Beitrags-Archiv für die Kategory 'Hegemann, Helene'

Helene Hegemann

Mittwoch, 17. März 2010 8:25

Der Axolotl-Komplex
Sollte man Plagiate mit Preisen würdigen? Zu Beginn der Leipziger Buchmesse ist die Debatte um Helene Hegemanns Buch “Axolotl Roadkill” neu entbrannt

Geht es wirklich noch um Helene Hegemann und ihr Buch „Axolotl Roadkill“? Oder geht es längst um ganz andere Themen: Um die Rettung des Urheberrechts? Um den Einfluss klug inszenierter PR-Kampagnen auf den Kulturbetrieb? Um – ein Evergreen – den Zustand der deutschen Literaturkritik? Wie lässt sich der nicht enden wollende publizistische Lärm um den Roman der inzwischen 18-jährigen Autorin erklären? Auch dieser Artikel hier ist Teil dieses Lärms, setzt die Kakophonie fort, provoziert möglicherweise sogar – bitte, bitte nicht! – irgendeinen Widerspruch, der dann den Lärm weiterführt. Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie fortzeugend immer Böses muss gebären.

Übrigens: Der letzte Satz ist von Schiller, nicht von mir. Hätte ich mich jetzt einer Urheberrechtsverletzung schuldig gemacht, wenn ich das nicht gleich dazusagte? Oder ginge ein solches Zitat ohne Anführungszeichen, Fußnote und Autorenangabe noch als Beispiel einer literarischen Collage-Technik durch? Als praktizierte copy & paste-Ästhetik?

Die „Leipziger Erklärung zum Schutze geistigen Eigentums“, die jetzt zum Auftakt der Leipziger Buchmesse vom Verband deutscher Schriftsteller (VS) veröffentlicht wird, schlägt in diesem Punkt einen barschen, drakonischen Ton an: „Wenn ein Plagiat als preiswürdig erachtet wird, wenn geistiger Diebstahl und Verfälschungen als Kunst hingenommen werden, demonstriert diese Einstellung eine fahrlässige Akzeptanz von Rechtsverstößen im etablierten Literaturbetrieb. (…) Kopieren ohne Einwilligung und Nennung des geistigen Schöpfers wird in der jüngeren Generation, auch auf Grund von Unkenntnis über den Wert kreativer Leistungen, gelegentlich als Kavaliersdelikt angesehen. Es ist aber eindeutig sträflich – ebenso wie die Unterstützung eines solchen ‚Kunstverständnisses’“.

Unter der Erklärung finden sich einige der klangvollen Namen der deutschen Gegenwartsliteratur von Günter Grass bis Christa Wolf. Nimmt man den Text wortwörtlich ernst, dann richtet er nicht nur gegen Helene Hegemann – die von der Jury des Preises der Leipziger Buchmesse als „preiswürdig“ in Betracht gezogen wird, obwohl sie in ihrem Roman eine ganze Menge Text „ohne Einwilligung und Nennung der geistigen Schöpfer“ abgeschrieben hat. Nein, in den Augen der Unterzeichner verhalten sich offenbar schon all jene „eindeutig sträflich“, die sich der „Unterstützung eines solchen ‚Kunstverständnisses’“ schuldig machen. Das klingt fast so, als drohte der VS allen Kritiker, die Helene Hegemann bejubelten und also unterstützten, damit, sie demnächst vor Gericht zu zerren. Man fasst sich an den Kopf.

Doch ganz so einfach wie das Leipziger Manifest tut, liegen die Dinge nicht. Nehmen wir zum Beispiel Christa Wolf, die es unterschrieben hat. Der erste Satz ihres Romans „Kindheitsmuster“ aus dem Jahr 1976 lautet: „Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.“ Ein wunderschöner Romanauftakt, der sofort in die Geschichte hineinzieht. Allerdings stammt er dummerweise nicht von Christa Wolf, sondern findet sich in William Faulkners Roman „Requiem für eine Nonne“ aus dem Jahr 1951. In der Übersetzung von Robert Schnorr sind es zwei Sätze und sie lauten: „Die Vergangenheit ist niemals tot. Sie ist nicht einmal vergangen.“ Weder hat Christa Wolf den Anfangssatz ihres Romans in Anführungszeichen gesetzt, noch hat sie ihrem Buch eine Danksagung an Faulkner angefügt.

Christa Wolf eine Wegbereiterin der copy & paste-Ästhetik? „Kindheitsmuster“ ein Plagiat? Nein, natürlich nicht. Christa Wolf hat in „Kindheitsmuster“ ein uraltes literarisches Gewohnheitsrecht für sich in Anspruch genommen, nämlich das Recht, die Themen und manchmal auch die Sätze anderer Schriftsteller aufzugreifen und im eigenen Werk weiterzudenken. Die literaturhistorischen Beispiele dafür sind Legion – und es sind in der quälenden Debatte um Helene Hegemann so viele davon aufgezählt worden, dass ich mir das hier sparen kann. Mit anderen Worten: Anders als die „Leipziger Erklärung“ suggeriert, kommt es nicht darauf an, ob ein Schriftsteller an fremden Töpfen nascht und „ohne Einwilligung und Nennung der geistigen Schöpfer“ kopiert, sondern ob er die übernommenen Themen oder Sätze tatsächlich weiterdenkt, fortentwickelt und so in etwas Neues, Eigenes verwandelt.

Ist Helene Hegemann das in ihrem Roman gelungen? Offen gestanden, mir fällt es nicht leicht, darauf zu antworten. Im Gegensatz zu einigen meiner Kritikerkollegen (darunter sehr respektierte und verehrte Kollegen) halte ich „Axolotl Roadkill“ für derart missraten und wirr, das Deutsch Helene Hegemanns für so unbeholfen und dümmlich, dass ich das Buch (zähneknirschend) ein zweites Mal las, weil ich fürchtete, irgendwas übersehen zu haben, was die sehr respektierten und verehrten Kollegen entdeckt hatten. Aber ich fand nichts. Das Buch ist und bleibt für mich eine Wüste der Einfallslosigkeit und der schlechten Sprache.

Aber warum, wird daraufhin der kritische Leser fragen, warum um Himmels willen schreiben Sie denn als Literaturkritiker ausgerechnet über einen Roman, den sie offensichtlich überhaupt nicht mögen? Fällt Ihnen nichts Besseres ein? Eine prima Frage, möchte ich dem kritischen Leser antworten, ganz prima, sie führt uns nämlich direkt zu den beiden anderen eingangs erwähnten Punkten – Einfluss von PR-Kampagnen auf den Kulturbetrieb und die immergrüne Sorge um den Zustand der Kritik – die interessanter sind als ein dürftiger Erstlingsroman.

Alle Verlage wollen ihre Bücher so gut wie möglich verkaufen. Sie müssen das, die Autoren erwarten es von ihnen, verständlicherweise. Doch die meisten PR-Strategien, die in den Verlagen ersonnen werden, zünden nicht. Würden alle zünden, hätten wir nur Bestseller. Manchmal aber springt der Funke über, lässt die einen Kritiker jubeln, die anderen Buh brüllen, die einen über die Stimme einer Generation jauchzen, die anderen Plagiat schreien. Mitunter führt das zu einem fabelhaften publizistischen Flächenbrand – was aber im Regelfall nur dann gelingt, wenn es nicht mehr nur um ein Buch, sondern vor dem Hintergrund des Buches um allgemeine Reizthemen geht. Bei „Axolotl Roadkill“ zum Beispiel um Sex, Drogen und Wohlstandsverwahrlosung bei Jugendlichen, um den angeblichen Hass alter Kulturplatzhirsche auf eminent begabte junge Frauen oder um den vermeintlich generationsspezifischen Streit zwischen aktueller copy & paste-Ästhetik und überkommenen Vorstellungen von Originalität.

Greift ein solcher Flächenbrand erst einmal um sich, ist man als Kritiker oft genug nicht mehr frei zu schreiben oder zu schweigen, sondern schnell gezwungen, Stellung zu nehmen, schließlich soll die eigene Zeitung ja nicht die einzige sein, die das Thema verpasst. Allerdings sorgt jede denkbare Wortmeldung (auch diese hier) nur noch dafür, das die Flammen des Flächenbrandes immer höher schlagen. Wenn die „Leipziger Erklärung“ jetzt zum Beispiel „der jüngeren Generation“ reichlich pauschal bescheinigt, dass sie „auf Grund von Unkenntnis über den Wert kreativer Leistung“ Urheberrechtsverletzungen als „Kavaliersdelikte“ ansieht, dann liefert sie damit Leuten, die sich für jung halten, eine wunderbare Vorlage, mit prächtigen rhetorischen Schwung auf Ältere und deren Kunstverständnis loszugehen.

Entschieden wird bei all dem naturgemäß gar nichts mehr. Die Hoffnung, am Ende der Debatte ließen sich auf dem Schlachtfeld Sieger und Verlierer ausmachen, ist illusorisch. Das war so bei allen ausufernden Literaturdebatten der jüngsten Zeit so. Hat Botho Strauß mit seinem „anschwellendem Bocksgesang“ die rechte Rückkehr zum Mythos gepredigt? Hat Peter Handke den serbischen Killer Milosevic in Schutz genommen? Hat Martin Walser in „Tod eines Kritikers“ bewusst mit antesemitischen Motiven gespielt? Ab einer bestimmten Größenordnung führen literarische Debatten nicht mehr zu Ergebnissen, sondern nur dazu, dass die debattierten Themen irgendwann erschöpft beiseite gelegt werden. Ich weiß nicht, ob die Hegemann-Debatte dieses Stadium schon erreicht hat. Schön wäre es schon.

Der Artikel erschien in der “Welt” vom 17. März 2010

Thema: Hegemann, Helene | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Helene Hegemann

Donnerstag, 25. Februar 2010 8:14

Wie Durs Grünbein sich in Gottfried Benn verwandelte
Der Fall Hegemann dadaistisch gesehen

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 23. Februar 2010 veröffentlichte der Lyriker und Büchnerpreisträger Durs Grünbein einen Artikel unter seinem Namen, der bis auf einige Retuschen von Gottfried Benn stammt. In diesem Artikel, der 1926 in der Vossischen Zeitung erschien, nahm Benn die Schriftstellerin Rahel Sanzara gegen den Vorwurf in Schutz, in ihrem Roman „Das verlorene Kind“ Material verwendet zu haben, das „nicht ihr geistiges Eigentum“ sei, sich also eines Plagiates schuldig gemacht zu haben. Durch seine Retuschen, die darauf zielten, die historischen Namen und Gegebenheiten aus dem Jahre 1926 durch aktuelle zu ersetzen, gab Grünbein der in der FAZ publizierten Fassung des Textes den Anschein, es sei seine „Wortmeldung“ zu dem Plagiatsvorwürfen, die gegenwärtig gegen Helene Hegemanns Roman „Axolotl Roadkill“ erhoben werden. In einem kurzen Interview, das die FAZ jetzt druckt, deckt Grünbein diese Manipulation auf.

In der „Welt“ vom 24. Februar 2010 habe ich den unter Grünbeins Namen erschienenen Artikel kommentiert. Dass er darin die Plagiatsvorwürfe gegen Helene Hegemann nicht ernst nahm, war mir nicht weiter wichtig – denn auch in meinen Augen haben sie keine erhebliche literarische Bedeutung. Wohl aber kritisierte ich die Intellektuellenfeindschaft und den ästhetischen Irrationalismus der in den Argumenten zum Ausdruck kommt, mit denen in diesem Artikel der Begriff Plagiat vom Tisch gewischt wurde: „Man sollte“, heißt es in dem unter Grünbeins Namen gedruckten Text, „also nicht diese Begriffe an das Buch, sondern dies Buch an jene Begriffe anlegen und, wenn sie sich als albern oder langweilig herausstellen, sollte man sie abbauen oder übergehen. Begriffe wie Menschen, alles was nicht fühlt, dass dieses Buch jenseits der Nachprüfung steht und aller literarischen Intellektualismen“.

Wer diese Sätze genau liest, erkennt, dass hier nicht nur Begriffe, sondern auch Menschen „abgebaut“ werden sollen, falls sie nicht das gleiche fühlen, wie der Autor des Textes. Darin offenbart sich, schrieb ich in meinem Kommentar, ein „doktrinärer Zug“ im Denken Grünbeins.
Nun stellt Grünbein also in seinem FAZ-Interview klar, dass der unter seinem Namen veröffentlichte Text zum allergrößten Teil von Benn und nicht von ihm stammen – wodurch die „leidige Dauerdebatte um Frau Hegemann“ in seinen Augen „eine Drehung ins Dadaistische“ bekomme. Muss ich mich also entschuldigen? Ja, und zwar bei den Lesern der „Welt“, weil ich den Artikel Benns aus der Vossischen Zeitung nicht erkannte und also auch nicht Grünbeins Manipulation. Zu meiner Entlastung darf ich vielleicht hinzufügen, dass der Artikel von 1926 nicht zu Benns Hauptwerken gehört.

Muss ich mich auch bei Grünbein entschuldigen? Ich bin mir nicht sicher. Benns Denken hatte zweifellos einen doktrinären Zug – der schließlich in Benns Bekenntnis zum Nationalsozialismus 1933 mündete. Von „auszuscheidenden minderwertigen Volksteilen“ schwadronierte er damals, die durch „qualitativ hochwertiges Menschenmaterial“ zu ersetzen seien. Dieses doktrinäre Element klingt bereits gut hörbar in den zitierten Sätzen von 1926 an. Weshalb Grünbein um eines literarischen Scherzes willen von der Halbwertzeit eines Tages eine derart gruselige Argumentation unter seinem Namen erscheinen ließ, ist mir rätselhaft.

Der Artikel erschien in der “Welt” vom 25. Februar 2010

Thema: Hegemann, Helene | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Helene Hegemann

Mittwoch, 24. Februar 2010 8:08

Grünbein baut ab
Ein Kommentar

Die fabelhafte Affäre um Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“ treibt immer neue, immer skurrilere Blüten. Es gibt kaum noch eine Hemmschwelle die nicht überschritten, kaum noch eine intellektuelle Latte, die so niedrig läge, dass sie nicht doch in irgendeinem Debattenbeitrag gerissen würde. Nehmen wir zum Beispiel den Lyriker und Büchnerpreisträger Durs Grünbein: In einem Artikel für die Frankfurter Allgemeine Zeitung unter dem in doppelte Anführungszeichen gestellten Titel ““Plagiat““ hat er sich jetzt für Helene Hegemanns Roman begeistert: „Wo immer man die Seiten aufschlägt, tragen sie den Schein einer Schönheit, die ohne Makel, und die Gesetzmäßigkeit einer Szene, die die volle und krasse Echtheit ist.“

Keine Überraschung, wenn Grünbein von dem Vorwurf, Helene Hegemann hätte Teile ihres Buches von anderen Autoren abgeschrieben, nichts hören will. Begriffe wie Plagiat wischt er beiseite: „Man sollte also nicht diese Begriffe an das Buch, sondern dies Buch an jene Begriffe anlegen und, wenn sie sich als albern oder langweilig herausstellen, sollte man sie abbauen oder übergehen. Begriffe wie Menschen, alles was nicht fühlt, dass dieses Buch jenseits der Nachprüfung steht und aller literarischen Intellektualismen“.

Wer diese Sätze genau liest, erkennt, durch welche trüben Bezirke der Intellektuellenfeindschaft und des ästhetischen Irrationalismus Grünbein hier stapft: Nicht nur Begriffe, auch Menschen sollen „abgebaut“ werden, wenn sie nicht wie Grünbein fühlen, dass Helene Hegemanns Roman „jenseits der Nachprüfung steht“. Es ist unmöglich, darin etwas anderes zu sehen als einen fundamentalen Angriff auf jede Literaturwissenschaft und -kritik, zu deren Handwerk es gehört, Begriffe auf Bücher anzuwenden. Selbst die Werke Dantes, Shakespeares oder Goethes wurden und werden auf diese Weise analysiert – davon, dass ihnen das geschadet habe, ist bislang nichts bekannt geworden. Doch Helene Hegemanns Buch steht für Grünbein „jenseits der Nachprüfung“. Kann es sein, dass ein Schriftsteller hier einen doktrinären Zug seines Denkens offenbart, der in letzter Konsequenz tatsächlich darauf zielt, Menschen „abzubauen“, die nicht so fühlen, wie er fühlt?

Der Kommentar erschien in der “Welt” vom 24. Februar 2010

Thema: Hegemann, Helene | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Helene Hegemann

Mittwoch, 17. Februar 2010 8:00

Über die Fehlbarkeit der Literaturkritik
Die Affäre um Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“ macht ein paar Selbstverständlichkeiten bewusst

Wird die Literaturkritik tatsächlich, wie einige Kommentatoren behaupten, durch die Affäre um Helene Hegemanns in seiner Glaubwürdigkeit erschüttert? Oder bringt der Fall „Axolotl Roadkill“ nicht vielmehr einige Selbstverständlichkeiten unseres Buchbetriebs mit schöner Klarheit ins allgemeine Bewusstsein? Ausgangspunkt der Debatte sind die Plagiatsvorwürfe. Die sind allerdings nicht so überraschend. In jüngster Zeit wurden gerade gegen Beststeller – von Dan Browns „Sakrileg“ bis zu J.R. Rowlings Potter-Zyklus, von Andrea Maria Schenkels „Tannöd“ bis Martin Suters „Lila, lila“ – ähnliche Anschuldigungen erhoben. Offenbar stehen erfolgreiche Bücher in dieser Hinsicht unter besonders strenger Kontrolle. Bislang hielt, zumindest in den Augen der Juristen, keiner dieser Vorwürfe stand.

Und die Literaturwissenschaft ist in diese Dingen üblicherweise noch großherziger als die Rechtsprechung. Seit langem schon betrachtet sie auch die Montage oder Anverwandlung fremder Texte als eine genuine schriftstellerische Leistung. Da hätte es Helene Hegemanns Hinweis auf die angeblich brandneue Ästhetik des Samplings gar nicht gebraucht. Dem künstlerischen Ansehen von Brechts „Dreigroschenoper“ hat es nicht geschadet, als Alfred Kerr nachweisen konnte, dass manche Songs darin eher von Villon oder Kipling stammen als von Brecht.

Wohl aber schaden solche Übernahmen aus den Büchern anderer Autoren der Illusion von Authentizität. Tatsächlich klangen viele der aufgeregten Kritiken und Porträts, die halfen „Axolotl Roadkill“ auf die Bestsellerliste zu hieven, sehr danach, als würden die Rezensenten das Buch nicht als Fiktion, sondern als Lebensbeichte einer wohlstandsverwahrlosten, süchtigen, von Vater und Mutter verlassenen 17-jährige Rebellin auffassen, die aus Protest gegen eine kaltherzige Erwachsenenwelt Selbstzerstörung betreibt. Doch nüchtern betrachtet entpuppt sich Helene Hegemann mit ihrem halb intellektuellen, halb flapsigen Jargon eben nicht als Rebellin, sondern vielmehr als perfekt integrierte Musterschülerin einer Berliner Boheme, in der ihr Vater Carl Hegemann als langjähriger Dramaturg der Volksbühne keine unwichtige Rolle spielt.

Doch wer den Hegemann-Rezensenten nun vorhielte, sie hätten „Axolotl Roadkill“ gleichsam unter falschen Voraussetzungen gerühmt, der wird die meisten von ihnen uneinsichtig finden. Denn zu den unveräußerlichen Grundrechten jedes Literaturkritikers in der Moderne gehört, sich zuallererst für die Sprache eines Schriftstellers zu begeistern, also dafür wie der Autor schreibt, und das was er schreibt – ob nun Beichte oder Roman – zur Nebensache zu erklären. Diese Sprach-Begeisterung ist allerdings weder widerleg- noch beweisbar, sondern streng subjektiv. Wenn also Rezensenten, die Helene Hegemann vor zwei Wochen feierten, nach dem Bekanntwerden der Plagiatsvorwürfe betonen, ihr Jubel habe nicht der vermuteten Authentizität des Buches gegolten, sondern dessen Sprache, dann hat niemand das Recht, an dieser Behauptung zu zweifeln – selbst wenn er das Deutsch in „Axolotl Roadkill“ streckenweise reichlich verquast findet. Geschmäcker sind eben verschieden.

Sicher, das Recht jedes Rezensenten, sich von der Prosa dieses Romans betören zu lassen, ist völlig unbenommen. Aber wäre es nicht dennoch an der Zeit zuzugeben, dass auch ein Literaturkritiker irren und ihn sein Gespür für literarische Tonfälle im Stich lassen kann? Schließlich gibt es ein altes Kräftemessen im Literaturbetrieb, das allen Beteiligten längst zur Selbstverständlichkeit geworden ist: Jeder Verlag will seine Bücher ins beste Licht rücken und bemüht sich, nicht zuletzt die Kritiker in diesem Sinne zu manipulieren. Die Kritiker wiederum wissen, dass die Verlage sie mit mal plumpen, mal raffinierten Tricks für ihre Bücher einzuspannen versuchen. Meist sind diese Tricks für den Kritiker leicht zu durchschauen. Aber er müsste schon ein sehr ausgeprägtes Selbstbewusstsein haben, wollte er behaupten, noch nie einer geschickt inszenierten Verlagskampagne aufgesessen zu sein.

Ein Stereotyp, auf das Schriftsteller von Verlagen und Agenten zu Anfang ihrer Karriere gern hingetrimmt und kampagnentauglich gemacht werden, ist der Zornige Junge Mann – oder wahlweise die Zornige Junge Frau. Dieses Rollenmuster hat gerade in der deutschen Literatur tiefe Wurzeln und reicht bis zum Expressionismus und zum Sturm und Drang zurück: hoch begabte Stellvertreter einer jungen Generation, die bis zur Selbstvernichtung gegen eine in ihren Augen moralisch verkommene, politisch verhärtete Erwachsenenwelt aufbegehren. Da bestehende Lebensverhältnisse naturgemäß immer verbesserungsbedürftig sind, trifft diese Haltung jederzeit auf eine gewisse Sympathie – zumal im etablierten Kulturbetrieb, der sein schlechtes Gewissen über die eigene Etabliertheit gern damit betäubt, rebellische Naturen zu bejubeln.

Wie heißt es bei Brecht? „Mögen andere von ihrer Schande sprechen, ich spreche von der meinen“. Einer der typischen Zornigen Jungen Männer der Gegenwartsliteratur war Rainald Goetz. Ich habe seinerzeit seinen Roman „Kontrolliert“ in hohen Tönen gelobt. Inzwischen bedeutet mir das Buch literarisch lange nicht mehr so viel wie damals: Ich fürchte, ich habe zu einem Gutteil das Image von Goetz rezensiert, nicht seinen Roman. Ob es einigen der Hegemann-Rezensenten ähnlich ging? Falls ja, wäre das keine Katastrophe für die Glaubwürdigkeit unserer Literaturkritik, sondern schlicht menschlich. Da selbst Ärzten, Anwälten oder Apothekern Kunstfehler unterlaufen, wäre es doch seltsam, wenn ausgerechnet Literaturkritiker immer richtig lägen. Glaubwürdigkeit gewinnt die Kritik nicht durch die Behauptung, unfehlbar zu sein, sondern durch das ständige Bemühen darum, keine Fehler zu machen. Auch wenn es gelegentlich mal nicht gelingt.

Der Artikel erschien in der “Welt” vom 17. Februar 2010

Helene Hegemann:
“Axolotl Roadkill”. Roman
Ullstein Verlag, Berlin 2010
204 Seiten, 14,95 €
ISBN 978-3-550-08792-9

Thema: Hegemann, Helene | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock