Wir sahen vorerst ganz gleich aus, haben noch immer die gleichen Stimmen. Immer wieder kam die Frage: Die eine oder die andere. Ich wollte dann schon lieber die andere sein, die eine keinesfalls. Und dann auch mein Vater, den wir mochten, der aber doch so eine Figur war wie der herumstreifende Vater bei Danilo Kis. Er kaufte zum Beispiel, ohne das Geld zu haben, immer Bücher, und zwar oft identische Ausgaben. Als ob identische Zwillinge noch nicht ausreichten. In jedem Buchladen, in den meine Mutter kam, wurden ihr die Schulden meines Vaters präsentiert. Meine Mutter musste sich in dieser Lage, sie war eine der frühesten Ärztinnen in Wien, scheiden lassen, um wenigstens ihr damals kleines, eigenes Gehalt für uns zu retten. Als Kind kommt man in dieser Lage schon auf die Idee, es sei besser, nicht da zu sein. Und dann, auf anderer Ebene, was die literarische Öffentlichkeit betrifft: Ich verstehe sie nicht. Ich fand Schreiben nie so wertvoll: schlechte Wörter, wie in einem späten Text, waren immer mein Ziel, das Zweitbeste, der Rand, die Peripherie, nicht schöne Sätze in schönen Journalen.

Richard Reichensperger: “Ich ist ein anderer”, meinte Rimbaud, und verschwand ziemlich schnell - zumindest aus der Welt der Literatur.
Aichinger: Aber mich haben immer nur andere “Ichs” interessiert, nicht das eigene. Die vergessenen Gestalten am Rand, die armseligen Frauen, die in die Küche meiner Großmutter zu Besuch kamen. Und: Die Brutalität der Geschichte ist auch stärker als das “Ich”, metzelt es nieder. Aleksandar Tisma hat das sehr gut benannt, als “Der Gebrauch des Menschen”. Einem solchen Gebrauch waren wir früh ausgesetzt. Einer der autobiografischen Texte im Buch wird ein frühes und prägendes Erlebnis erzählen: Eines Tages, meine Schwester und ich waren neun Jahre alt, kam ein Arzt, um uns zu besuchen. Er bat meine Mutter, mit uns sprechen zu dürfen, da er Zwillingsforschung betreibe. Er stellte dann viele Fragen, aber meine Schwester und ich hatten Angst und haben ihm nicht viel gesagt. Er ging dann bald wieder, und wir fragten unsere Mutter: Wer war dieser Herr? Und sie sagte nur: “Dr. Mengele.” Wir waren ihm sozusagen entronnen, weil die Nationalsozialisten, unter denen er eine große Karriere machte, noch nicht an der Macht waren. So wie bei ihm verläuft der Gebrauch des Menschen.

Wittstock: Sie und Ihre Mutter haben die Kriegsjahre hier in Wien überlebt.
Aichinger: Ich habe in diesen Jahren viel gelernt. Auch über die Stadt und die Menschen. In Berlin wurden die Juden nachts verhaftet und abtransportiert. In Wien wurde man am Tag geholt. Die meisten Wiener sahen ganz gern zu. Meine Schwester war mit einem der letzten Kindertransporte nach London gekommen. Diese Fügung war auch insofern glücklich, als dass meine Schwester und ich so zum ersten mal getrennt waren, sie in England, ich in Wien. So waren wir zum ersten Mal zwei verschiedene Personen. Aber das hat meinen Wunsch zu verschwinden, auch nicht zum Verschwinden gebracht.

Wittstock: Was tun Sie, um zu verschwinden?
Aichinger: Ich gehe ins Kino. Oft komme ich zu spät. So bin ich gleich nicht da. Endlich ein Privileg. Der Ehrgeiz, wenigstens kurz nicht zu existieren, hat ein Ziel gefunden. Ich halte es noch immer für ein Privileg, nicht zu existieren. Ich gehe ins Kino, der Vorhang öffnet sich, der Film beginnt, und ich bin für zwei Stunden nicht mehr da. Ich bin verschwunden. Ich bin im Film.

Wittstock: Sie wollen Ihrem Journal des Verschwindens den Titel “Film und Verhängnis. Blitzlichter auf ein Leben” geben. Was ist das Verhängnisvolle am Film?
Aichinger: Nicht am Film. Film ist für mich Glück. Film ist die Glücksmöglichkeit, die ich habe. Aber im Glück liegt immer auch das Verhängnis. Dem kann man nicht ausweichen, es ist die Verbindung mit der Biografie, in der ich auch Film erlebe. Es gibt kein Glück ohne Verhängnis: So liebte schon die jüngste Schwester meiner Mutter das Kino. Sie war Pianistin, aber immer, wenn sie nicht üben musste, ging sie ins Kino, in der Gegend Wiens, wo der Wind schon aus dem Osten herüberbläst. Sie hatte über die Musik schwedische Freunde und hätte 1939 noch nach Schweden fliehen können. Aber sie fürchtete Verkühlungen und noch mehr die schwedischen Kinos. Sie wollte Klavier spielen und ins Kino gehen, beides um jeden Preis. Der Preis war dann ihr Leben. Verhängnis kommt leicht ohne Glück aus, Glück kaum ohne Verhängnis.

Reichensperger: Schon in Ihrem Roman “Die größere Hoffnung” (1947) schreiben Sie über die Kinoleidenschaft ihrer “Tante Sonja” und auch in “Kleist Moos Fasane” werden in der Küche der Großmutter immer die Kinoprogramme besprochen. Warum spielt Film in Ihrer Literatur eine so große Rolle?
Aichinger: Weil der Film in meinem Leben eine so große Rolle spielt. Vielleicht braucht es solche tief in die Vergangenheit hinabreichende Wurzeln, damit eine Leidenschaft wirklich blühen kann. Ich bin sicher angesteckt worden durch die Kino-Verrücktheit meiner Tante.

Reichensperger: Schon in Ihrem Buch “Schlechte Wörter” wollten Sie die Literatur verlassen. Und vor einigen Jahren sagten Sie: “Ich glaube schon, dass Kino ein stärkeres Medium als Literatur ist. Ich weiß nicht, ob die Jugend in der Literatur die Leitfiguren findet, die sie braucht. Eddie Constantine zum Beispiel hatte eine solche Komik und Gelassenheit, dass man von ihm, wenn man ihn öfter gesehen hat, Gelassenheit lernen konnte.” Sie gehen hier auf die Jugend zu und empfehlen ihr Gelassenheit. Diese könne sie aber nur in anderen Medien lernen. Finden Sie Kino wirklich wichtiger als Literatur?
Aichinger: Als die meinige sicherlich. Das Kino liefert mir Geschichte und andere Identitäten, wie sonst nur Literatur in der Qualität von Faulkner oder Claude Simon. Es geht mir bis heute so: Wenn man aus dem Kino kommt, braucht man erst einmal eine Weile um zu begreifen, dass man seine Identität gewechselt hat, dass man in einem Gangsterfilm war und nicht zum FBI gehört. Die Identifikationen, die das Kino zu schaffen vermag, sind ein großes Glück - auch wenn sie eine Fiktion sind. Deshalb ist mein Verhältnis zum Film so viel emotionaler als zur Literatur: Die Identifikation im Kino sind unbedingt oder gar nicht. Sie sind rasch und absurd, können zu Glück oder Unglück führen. Täglich kann ich über einen schlechten Film in Verzweiflung geraten. Solch schlechte Filme überzeugen mich dann weder von der Existenz noch der Nichtexistenz. Während, als die Beatles in “A Hard Day’s Night” im letzten Herbst wieder in Wien auftauchten - da erinnerte ich mich an meine erste Reise nach England 1948, an den Staub dort, an das andere, befreite Licht nach dem Krieg.

Wittstock: Kaum jemand kann so genau Licht, Farben, Gerüche in einem bestimmten geschichtlichen Augenblick beschreiben wie Sie in diesen Texten. Verdanken Sie das auch dem Sehen von Bildern im Kino? Und wie erfassen diese Bilder den geschichtlichen “Augenblick der Gefahr”, wie das Walter Benjamin nennt?
Aichinger: Ich war zum Beispiel im Kino, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Und am Ende des Krieges kam ich in ein Kino, da sprach mich die Kinokassiererin an: “Wenn sie wissen wollen, was mit ihren Verwandten geschehen ist, kommen sie dann und dann zu mir an die Kasse”. Meine Großmutter und die Geschwister meiner Mutter waren 1942 verhaftet und deportiert worden, und ich hoffte, erstmals hier an der Kinokasse eine Nachricht zu bekommen. Aber die Nachricht blieb aus: Als ich zum verabredeten Zeitpunkt zu ihr an die Kasse ging, sagte sie: “Ich glaube, es ist besser, Sie erfahren es nicht”. Aber vielleicht will ich es immer noch genauer erfahren. Ich will diesen Moment, diesen Riss in der Geschichte, den Augenblick der Gefahr, wo Vergangenheit in der Gegenwart aufspringt, sichtbar machen. Immer wieder.

Thema: Aichinger, Ilse | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Marcel Reich-Ranicki

Donnerstag, 16. August 2001 13:42

Die erste Geige will nicht mehr
Im Dezember lädt Marcel Reich-Ranicki zum letzten Literarischen Quartett

Die Anekdote ist schon hundert mal erzählt worden: 1987 kam Johannes Willms, damals noch Leiter der Kulturredaktion Aspekte des ZDF, zu Marcel Reich-Ranicki und bat ihn um ein Konzept für eine regelmäßige Fernsehsendung, die der Literatur gewidmet sein sollte. Es brauchte nur Augenblicke, bis Reich-Ranicki entschlossen und - wie es seine Art ist - von seinem Entschluss auch nicht mehr abzubringen war. Seine Vorstellungen klangen einfach, ja allzu simpel: Vier Kritiker sollten vor den Kameras eine gute Stunde lang über literarische Neuerscheinungen diskutieren; einer dieser Kritiker solle er, Reich-Ranicki selbst, sein.

Die Fernsehprofis des ZDF hätten sich, berichtete Willms später, köstlich über dieses karge Konzept amüsiert. Allenfalls eine mitternächtliche Radiodebatte könne man noch mit solch dürftigen Mitteln bestreiten - und im Grunde auch die nicht mehr, wenn man mindestens zwei Dutzend Hörer an den Geräten halten wolle. Reich-Ranickis Vorschlag sei so offensichtlich und vollständig fernsehuntauglich, eine “Totgeburt”, die wieder einmal beweise, wie wenig Verständnis Literaturliebhaber für moderne audiovisuelle Medien besäßen.

Bekanntlich wurde aus dem damals wie im Vorübergehen entworfenen “Literarischen Quartett” nach ihrem Start im März 1988 eine der erfolgreichsten, wenn nicht sogar die erfolgreichste Kultursendereihe in der deutschen Fernsehgeschichte. Jene Fernsehprofis, die so genau zu wissen glaubten, was die Zuschauer wollen und was nicht, hatten ihre Rechnung ohne Reich-Ranicki gemacht. Denn der verstand und versteht nicht nur etwas von Literatur und davon, wie man klar und lebendig über sie debattiert, sondern auch vom Entertainment und der Lust des Publikums an Temperamentsausbrüchen.

Natürlich hat man Reich-Ranicki gerade deshalb für seine Sendung in den über 13 Jahren, in denen sie ausgestrahlt wurde, überaus heftig angegriffen. Denn hier zu Lande ist es zumal im Kulturbetrieb üblich, große Erfolge eher zu attackieren als zu analysieren. Was dieses Quartett betreibe, habe, behaupteten dessen Gegner, nichts mehr mit seriöser Literaturkritik zu tun - und zu ihrer Überraschung gab ihnen Reich-Ranicki recht: Der Platz der ernsten Kritik sei und bleibe die Rezension oder der Essay. Was er mit dem Literarischen Quartett auf dem Bildschirm wiederbeleben wolle, sei der literarische Salon, also das unbefangene Gespräch über Bücher und Schriftsteller, das mehr zur geistreichen Pointe neige als zur strengen Beweisführung, eher die effektvolle rhetorische Volte bevorzuge als die langatmige Interpretation.

Vielleicht war das Quartett mit diesem Versuch sogar so etwas wie ein avantgardistisches Unternehmen. In einer Zeit wie der unseren, in der allgemeingültige ästhetische Kriterien immer schwerer zu formulieren sind und viele Kritiker, wenn sie ehrlich sind, zugeben müssen, dass sie sich ihrer Maßstäbe immer unsicherer werden, bot das Quartett dem Publikum zu jedem Buch immer gleich vier sich oft wiedersprechende Meinungen auf einmal an, aus denen jeder Zuschauer die ihn überzeugende auswählen konnte. In der klassischen Rezension dagegen wird dem Leser üblicherweise nur eine Ansicht dargelegt, die dann oft genug unterschwellig den Anspruch allein selig machender Weisheit erhebt.

Trotz allem bleibt verblüffend, wie es dem Quartett 77 Sendungen lang gelingen konnte mit oft spröden literarischen Gesprächsthemen immer wieder eine halbe bis 1,5 Millionen Zuschauer vor den Bildschirm zu bannen. Mehr als alles andere dürfte dazu der Sinn Reich-Ranickis für die Show beigetragen haben, seine Lust an der vereinfachenden, aber witzigen Formulierung, seine ständige freudige Eruptionsbereitschaft, aber auch seine Neigung, die Spannungen unter den Mitgliedern zu schüren, um die Sendung für das Publikum zu emotionalisieren. Eine Strategie, der Sigrid Löffler schließlich zum Opfer fiel.

Für den Buchmarkt haben die jährlichen sechs Termine des Quartetts eine ganz unvergleichliche Rolle gespielt. Schon vor den Sendungen türmten sich in vielen Buchhandlungen die Stapel der Romane, die zur Besprechung ausgewählt worden waren. Erfahrene Verleger versicherten glaubhaft, dass ein enthusiastisches Lob Reich-Ranickis allein die Auflage um 25 000 Exemplare anhob, das einhellige Lob aller vier Diskutanten um 40 000 bis 50 000 Exemplare. Das Quartett hat so in einem Literaturbetrieb, der oft genug in einem heillosen Stimmen- und Meinungsgewirr zu zerfasern droht, eine wichtige und für die Verlage ökonomisch mitunter entscheidende Rolle übernommen. Es wäre naiv zu glauben, Reich-Ranicki hätte die Macht, die ihm auf diese Weise zuwuchs, nicht in vollen Zügen genossen.

Ob dem Philosophischen Quartett mit Rüdiger Safranski und Peter Sloterdijk, das ab Anfang 2002 am späten Sonntagabend an die Stelle des Literarischen Quartetts treten soll, ein vergleichbarer Einfluss gewinnen wird, steht dahin. Der Einfluss auf den Buchmarkt wird, das liegt beim höchst anspruchsvollen Thema Philosophie nahe, vermutlich geringer sein. Doch in unserer Gegenwart, in der immer mehr und mehr Menschen vergeblich um intellektuelle Orientierung ringen und sich in politischen, moralischen oder religiösen Fragen wie verloren vorkommen, könnte auch diese neue Sendereihe zu einer Institution werden. Gebraucht würde sie allemal.

Thema: Reich-Ranicki Marcel | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Juli Zeh

Samstag, 4. August 2001 15:57

“Adler und Engel”
Juli Zeh hat den coolsten Roman der Saison über den heißesten Sommer Europas geschrieben

Um mit einem Superlativ zu beginnen: Es gibt wohl keinen anderen Roman der deutschen Literaturgeschichte, in dem die Hauptfigur so viel Kokain in so kurzer Zeit durch die Nase jagt wie in diesem. Der Großkokser heißt Max, wird von seinem amerikanischen Chef Mäx genannt und ist Jurist, spezialisiert auf Völkerrecht. Als Osteuropaexperte arbeitet er in Wien an den politischen Verträgen mit, die nach dem Willen der UNO die Völker des zerfallenden Jugoslawiens zu einem friedlichen Umgang miteinander zwingen sollen. Eine verantwortungsvolle Aufgabe, der Max trotz des vielen Nasenpuders verantwortungsvoll nachkommt.

Aber dann sucht ihn ein Gespenst aus seiner Vergangenheit heim: eine schmächtige junge Frau namens Jessie, mit der er seinerzeit zur Schule ging. Sie war seither höchst erfolgreich im Kokainschmuggelbusiness tätig, weshalb bei Max nach ihrem Auftauchen kein Mangel mehr herrscht an Geld und Drogen. Dafür bringt Jessie einen Haufen anderer Probleme mit: Offenbar hat sie, als sie den Schmuggeldienst quittierte, ein paar ihrer fabelhaften Geschäftspartnern schmerzhaft auf die Füße getreten und ist nun mitunter recht beunruhigt, wenn dunkle Gestalten die Straße entlang auf ihr Haus zulaufen. Während Max sich noch fragt, ob nicht zumindest einige dieser Befürchtungen hysterischer Natur sein könnten, ruft ihn Jessie im Büro an und erschießt sich während des Gesprächs vor seinen Ohren.

Wer will, kann “Adler und Engel” als Kriminalroman lesen. Den größten Teil der Geschichte nehmen die freiwilligen und manchmal auch unfreiwilligen Versuche von Max ein, Licht in die illegale Vergangenheit der Toten zu bringen. Tatsächlich wirkt Max, der nach Jessies Selbstmord ziemlich gründlich von der Rolle ist und nur noch von Koks und schlechter Laune zu leben scheint, wie eine jugendliche deutsche Antwort auf der psychopathischen Schnüffler aus den Romanen Joseph Wambaughs. Und tatsächlich stößt Max am Ende des Buches auch auf einen überraschenden Zusammenhang zwischen seiner juristischen und Jessies krimineller Karriere.

Doch etwas genauer betrachtet hat “Ader und Engel” keinen ausgefeilten detektivischen Plot, in dem ein Handlungszahnrädchen bis hin zur finalen Aufklärung präzise in das andere greift. Vielmehr lebt der Roman der 27-jährigen Juli Zeh - Autorin und Juristin, spezialisiert auf Völkerrecht - von einer ungeheuer intensiven, dichten Stimmung.

Um mit einem zweiten Superlativ fortzufahren: “Adler und Engel” dürfte der mit Abstand coolste Roman der Saison sein. Wobei “cool” eben nicht einen Mangel an Gefühl bezeichnet, sondern die kühle Oberfläche, die sich einstellt, wenn verletzte Gefühle ängstlich vor anderen verborgen werden. Juli Zeh hat ein enormes Talent für die Darstellung unterdrückter Emotionen, für Bilder aus einer zutiefst heillosen Welt, in der die Menschen mit eisigem Grimm den seltsamsten Bedrohungen und Aggressionen trotzen müssen.

Da ist zum Beispiel Clara, die Radiomoderatorin, die Max während der Wochen nach Jessies Tod begleitet. Aber nicht um ihm tröstend das Händchen zu halten, sondern um für eine wissenschaftliche Arbeit Details über die Kokainbranche und seine Drogenlaufbahn aus ihm herauszufragen. Max ist unwillig und störrisch, behandelt Clara schlecht, schlägt sie, quält sie und päppelt sie dann mit einer Messerspitze Koks wieder auf. Doch eine wirkliche Annäherung zwischen den beiden, gar ein Happy End ist nie in Sicht. Gefühle sind für die zwei viel zu wertvoll, gefährdet und schützenswert, als dass man sie in andere Menschen investieren sollte. Sie wahren lieber Abstand, egal wie nahe sie sich kommen.

Um mit einem Superlativ zu schließen: In “Adler und Engel” liegt über Europa ein Sommer, der heißer ist als jeder Sommer, der diesen Kontinent je heimgesucht hat. Alles glüht, alles kocht, das Licht lodert, die Menschen schwitzen und verdorren, und jeder körperliche Kontakt wird schon aus Gründen der Temperatur zu einer Marter. Also bleiben alle Leute erst recht auf Distanz und sehnen sich nach immer größerer Kälte. Wie Juli Zeh es versteht, allein schon durch diesen klimatischen Kunstgriff ihre Geschichte atmosphärisch aufzulanden, ist bestechend. Sie ist eine literarische Stimmungsmacherin von Graden.

Juli Zeh:
“Adler und Engel”. Roman
Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2001
445 S., 46,00 Mark.

Thema: Zeh Juli | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock