Beitrags-Archiv für die Kategory 'Politycki, Matthias'

Matthias Politycki

Samstag, 21. März 2009 8:12

Die Welle reiten bevor sie einen begräbt
Matthias Politycki und „Die Sekunden danach“

Wer es sich leicht machen möchte mit dem Poeten Matthias Politycki, nennt ihn den Bruder Lustig unserer Lyrik. Der entsprechende Befund ist rasch erhoben: Seine beeindruckende Sprachartistik in Tateinheit mit fortgesetzter Wortspielerei, seine Vorliebe für populäre, scheinbar triviale Themen, die sonst meist als komplett literaturuntauglich abgetan werden, seine Weigerung, in die handelsübliche Dichter-Melancholie einzustimmen und schließlich sein auffälliges Talent, traditionelle Formen mit überraschenden, gar nicht traditionellen Inhalten zu verknüpfen. Hier hat es, so die schnelle Schlussfolgerung, einen gewiefter Entertainer ins lyrische Gewerbe verschlagen, wo er wirkt wie ein beschwingter Harald Schmidt in einer Beckett-Inszenierung.

Nichts davon ist falsch, jedes Wort dieser Diagnose trifft zu. Wer mal wieder Gedichte lesen und nicht erst dechiffrieren will, wer bei Heine Freude findet an Ironie in Versform, bei Brecht an bissig klugem Witz, bei Benn am rasanten Zappen durch diverse Tonfälle, der ist gut beraten, seine Laune aufzubessern mit Polityckis neuer Gedichtsammlung „Die Sekunde danach“. Es ist der Band eines Profis, effektsicher, formbewusst, intelligent, abwechslungsreich. Hier kennt einer sein Metier und seine Mittel und weiß exakt, was er will und wie er es erreichen kann. Hier hat einer nicht die geringste Lust, sich den üblichen Erwartungen des Lyrikbetriebs zu fügen, der vom Dichter so gern vage Empfindungen hören will, fein verteilt auf mysteriöse Zeilen im Flattersatz.

So weit, so gut. Aber ist das alles? Gibt es bei Politycki noch mehr, noch anderes zu entdecken? Woraus genau besteht der Stoff, mit dem er sein Publikum sprachakrobatisch unterhält? Die Lyrik gilt von alters her als die subjektivste aller Literaturgattungen. In der Poesie ist der Schriftsteller ganz er selbst, hier darf er’s sein. Politycki aber hat eine ausgeprägte Neigung zum Rollengedicht. Er nascht dichtend an immer neuen Sprachindividualitäten, probiert sie durch wie ein Schauspieler die verschiedenen Rollenfächer. Der früh versterbende Kioskbesitzer Ansgar Wischenbart zum Beispiel ist so ein Fall im neuen Band, oder der durch den Slang des Alltags schlingernder Rudi Schachtlmacher, oder der reichlich buchhalterisch veranlagte Dr. Daxenberger.

Nun könnte man solche lyrischen Identitätswechsel für ein übliches Stilmittel des satirischen oder kabarettistischen Schreibens halten. Doch Politycki macht sich nicht lustig über die von ihm geschaffenen Sprachcharaktere. Er will sie nicht dem Spott aussetzen, sondern sie vor unseren Ohren wahrnehmbar machen als Teilaspekte einer gewöhnlichen zeitgenössischen Existenz. Auch ist das lyrische Ich offenkundig sehr von den Schauplätzen seiner Auftritte abhängig, jedenfalls nimmt es mit jedem Standortwechsel eine veränderte Färbung an. Im Café ist es anders als in der Kneipe, in Dublin anders als in der „dänischen Südsee“, in der vertrauten Zweitsamkeit anders als in der notwendigen Arbeitseinsamkeit.

Doch dieses schwankende, schaukelnde, schlotternde Selbstempfinden wird hier offenkundig nicht als Grund zur Sorge, sondern vielmehr als unvermeidliche Gegebenheit, als Schicksal und letztlich auch als Bereicherung der Lebensmöglichkeiten empfunden. Dieses so vielgestaltige Ich fühlt sich nicht unwohl in seinen ständig wechselnden Häuten. Was ein wenig an die Formel des Soziologen Zygmund Baumann erinnert: „Wenn das moderne Problem der Identität darin bestand, eine Identität zu konstruieren und sie fest und stabil zu halten, dann besteht das postmoderne Problem der Identität hauptsächlich darin, die Festlegung zu vermeiden und sich Optionen offenzuhalten.“

Doch das soll nicht heißen, dass hier ein ebenso halt- wie geistloser Daseinstaumel behaglich bedichtet würde. Politycki ist jetzt satt über Fünfzig und damit in einem Alter, in dem Unvermeidliches klarer vor Augen tritt. Verschwiegen hat er den Tod als Antriebsmittel seiner lyrischen Arbeit nie, doch in den 44 Gedichten aus „Jenseits von Wurst und Käse“ (1995) und in den 66 Gedichten aus „Ratschlag zum Verzehr von Seidenraupen“ (2003) war doch spürbar häufiger von den Verlockungen guter Bars oder schöner Frauen die Rede als in den 88 Gedichten der jetzt erschienenen „Sekunden danach“. (Nach der Logik der Serie müsste die nächste Lyriksammlung Polityckis 110 Gedichte zählen.)

Doch eine intensivere Beschäftigung mit dem Tod muss bekanntlich nicht zwangsläufig Depression und Schwermut zur Folge haben, sondern kann zum Anlass werden, mit geschärften Sinnen zu erleben, was immer es zu erleben gibt. Von der letztgenannten Haltung geben Polityckis neue, auf den ersten Blick so unbeschwerte Gedichte literarisch Auskunft. Das Cover des neuen Bandes zeigt das Foto einer gigantischen Welle, auf deren steiler Flanke ein Surfer reitet. Die Welle verschafft ihm den nötigen Schwung für seinen Ritt. Doch sie wird ihn auch unfehlbar unter sich begraben. Matthias Politycki ist heute, nachdem Robert Gernhardt und Peter Rühmkorf Tod sind, soweit ich sehen kann der größte lebende Sprachkulinariker unter den deutschen Dichtern.

Matthias Politycki:
„Die Sekunden danach”. 88 Gedichte
Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg 2009
128 Seiten, 17,95 €

Thema: Politycki, Matthias | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Matthias Politycki

Samstag, 21. Juni 2008 19:48

Ist es Wahnsinn? Ist es Glück?
Matthias Politycki reist um die Welt und braucht dazu 100 Tage länger als Jules Verne

Der heimliche Hauptdarsteller in Jules Vernes genialem Roman „Reise um die Welt in 80 Tagen“ ist die Zeit. Genau 115.200 Minuten hat sein englischer Held Phileas Fogg, um den Erdball zu umrunden. 1872, als der Verne das Buch publizierte, war das eine enorme verkehrstechnische Herausforderung. Der Roman erschien zuerst in einer Zeitung in täglichen Fortsetzungen, und die Leser begeisterten sich Folge für Folge nicht nur an Foggs Abenteuern, sondern eben auch an der Vorstellung, in welchem Maße sich das Reisen in der Moderne beschleunigte. Aber Verne war hellsichtig genug, den Preis jener touristischen Schnelligkeit nicht zu unterschlagen. Er beschrieb zugleich, wie sehr diese Weltumrundungs-Hetzjagd zur Parodie auf die traditionelle Bildungsreise wurde: „Fogg machte keine Reise, sondern beschrieb nur als physikalische Masse, angestoßen von einer Wette, einen Kreis um den Erdball nach den Gesetzen der Mechanik.“

Der heimliche Hauptdarsteller von Matthias Polityckis Roman „In 180 Tagen um die Welt“ ist die Zeitlosigkeit. Sein Held, der bayerische Finanzbeamte im mittleren Dienst Johann Gottlieb Fichtl wird durch einen Lottogewinn auf eines der elegantesten Kreuzfahrtschiffe aller Weltmeere versetzt, auf die MS Europa. Auf ihr reist er um die Erde und fällt dabei nicht nur komplett aus seinen bisherigen Leben, sondern auch aus jeder gewöhnlichen Zeitrechnung heraus: „Man hat Mühe“, schreibt er irgendwann in sein Logbuch, das wir als Polityckis Roman in Händen halten, „sich klarzumachen, ob man die Tage schon immer so verbracht hat oder ob man sie zukünftig immer so verbringen wird. Ist es eine sanfte Form von Wahnsinn? Oder reinstes Glück?“ Und etwas später: „Im Grunde wissen wir alle längst nicht mehr, welchen Wochentag wir gerade haben, wo wir vor einer Woche waren oder übermorgen sein werden, unser Schiff verschlingt die Zeit im Gleichlauf seines eigenen Rhythmus.“

Es ist ein großer Spaß, die Romane von Verne und Politycki nebeneinander zu lesen. Vielleicht werden die Literaturwissenschaftler irgendwann einmal von den „intertextuellen Bezügen“ zwischen beiden Büchern schwärmen, für den Leser sind die vielen kleinen Parallelen und gezielten Kontraste heute schon der Quell eines großes Vergnügen. So wie Phileas Fogg zu Beginn des Romans mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks seinen Londoner Club besucht, besucht Fichtl seinen bayerischen Stammtisch. So wie sich in Foggs Epoche der Moderne und des Glaubens an den technischen Fortschritts alles um Beschleunigung dreht, dreht sich auf Fichtls Luxusliner im Zeitalter der Postmoderne und des Wellness-Kults alles um Entschleunigung. So wie Fogg in Richtung Osten um die Erde rast und dabei kalendarisch einen Tag gewinnt, so lässt sich Fichtl von seinem Dampfer nach Westen um die Welt schippern und büßt dabei an der Datumsgrenze einen Tag ein. Und so wie Verne sein Buch zunächst als Fortsetzungsroman publizierte, stellte Politycki sein Buch Tag für Tag als Weblog ins Netz.

Zu den wenigen Zugeständnissen, die Politycki während seiner tatsächlichen Umrundung des Erdballs als Schiffsschreiber auf der MS Europa zwischen November 2006 und Mai 2007 zu machen hatte, gehörte die Bedingung der einladenden Reederei, er dürfe keinen seiner realen Mitreisenden literarisch porträtieren. Mit Blick auf die juristischen Kräfteverhältnisse zwischen Persönlichkeitsrecht und Kunstfreiheit in Deutschland war das wohl eine kluge Vorgabe.

Sie sorgte dafür, dass Politycki das Logbuch seines Helden von Anfang an mit einem wunderlichen, sehr skurrilen und amüsanten Phantasie-Ensemble bevölkert. Da ist von einer millionenschweren Besitzerin eines Glückskeksimperiums bis zu einer Tierpsychologin samt im Haar nistender Meise, von einem russischen Oligarchen mit Nörgelallergie bis zu einem adligen Lektor mit auffälliger Neigung zu Bildungsvorträgen ein comicbuntes Personal an Bord. Es wird von der MS Europa um die Welt getragen wie in einer schillernden, unverwundbaren Seifenblase, in der die Figuren pausenlos umeinander kreisen und von keinem Problem des Planeten tangiert werden, zugleich aber die prächtigsten Aussichten genießen.

Das Ganze hat natürlich, wie schon das Buch von Verne, kräftige satirische Züge. Worüber beschwert man sich auf einem Traumschiff, auf dem es schlicht an nichts fehlt? Darüber, dass die Kaviarportionen zu klein ausfallen, dass der Seegang nicht den Vorstellungen von ozeanischer Dramatik entspricht oder dass die Lieblings-Liegestühle schon wieder besetzt sind. Politycki ist ein Meister der gefundenen oder auch erfundenen Anekdote. Sein nur durchs Glück im Spiel unter die happy few geratenen Finanzbeamte Fichtl bestaunt als ein zeitgenössischer Simplicissimus die Riten der Reichen und der Superreichen – doch beschreibt er sie nicht mit Neid oder Zorn, sondern eher mit einer wilden Freude am Abwegigen und Kuriosen.

Wer will, kann Fichtls Logbuch mit seinen täglichen Einträgen auch als eine Sammlung von Kolumnen lesen. Und wie alle guten Kolumnisten hat Matthias Politycki jede einzelne seiner Arbeiten mit zahllosen Einfällen, Pointen und Wortspielereien sowie mit Querverweisen auf frühere Einfälle, Pointen und Wortspielereien hochgradig angereichert. Derart dichte Texte eignen sich allerdings nicht gut dazu, in hohem Tempo gleich dutzendweise gelesen zu werden. Man sollte sie lieber in Ruhe und in wohl bemessenen Häppchen genießen wie sehr gehaltvolle Speisen. Besser, man legt Polityckis Roman zwischendurch immer mal aus den Händen, um zur Abwechslung wieder ein paar Seiten in Jules Vernes Roman weiterzukommen. In diesem Wechsel können beide zusammen eine ebenso erheiternde wie die Gegensätze zwischen den Jahrhunderten erhellende Urlaubslektüre abgeben.

Matthias Politycki:
“In 180 Tagen um die Welt”. Das Logbuch des Herrn Johann Gottlieb Fichtl
Mare Buchverlag, Hamburg 2008
390 Seiten, 24,90 €

Thema: Politycki, Matthias | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock