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Thomas Brasch, Christa Wolf

Samstag, 26. September 2009 8:45

Vom Glück, nein zu sagen
Mehr als ein Wahltag: Der 27. September hat es Christa Wolf und Thomas Brasch angetan. Ein Tag wie jeder andere, an dem sich ihre literarischen Überzeugungen jedoch fundamental scheiden

Ohne Bundestagswahl wäre der 27. September ein Datum wie jedes andere auch. Mausgrauer Alltag, geläufiger Durchschnitt. Aber, was macht Alltag aus? Was ist das: ein Durchschnittstag? Ein x-beliebiger 27. September? So wie ein Menschen, der weder durch besondere Talente noch durch Schicksalsschläge oder Glücksfälle hervorsticht, ein Jedermann genannt werden kann, so gibt es doch auch Jedertage. Tage ohne Wahlen, ohne historische Ereignisse, ohne Sensationen und Katastrophen. Tage, an denen man nicht die große Liebe trifft, nicht befördert wird, vom Arzt keine bittere Diagnose gestellt bekommt, Jedertage, an die später keine Erinnerung bleibt, die sich aber im Kalender häufen, die zu einer blassen Masse Zeit anwachsen, aus der nüchtern betrachtet der größte Teil des Lebens besteht.

Die Literatur ist ein miserables Instrument, um Jedertage zu erforschen. Die Literatur liebt es, das Leben zu dramatisieren. Sie strafft und konzentriert die Ereignisse, sie inszeniert sie, sie spitzt sie zu, sie verdichtet sie im doppelten Sinne des Wortes. In der Literatur ist das Leben überlebensgroß. Noch aus der Ereignislosigkeit möchte sie ein Ereignis machen – doch zum Wesen des Jedertags gehört, kein Ereignis zu sein. Das ist die Stärke der Literatur und ihre Schwäche: Die blasse, formlose Masse Zeit, die einen wesentlichen Teil des Lebens ausmacht, kommt in der Literatur nicht vor. Auch der Erzähler und Theaterautor Maxim Gorki (1868 bis 1936) wusste das. Er hatte sich längst ins Korsett eines Klassikers der Sowjet-Literatur zwängen lassen und lebte in einer von Stalins Agenten streng überwachten Ville bei Moskau, als er wenige Monate vor seinem Tod die Schriftsteller in aller Welt aufforderte, jeder für sich und doch gemeinsam einen durchschnittlichen, nicht weiter auffälligen Tag des Jahres zu schildern. Zusammen müssten diese Beschreibungen so etwas ergeben wie das Porträt eines Jedertags auf dem Planeten Erde. Näher wäre die Literatur dem Leben, wie es gewöhnlich ist, nie gekommen.

1960 erinnerte sich die Moskauer Zeitung „Iswestija“ an den Vorschlag Gorkis und richtete einen Aufruf an die Schriftsteller weltweit, einen Tag des Jahres aufzuzeichnen, ein beliebig ausgewähltes Datum: den 27. September. Christa Wolf war damals 31 Jahre alt und hatte, neben ihrer „Moskauer Novelle“ – ein Anfängerbüchlein voller Anfängerfehler – noch kaum etwas veröffentlicht. Die Aufgabe reizte sie. „Wie kommt Leben zustande? Die Frage hat mich früh beschäftigt“, schrieb sie später. Wenn es gelänge, ganz subjektiv und authentisch, jenseits der üblichen literarischen Formzwänge und Inszenierungen Alltag festzuhalten – müsste man dann nicht einer Antwort auf die Frage näher kommen, was das eigene Leben ausmacht? „Ich setzte mich also hin und beschrieb meinen 27. September 1960.“ Doch dabei ließ sie es nicht. Sie blieb dieser Übung auch in den folgenden Jahren treu und publizierte 2003 den Band „Ein Tag im Jahr“, ein eigenwilliges Tagebuch in Jahressprüngen, das die Aufzeichnungen sämtlicher ihrer 27. September von 1960 bis 2000 vereint.

Einen dieser Tagesberichte, und zwar den ersten von 1960, veröffentlichte Christa Wolf allerdings schon 1974, noch in der DDR, unter dem Titel „Dienstag, der 27. September“. Darin berichtet sie ausführlich, ja erschöpfend von den Mühen des Gewöhnlichen: vom Versorgen ihrer kleinen Töchter, von einem Besuch beim Arzt, von einem Waggonwerk, in dem sie hospitiert, von einem Gespräch mit ihrem Mann über „Kunst und Revolution“ und nicht zuletzt von der Arbeit an ihrer nächsten Erzählung, zu der sie erst am Abend kommt, ausgelaugt von einem langen Tag. Nichts davon ist sonderlich bemerkenswert, nichts wird mit den dramatisierenden Mitteln der Literatur effektvoll arrangiert.

Dennoch schildert Christa Wolf all das mit Sorgfalt, denn sie sieht darin, wie sie gegen Ende andeutet, potentielle Bausteine zu einem umfassenden Ganzen: „Vor dem Einschlafen denke ich, dass aus Tagen wie diesem das Leben besteht. Punkte, die am Ende, wenn man Glück gehabt hat, eine Linie verbindet. Dass sie auch auseinanderfallen können zu einer sinnlosen Häufung vergangener Zeit, dass nur eine fortdauernde unbeirrte Anstrengung den kleinen Zeiteinheiten, in denen wir leben, einen Sinn gibt…“

Nichts davon in Thomas Braschs dem Gedicht „Der schöne 27. September“. Brasch und Christa Wolf kannten und respektierten sich, obwohl zwischen ihnen nicht viele literarische Gemeinsamkeiten zu entdecken sind. Als Christa Wolf 1987 gebeten wurde, als alleinverantwortliche Jurorin den Kleistpreis an einen Schriftsteller ihrer Wahl zu vergeben, sprach sie ihn Thomas Brasch zu. Er gehörte zu den großen literarischen Talenten seiner Generation. Aber auch zu jenen Getriebenen, die wenig Scheu kennen, die eigene Gesundheit zugrunde zu richten – er starb 2001 im Alter von nur 56 Jahren. Hinterlassen hat er eine handvoll Theaterstücke, Filme, Erzählungen, Übersetzungen und eben Gedichte, die bezeugen, mit welcher Radikalität, mit welcher wütenden, hasardeurhaften Entschlossenheit er lebte, dachte und schrieb.

In seinem Gedicht ist von keiner „fortdauernden unbeirrten Anstrengung“ die Rede, wie bei Christa Wolf. Ebenso wenig wie von irgendeinem „Sinn“ oder einer „Linie“, die im Glücksfall die auseinanderfallenden Tage verbinde. Im Gegenteil, selbst die schlichten Verrichtungen, die gewöhnlich die Jedertage füllen, all dieses Zeitungslesen, Frauen-Nachschauen, Briefkastenöffnen, Guten-Tag-Wünschen wird hier schroff verneint. Aber auch den üblichen moralischen Forderungen nach Selbsterkenntnis, Arbeit, Veränderungswille, die so gern als Richtschnur des menschlichen Handelns ausgegeben werden, ergeht es nicht besser: „Ich habe nicht über mich nachgedacht. / Ich habe keine Zeile geschrieben. / Ich habe keinen Stein ins Rollen gebracht.“

Dieses Gedicht ist eine einzige Unterlassungserklärung. Hier meldet sich einer zu Wort, für den die Gewohnheiten, Konventionen und philosophischen Maximen, die dem Leben inneren oder auch nur äußeren Halt geben können, ihre Macht verloren. Auch den literarischen Formen, die Harmonie signalisieren könnten, misstraut er – und unterbricht deshalb in der siebten Zeile demonstrativ das Gleichmaß der mit „Ich habe…“ beginnenden Zeilen. Kurz: Das „Ich“ dieses Gedichts ist aus jeder Ordnung gefallen. Aber dennoch gibt Brasch seinem 27. September einen ebenso einfachen wie großartigen Beinamen, zu dem Christa Wolf bei ihren Alltags-Aufzeichnungen niemals zu greifen gewagt hätte: Er nennt ihn „schön“.

Denn indem das „Ich“, das hier in zehn Zeilen neunmal stolz an die Spitze gestellt wird, die gängigen Ordnungsmuster hinter sich lässt, wird es frei von gängigen Pflichten und Regeln. Es verzichtet bewusst auf die bei Christa Wolf skizzierte „fortdauernde unbeirrte Anstrengung“, das eigene Tun auf einen höheren Zusammenhang hin zu organisieren. Es entzieht sich den üblichen Normen, seien es gesellschaftlichen Übereinkünfte („Ich habe keinem einen Guten Tag gewünscht“) oder seien es die Zwänge der Biologie („Ich habe keiner Frau nachgesehn“). Dafür gewinnt es die Chance und Bereitschaft zum Selbstgenuss und zum Genuss des Augenblicks.

Ein literarischer Widerspruch, wie er sich grundsätzlicher kaum formulieren lässt: Wie auf den Spuren des Deutschen Idealismus will Christa Wolfs Tagebuchprosa selbst banale Details eines Jedertags festhalten, da auch in ihnen ein universaler Plan aufscheinen könnte, ein Plan, dem sich alles und jeder unterzuordnen hat. Dagegen polemisieren Braschs lakonische Verse der Verneinung. Der Gedanke, es gebe eine allgemeingültige, alles überwölbende Ordnung, der wir uns zu unterwerfen haben, erschien Brasch schlicht lächerlich. Er entwarf das Bild einer hoffnungslos chaotischen Welt, aus der einen keine Geschichtsphilosophie, Meta-Erzählung oder Religion retten kann und feiert in seinem Gedicht gerade deshalb die anarchische Freiheit des einzelnen.

Brasch wäre, steht also zu befürchten, morgen nicht zur Wahl gegangen. Sie hätte ihn wohl nicht sehr interessiert. Doch auch diese Weigerung wäre ihm nicht beispielhaft vorgekommen, er sah sich nicht als politisches Vorbild. Staat in jeder Form war sein Gegner, Ordnung jeder Art macht ihn argwöhnisch, Autorität jeder Ausprägung lehnte er ab. Leicht hat er es sich auf diese Weise nicht gemacht: In der DDR wurde er von zwei Hochschulen gefeuert und zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Im Westen eckte er in den Theatern an, sorgte 1981 bei der Annahme des bayerischen Filmpreises für Skandal und hinterließ ein Roman-Manuskript, das sich mit mehr als 10.000 Seiten dem Literaturbetrieb bislang als unverdaulich entzieht. Nach den handelsüblichen Kategorien wird so einem Schriftsteller gern das Etikett „Rebell“ angeheftet. Tatsächlich war Thomas Brasch wohl auf der Suche nach einer Freiheit, wie sie nur in der Literatur zu finden und für die in der Wirklichkeit kein Platz ist.
Erschienen in der “Welt” am 26. September 2009

Christa Wolf:
Ein Tag im Jahr. 1960 – 2000
Suhrkamp, Frankfurt am Main
704 Seiten, 14,00 €
ISBN 978-3-518-46007-8

Thomas Brasch:
Der schöne 27. September. Gedichte
Suhrkamp, Frankfurt am Main
83 Seiten, 10,80 €
ISBN 3-518-02264-4

Thema: Brasch, Thomas, Wolf Christa | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Thomas Brasch

Samstag, 4. November 2000 18:01

Brasch ist nicht Brasch
Ein Star, dem bei der Wende die Sprache stehen blieb und der daraufhin 14 000 Seiten schrieb

Manche Autoren schreiben gern in kleinen Kammern, in Mönchszellen. Thomas Braschs Arbeitszimmer ist riesig, das größte einer staunenswert großen Berliner Wohnung. An den Wänden lehnen und hängen kolossale Spiegel, die den Raum vertiefen und - weil die Spiegel einander spiegeln - endlosen Spiegelschächte aufreißen, in denen unvorsichtige Betrachter den Kopf verlieren können.

Manche Autoren schließen sich ein, um mit ihrer Arbeit ungestört allein zu sein. Bei Brasch stehen nicht nur die Türen offen, sondern auch die Fenster, hinter denen das nächtliche Berlin lärmt, sich Züge kreischend in den Bahnhof Friedrichstraße schieben und wunderbar romantische Lichterflecken über die Spree schaukeln.

Die meisten Autoren setzen sich mit ihrem Text an einen Tisch. So können sie sich über ihn beugen, um ihm ganz nahe zu sein. Brasch steht. Er “hat’s am Rücken”, wie er sagt, und kann besser an Pulten schreiben. Also hat er zwei hohe Tische, zwei Werkbänke, L-förmig mitten in den Raum gerückt. An ihnen steht er bei der Arbeit wie ein Kapitän auf seiner Brücke. Doch manchmal, in einem unaufmerksamen Moment, wirkt Brasch hinter den hohen Tischen, in seiner Literaturwerkhalle, zwischen den grenzenlosen Spiegelwänden, inmitten des ungeheueren, ewig rauschenden Berlin sehr klein, sehr fern von allem.

Aber Vorsicht, Brasch ist ein erfahrener Maskenspieler, ein Spezialist für Illusionen. Er kann aus so flüchtigem Material wie Worten lebendige Charaktere formen. Was bringt so einer dann erst mit handfesten Requisiten in der eigenen Wohnung zu Stande? Das Bühnenbild zu bereiten für den Auftritt eines mitten in die Welt gefallenen und doch verlorenen Dichters dürfte für ihn kein Problem sein. Also alles Theater? Sicher ist nur eins: dass sich hier einer präsentiert, der keinen Schritt unbedacht tut, der weiß, dass er Rollen spielt und dass sich jede Rolle plötzlich wandeln kann.

Brasch ist gar nicht Brasch.

Für jemanden mit seiner Gestaltungskraft wird auch die eigene Identität schnell zur Knetmasse. Kein Wunder, wenn Brasch gelegentlich selbst vor den bodenlosen Spiegelschächten der Selbstreflexion seinen Kopf verlöre.

In einer der Rollen, die er für sich selbst entwirft, ist er gar kein echter Schriftsteller. “Heiner Müller”, sagt er, “hat den amerikanischen oder skandinavischen Germanisten, die ihn in den siebziger Jahren in der DDR besuchten, immer Thomas Brasch vorgestellt als literarischen Geheimtipp. Ich musste aber meine Fähigkeiten nicht unter Beweis stellen. Ich war ja verboten, zum Glück.” So wurde Brasch zu einem Schriftsteller ohne Bücher, aber mit vorteilhaftem Image. “In der DDR gab es andere Gesetze für Schriftsteller. Man musste nur das Gerücht verbreiten, dass man Schriftsteller ist, dann war man schon für den Staat gefährlich - was einen erstens für die Frauen attraktiv machte, und zweitens musste man sein Talent nicht unter Beweis stellen, denn man wurde ja nicht veröffentlicht.”

Ganz so amüsant dürfte es für Brasch in der DDR nicht immer gewesen sein. Zwei Mal wurde er von Hochschulen exmatrikuliert, danach wegen des Verteilens von Flugblättern zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt und nach der Haft zur Bewährung als Fräser in ein Transformatorenwerk geschickt. Sein Vater, stellvertretender Kulturminister der DDR, verlor wegen der Flugblattaktion des Sohnes sein Amt.

Als Brasch 1976 in den Westen kam, hatte er ein ganzes Bündel mit Manuskripten unterm Arm. Die Behauptung, Schriftsteller zu sein, war offenbar doch mehr als Imagepflege gewesen. Sein Erzählungsband “Vor den Vätern sterben die Söhne”, die Theaterstücke “Lovely Rita” und “Rotter”, die Lyriksammlung “Der schöne 27. September” und der Film “Engel aus Eisen” beförderten Brasch umgehend vom Geheimtipp zum literarischen Nachwuchsstar, der allen Sätteln gerecht war, der in jeder Disziplin brillierte.

Aber seltsam, Erfolg ist Brasch offenbar nicht geheuer. Zugegeben, jeder zweite Schriftsteller behauptet, Starruhm nach Kräften zu meiden, und stimmt dann vollmundig das Lied vom scheuen, weltflüchtigen Poeten an, auch wenn’s nicht sehr glaubwürdig klingt. Doch Brasch erzählt - ganz untypisch für Schriftsteller - nur wenig und geradezu unwillig von der eigenen Arbeit. Viel lieber und leichtzüngiger schwärmt er von anderen Schriftstellern, von Beckett und Brecht, Joyce, Arno Schmidt und Fontane. Und für Shakespeare und Tschechow schwärmt er nicht nur, ihnen dient er seit fast 20 Jahren als Übersetzer - wozu die Stars des Literaturbetriebs im Allgemeinen nicht gern bereit sind. Ist hier also tatsächlich einer zu schüchtern für den Betrieb? Ist sein Maskenspiel, seine Selbstinszenierung als aufrecht arbeitender Dichter mitten auf dem Präsentierteller seines Arbeitssaals nur ein Ablenkungsmanöver? Nur ein Trick, mit dem er sich im Grunde besonders effektvoll verbirgt?

Auf jeden Fall ist Brasch kein kaltblütiger Professional. Als 1989 der Staat von der historischen Bildfläche verschwand, der ihn so lange gequält hatte, wollten Journalisten nur zu gern seine Meinung zur Agonie der DDR hören. Doch Brasch fand mit einem Mal keine Worte mehr: “Plötzlich blieb mir die Sprache stehen.” Zum Thema DDR ist sie bis heute nicht wieder in Gang gekommen. Was ihn nicht gleichgültig lässt - zumindest nimmt er diese Wendung des Gesprächs zum Anlass, eine erste Flasche Sekt aus dem Kühlschrank zu angeln.

Seither, seit 1989 lebt Brasch größtenteils von seinen Übersetzungsaufträgen. Sicher, es sind auch in den neunziger Jahren Theaterarbeiten von ihm aufgeführt worden, doch an seine frühen, schnellen, Aufsehen erregenden Erfolge knüpfte all das nicht an. Um Abstand zu gewinnen von jeder Aktualität, stürzte er sich in ein gigantisches Prosaunternehmen über den Mädchenmörder Karl Brunke, eine historische Figur, die 1905 zwei junge Frauen auf deren Verlangen hin erschossen hatte.

14 000 Manuskriptseiten hat er über Brunke verfasst - doch nur rund 100 davon wollte sein Verlag drucken: Der Band “Mädchenmörder Brunke”, eine Novelle, erschienen im vergangenen Jahr bei Suhrkamp. Über den Rest des Materials geht Brasch mal großzügig hinweg, dann wieder glaubt man zu spüren, dass es ihn nicht ruhen lässt. Drei der elf Bände, in die er den enormen Papierberg namens “Brunke” hat binden lassen, zeigt er vor und bringt bei dieser Gelegenheit - es ist spät und die erste Flasche leer geworden - aus der Küche einen zweiten Sekt mit.

Brasch weiß alles über Brunke, zitiert Gerichtsakten aus dem Kopf, hat alle Daten, Fakten, Indizien präsent, kennt Brunkes Formulierungen bis in Detail. Vielleicht ist die zehnjährige Anstrengung, ein solches Romanmonster über eine einzige Person zu schreiben, letztlich nur als der Versuch eines Schriftstellers zu verstehen, es endlich einmal nicht beim üblichen Rollen- oder Maskenspiel zu lassen. Als Versuch, endlich einmal einer Figur ganz auf den Grund zu gehen - und so vielleicht einen festen Punkt in unser gründlich veränderten Welt zu erobern, auf dem er stehen kann.

Ob es ihm gelungen ist, werden die Leser nicht erfahren, denn Suhrkamp will dieses Prosagebirge nicht publizieren und Brasch den Verlag nicht wechseln. Vielleicht waren die 14 000 Seiten nötig, um ihn von einer Obsession zu befreien: von der Hoffnung, die unauslotbaren Spiegelschächte der Reflexion und Selbstreflexion irgendwann hinter sich zu lassen.

Zurzeit beschäftigt sich Brasch lieber mit den Gedichten, die während der Arbeit am “Mädchenmörder Brunke” entstanden sind. Rund 500 sind zusammengekommen, viel zu viel für einen Lyrikband. Er wird eine Auswahl treffen müssen und hofft sie im kommenden Jahr in Buchform in Händen zu halten - wenn Suhrkamp diesmal mitspielt. Die Gedichte zeigen, wie präzise er arbeitet, wie wandlungsfähig, klar und anschaulich seine Sprache ist, wie er - darin Brecht verwandt - mit betont nüchternen Wendungen die Emotionen der Leser zu packen und sie mitzureißen versteht. Ein Poet, kein Zweifel.

Brasch trinkt das letzte Glas leer. Draußen lärmt noch immer das nächtliche Berlin. Fenster und Türen stehen weiter offen. Vielleicht ist er endlich über Brunke hinweg - und über die Wende. Zu wünschen wäre es ihm. Der Literatur auch. Talente wie ihn gibt es nicht oft. Man muss sie pflegen.

Thema: Brasch, Thomas | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock