Beitrags-Archiv für die Kategory 'Scheuermann, Silke'

Silke Scheuermann

Samstag, 20. Januar 2007 7:56

Ein Schimmer von Glück
Silke Scheuermanns erster Roman „Die Stunde zwischen Hund und Wolf“

Ein kleiner, aber ein sehr schöner, sinnlicher, kluger Roman. „Ich bin nichts“, lautet der erste Satz. Es ist die nüchterne Selbstdiagnose einer jungen Journalistin, die es von Rom nach Frankfurt verschlagen hat. Sie gleitet wie eine unbeteiligte Zuschauerin durchs Leben. Weil die Zeitungen Reportagen kaufen, hat sie in Rom Reportagen geschrieben. Weil schlank als schön gilt, hat sie ihren Körper vom Chirurg zurechtschneiden lassen wollen. Weil alle Freundinnen mit älteren Männern ins Bett gingen, war auch sie nur an älteren interessiert. Weil immer weniger Reportagen aus Rom gebraucht wurden und man ihr in Frankfurt ein Job bot, ist sie nach Frankfurt gegangen. Sicher, sie kommt bei all dem gut zurecht. Aber, so stellt sie fest, sie kommt bei all dem gar nicht vor im eigenen Leben: „Ich bin nichts“.
Gegen Ende des Romans, wenn die namenlose Ich-Erzählerin mit ihrer Schwester im Wald spazieren geht, findet sich ein viel längerer, ein waghalsiger, utopischer, ein ungeheurer Satz: „Und in diesem Zauberwald, unter den strahlenden Bäumen, deren Blätter nicht Schatten, sondern Licht zu spenden schienen, kam es mir sogar so vor, als wäre es gestern gewesen, seit sich so viel verändert hatte, und es schien mir umgekehrt als gut möglich, es könne sich jetzt, hier, in dieser Minute, wieder alles ändern, und wir, Ines und ich, könnten unsere Leben in einer Weise in Ordnung bringen, hinter der wenigstens als Koordinatensystem so etwas wie Glück durchschimmerte“.
Zwischen diesen beiden Sätzen erzählt Silke Scheuermann ein kleines Familiendrama. Die beiden Schwestern sind sich von Kindesbeinen an in aufrichtiger Abneigung zugetan. Doch Ines braucht, stellt sich heraus, dringend Hilfe, denn sie ist auf dem besten Weg, sich als Alkoholikerin zugrunde zu richten. Die aus Rom zurückgekehrte und mit Ironie gut gepanzerte Journalistin will zunächst auch dieses Trauerspiel als Zuschauerin an sich vorüberziehen zu lassen. Wenn da nicht der mittlerweile ziemlich entnervte Liebhaber von Ines wäre, auf den sie, angestachelt durch ihre sehr unschwesterlichen Konkurrenzgefühle, gleich ein Auge geworfen hat.
Mit anderen Worten: Silke Scheuermann lässt nicht plötzlich die Flamme uneigennütziger mitmenschlicher Hingabe im Herzen ihrer Heldin auflodern. Der Schritt auf die Schwester zu und aus der lang geübten Passivität heraus ist beides zugleich: Hilfe und Verrat, ist Unterstützung im Kampf gegen die Sucht und der Versuch, ihr den Freund auszuspannen. Die Ich-Erzählerin wird keine Mutter Theresa, sondern sie macht die Erfahrung, dass jeder Schritt auf einen anderen zu, immer auch das Risiko birgt, den anderen oder sich selbst zu verletzten. Aber sie kann nun nicht mehr „Ich bin nichts“ sagen, denn sie ist, ob im Guten oder im Schlechten, anderen Menschen „jedenfalls nahegekommen“.
Silke Scheuermann hat für ihren ersten Roman einen wunderbaren, kühl poetischen, von leiser Melancholie durchwehten Ton gefunden. Zugegeben, es gibt auch ein paar umständliche, schwerfällige Sätze und sie hat eine unglückliche Vorliebe für die Floskel „äußerte er“. Daneben aber ist ihre Sprache von einer erstaunlichen Kraft der Vergegenwärtigung. Sie kann dem Leser mit wenigen Worten sehr zeitgenössische Szenerien oder Verhaltensweisen vor Augen stellen. Nie wirkt das bei ihr wie eine modische Lifestyle-Reportage, sondern immer wie ein kunstvoll verdichtetes Abbild der Gegenwart. Wie Dichtung eben.

Silke Scheuermann:
“Die Stunde zwischen Hund und Wolf”. Roman
Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2007
172 Seiten, 17,90 €

Thema: Scheuermann, Silke | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Silke Scheuermann

Samstag, 5. Februar 2005 7:38

Verschlungene Paare
Was geht in Menschen vor, wenn sie heute von Liebe sprechen? Silke Scheuermanns „Reiche Mädchen“ wissen es

Um gleich so ungeschützt wie möglich mit der Tür ins Haus zu poltern: Ich habe schon lange keine Erzählungssammlung mehr gelesen, die mir so gut gefallen hat wie diese. Silke Scheuermann ist ein großes Talent, sie ist eine Hoffnung für die deutsche Literatur – und also eine Hoffnung für uns Leser, etwas mehr über uns und unsere Zeit zu erfahren. Sie versteht sich auf die Kunst, in ihren Geschichten etwas vom besonderen Klima, vom speziellen Aroma der Gegenwart zu verdichten und damit sichtbarer, spürbarer zu machen, als es im Alltag ist. Sie erzählt ganz locker, unangestrengt, wie nebenher und doch hat man, wenn man sich ihr anvertraut, das Gefühl, manche Dinge ein wenig klarer zu sehen als zuvor.
Auch wenn Silke Scheuermann noch recht jung ist, gerade mal ihr dreißigstes Jahr hinter sich hat, ist ihr Talent keineswegs unbemerkt geblieben. 2001 wurde sie für ihre Gedichte mit dem Leonce-und-Lena-Preis ausgezeichnet, zwei Lyrikbände sind seither erschienen, beide wurden mit viel Anerkennung und Beifall bedacht. Sie gehört nicht zu den dunkel raunenden, nicht zu den gravitätisch predigenden Dichtern. Ihre Verse sind leicht, tänzelnd, fast immer ironisch unterfüttert und doch konzentriert. Es ist in ihnen unübersehbar von unserer Welt hier und heute die Rede, vom „heimischen Laptop“ ebenso wie von „Reisen im Cyberspace“. Zugleich aber verlieren sie nicht die Vergangenheiten aus dem Blick, die hinter dieser Oberfläche zu entdecken ist. Also tummelt sich in ihren Gedichten munter das ganze zeitlos-mythische Personal vom Phönix bis zur Sphinx, von Äneas bis Arachne, von Medusa bis hin zu einer Minerva, die es satt hat, immer nur Göttin zu sein und auch mal „in den Pirelli-Kalender“ will.
„Reiche Mädchen“ – das jetzt erschienene Buch – enthält nun Silke Scheremanns ersten Prosaarbeiten und die scheinen mir noch beeindruckender zu sein als ihre Gedichte. Was eine ebenso angenehme wie leider seltene Überraschung ist. Hat man sich doch in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr daran gewöhnt, daß auf freudetrunken gefeierte Debüts junger Autoren eher schwache zweite oder dritte Bücher folgen. Zumal wenn sich die Autoren dann in einer anderen als in der zunächst gewählten literarischen Disziplin versuchen, also von Gedichten zum Roman wechseln, oder nach Erzählungen ein Theaterstück publizieren. Meist werden da beim Schritt über die Grenzen der Gattungen die Grenzen der Begabung schmerzhaft deutlich.
Nicht so bei Silke Scheuermann. Sie zeigt in der Prosa von der ersten Seite an große Sicherheit. Sie erzählt zum Auftakt von der kurzen Liebesgeschichte einer jungen Universitätsmitarbeiterin mit einem älteren Dozenten. Die Affäre nimmt keinen ungewöhnlichen oder sensationellen Verlauf: Die junge Frau ist zunächst ganz hingerissen von ihren Gefühlen und spielt mit dem Gedanken, ihren langjährigen, ein wenig langweilig gewordenen Freund zu verlassen. Der neue routinierte Liebhaber dagegen mag sich aus seiner Ehe nicht lösen und hält bereits, noch während er sporadisch mit der Heldin schläft, Ausschau nach der nächsten Gespielin.
Silke Scheuermann erzählt das alles denn auch nicht als unvorhersehbare Gefühls-Havarie. Sie zeigt vielmehr, daß die junge Frau, noch während sie auf eine gemeinsame Zukunft mit ihrem Liebhaber hofft, sich bereits wiedererkennt in der Rolle der Natascha aus Tolstois „Krieg und Frieden“, die den ehrenwerten Fürst Andrej versprochen ist, aber dem verheirateten Lüstling Anatol verfällt. Doch obwohl (oder gerade weil?) sie sich darüber klar ist, welches uralte Muster sie hier nachvollzieht, wird ihr Verlangen nach dem unerreichbaren Mann (gerade weil er unerreichbar ist?) nicht geringer und auch der Schmerz, sobald die absehbare Enttäuschung eintritt, nicht kleiner. Staunenswert, wie souverän Silke Scheuermann das alles auf nur gut 25 Seiten aufblättert, mit welcher Anschaulichkeit, Präzision und Grazie.
Und mit welcher Sinnlichkeit. Bettszenen werden gern als eine Nagelprobe für erzählerisches Können betrachtet, an der nicht zuletzt junge deutschsprachige Autoren oft scheitern. Silke Scheuermann meistert sie meines Erachtens mit einer schönen Mischung aus poetischer Kraft und psychologischer Klarsicht: „Ein Gefühl der Macht durchströmt mich, während ich die Beine und dann die Arme um ihn schlinge wie eine große, glückliche Spinne. Er bewegt sich in einem merkwürdig komplizierten Rhythmus, und das Gefühl der Ohnmacht, das ich nun auf einmal verspüre, ist genauso angenehm wie das Gefühl der Macht ein paar Sekunden zuvor, vermutlich sind Macht und Ohnmacht sowieso dasselbe, wir schlingen uns ineinander, jetzt gibt es mit einer verrückten Ausschließlichkeit nur noch uns beide auf der Welt, nur diese Gegenwart, die sich in einem vollkommenen Kreis um uns schließt, eine schützende Kugel, die für Sekunden schweben kann wie eine Seifenblase, Sekunden, die mir lange vorkommen, aber nur, bis sie vorbei sind.“
Auf den ersten Blick sind alle sieben Erzählungen dieses Bandes Liebesgeschichten. Genauer betrachtet berichten sie davon, wie wir durch unsere Liebesbedürfnisse und -affären neue, unerwartete und nicht immer angenehme Seiten der eigenen Persönlichkeit entdecken. Sie handeln davon, wie unser Begehren uns Antworten auf die ewige Identitätsfrage „Wer bin ich?“ gibt, Antworten, mit denen wir nicht gerechnet haben und die wir mitunter gar nicht gerne hören. „Diese Nacht hat ihr endgültig den Beweis geliefert, daß sie nie eine normale Liebe erleben wird, daß sie sich etwas überlegen muß, vielleicht Leute zu zwingen, sie zu berühren“, heißt es gegen Ende der Erzählung „Lisa oder der himmlische Körper“, die mir wie ein bitterer Nachklang auf Kirkegaards „Tagebuch des Verführers“ in heutigen Tagen vorkommt.
Liebe ist im Bewußtsein von Silke Scheuermanns Figuren fast immer etwas Flüchtiges, Kurzfristiges. Schon deshalb sehen sie in ihr selten einen romantischen Selbstzweck, sondern betrachten sie eher als eine naturgegebene Chance, mit Hilfe des jeweils neuen Partners persönliche Defizite auszugleichen und die diversen Sinnlöcher des modernen Daseins zu stopfen. Da ist zum Beispiel die „Obsession eine Vergangenheit zu haben“, von der Silke Scheuermann schon in ihren Gedichten sprach: Ihre Helden befriedigen die Sehnsucht nach einer erfahrungssatten Biographie in unseren geschichtsarmen Zeiten ersatzweise einfach durch eine wechselvolle Liebesbiographie. Und zu der seltsamen Dialektik des Seelenlebens gehört, daß die Figuren nichts mehr erhoffen und zugleich fürchten als eine Liebe, die sich tatsächlich als biographisches Schicksal erweisen sollte.
Eine der schönsten Erzählungen des Bandes ist in meinen Augen „Zickzack oder Die sieben Todsünden“: Die Geschichte eines Mädchens, das gerade eben auf der Altersgrenze zur jungen Erwachsenen angelangt ist und die Wohnung einer älteren Bekannten einhüten soll. Sie inspiziert die Räume, sie badet, sie lädt eine Freundin und einen Freund zu einem Video-Abend ein, sie badet wieder, diesmal mit dem Jungen und telefoniert ein paar mal mit ihrem Bruder, viel mehr passiert nicht. Doch wie es Silke Scheuermann gelingt, bei all dem das Seelenleben des Mädchens auszuleuchten, das sich hin- und hergerissen fühlt zwischen dem Geborgensein der Kindheit und der Abenteuerlust des Jugendlichen, das ihren ersten, noch ganz harmlosen sexuellen Erlebnissen mit ebensoviel ängstlicher Scheu wie forscher Neugier begegnet, das auf jede Geste, jedes Wort der anderen insgeheim voller Unsicherheit und Ambivalenz reagiert und deshalb glaubt, umso entschlossener auftreten zu müssen, kurz: wie Silke Scheuermann diesen ganzen Zickzack der Gefühle in ihre Geschichte einfängt, ist rundum virtuos.
Die Erzählungen leben von einer Sprache, die niemals prunkt oder protzt. Silke Scheuermann leistet sich keine aufdringlichen stilistischen Eitelkeiten, sondern schreibt eine schlanke, klug durchstrukturierte, sanft ironisch, immer aber auch poetische Prosa. Das ein oder andere Symbol ist für meinen Geschmack etwas überdeutlich gewählt: Zum Beispiel wenn eine von der Liebe besonders herb enttäuschte Frau auf dem Höhepunkt ihrer Verzweiflung in ihrer Phantasie (oder in der Realität?) einen sehr dünnen, sehr elenden, jesusähnlichen jungen Mannes ermordet. Oder wenn das einzige Paar des Bandes, dem das seltene und legendenumrankte Glück lebenslanger Zuneigung zuteil wird, zugleich noch bei Gewitter auf die Suche nach den ebenso seltenen und legendenumrankten Kugelblitzen geht.
Doch das sind Kleinigkeiten. Man darf, wenn man ein über weite Strecken so glanzvolles Stück Literatur in die Hand bekommt, nicht mäkelig sein. Silke Scheuermanns Band „Reiche Mädchen“ enthält reiche Beute für jeden Leser, der genauer wissen und verstehen möchte, was in Menschen vorgeht, wenn sie heute von Liebe sprechen. Seit Judith Hermanns Erzählungen habe ich keine schöneren gelesen als diese.

Silke Scheuermann:
„Reiche Mädchen“. Erzählungen
Schöffling & Co. Verlag, Frankfurt am Main 2005
163 Seiten, 17,90 €

Thema: Scheuermann, Silke | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock