Beitrags-Archiv für die Kategory 'Hermann, Judith'

Judith Hermann

Samstag, 2. Mai 2009 13:53

Männer sterben, Frauen trauern
“Alice”, das neue Buch mit fünf Erzählungen von Judith Hermann

Ein Kritiker sollte sich entscheiden können. Wer mit dem Fuß aufstampft und “Ja ja” ruft oder “Nein nein”, hat er bessere Chancen verstanden zu werden. Selbst in unserer kleinen literarischen Öffentlichkeit herrscht heute solcher publizistischer Lärm, dass jedes laue “Jein” bald untergeht. Da braucht es schon den Mut zur Zuspitzung. Andererseits aber hat man als Literaturkritiker seinen Lesern ja nicht viel mehr anzubieten, als das Versprechen, sie mit aller Erfahrung so aufrichtig wie möglich über das jeweilige Buch zu unterrichten. Mit Kritikern, die um ihrer Entschiedenheit Willen die Hälfte dessen beiseite lassen von dem, was sie zu sagen haben, ist niemandem gedient.

Ein neues Buch von Judith Hermann ist auf jeden Fall ein Ereignis. Sie ist eine der wichtigsten Autorinnen der letzten Jahre, verfügt über enormes Talent, hat eine unverwechselbare Stimme und sehr zu Recht großen Erfolg. Wenn jetzt mit dem Band “Alice” nach fast sechs Jahren des Schweigens neue Erzählungen von ihr erscheinen, wird in der fälligen Flut von Rezensionen ohnehin kein Mangel an Superlativen sein. Vielleicht ein guter Anlass bei aller Bereitschaft zur Zuspitzung einmal zu betonen, dass es zwiespältige Bücher gibt, denen man weder mit Begeisterungsschreien noch mit Ablehnungsgesten gerecht wird.

Judith Hermanns neuer Band enthält fünf Erzählungen, alle kreisen um die gleiche Hauptfigur, um eine Frau mittleren Alters namens Alice. Jede trägt als Titel den Namen eines Mannes, von dessen Tod oder Sterben berichtet wird. Jeder davon steht in einem engen Verhältnis zu Alice, mal ist es ein Ex-Geliebter, mal ein Onkel, mal der Lebensgefährte. Doch letztlich geht es nicht um diese Männer, sondern um die Titelheldin Alice und die Frage, wie sie sich durch die Begegnungen mit dem Tod verändert. Judith Hermann hat die Geschichten durch Details behutsam miteinander verknüpft. In der letzten tauchen, wie beim klassischen Bühnenfinale, Figuren aus allen vorangegangenen Teilen wieder auf. Zusammen bilden sie einen durchkomponierten Erzählungszyklus.

Die erste Geschichte ist fabelhaft. Rund fünfzig Seiten großartiger Prosa von einer Dichte, Intensität und Vielschichtigkeit, wie sie nicht viele Schriftsteller hierzulande erreichen. Judith Hermann verfügt über die Gabe, einem mit zwei, drei Sätzen Schauplätze und deren Stimmung so vor Augen zu rücken, dass man glaubt, sie mit Händen greifen zu können. Ihre Erzählsprache hat regelrecht lyrische Qualitäten, sie ist durchgearbeitet nach Melodie, Rhythmus, Klangfarbe, ohne deshalb je angestrengt oder geziert zu wirken. Alles liest sich schwebend leicht.

Erzählt wird von einer einfachen, aber einschneidenden Erfahrung. Alice steht für einige Tage einer Freundin bei, deren Mann (ein Ex-Freund Alices) im Krankenhaus irgendeines Provinzkaffs den Krebstod stirbt. Die beiden Frauen sind für diese Zeit in einer schäbigen Ferienwohnung untergekommen und fühlen sich, als sei ihnen die Haut vom Leib gezogen. Alle anderen Leute sind zwar nicht ohne Mitgefühl, leben verständlicherweise aber ihren Alltag weiter - ja der Vermieter der Ferienwohnung macht Alice sogar unappetitliche sexuelle Avancen. Viel mehr geschieht nicht, aber mehr braucht Judith Hermann auch nicht, um zu zeigen, dass allein schon dieses brutale Nebeneinander zwischen emotionaler Not hier und ganz gewöhnlicher Ungerührtheit dort einem dünnhäutigen Menschen unwiderruflich jede Fassung rauben kann.

Von Beginn an zählte es zu Judith Hermanns besonderen Fähigkeiten, die Lebenshaltung von Menschen vergegenwärtigen zu können, die in den konventionellen Sinnangeboten der Gesellschaft weder Schutz suchen, noch ihn dort finden können. Früher einmal, in den guten alten pathetischen Zeiten, hätte man vielleicht von der metaphysischen Obdachlosigkeit ihrer Figuren gesprochen. Doch Judith Hermann siedelte sie in unserer popkulturell geprägten Gegenwart an - weshalb man ihre Geschichten gern als melancholische Selbstbespiegelungen einer partygeilen Wohlstands-Boheme missversteht. So als suche einen das Wissen um die absurde Verlorenheit des Lebens und der Wunsch, ihm einen eigenen Sinn zu geben, nur beim Studium von Sartre heim und nicht genauso gut in der Kneipe beim Bier. Der Tod ist naturgemäß der härteste und hoffnungsloseste Prüfstein dieser Haltung: “Astronauten”, schießt es Alice durch den Kopf, als sie die Nachricht vom Tod des Freundes erhält, “wir sind wie Astronauten, es gibt nirgends einen Halt.”

Auch die zweite Erzählung ist großartig, aber vielleicht um eine Nuance konventioneller. Alice reist mit zwei gleichaltrigen Begleitern an den Gardasee zu einem väterlichen Freund - der schon am Tag nach ihrer Ankunft an einer plötzlichen Erkrankung stirbt. Hier ist es der Gegensatz zwischen der Erwartung unbeschwerter Ferientage und dem Entsetzen angesichts des überraschenden Todes, der Kontrast zwischen der berauschenden Schönheit des Gardasees und dem ernüchternden Bewusstsein von der Verletzlichkeit des Daseins, der die Geschichte trägt. Wenn Alice auf diese Erfahrung mit einem Ausbruch von Lebensgier reagiert und mit einem ihrer Begleiter schläft, “zornig und wüst, heruntergekommen”, dann ist das als literarischen Motiv nicht brandneu, aber psychologisch rundum einleuchtend.

Das Problem des Buches sind aus meiner Sicht die folgenden Erzählungen. Spätestens mit Beginn der dritten hat man als Leser das dramaturgische Konstruktionsprinzip begriffen, weiß, dass uns hier Alices Wandlungen im Umgang mit dem Tod vorgeführt werden. Doch statt die Geschichten nun mit überraschenden Elementen anzureichern, um die thematische Monotonie aufzulockern, verengt Judith Hermann den Blickwinkel zunehmend. Alles konzentriert sich auf die Hauptfigur. Suggestive atmosphärischer Schilderungen wie die der Kleinstadt oder des Gardasees in den ersten beiden Geschichten gibt es kaum noch. Die Erzählungen färben sich grau in grau ein, die Kontraste, die den ersten beiden so viel Spannung gaben, treten zurück.

Natürlich hat das eine gewisse psychologische Folgerichtigkeit. Für den Trauenden wird das Leben jenseits seines Schmerzes zur bloßen Banalität. Der Alltag, der die Menschen gewöhnlich in Atem hält, erscheint ihm wie eine Pappfassade. Denn seine Sehnsucht gilt dem unwiederbringlich Verlorenen und nicht mehr dem, was gegenwärtig ist. Doch ändert das nichts daran, dass die zweite Hälfte von Judith Hermanns Buch verglichen mit der ersten spürbar schlichter wirkt und auf eine voraussehbare Weise konsequent auf Moll gestimmt.

Mehr noch: Es gibt so etwas wie eine Verliebtheit des Trauernden in seine Trauer. Eine Ergriffenheit über die eigene Ergriffenheit. Sein Leid wird dann zu so etwas wie einem Feldzeichen, das er vor sich herträgt. Mir scheint die zweite Hälfte von Judith Hermanns Buch nicht frei zu sein von einer solchen Selbstfeier des Schmerzes. Es mischt sich damit in ihre so geschmeidige, stimmungsvolle Prosa ein unschöner Unterton von Trauerbesessenheit, ja Trauerbegeisterung. Alice wirkt nicht wie zerstört, sondern so als zelebrierte sie ihren Kummer wie ein Zeichen der Auserwähltheit. Und Judith Hermann führt das nicht aus einigem Abstand zu ihrer Hauptfigur als Beispiel einer missratenen, von der eigenen Sensibilität verzückten Schwermuts vor, sondern bleibt ohne Distanz zu ihr.

Kurz: Ein zwiespältiges Buch. Ein grandioser Beginn, der erkennen lässt, dass Judith Hermann trotz all der selbsternannten Generations-Experten, die in ihren frühen Geschichten Sex-und-Drogen-Reports von der Jugendfront sehen wollten und den Hass-Kampagnen manchen Kritiker, die ihr partout ihren Erfolg nicht verzeihen können, nach wie vor zu den besten Erzählerinnen gehört, die gegenwärtig in deutscher Sprache schreiben. Eine missglückte zweite Hälfte jedoch, in der bei aller stilistischen Brillanz, ein Leidensstolz mitschwingt, der einem die Lektüre spürbar verderben kann.

Judith Hermann
Alice.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009
189 Seiten, 18,95 Euro.

Thema: Hermann, Judith | Comments Off | Autor: Uwe Wittstock

Judith Hermann

Donnerstag, 30. April 2009 6:58

“Ich bin ein sehr abergläubischer Mensch”
Ein Gespräch mit der Schriftstellerin Judith Hermann über Bestseller-Ruhm, Hokuspokus und merkwürdige Komplimente sowie ihr neues Buch “Alice”

Uwe Wittstock: Ihr erstes Buch “Sommerhaus, später” war außergewöhnlich erfolgreich, über 600 000 Exemplaren wurden bislang verkauft. Hat Sie dieser Erfolg als Schriftstellerin glücklich gemacht?

Judith Hermann: Um diese Frage mit einem Ja oder Nein beantworten zu können, müsste ich mich viel mehr wie eine Schriftstellerin fühlen. Später, in zig Jahren, wenn ich dann den so genannten Rückblick halten darf, wird’s mich vielleicht freuen, dass ich mit 28 dieses Debüt gehabt habe. Interessanter ist, dass ich heute noch, elf Jahre danach, darauf angesprochen und danach gefragt werde. Das erste Buch scheint immer noch die Instanz zu sein, an der alle anderen gemessen werden. Mich macht das nicht nur glücklich.

Uwe Wittstock: Nach einem solchen Erfolg ist der Autor natürlich mit hohen Erwartungen konfrontiert. Haben Sie die beim Schreiben belastet?

Judith Hermann: Jetzt, beim dritten Buch, nicht mehr. Beim zweiten Buch war die Belastung groß und ich habe ziemlich lange gebraucht, bis ich wieder Sätze zu Papier bringen konnte. Nachdem “Nichts als Gespenster” erschienen war, hatte ich allerdings angenommen, die Erwartungsgeschichte habe sich dann erledigt. Und jetzt merke ich, dass das eben nicht der Fall ist.

Uwe Wittstock: Hätten Sie gern weniger Erfolg gehabt?

Judith Hermann: Nein, natürlich eben nicht. Der Erfolg war und ist eine Belastung und vor allem ist er schön und alle Beschwerden - wenn man sie so betrachtet - sind Beschwerden auf einem hohen Niveau.

Uwe Wittstock: Wie hat Sie der Erfolg verändert?

Judith Hermann: Ich bin dankbar dafür, dass manches sich gar nicht verändert hat. Dass meine Freundschaften meine Freundschaften geblieben sind. Diese Freundschaften hat es vor “Sommerhaus, später” schon gegeben und sie bestehen weiter. Bezeichnenderweise sind nicht allzu viel neue dazu gekommen und ich könnte mich fragen, warum eigentlich nicht - vielleicht bin ich misstrauischer, als ich es sonst gewesen wäre, weniger offen, isolierter. Kann sein. Vielleicht ist das aber auch eine Frage des Älterwerdens.

Uwe Wittstock: Sobald die Rede auf Judith Hermann kommt, sprechen oder schreiben manche Kritikern, die sich sonst als seriös betrachten, mehr über die Autorenfotos von Ihnen als über die Inhalte Ihrer Bücher. Woher kommt das?

Judith Hermann: Das würde ich auch gerne wissen.

Uwe Wittstock: Viele Ihrer Erzählungen werden in öffentlichen Diskussionen gar nicht wie Literatur, also wie Fiktion behandelt, sondern so, als schrieben Sie an einem Report über das Leben ihrer Generation am Prenzlauer Berg. Wundert Sie das?

Judith Hermann: Ja. Sehr.

Uwe Wittstock: Woher kommt das?

Judith Hermann: Weiß ich ebenso wenig.

Uwe Wittstock: Stört es Sie?

Judith Hermann: Ja, manchmal stört mich das. Aber manchmal kann ich dieses Missverständnis auch wie ein etwas merkwürdiges Kompliment betrachten - offensichtlich gibt es da an meiner Weise zu erzählen etwas, das den Eindruck erweckt, ich stünde ganz und gar dahinter. Und so soll es ja im besten Fall auch sein. Es ist nur ein bisschen anstrengend, wenn man nach dem Erzählen auch erklären soll, wie das Erzählte zu verstehen ist und wie man es besser nicht verstehen sollte, wenn man eine Lesart vorschlagen soll. Vielleicht ist dieses neue Buch nicht so leicht wie eine Reportage übers Leben und Sterben zu lesen, zu vieles darin bleibt inkonkret, angedeutet und offen.

Uwe Wittstock: Sie sind, wenn nicht gerade ein neues Buch von Ihnen erscheint, sehr zurückhaltend mit öffentlichen Auftritten.

Judith Hermann: Ja, und das ist eine instinktive Reaktion und keine Überlegung. Eine Art Intuition? Ich fühl’ mich nicht berufen, Podien zu besteigen, ich habe keine öffentliche Antwort auf politische und gesellschaftliche Fragen und keine öffentliche Meinung zu meiner Generation im Prenzlauer Berg. Ich denke dieses und jenes und spreche darüber in meinem Freundeskreis und behalt’s darüber hinaus für mich.

Uwe Wittstock: Ihr neues Buch “Alice” ist kein Roman, sondern wieder ein Band mit Erzählungen. Was reizt Sie an dieser kürzeren Form?

Judith Hermann: Es gibt den schönen Satz von Katja Lange-Müller, die eine große Geschichtenerzählerin ist - “nicht der Autor entscheidet über die Länge eines Textes, sondern der Text an sich.” Das war bei diesen Erzählungen genau so. Ich habe lange Zeit an einem längeren Text geschrieben, der sich immer weiter drehte, aber nicht auf den Punkt kam, sich im Kreis bewegte und zu nichts führte, was ich hätte abgeben wollen. Erst als ich in der Micha-Geschichte ankam, die dann die erste Geschichte des neuen Buches wurde, stellte sich ein Gefühl der Erleichterung ein, wie ein - Ankommen. Ich kann’s nicht begründen, es hängt vielleicht damit zusammen, dass ich situative, gegenwärtige Momente beschreiben will und die sind nach einem kurzen Brückenschlag eben vorbei.

Uwe Wittstock: Was ist der Vorzug einer Erzählung im Vergleich zum Roman?

Judith Hermann: Im besten Fall ist eine Erzählung so etwas wie eine Fotografie, es ist die sehr präzise Beschreibung eines Augenblickes. Etwas, bei dem man das Davor und Danach nicht erzählen muss, sondern sich beim Jetzt aufhalten kann - aber vielleicht erreicht, dass ein Leser sich dann das Davor und Danach gerne selber überlegen will. Ich kann ganz genau bei dem bleiben, was mich an einer Situation interessiert. Der Nachteil ist, dass auf dieser kurzen Strecke dann alles stimmen muss. Ich kann nichts verbergen und jeder Fehler fällt sofort auf, auf 350 Seiten kann man sich, glaube ich, sehr viel mehr Ungenauigkeiten erlauben.

Uwe Wittstock: Neben der Liebe ist der Tod wohl das wichtigste Thema der Literatur. Ihre Hauptfigur Alice wird in dem neuen Buch gleich mehrfach mit dem Sterben von Menschen konfrontiert, die ihr lieb sind. Sie haben in die Geschichten aber zugleich eine Motivkette eingewebt, die von Zauberern, Hokuspokus, Abrakadabra oder Hexen spricht, ohne dass dabei auf esoterischen Aberglauben gezielt würde.

Judith Hermann: Ich bin ein sehr abergläubischer Mensch. Klassisch abergläubisch und darüber hinaus heimlich, persönlich, geheim. Jeder kennt das, das magische Denken der Kinder - wenn ich es von hier bis zur Schule schaffe, ohne auf die Fugen zwischen den Steinen zu treten, werde ich eine gute Mathematikarbeit schreiben. Dieser kleine Pakt ist ein Schutz und den Erwachsenen soll der Aberglaube vor den möglichen Verlusten schützen. Vor den großen Verlusten des Erwachsenenlebens. Hokuspokus? Vielleicht. Aber vielleicht eben auch nicht.

Thema: Hermann, Judith | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Judith Hermann

Samstag, 25. April 2009 6:45

Alice, das leichte Spiel und der Ruhm

Na, also ein Trend ist das nicht. Überhaupt bekommen wir Kritiker ja oft etwas leicht Penetrantes bis schwer Peinliches, sobald wir glauben, die allerneuesten Moden der Literatur verkünden zu müssen. Da werden dann ein paar frisch erschienene Bücher, die eben noch verträumt auf eigenen Pfaden durch die Landschaften der Dichtung stapften, im heiseren Kommandoton in Formation gebracht und zu Spähtrupps erklärt, die ästhetisches Neuland erkunden. Schon zwei, drei Jahre später spricht niemand mehr vom angeblichen Trend - schon weil dann alle von den Trends der aktuellen Saison sprechen - und es ist offensichtlich, dass die damals so eifrig hergezählten Titel kaum mehr gemeinsam hatten als dasselbe Erscheinungsjahr.

Hier nun soll es um Judith Hermanns neues Buch gehen, das nächste Woche herauskommt und fünf Erzählungen umfasst, die alle von der Titelfigur “Alice” berichten. Und um Botho Strauß’ neues Stück “Leichtes Spiel”, das in zehn Szenen “neun Personen einer Frau” vorführt. Und um Daniel Kehlmanns Band “Ruhm”, der in neun Geschichten zwar nicht immer von derselben Figur, wohl aber immer vom selben kunstvoll verknüpften Figurenensemble erzählt.

Neu ist das Verfahren nicht. Statt in einem Roman oder einem Drama eine lange, zusammenhängende Geschichte über die Hauptfigur auszubreiten, lässt es die Autorin oder der Autor bei kurzen Handlungsausschnitten. Es wird kein Porträt des Helden entworfen, sondern eine Serie von Schnappschüssen geliefert, die ihn aus verschiedenen Perspektiven zeigt. Die unübersehbaren Bruchkanten zwischen diesen Fragmenten betonen vor allem eines: Dass der Autor nicht alles über seine Figuren weiß, dass er sie zwar erfunden hat, sie aber dennoch ihre Geheimnisse bewahren, kurz: dass sich ein Leben nicht lückenlos erzählen lässt.

Neu ist das, wie gesagt, nicht. Vielmehr gehören solche Überlegungen spätestens seit Beginn der Moderne, also seit rund hundertfünfzig Jahren zum kleinen Einmaleins der literarischen Ästhetik. Und natürlich gibt es Möglichkeiten, auch in traditionell gebauten Romanen oder Dramen die unaufklärbaren Resträtsel jeder Persönlichkeit zu betonen. Dennoch ist bemerkenswert, wie viele Erzählungsbände - Ingo Schulzes “Simple Storys” etwa oder Judith Hermanns “Sommerhaus, später” - in den letzten Jahren auf überraschend starke Resonanz stießen.

Sicher, auch heute noch stehen fast ausschließlich Romane auf den Bestsellerlisten. Doch immer häufiger gelingt Geschichtensammlungen oder anspruchsvoll durchkomponierten Erzählungszyklen wie Kehlmanns “Ruhm” der Einbruch in diese Phalanx. Offenbar scheinen immer mehr Leser nicht nur Genuss am epischen Langstreckenlauf, sondern auch am Erzählsprint zu entwickeln. Was erfreulich ist. Denn es gibt weit mehr makellose Kurzgeschichten als makellose Romane. Fast jeder Roman enthält auch schwache Passagen, denn kaum ein Autor kann mehrere hundert Seiten perfekte Prosa liefern. Zwei, drei Dutzend perfekte Seiten aber schon.

Thema: Hermann, Judith | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Judith Hermann

Mittwoch, 28. November 2001 6:35

Das Gebot mit dem Freund der Freundin zu schlafen
Zur Debatte um die Kleistpreisträgerin Judith Hermann

Es ist immer schön, auf Leute zu treffen, die ganz genau Bescheid wissen. Dorothea Dieckmann zum Beispiel weiß genau Bescheid, was Literatur ist und was Trivialliteratur (siehe “Die Zeit” vom 22. November). Und weil sie das so genau weiß, möchte sie, dass die Grenze zwischen beidem auch öffentlich wieder messerscharf gezogen wird, damit - was ihr große Sorgen bereitet - “nicht länger neben Reinhard Jirgl und Elfriede Jelinek eine Zoë Jenny, neben Wolfgang Hilbig oder Peter Handke eine Judith Hermann, neben W. G. Sebald die Plattitüden eines Dietrich Schwanitz oder ein Romänchen von Elke Schmitter und neben Brigitte Kronauer etwa der Berufspubertäre Christian Kracht oder die Altmännerbekenntnisse eines Hellmuth Karasek stehen.”

Schön, wie gesagt, dass es jemanden gibt, der so genau Bescheid weiß, schön, dass es sie immer noch gibt, diese Platzanweiser unseres Kulturbetriebs, die eifrig darüber wachen, wer neben wem stehen darf und wer nicht. Nun wurde aber just am vergangenen Wochenende Judith Hermann, also einer jener Autorinnen, die Dorothea Dieckmann vom Höhenkamm der Literatur ins Flachland der Trivialliteratur verdammt, durch Michael Naumann - den ehemaligen Kulturstaatsminister und jetzigen Herausgeber der “Zeit” - mit dem Kleistpreis eine der wichtigsten Literaturauszeichnungen des Landes zugesprochen und verliehen. Offenbar gibt es also Menschen, die zu anderen ästhetischen Urteilen kommen als Dorothea Dieckmann, obwohl die doch so genau Bescheid weiß - und so wächst die Neugier (beim Autor dieser Zeilen vor allem mit Blick auf Judith Hermann), all die vielen sorgfältig erwogenen Kriterien kennen zu lernen, die sie in ihrem Urteil so sicher, so unerschütterlich machen.

Allein, sie hat keine. Zumindest gibt sie uns über diese keine Auskunft. Sie weiß zwar eine Menge Übles über Schriftsteller zu sagen, die sie augenscheinlich nicht mag - so zum Beispiel, dass es die “kühle Sinnlichkeit” junger Autorinnen gebiete, “mit dem Freund der besten Freundin zu schlafen” - doch wie sie zu ihren bemerkenswerten Überzeugungen kommt, verrät sie uns nicht. Sie geißelt “programmierte Schamlosigkeiten”, “abgesunkene Metaphern”, “vernutzte Wortgesten” und (einen Feuilleton-Artikel schreibend) “gespreizte Feuilletonwendungen” - und wer geißelt die nicht gern mit ihr? Doch bekanntlich verstehen die Leser unter den Begriffen, mit denen Dorothea Dieckmann hier so fleißig fuchtelt, nie das gleiche, sondern tarnen damit notdürftig ihren persönlichen Geschmack, also ihre - dem je individuellen Bildungsgang geschuldeten - ästhetischen Idiosynkrasien.

Allenfalls ex negativo lässt sich ein einziges Kriterium für Dorothea Dieckmanns scharfrichterliche Literaturrechtsprechung erschließen: Rainald Goetz attestiert sie, ein “Brett” vorm Kopf zu haben, denn was er schreibe, koste ihn “keine Überwindung. Es kommt nicht aus dem Schweigen, sondern ist Teil des Geschwätzes”. Nun ist auch der indirekte Hinweis, die hohe, die hehre Literatur habe “aus dem Schweigen” zu kommen nicht eben präzise. Wir beeilen uns trotzdem, ihm nachzugehen, in der kühnen Hoffnung unsrer literaturkritischen Sache irgendwann ebenso sicher zu sein wie diese Autorin.

Kann es sein, dass hinter diesem Kriterium die Grundüberzeugung der literarischen Moderne steht, unsere Sprache sei durch den Journalismus (”gespreizte Feuilletonwendungen”) und das Alltagsgerede (”Nachmittagstalkshow”) so abgenutzt, dass sich mit ihr das Wahre, Schöne, Gute überhaupt nicht mehr formulieren lässt? Dass also den besten Schriftstellern die Worte wie modrige Pilze im Mund zerfallen? Dass sich diese Schriftsteller deshalb ins Schweigen zurückziehen? Dass jedes ernst zu nehmende literarische Werk diesem Schweigen abgerungen und in einer neuen, bislang unbekannten, innovativen Sprache verfasst sein muss? So predigten es die Klassiker der Moderne.

Kann es sein, fragen wir uns da, dass Dorothea Dieckmann nicht bemerkt hat, wie alt diese reine Lehre inzwischen ist, nämlich gut hundert Jahre, schaut man genauer hin fast zweihundert Jahre? Dass sie mithin inzwischen nicht mehr innovativ, sondern selbst zum Klischee geworden ist? Dass Schriftsteller, die unermüdlich darauf bestehen, ihre Werke “aus dem Schweigen” kommen zu lassen, inzwischen meist gut abgehangene Kopien fünfzig, siebzig, achtzig Jahre alter Experimente abliefern? Dass mithin die gute alte literarische Moderne heute ihren eigenen Ansprüchen nicht mehr genügt?

Es ist ja nicht purer Übermut, der heute so viele an der Unterscheidung zwischen Literatur und Trivialliteratur zweifeln, pathetisch gesagt, verzweifeln lässt. Es sind auch nicht - wie Dorothea Dieckmann so unvergleichlich zeitkritisch anklingen lässt - die bösen Vermarktungsmechanismen unserer Wirtschaft. Es ist viel eher die Erkenntnis, wie alt die literarische Moderne samt ihrer unbeirrbaren Parteigänger mittlerweile aussieht. Die Erkenntnis, wie wenig wirklich Neues sich heute noch mit einer Ästhetik der Innovation erreichen lässt - wo doch unsere Zeit längst geprägt wird von Wirtschaftlern, Wissenschaftlern oder auch Werbern, die ebenfalls wortreich die permanente Innovation predigen.

Doch sobald alte Paradigmen erschöpft sind - lehrt die Geschichte der Literatur - folgt ein poetologischer Bruch, ein radikaler Neuansatz, wächst bei Schriftstellern, die diesen Namen wert sind, die Bereitschaft, sich nicht mehr um das zu kümmern, was lange Zeit unbestreitbar als hohe Kultur galt. Statt dessen greifen sie dann gern zu lange verachteten, als trivial denunzierten Mustern, um ihre Kunst aus der Erstarrung zu reißen und zu erfrischen. Deshalb eben ist es mitunter so schwer, die Grenze zwischen Literatur und Trivialliteratur zu ziehen - und ganz genau Bescheid zu wissen. Aber das scheint sich zu Dorothea Dieckmann noch nicht herumgesprochen zu haben.

Thema: Hermann, Judith | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock