Beitrags-Archiv für die Kategory 'Zeh, Juli'

Juli Zeh

Samstag, 2. Oktober 2004 14:11

„Spieltrieb“
Juli Zeh erzählt von den Verwirrungen des Zöglings Ada

Juli Zeh, inzwischen dreißig Jahre alt, zählt zu den Hoffnungen der deutschen Literatur. Für ihren ersten Roman „Adler und Engel“ hat sie 2001 viel Lob und Preis eingeheimst. Er ist, schreibt ihr Verlag, inzwischen in zwanzig Sprachen übersetzt worden und ein Welterfolg. Im Jahr darauf publizierte sie den Reisebericht „Die Stille ist ein Geräusch“ – eine unvoreingenommene und schon deshalb eminent politische Reportage über einen längeren Aufenthalt in Bosnien. Ein wenig irritierend ist, dass dieses Buch auf der Homepage der Autorin (www.juni-zeh.de) inzwischen als Roman bezeichnet wird.
Ihr neues Buch „Spieltrieb“ belegt, dass es Juli Zeh weder an literarischen Kenntnissen noch an Selbstbewusstsein mangelt. Es ist eine Hommage an Robert Musil und man wird den Eindruck nicht los, als versuche die Autorin – nähme man sie tatsächlich beim Wort – wie Musil im „Mann ohne Eigenschaften“ den geistesgeschichtlichen Standort ihres Zeitalters zu bestimmen, oder zumindest ein intellektuelles Profil der heute jungen Generation zu entwerfen. Aber natürlich achtet Juli Zeh darauf, dass man sie nicht wirklich beim Wort nehmen kann.
Der Roman „Spieltrieb“ erzählt, wie Musils Geschichte über den „Zögling Törless“, von den Verwirrungen und Nöten der Pubertät. Ada, Schülerin eines Gymnasiums in Bonn, ist fünfzehn, blond, klug bis altklug und nicht sehr schön. Alev, ein achtzehnjähriger Mitschüler, ist Halbägypter, impotent und ein ziemlicher Widerling, hat aber eine große Ausstrahlung zumal auf Mädchen. Die beiden finden Gefallen aneinander, halten sich für brillante „Urenkel der Nihilisten“, bilden sich ein, weder Werte noch Emotionen zu kennen und ihre Umwelt ganz nach Laune manipulieren zu können.
Als Gegenstand ihres Spieltriebs kommt ihnen Smutek gerade recht. Er stammt aus Polen, ist ihr Deutschlehrer, ein engagierter Pädagoge und scheinbar glücklich verheiratet. Doch Ada gelingt es, ihn auf den Gymnastikmatten der Sporthalle zu verführen, damit Alev ihn bei den streng verbotenen Leibesübungen mit der minderjährigen Schutzbefohlenen überraschen und fotografieren kann. Mit den Bildern erpressen die beiden ihren Lehrer erst um kleinere, dann um größere Geldbeträge, vor allem aber zwingen sie ihn, weiter regelmäßig mit Ada zu schlafen und Alev immer neue verräterische Bilderserien schießen zu lassen.
Die beiden sind bei all dem ganz verzückt über die eigene Kaltschnäuzigkeit und geben sie als das Resultat der geistigen Situation unserer Zeit aus: In immer neuen Anläufen beteuern sie, die Speerspitze einer neuen, coolen Generation zu sein, die mit ihrem seelenlosen Verhalten gleichsam das Fazit der gesamten Philosophiegeschichte bis heute zieht. Derart verblasenen Ideen passen natürlich gut zu Ada und Alev: Zu ihrer pubertären Verunsicherung, die sie hinter Selbstüberschätzung verstecken, und zu ihrer mit ein wenig Bildungsgerümpel notdürftig getarnten Ahnungslosigkeit.
Dennoch wird ihr Gerede durch ständige Wiederholung natürlich nicht richtiger. Offen gestanden, auf mich wirkte es bald schon recht ermüdend, zumal die Ideen der beiden sich nicht sehr von jenen Thesen unterscheiden, die in den handelsüblichen Reportagen über die „Jugend von heute“ bemüht werden. Auch das Romanmotiv „Erpressung wegen kompromittierenden Fotos“ erscheint mir inzwischen ungefähr so abgedroschen wie das der gefälschten Briefe in den Romanen und Theaterstücken des 18. Jahrhunderts.
Doch damit noch nicht genug: Juli Zeh lässt auch die übrigen Figuren den Buches nur selten über etwas anderes als die Grundfragen der Philosophie sprechen oder nachdenken. Folglich ist nicht nur regelmäßig vom Nihilismus und den Werteverfall im Bewusstsein unserer jüngsten Generation die Rede, sondern alle paar Seiten auch vom Gottesbeweis oder dem Wesen der Dinge, vom Sinn des Lebens oder dem Weltgeist, von dem Nichtvorhandensein der Seele oder der Frage nach der menschlichen Willensfreiheit.
Natürlich ist Juli Zeh zu klug, als dass sie ihren Lesern all dies ohne jede literarische Brechungen servierte. Geschickt versteht sie beispielsweise anzudeuten, dass es mit Adas Emotionslosigkeit nicht so weit her ist, wie es Ada sich selbst einredet. Es sind winzige Details, fein verstreute Hinweise, kleine, aber leuchtende Anhaltspunkte, die klar machen, welche Anstrengung es das Mädchen kostet, nicht zu fühlen, was sie fühlt. Sie ist keineswegs so ungewöhnlich wie sie glaubt, sondern schlicht ein vom Erwachsenwerden überfordertes Kind. Bei den anderen Figuren ist es ähnlich. Immer wieder mal lässt Juli Zeh spüren, dass man deren philosophische Auf- und Ausbrüche nicht für bare Münze nehmen darf. Und das ist auch gut so, denn viele ihrer Überlegungen sind offenkundig banales und billiges Zeug – keine intellektuellen Juwelen, sondern der vielfach abgefingerte Modeschmuck unserer zeitkritischen Diskurse.
Doch damit landet der Roman „Spieltrieb“ zwischen Baum und Borke: Er spielt nur mit der Vorstellung, in der Person Adas eine Art Frau ohne Eigenschaften zu erschaffen und so etwas wie das geistige Panorama unserer Zeit zu entwerfen. Zugleich gibt Juli Zeh zu verstehen, dass sie es mit diesem hochfliegenden literarischen Vorhaben gar nicht so ernst meint, und dass die langen, überhitzten Reflexionen ihrer Figuren letztlich eher als Symptome der Epoche und nicht an deren Analysen zu verstehen sind. Doch weshalb ein Leser unter diesen Voraussetzungen über hunderte von Seiten hinweg den weitgehend unoriginellen, wenig erhellenden Gedanken dieser Figuren folgen sollte, sagt sie nicht. So ist der Roman sowohl als Satire auf das kulturkritische Geschwätz der Gegenwart, wie auch als Geschichte über die Wirrnisse der Pubertät letztlich viel zu weitschweifig. Schade.

Juli Zeh:
„Spieltrieb“. Roman
Schöffling & Co. Frankfurt am Main 2004
566 Seiten, 24,90 €

Thema: Zeh, Juli | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Juli Zeh

Samstag, 4. August 2001 15:57

“Adler und Engel”
Juli Zeh hat den coolsten Roman der Saison über den heißesten Sommer Europas geschrieben

Um mit einem Superlativ zu beginnen: Es gibt wohl keinen anderen Roman der deutschen Literaturgeschichte, in dem die Hauptfigur so viel Kokain in so kurzer Zeit durch die Nase jagt wie in diesem. Der Großkokser heißt Max, wird von seinem amerikanischen Chef Mäx genannt und ist Jurist, spezialisiert auf Völkerrecht. Als Osteuropaexperte arbeitet er in Wien an den politischen Verträgen mit, die nach dem Willen der UNO die Völker des zerfallenden Jugoslawiens zu einem friedlichen Umgang miteinander zwingen sollen. Eine verantwortungsvolle Aufgabe, der Max trotz des vielen Nasenpuders verantwortungsvoll nachkommt.

Aber dann sucht ihn ein Gespenst aus seiner Vergangenheit heim: eine schmächtige junge Frau namens Jessie, mit der er seinerzeit zur Schule ging. Sie war seither höchst erfolgreich im Kokainschmuggelbusiness tätig, weshalb bei Max nach ihrem Auftauchen kein Mangel mehr herrscht an Geld und Drogen. Dafür bringt Jessie einen Haufen anderer Probleme mit: Offenbar hat sie, als sie den Schmuggeldienst quittierte, ein paar ihrer fabelhaften Geschäftspartnern schmerzhaft auf die Füße getreten und ist nun mitunter recht beunruhigt, wenn dunkle Gestalten die Straße entlang auf ihr Haus zulaufen. Während Max sich noch fragt, ob nicht zumindest einige dieser Befürchtungen hysterischer Natur sein könnten, ruft ihn Jessie im Büro an und erschießt sich während des Gesprächs vor seinen Ohren.

Wer will, kann “Adler und Engel” als Kriminalroman lesen. Den größten Teil der Geschichte nehmen die freiwilligen und manchmal auch unfreiwilligen Versuche von Max ein, Licht in die illegale Vergangenheit der Toten zu bringen. Tatsächlich wirkt Max, der nach Jessies Selbstmord ziemlich gründlich von der Rolle ist und nur noch von Koks und schlechter Laune zu leben scheint, wie eine jugendliche deutsche Antwort auf der psychopathischen Schnüffler aus den Romanen Joseph Wambaughs. Und tatsächlich stößt Max am Ende des Buches auch auf einen überraschenden Zusammenhang zwischen seiner juristischen und Jessies krimineller Karriere.

Doch etwas genauer betrachtet hat “Ader und Engel” keinen ausgefeilten detektivischen Plot, in dem ein Handlungszahnrädchen bis hin zur finalen Aufklärung präzise in das andere greift. Vielmehr lebt der Roman der 27-jährigen Juli Zeh - Autorin und Juristin, spezialisiert auf Völkerrecht - von einer ungeheuer intensiven, dichten Stimmung.

Um mit einem zweiten Superlativ fortzufahren: “Adler und Engel” dürfte der mit Abstand coolste Roman der Saison sein. Wobei “cool” eben nicht einen Mangel an Gefühl bezeichnet, sondern die kühle Oberfläche, die sich einstellt, wenn verletzte Gefühle ängstlich vor anderen verborgen werden. Juli Zeh hat ein enormes Talent für die Darstellung unterdrückter Emotionen, für Bilder aus einer zutiefst heillosen Welt, in der die Menschen mit eisigem Grimm den seltsamsten Bedrohungen und Aggressionen trotzen müssen.

Da ist zum Beispiel Clara, die Radiomoderatorin, die Max während der Wochen nach Jessies Tod begleitet. Aber nicht um ihm tröstend das Händchen zu halten, sondern um für eine wissenschaftliche Arbeit Details über die Kokainbranche und seine Drogenlaufbahn aus ihm herauszufragen. Max ist unwillig und störrisch, behandelt Clara schlecht, schlägt sie, quält sie und päppelt sie dann mit einer Messerspitze Koks wieder auf. Doch eine wirkliche Annäherung zwischen den beiden, gar ein Happy End ist nie in Sicht. Gefühle sind für die zwei viel zu wertvoll, gefährdet und schützenswert, als dass man sie in andere Menschen investieren sollte. Sie wahren lieber Abstand, egal wie nahe sie sich kommen.

Um mit einem Superlativ zu schließen: In “Adler und Engel” liegt über Europa ein Sommer, der heißer ist als jeder Sommer, der diesen Kontinent je heimgesucht hat. Alles glüht, alles kocht, das Licht lodert, die Menschen schwitzen und verdorren, und jeder körperliche Kontakt wird schon aus Gründen der Temperatur zu einer Marter. Also bleiben alle Leute erst recht auf Distanz und sehnen sich nach immer größerer Kälte. Wie Juli Zeh es versteht, allein schon durch diesen klimatischen Kunstgriff ihre Geschichte atmosphärisch aufzulanden, ist bestechend. Sie ist eine literarische Stimmungsmacherin von Graden.

Juli Zeh:
“Adler und Engel”. Roman
Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2001
445 S., 46,00 Mark.

Thema: Zeh, Juli | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock