Beitrags-Archiv für die Kategory 'Reich-Ranicki, Marcel'

Marcel Reich-Ranicki

Montag, 30. Januar 2012 17:27

Land der vielen Seiten

Am 27. Januar 2012 sprach Marcel Reich-Ranicki im Bundestag über den Holocaust. Eine Zugfahrt mit dem literarischen Beichtvater der Deutschen / Reportage von Uwe Wittstock

Er ist die Ruhe selbst. Marcel Reich-Ranicki zeigt keine Spur von Nervosität auf dem Weg zu Frankfurter Bahnhof, obwohl er sich aufmacht zu der bedeutendsten Rede seines Lebens. Der bedeutendsten Rede zumindest nach gewöhnlichen Maßstäben. Der Deutsche Bundestag hat Marcel Reich-Ranicki gebeten, am Holocaust-Gedenktag über die Verbrechen der Deutschen zu sprechen. Als einer der letzten lebenden Zeitzeugen des millionenfachen Massenmords soll nicht nur die Abgeordneten, sondern letztlich das ganze Land an die deutschen Verbrechen erinnern.

Vielleicht wird es bedeutendste Rede seines Lebens werden, aber sicher nicht die wichtigste. Die hat er längst gehalten, vor fast genau siebzig Jahren in Warschau. Auch damals im Herbst 1942 war er auf dem Weg zu einem Bahnhof – zu dem „Umschlagplatz“ genannten Höllenort im Warschauer Ghetto. Von dort gingen die Züge ab, die direkt in die Gaskammern von Treblinka führten. Über 300.000 Menschen wurden so in nur sieben Wochen viehisch ermordet.

Damals war Reich-Ranicki nicht die Ruhe selbst, er rannte. Soldaten hatten seine Frau Tosia, gerade 22 Jahre alt, auf den „Umschlagplatz“ verschleppt. Jederzeit konnte der nächste Zug in die Vernichtung abfahren. Reich-Ranicki fand den Kommandanten der jüdischen Miliz, der Aufsicht führte über den Wartesaal des Todes. Nur für ihn als einzigem Zuhörer hielt Reich-Ranicki die tatsächlich wichtigste Rede seines Lebens, aus dem Stegreif, ohne Vorbereitung – und fand Worte, die den Mann überzeugten. SS-Leute waren nicht in der Nähe, so konnte der Kommandant es wagen, Tosia freizulassen, zurück ins Ghetto, zurück ins Leben.

Wer einmal eine solche Rede halten musste, der hat vielleicht die Fähigkeit verloren, vor Ansprachen nervös zu sein.

Auf dem Frankfurter Bahnhof, sieben Jahrzehnte und eine beispiellose Karriere als Kritiker später, sind sein Sohn Andrew und seine Schwiegertochter Ida bei ihm. Sie helfen dem 91jährigen in den ICE, die Stufen sind für ihn beschwerlich hoch. Die Familie hat ein Abteil reserviert, ein befreundeter Arzt, der Reich-Ranicki schon seit Jahren behandelt, begleitet sie. Er ist spürbar froh, den erfahrenen Mediziner bei sich zu haben. Aber Tosia fehlt, fehlt für immer, sie starb im vergangenen Mai nach nicht weniger als 69 Jahren Ehe.

Es ist eine bemerkenswerte Erfahrung, mit Marcel Reich-Ranicki in der Öffentlichkeit unterwegs zu sein. Er wird erkannt, gegrüßt oder angesprochen wie andere Prominente auch. Doch bei ihm kommt noch etwas hinzu: Fremde fühlen sich durch die Begegnung mit ihm auf offener Straße zu einer Art kultureller Selbstprüfung angeregt. Sie gehen auf ihn zu, schütteln seine Hand und legen Rechenschaft ab, was und wie viel sie gelesen haben. Reich-Ranicki ist zum literarischen Beicht- und Übervater der Nation herangewachsen.

„Ihre Artikel, Ihre Rezensionen haben mir immer viel bedeutet“, sagt ein Herr mit Koffer auf dem Bahnsteig.

Welche Rolle Reich-Ranicki im Bewusstsein vieler Leser einnimmt, war an seinem 85. Geburtstag zu erleben. Frankfurt feierte ihn in der Paulskirche, ihrem geschichtsträchtigsten Ort. Als Reich-Ranicki vorfuhr und aus dem Wagen stieg, zog gerade das endlose Band einer Studentendemonstration vorüber. Die jungen Leute protestierten gegen die Gebühren an den Universitäten. Die Studenten erkannten Reich-Ranicki sofort. Sie wussten, dass er Geburtstag hatte. Sie hörten für den Moment auf, ihre Protestparolen zu skandieren, und stimmten ein fröhliches „Happy birthday to you“ für ihn an.

Kaum hat der ICE den Bahnhof verlassen, meldet sich Reich-Ranickis legendäre Ungeduld: „Mein Gott, der Zug fährt erbärmlich langsam.“

Dann, 50 Kilometer weiter, mit einem verzweifelten Blick aus dem Fenster: „Es passiert ja nichts!“

Hinter Fulda: „Es ist so langweilig.“

Hinter Wolfsburg: „Nichts los. Wie in Sibirien.“

Sohn Andrew versucht, beruhigend zu widersprechen: „Nein, Sibirien ist schlimmer.“ Worauf sich Reich-Ranicki bei seinem Arzt über den Sohn beklagt: „Er weiß alles besser.“

Gesprächsthemen werden gesucht, um den anspruchsvollen Reisenden zu unterhalten. Mit seinem Sohn, Mathematikprofessor in Edinburgh, spricht er gelegentlich polnisch, seine Schwiegertochter, die in Amerika geboren wurde, antwortet auf Englisch.

Ob Bundespräsident Christian Wulff wegen seiner Affäre zurücktreten solle? „Natürlich“, sagt Reich-Ranicki sofort, „er muss unbedingt zurücktreten.“

Was in seinen Augen der entscheidende Fehler Wulffs sei? Reich-Ranicki zögert kurz, bevor er gewohnt entschieden antwortet: „Wulff hat offenbar zu hohe finanzielle Ansprüche, um als Politiker unabhängig zu sein.“ Am nächsten Tag im Parlament wird Christian Wulff neben ihm sitzen und ihn zum Rednerpult begleiten.

Irgendwann bei Göttingen holt der Sohn eine leere Ringbuchmappe aus dem Koffer, die seine Frau noch kurz vor der Abreise gekauft hat. Gemeinsam mit seinem Vater heftet er das Redemanuskript ein. „Damit die Seiten nicht durcheinandergeraten können“, erklärt Andrew Ranicki.

Die Vorbereitungen für diese besondere Rede bekommen nun doch eine feierlichere Form als die für all jene Reden über Schriftsteller und Literatur, die Reich-Ranicki nicht selten frei, ohne Manuskript oder Stichpunkte hält. Falls im Bundestag seine Kraft oder Stimme versagen sollte, haben die beiden abgesprochen, muss der Sohn die Rede des Vaters zu Ende bringen.

Als spüre der Patriarch, dass jetzt doch, kurz vor Berlin, im Abteil eine Anspannung entsteht, die er nicht wünscht, fragt er: „Was haltet ihr von Thomas Gottschalks neuer Show?“ Die Mitreisenden wiegen eher skeptisch die Häupter.

„Ja“, sagt Reich-Ranicki, „er muss besser werden.“ Sohn Andrew lacht und erzählt: Als sein Vater zum ersten Mal zu „Wetten, dass . .?“ eingeladen werden sollte, rief Gottschalk persönlich an und merkte bald, dass der Literaturkritiker Reich-Ranicki noch nie im Leben von der Existenz dieser Sendung oder eines Moderators namens Gottschalk gehört hatte.

Woraufhin Gottschalk bat: „Herr Reich-Ranicki, geben Sie den Hörer doch mal Ihrer Frau, die wird Ihnen dann erklären, wer ich bin.“

Tosia bekam den Hörer, erklärte ihrem Mann, wer Gottschalk ist. Seit dem ersten Auftritt bei „Wetten, dass . .?“ verbindet die beiden Männer eine achtungsvolle Fernfreundschaft.

Am Berliner Hauptbahnhof wartet bereits ein Beauftragter des Bundestags. Zwei Wagen fahren Reich-Ranicki und seine Begleiter zügig ins Hotel, denn schon am Tag vor dem Auftritt im Parlament ist der Zeitplan eng: Ein Abendessen ist angesetzt im Journalistenclub des Verlags Axel Springer, danach die „B.Z.-Kulturpreis-Gala“, bei der Reich-Ranicki eine Ehrenauszeichnung für sein Lebenswerk erhält - ein strammes Programm für einen 91-Jährigen. Als er am Abend den Preis schließlich in Händen hält und mit leicht brüchiger Stimme gedankt hat, erheben sich die Zuhörer und applaudieren lange.

Am nächsten Morgen zollen die Abgeordneten im Bundestag Marcel Reich-Ranicki unverkennbar Respekt und Hochachtung, vielleicht sogar etwas wie Zuneigung.

Als Marcel Reich-Ranicki Platz nimmt hinter dem Schild „Deutscher Bundestag“, wirkt er noch ein wenig kleiner. Leise spricht er, vernuschelt einzelne Wörter. Und doch wird die Geschichte verstanden: seine Geschichte aus der Geschichte, die von Tosia, seiner Frau, und dem „Umschlagplatz“, damals im Warschauer Ghetto, und den 300.000 Menschen, die allein von hier in die Gaskammern fuhren.

Bundespräsident Christian Wulff applaudiert. Und Bundestagspräsident Norbert Lammert sagt, er sei „zutiefst dankbar, dass Sie mit Deutschland nicht nur die eine, die menschenverachtende Seite verbinden“.

Die Reportage erschien im Magazin “Focus” vom 30. Januar 2012

Thema: Reich-Ranicki, Marcel | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Marcel Reich-Ranicki

Mittwoch, 2. Juni 2010 7:45

Kritik als geistiges Schauspiel
Zum 90. Geburtstag von Marcel Reich-Ranicki / Eine Talkshow

Fernsehstudio, Scheinwerfer, Kameras. Auf dem Podium ein Moderator und drei Talkshowgäste. Als Kulisse Möbelhaus-Regale mit Möbelhaus-Buchattrappen.

Moderator: Guten Abend meine Damen und Herren, heute feiert der wohl bekannteste Kritiker der Gegenwart, Marcel Reich-Ranicki, seinen 90. Geburtstag. Aus diesem Anlass haben wir drei seiner berühmtesten deutschen Kollegen zum Gespräch eingeladen. Ich darf vorstellen, von rechts nach links: Friedrich Schlegel (1772 – 1829), Ludwig Börne (1786 – 1837) und Alfred Kerr (1867 – 1948).

Schlegel, Börne, Kerr nicken knapp in die Kamera.

Moderator: Marcel Reich-Ranicki wurde 1920 in Włocławek, Polen, geboren, besuchte ab 1929 in Berlin die Schule…

Kerr (unterbricht): Was ist das hier? Schulfunk?

Schlegel: Dafür brauchen Sie uns ja wohl nicht. Das weiß inzwischen jeder. (Steht auf, will gehen).

Kerr: Das weiß jeder Tankwart! Wie Reich-Ranicki so gern sagt. (Will ebenfalls gehen, Börne macht Anstalten, den beiden zu folgen.)

Moderator (verdattert): Aber meine Herren. Was wollen Sie denn?

Kerr: Fragen. Ernste Fragen.

Schlegel: Wir sind schließlich nicht zum Spaß hier.

Schlegel, Börne, Kerr lassen sich zurück in ihre Sessel fallen.

Moderator (eifrig): Also Fragen! Zum Beispiel: Wie konnte Reich-Ranicki die herausragende Position erreichen, die er heute hat?

Kerr: Blöde Frage.

Börne: Das ist viel zu pauschal und undifferenziert gefragt. Ich will Ihnen trotzdem eine Teilantwort geben: Als Reich-Ranicki 1958 in die Bundesrepublik kam, hatte die Literatur eine ganz andere Funktion als heute. Sie war ein Leitmedium mit großem Einfluss auf das öffentliche Bewusstsein des Landes. Von der Kultur erwartete man nach dem Nazi-Desaster politisch-moralische Orientierung. Reich-Ranicki hat damals in seinen Kritiken oft wie ein Anwalt argumentiert. Er hat manchen Autoren nachgewiesen, wie tief sie noch – unbewusst – im Nazi-Denken stecken geblieben waren. Solche Rezensionen von ihm erschütterten den Kulturbetrieb wie Erdbeben. Dazu machte er, der eben aus dem Ostblock gekommen war, den ahnungslosen Westdeutschen klar, was literarisch in der DDR lief und dass dort keineswegs nur dumpfe Parteischriftsteller schrieben.

Schlegel: Mein lieber Börne, ich verstehe: Ihnen als dem politischen Zuchtmeister unter den deutschen Großkritikern gefällt dieser Aspekt an Reich-Ranickis Laufbahn besonders. Aber hinzufügen sollten Sie, wie wenig Reich-Ranicki sich aus politischen Gründen in seinem literarischen Urteil beirren ließ. Seine Verrisse von Heinrich Bölls Romanen sind legendär. Obwohl er Böll politisch verteidigte, ging er mit ihm literarisch ins Gericht.

Kerr: Kritik als geistiges Schauspiel! Großes öffentliches Spektakel. Jeder Artikel ein Drama!

Moderator: Aber andere Kritiker dieser Zeit haben auch politisch argumentiert. Warum wurde gerade Reich-Ranicki so populär?

Kerr: Der Mann hat sagenhaftes Temperament. Seine Kritiken sind keine gelehrten Erörterungen, sondern Brandreden. Er ist ein Volkstribun. Ein Volkstribun der Kritik. So etwas liebt das Publikum. Ich bin Theaterkritiker. Ich weiß das.

Moderator: Aber wurde er von seinem Temperament nicht auch zu Fehlern hingerissen? Hat er nicht auch Autoren verkannt?

Kerr: Blöde Frage. Natürlich.

Börne: Kein Kritiker ist allen Spielarten der Literatur gewachsen. Dazu ist Literatur viel zu komplex. „Was man sagt, stimmt nie“, meinte Robert Musil einmal, „das Phänomen ist immer vielseitiger als die Kritik.“ Also macht jeder Kritiker Fehler. Wie könnte es anders sein? Wenn selbst Ärzte, Apotheker, Architekten Fehler machen, warum sollten gerade Kritiker unfehlbar sein? Kerr hielt Brecht für eine Niete. Schlegel schieb herablassend über Lessings Stücke…

Schlegel: …und von Ihnen, lieber Börne, stammt der Satz: „Seit ich fühle, habe ich Goethe gehasst, seit ich denke, weiß ich warum.“

Börne (mürrisch): Ja, sicher. Wie ich sage: Kein Kritiker ist unfehlbar. Jeder verkennt irgendwann mal einen Autor. Wird ein Kritiker so stark wahrgenommen wie Reich-Ranicki, werden auch seine Fehlurteile stark wahrgenommen. Der Ruhm wirkt wie ein Vergrößerungsglas. Die Missgriffe unbekannter Kritiker werden achselzuckend übergangen und vergessen.

Moderator: Aber warum hatte und hat Reich-Ranicki dann so viele Gegner und oft auch Feinde? Erst kürzlich hat Martin Walser in seinem Tagebuch…

Kerr (unterbricht): Saublöde Frage.

Börne: Verächtlich ist der Kritiker, der keine Feinde hat.

Schlegel: Sich Feinde zu machen, gehört zum Handwerk eines unabhängigen Kritikers. Nur wer so urteilt wie alle anderen Kritiker auch, hat keine Feinde. Denn der geht ängstlich inmitten der Herde in Deckung. Aber Deckung hat Reich-Ranicki nie gesucht. Im Gegenteil. Wer eigenständige und entschiedene Urteile fällt, hat schnell eine eigenständige und entschiedene Kollektion von Feinden. Bei Reich-Ranicki kommt aber vielleicht noch ein zweiter Umstand hinzu. Er selbst hat das beschrieben: Reich-Ranicki zeichnet sich durch eine Eigenschaft aus, die oft bei Juden auffällt, sei es günstig, sei es ungünstig, und die zur Folge hat, dass sie, die Juden, für manche Menschen in ihrer Umgebung nicht so leicht erträglich sind und ihnen vielleicht sogar auf die Nerven gehen. Was ich meine, lässt sich mit Worten wie „Intensität“ oder „Heftigkeit“ andeuten. Reich-Ranicki besitzt Intensität in hohem Maße.

Kerr: Intensität? Leidenschaft! Verbunden mit dem festen Glauben an Vernunft und Argument.

Moderator: Aber von Politik ist in seinen Kritiken heute keine Rede mehr.

Börne: Ja, weil die Welt sich dreht und die Dinge sich wandeln. Und mit ihnen die Literatur.

Schlegel: Spätestens mit den achtziger Jahren hatte sich die Funktion der Literatur in Deutschland geändert. Die einzige intellektuelle Gewissheit war nun, dass es keine intellektuellen Gewissheiten mehr gibt. Dass es nur noch konkurrierende Denkformen gibt, die alle ein gewisses Recht für sich beanspruchen können. Man hat das „postmodern“ genannt, aber es sieht manchen Überzeugungen aus meiner Epoche um 1800 zum Verwechseln ähnlich. Reich-Ranicki hat das gespürt. Also feierte er die Literatur als ein Vergnügen, als ein ironisches Spiel, bei dem Weltsichten erprobt werden, der Autor aber augenzwinkernd zu verstehen gibt, dass man alles das mit gleichem Recht auch aus anderer Sicht betrachten könnte. Mit Beliebigkeit hat das nichts zu tun. Denken Sie daran, wie oft er sich trotzdem mit anderen im Literarischen Quartett in die Haare geriet.

Moderator: Gut, dass Sie das Quartett ansprechen. Hat er damit die Literaturkritik endgültig an die Fernsehunterhaltung verkauft?

Kerr: Bravo, das ist Ihre schwachsinnigste Frage. Das Quartett war Streit um die Literatur vor Kameras. Reich-Ranicki hatte den Mut und das Talent, das zu inszenieren. Hat bis jetzt kein anderer gekonnt. Eingehende, gründliche Literaturkritik war das nicht. Die findet auch weiterhin auf Papier statt. Reich-Ranicki war der erste, der das betonte. Aber der Kritiker darf neue Medien nicht scheuen. Ich habe in meiner Zeit das Radio für die Kritik erprobt. Mit Erfolg, es hat dem Theater Zuschauer gebracht. So wie das Literarische Quartett der Literatur Leser brachte.

Schlegel: Das Quartett war fabelhaft, weil es demonstrierte, dass zu jedem Buch mehrere Urteile zugleich möglich sind. Wenn ein Kritiker schreibt, will er allein seine Ansichten gelten lassen. Wenn er aber im Quartett mit anderen sprach, musste er sich die Ansichten der anderen anhören. Den Zuschauern wurde gezeigt, dass es auch in der Literatur keine Gewissheiten gibt, sondern nur Meinungen. So lieferte das Literarische Quartett ein Bild seiner Zeit.

Börne: Dazu lieferte es einen Beweis: Nämlich wie lehrreich Fernsehen sein kann, wenn Moderatoren ausnahmsweise etwas vom Thema ihrer Sendung verstehen. (Sieht den Moderator an.) Reich-Ranicki hat Beispielloses geleistet für Literatur und Kritik in Deutschland. Nicht zuletzt hat er immer wieder an uns, an die Kollegen Schlegel, Kerr und mich erinnert. Weshalb es für uns ein Leichtes war, diese Talkshow unter anderem mit Worten zu bestreiten, die er über uns schrieb oder aus unseren Werken zitierte.

Der Moderator schwitzt, gibt der Regie ein Zeichen, die Kamera schwenkt auf die Buchattrappen, der Abspann beginnt.

Die Talkshow erschien in der “Welt” zu Marcel Reich-Ranickis 90. Geburtstag am 2. Juni 2010.

Thema: Hein, Christoph, Reich-Ranicki, Marcel | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Marcel Reich-Ranicki

Sonntag, 2. Mai 2010 7:01

“Na ja, so ganz seriös war das alles nicht”
Im Gespräch erinnert sich Marcel Reich-Ranicki an die erste Rezension seines Lebens und die Musik im Warschauer Getto - und geht mit sich selbst hart ins Gericht

„Womit wollen Sie mich jetzt schon wieder langweilen?“ fragt Marcel Reich-Ranicki zu Begrüßung. Im Juni wird er 90 Jahre alt und sieht ein wenig müde aus. Aber nicht so, als würde er lange fackeln, falls man ihn tatsächlich langweilen sollte. „Das würde ich nie wagen“, behaupte ich also vorsichtshalber, und überreiche ihm die „Gazeta Zydowska“ vom 5. Dezember 1941. Es ist die Zeitung der polnischen Gettos, in denen die Deutschen während des Zweiten Weltkriegs hunderttausende von Juden zusammentrieben, um sie schließlich zu ermorden. Nur sehr wenige sind wie Reich-Ranicki und seine Frau Tosia davongekommen.

Die Nummer der „Gazeta Zydowska“ enthält die erste Rezension, die Reich-Ranicki, dieser Großmeister der Kritik, in seinem Leben veröffentliche. Es ist die Besprechung eines Konzertes mit Stücken von Tschaikowski, Weber und Beethoven, die er in Alter von 21 Jahren unter dem Pseudonym Wiktor Hart schrieb. Gerhard Gnauck, der Warschau Korrespondent der „Welt“ hat sie in einem polnischen Archiv entdeckt.

Reich-Ranicki beugt sich über die alten Seiten der Zeitung. Er sitzt in einem hohen schwarzen Sessel vor einer Bücherwand, die halb Deutschland durch diverse Fernsehinterviews bestens bekannt ist. Er blättert, findet seinen Artikel und liest. Er nickt unregelmäßig mit dem Kopf, als würde er die Punkte hinter den Sätzen heute, fast 70 Jahre nach ihrer Publikation, nochmals setzen müssen. Einmal verzieht er sein Gesicht und ihm entfährt ein halblautes „Ach“. Er scheint nicht mit allem einverstanden zu sein, was er vor über zwei Menschenaltern schrieb. Dann schaut er auf, fährt sich mit der flachen Hand über den Stirn, wirft den Kopf in den Nacken und fragt herausfordernd: „Ja, und?“

Uwe Wittstock: Ist das tatsächlich die erste Kritik, die Sie veröffentlichten?

Marcel Reich-Ranicki: Nein und Ja. Ich hatte schon in meiner Berliner Schulzeit ein intensives Interesse für Kritik, für Theaterkritik vor allem. Meine Deutschaufsätze waren von der Ambition her als literarische Kritik gemeint (lacht). Eines Tages beschloss ich, in einem Schulheft Kritiken zu schreiben über Aufführungen des Renaissance-Theaters in Berlin. Als erstes rezensierte ich eine Aufführung von Ibsens „Hedda Gabler“. Nach zwei solchen Besprechungen kam ich von der Idee wieder ab und das Heft blieb halbleer liegen. Was Sie mir hier mitgebracht haben, ist also nicht die erste Rezension, die ich geschrieben habe, wohl aber die erste, die gedruckt wurde.

Wittstock: Was halten Sie heute davon?

Reich-Ranicki: Bevor man einen Text kritisiert, selbst wenn es nur eine kleine Rezension ist, muss man sich die historische Situation vor Augen stellen, in der er entstanden ist. Bevor ich in Warschau ins Getto kam, las ich viel und war in hohem Maße an Konzerten und Oper interessiert. Als meine Familie und ich dann ins Getto umziehen mussten, wollte ich von Literatur zunächst nichts mehr wissen. Die Musik spendete Momente des Vergessens und damit des Trosts. Das gelingt der Literatur nicht in der gleichen Intensität. Weshalb sollte ich beginnen, einen dicken Roman zu lesen, wenn ich mir nicht sicher sein konnte, ihn zu Ende lesen zu können, weil mich deutsche Soldaten vielleicht morgen schon oder in den nächsten Stunden ermorden würden?

Wittstock: Wer organisierte diese Konzerte im Getto?

Reich-Ranicki: Natürlich die Musiker selbst. Es waren Berufsmusiker, sie wären verhungert, wenn sie nicht Auftrittsmöglichkeiten gefunden hätten.

Wittstock: Wenn Sie Ihre Kritik heute lesen, was halten Sie davon?

Reich-Ranicki: Na ja, so ganz seriös war das alles nicht.

Wittstock: Weshalb?

Reich-Ranicki: Ich hätte das nicht schreiben sollen. Ich war noch so jung, gerade 21 Jahre alt. Ich hatte nicht die Ausbildung, nicht die notwendige Erfahrung.

Wittstock: Aber der Artikel klingt doch sehr kompetent.

Reich-Ranicki: Ja, er klingt kompetent. Das sind rhetorische Tricks, mit denen hier der Eindruck vermittelt wird, als sei der Autor dieses Artikels kompetent.

Wittstock: Sie sind zu kritisch mit sich selbst. Der Artikel ist kenntnisreich, genau in der Beobachtung und entschlossen im Urteil. In einem Satz wie „Die Ouvertüre zum ‚Oberon‘ ist eine außerordentlich gelungene Einleitung zu einer misslungenen Oper…“ zeigt sich schon die Pranke des späteren Meisterkritikers: prägnant, provokativ und sehr selbstbewusst angesichts eines so großen Komponisten Carl Maria von Webern.

Reich-Ranicki: Na, Pranke ist schon reichlich übertrieben (lacht). Dieser Satz, den sie zitieren, enthält doch nur eine Feststellung von großer Banalität. Das Webers ‚Oberon’ misslungen ist, weiß jeder Tankwart in Deutschland.

Wittstock: Die Leute, bei denen Sie tanken, würde ich gern mal kennen lernen.

Reich-Ranicki: Jeder, der an Musik interessiert ist, weiß, dass die Ouvertüren zu Webers Opern „Oberon“ und „Euryanthe“ erfolgreich und populär, die Opern selbst aber missraten sind. Es gibt nur eine Oper von Weber, die wirklich gut ist, den „Freischütz“.

Wittstock: Sie hatten mit 21 Jahren offenbar bereits gute musikgeschichtliche Kenntnisse.

Reich-Ranicki: Erstens: Wir hatten auf unserem Berliner Gymnasium einen sehr guten Musiklehrer. Der hat uns viel beigebracht. Zweitens: Ich habe das, was er uns im Unterricht über Konzerte und Opern erzählte, dann zu Hause in Lexika und anderen Büchern nachgeschlagen. Wir hatten zu Hause ganz gute, populär geschriebene Opernführer und Musiklehrbücher. Ich erinnere mich an die Titel nicht mehr, irgendwas wie „Frisch gesungen!“ oder so (lacht). Aber was in den Büchern stand über die Komponisten, war ganz vernünftig.

Wittstock: Wie viele Kritiken haben Sie damals geschrieben?

Reich-Ranicki: Zehn oder fünfzehn vielleicht. Nicht viele. Aber wichtig waren sie nicht. Wichtig ist bis heute, dass die eingesperrten Juden in den Gettos trotz der Not und Angst, in der sie existieren mussten, so etwas wie ein kulturelles Leben aufrechterhalten haben. Das war indirekt auch ein Protest gegen die Deutschen und ihre Mordlust. Natürlich ging es den Musikern vor allem darum, Geld zu verdienen, um nicht zu verhungern. Aber dass es Konzerte im Getto gab und die Liebe zur klassischen Musik nicht aufhörte, war eine Art Widerstand gegen den Terror. Die Juden wollten sich ihre Würde nicht rauben lassen.

Wittstock: In Ihrer Autobiographie ‚Mein Leben‘ erzählen Sie, die Redaktion der Getto-Zeitung habe Sie gedrängt, Kritiken zu schreiben: „Ich zögerte, denn ich hatte ja nie im Leben Kritiken publiziert. Ich hatte Angst. Aber die Aufgabe gefiel mir.“ Weshalb hatten Sie Angst und was reizte Sie an der Aufgabe?

Reich-Ranicki: Ein Journalist, den ich kannte, schrieb die Konzert-Rezensionen für die „Gazeta Zydowska“. Als er erkrankte, bat er mich, für ihn einzuspringen. Mich hat das gereizt, schließlich hatte ich als Schüler schon Theaterkritiken für mich selbst geschrieben. Also habe ich das gemacht. Als der Journalist wieder gesund war, sagte er, ich solle das weitermachen, er hätte andere Aufgaben. Einmal habe ich eine Freundin, eine erfahrene Journalistin gefragt, was sie von meinen Rezensionen hielt und sie gab mit Ratschläge.

Wittstock: Was würden Sie dem jungen Kritiker von 21 Jahren, der Sie damals waren, heute mit all Ihrer Erfahrung für Ratschläge geben?

Reich-Ranicki: Finger weg! Das wäre mein wichtigster Rat. Sie haben noch zu wenig Erfahrung, würde ich zu ihm sagen. Wenn unter solchen Umständen, wie im Warschauer Getto, Konzerte gegeben werden, ist es keine gute Idee, kompromisslose Kritiken über diese Aufführungen schreiben zu wollen. Gehen sie hin, hören sie die Musik und schreiben sie nichts darüber. Das würde ich ihm raten.

Wittstock: Welche Probleme gab es beim Aufbau dieses Orchesters?

Reich-Ranicki: Es gab im Getto viele Streicher. Man hätte mehrere Symphonieorchester mit den hervorragenden Geigern und Bratschisten bestücken können, die im Getto lebten. Aber es gab nur wenige Bläser. Also griff man bei der Zusammenstellung des Orchesters auf Jazzmusiker zurück, die dann Beethoven oder Brahms sehr gut von Blatt spielten. Ein anderes Problem war der Hunger: Wenn sie Trompete oder Posaune spielen, brauchen sie Kraft. Wer sich aber vor Hunger kaum auf den Beinen halten kann, schafft das nicht. Also musste für die Musiker vor einem Konzert Essen beschafft werden. Das war alles sehr riskant.

Wittstock: Weshalb riskant?

Reich-Ranicki: Allein schon über die Straße zu gehen, war im Getto riskant. Man könnte mit Fleckfieber oder Typhus angesteckt werden. Man konnte einer deutschen Streife in die Hände laufen, die einen aus Übermut zusammenschlug. Meine Familie und ich wohnten damals an der Holzbrücke über die Chlodna-Straße, die man als Jude passieren musste, um vom großen Getto in das kleine Getto zu kommen. Sie wurde von deutschen Soldaten bewacht. Ich habe oft gesehen, wie sie harmlose Leute gequält und geschlagen haben, nur weil die über die Brücke wollte. Schon der Weg zu einem Konzert war für alle Besucher voller Gefahren. Aber sie gingen trotzdem hin.

Wittstock: Welche der Musiker sind Ihnen bis heute in Erinnerung geblieben? In Ihrer Autobiographie erwähnen Sie den Dirigenten Simon Pullmann, den Pianisten Richard Spira, die Sängerin Marysia Ajzensztadt.

Reich-Ranicki: Ich sehe sie noch alle vor mir. Ich sehe, wie Pullmann vor dem Orchester stand und höre die Stimme der Marysia Ajzensztadt. Sie war eine sehr begabte Sopranistin. Sie wollte um jeden Preis ihren Vater retten. Er war Chor-Dirigent. Er wurde noch auf dem Umschlagplatz ermordet, von dem aus die Züge nach Treblinka abfuhren.

Wittstock: Haben Sie einen dieser Musiker nach dem Krieg wiedergesehen?

Reich-Ranicki: Keinen, sie wurden alle vergast. Später einmal hat mir ein Geiger mit den unglücklichen Namen Aftergut aus New York geschrieben, der das Getto überlebt hatte. Aber den hatte ich im Getto nie bei einem Auftritt gesehen.

Wittstock: Über das Schicksal des Musikers Wladyslaw Szpilman im Getto hat Roman Polanski seinen weltberühmten Film „Der Pianist“ gedreht. Haben Sie Szpilman je im Getto bei einem Konzert erlebt?

Reich-Ranicki: Ja, den habe ich im Getto mehrfach gehört. Er war ein bekannter und sehr begabter Mann. Er hatte schon vor dem Krieg für den polnischen Rundfunk gespielt. Einmal war ich dabei, als er im Getto zusammen mit einem hervorragenden Geiger die Kreuzersonate von Beethoven und andere Sachen spielte. Großartig. Auch nach dem Krieg habe ich Konzerte mit ihm in Warschau gehört und mit ihm gesprochen. Noch ganz am Ende, kurz vor seinem Tod, habe ich mit ihm telefoniert. Ich schrieb damals an meiner Autobiographie „Mein Leben“ und wollte von ihm mehr erfahren über manche jüdischen Musiker und ihre Arbeit im Getto. Er war älter als ich – allerdings noch nicht so alt wie ich heute – und konnte sich leider nicht mehr an viele Einzelheiten erinnern.

Wittstock: Marek Edelmann, einer der legendären Leiter des Getto-Aufstandes der Juden gegen die deutschen Truppen, erinnert sich in einem seiner Bücher an die Getto-Konzerte. Sie fanden in einem ehemaligen Kino, dem „Femina“ innerhalb des Gettos statt. Er schreibt, dieses zum Konzertsaal umgestaltete Kino sei am Schluss gar nicht von den Deutschen geschlossen worden, „sondern von der katholischen Kirche. Der Priester fand heraus, dass das Kino weniger als 50 Meter von der Kirche entfernt war, und in einem so geringen Abstand war eine Vergnügungsstätte nicht erlaubt.“

Reich-Ranicki: Ich habe keine Ahnung. Aber wenn Marek Edelman das so beschreibt, dann wird es schon so gewesen sein. Ich habe Edelman nie kennen gelernt, weder im Getto, noch danach. Sie dürfen sich das alles nicht so einfach vorstellen: Die Konzerte wurden mehrfach eingeschränkt oder verboten. Heinz Auerwald, der deutsche Kommissar für das Getto – er war, glaube ich, ein Rechtsanwalt aus Düsseldorf – der hat Konzerte im Getto verboten. Erst die Konzerte mit deutscher Musik. Daraufhin spielte man Verdi oder Tschaikowski. Dann konnte wieder eine Weile deutsche Musik gespielt werden, bis es plötzlich erneut untersagt wurde. Nur Chopin, der war im Getto immer verboten. Offenbar fürchteten die Deutschen, die Musik dieses größten polnischen Komponisten könnte zu sehr an die patriotischen Gefühle der Polen appellieren. Wenige Monate, nachdem sie in Warschau einmarschiert waren, hatten sie bereits das Denkmal Chopins gesprengt.

Wittstock: Warum hörten Sie auf, im Getto Kritiken zu schreiben?

Reich-Ranicki: Ich glaube, weil die Konzerte nicht mehr stattfanden. Das war alles.

Wittstock: Wann haben Sie wieder begonnen, Kritiken zu schreiben?

Reich-Ranicki: Knapp zehn Jahre später, 1951. Damals begann ich, Literaturkritiken zu schreiben für polnische Zeitungen und den polnischen Rundfunk. Aber in der Zwischenzeit war ich bereits Mitarbeiter des Außenministeriums gewesen und polnischer Konsul in London und nun arbeitete ich als Lektor in Warschau. Das war in einem anderen Leben, in einer anderen Welt. Lassen wir das. Kommen Sie, es ist gutes Wetter, lassen Sie uns an die Luft gehen.

Reich-Ranicki steht aus seinem Sessel auf, zögert vor der Garderobe, welche Jacke für das laue Frühlingswetter angemessen ist und nimmt mich mit in ein nahe gelegenes Café. Wir setzen uns an einen kleinen Marmortisch, er bestellt sich einen Espresso und Kirschsaft. Die Kellnerin kennt ihn und eilt in die Küche, um den prominenten Gast zufriedenzustellen. Reich-Ranicki schaut ihr nach. „Wissen Sie“, sagt er schließlich, „was seltsam ist, wenn man 90 Jahre alt wird? Jeden Abend, wenn man zu Bett geht, fragt man sich: Ob ich morgen wohl wieder aufwache?“ Er sagt das unaufgeregt, als spreche er von einer Alltagsbeobachtung. „Gewinnt man“, frage ich, „mit zunehmendem Alter eine größere Gelassenheit im Blick auf den eigenen Tod?“ Skeptisch kräuselt er das Kinn: „Nein.“ „Aber die Literatur“, entgegne ich, „die zahllosen Bücher über den Tod, die Sie gelesen haben? Hilft die Literatur, mit dem Gedanken an das eigene Sterben fertig zu werden?“ Reich-Ranicki schweigt, dann sagt er: „Wenn ich auf die Frage ernsthaft antworten soll: Nein.“

Das Gespräch mit Marcel Reich-Ranicki erschien am 2. Mai 2010 in der “Welt am Sonntag”

Thema: Reich-Ranicki, Marcel | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Marcel Reich-Ranicki

Montag, 21. Juli 2008 22:19

Keine roten Teppiche
Vor 50 Jahre kehrte Marcel Reich-Ranicki nach Deutschland zurück und popularisierte die Literaturkritik in nie dagewesenem Maße

Es wirkt wie eine Filmszene: Am 21. Juli 1958, heute vor fünfzig Jahren, steigt ein Mann im Bahnhof von Frankfurt am Main aus dem Zug. Er hat nur einen Koffer bei sich, eine Aktentasche und eine alte Schreibmaschine. Fast niemand in Deutschland kennt ihn. Aber die Deutschen werden ihn kennen lernen. Er hat nie eine Universität besucht, über Diplome oder Titel verfügt er nicht. Er hat keine Kontakte zu Verlagen oder Redaktionen, das kulturelle Leben der Bundesrepublik ist ihm fremd. Ja, er hat die vergangenen zwanzig Jahre in Polen verbracht und durfte bis vor kurzem nicht einmal Bücher oder Zeitschriften aus dem Westen lesen. Dennoch wird der Mann nur anderthalb Jahre später bereits einer der maßgeblichen, weithin anerkannten Literaturkritiker Deutschlands sein.
Hätte man ihn, als er mit seinem spärlichen Gepäck über den Bahnsteig ging, nach seinem Namen gefragt, hätte er sich vermutlich als Marceli Ranicki vorgestellt. Vielleicht hätte er auch den Namen genannt, unter dem er 38 Jahr zuvor im polnischen Wloclawek geboren wurde: Marcel Reich. Doch zu Marcel Reich-Ranicki, als der er dann hierzulande zum gefeierten Pop-Star der Kritik aufstieg, wurde er erst wenige Tage später in der Redaktion der „Frankfurter Allgemeinen“.
Dort saß er dem Feuilletonchef der Zeitung gegenüber, Hans Schwab-Felisch, um sich vorzustellen und ihm einen ersten Beitrag anzubieten. Der Artikel, das Porträt eines polnischen Schriftsteller, überzeugte Schwab-Felisch sofort, er wollte ihn drucken. In Polen habe er, berichtete ihm der neue Mitarbeiter daraufhin, unter dem Namen Ranicki geschrieben, sein wirklicher Name sei Reich. Wie solle er den Artikel unterzeichnen? Schwab-Felisch, schreibt Marcel Reich-Ranicki in seinen Erinnerungen, „reagierte prompt: Machen Sie es wie ich, nehmen die einen Doppelnamen, aber unbedingt erst den einsilbigen, dann den anderen – schon aus rhythmischen Gründen. Das leuchtete ein, ich zögerte nicht: Einverstanden, schreiben Sie: Marcel Reich-Ranicki.“
Wie lässt sich der blitzartige Aufstieg dieses Unbekannten in seiner Branche erklären? Ab August 1958 erscheinen die ersten Artikel von ihm in der FAZ, Ende September eröffnet die Zeitung mit einer seiner Rezensionen ihre Buchmessenbeilage. 1959 vertraut ihm die WELT Heinrich Bölls Roman „Billard um halb zehn“ zur Besprechung an und veröffentlicht eine Porträtserie von ihm über Schriftsteller aus der DDR, mit der er effektvoll den Vorhang zur Seite zieht vor einer ganzen deutschen Literaturlandschaft, die in der Bundesrepublik aus politischen Gründen kaum wahrgenommen wurde. Am 1. Januar 1960 schließlich gibt ihm die „Zeit“ die „Blechtrommel“ von Günter Grass zu Rezension, das wohl wichtigste deutschsprachige Buch des Jahrzehnts. Mehr kann ein Kritiker in so kurzer Zeit nicht erreichen.
Dieser verblüffende Erfolg lässt sich letztlich nur durch die besondere Besessenheit und Intensität Reich-Ranickis verständlich machen. Im Selbststudium hat er als Schüler und später in Polen ein so immenses Wissen über Literatur, speziell deutsche Literatur erworben, dass es sich problemlos mit Wissenschaftlern messen kann, ohne je in einen wissenschaftlichen Jargon zu verfallen. Er verfügt über eine Eloquenz, die ihn, gepaart mit Schlagfertigkeit und bissigem Witz, zu einem Gesprächspartner macht, der allen, die ihm begegnen, im Gedächtnis bleibt. Er ist erfüllt mit einer unersättlichen Neugier auf Literatur und Literaten, die ihn immer neue Kontakte schließen und nie zur Ruhe kommen lässt.
Zudem lässt sich Reich-Ranicki von nichts ablenken. Er will Literaturkritiker sein und sonst gar nichts. Während andere Großkritiker-Konkurrenten wie Friedrich Sieburg Biographien schreiben, sich wie Hilde Spiel, Walter Jens und Reinhard Baumgart als Romanciers versuchen oder als Lyriker wie Walter Höllerer, oder sich wie Joachim Kaiser zugleich als Musikkritiker betrachten, gibt es für Reich-Ranicki kein anderes Arbeitsgebiet, das ihn reizt. Was sicher dazu beiträgt, seinen Namen zunächst in der Branche, aber bald auch beim Publikum zu einem Markenzeichen zu machen für kenntnisreiche, oft polemische, nie langweilige Artikel über Literatur, über deutsche Literatur zumal.
Als Reich-Ranicki an jenem 21. Juli 1958 den Frankfurter Bahnhof verließ, kam er zunächst bei seinem Onkel Leo Auerbach unter, der den Zweiten Weltkrieg als Bibliothekar der Französischen Fremdenlegion überlebt hatte. Seine Frau Tosia und der Sohn Andrew waren von Warschau aus als Touristen nach London geflogen, also in Sicherheit, aber vorerst mittellos. Ein Teil der Zielstrebigkeit, mit der Reich-Ranicki seine Karriere vorantrieb, rührte auch daher, dass er abgesehen von der Arbeit eines freien Literaturkritikers keine Möglichkeit sah, seine Familie zu ernähren.
Wenige Wochen nachdem er in Frankfurt angekommen war, bezog er mit seiner Frau die erste eigene Unterkunft in Deutschland, in der Westendstraße 14: „Wir wohnten in Frankfurt“, schrieb er später, „in einem kleinen Zimmer zur Untermiete. Das war unser Wohn- Schlaf- und Arbeitszimmer. Einen Schreibtisch gab es dort nicht. Später meinten manche, zu unserer Begrüßung in der Bundesrepublik seien rote Teppiche ausgerollt worden. Das trifft nicht zu, wir haben es auch nicht erwartet.“ Sohn Andrew, der kaum deutsch, aber gut englisch sprach, blieb vorläufig noch in London und ging dort zur Schule.
Doch bald schon mochte Friedrich Sieburg, der die Literaturredaktion der FAZ leitete, Reich-Ranicki als Mitarbeiter nicht mehr beschäftigen. Umso mehr bemühte sich die WELT und die „Zeit“ um ihn, beide Redaktionen waren in Hamburg. Also zog er Ende 1959 dorthin um, wo es für Andrew auch eine Internationale Schule gab, in der in Englisch unterrichtet wurde. Nun, anderthalb Jahre später, lebte die Familie wieder unter einem Dach: Sie bezog eine Zweieinhalbzimmer-Wohnung im Erdgeschoss eines Sozialbau-Blocks in Hamburg-Niendorf.
Von hier aus schrieb er sich als Rezensent der „Zeit“ 14 Jahre lang immer stärker ins Bewusstsein des Landes hinein, in dem er bald als „Literaturpapst“ galt. Aus dieser Wohnung zog er erst wieder aus, als ihm die FAZ 1974 das Angebot machte, als einer der Nachfolger jenes Friedrich Sieburg, der ihm 1959 keine Aufträge mehr geben wollte, die Literaturredaktion der Zeitung zu übernehmen. Damit war Reich-Ranicki nicht nur Papst, sondern hatte auch einen Posten, der ihm großen Einfluss verschaffte. Er war nicht der Mann, sich diese Chance entgehen zu lassen. Niemand hat die Literaturkritik in Deutschland jemals so stark popularisiert wie er. Kein anderer Kritiker hat es verstanden, den Büchern mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen als er.

Thema: Reich-Ranicki, Marcel | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Wolfgang Koeppen, Marcel Reich-Ranicki

Samstag, 17. Juni 2006 19:56

Wolfgang Koeppen “war der Modernste”
Zum 100. Geburtstag: Ein Gespräch mit Marcel Reich-Ranicki

Marcel Reich-Ranicki zählt Wolfgang Koeppen zu den wichtigsten Schriftstellern der deutschen Nachkriegsliteratur und hat Artikel, Kritiken oder Porträts über ihn geschrieben. Anläßlich des 100. Geburtstags von Koeppen am 23. Juni 2006 sprach Uwe Wittstock mit Reich-Ranicki über den Rang dieses Schriftstellers heute.

Uwe Wittstock: Für keinen anderen Schriftsteller haben Sie sich so hartnäckig eingesetzt wie für Wolfgang Koeppen. Heute gehört er unverändert zu den wenig gelesenen deutschen Nachkriegsautoren. Ist Koeppen für Sie als Literaturvermittler eine große Niederlage?
Marcel Reich-Ranicki: Nein. Aber ein Sieg oder ein Triumph war es nun auch nicht. Das erste Buch von Koeppen las ich Mitte der fünfziger Jahre noch in Polen, den Roman “Tod in Rom”. Nachdem ich die frühen Bücher von Böll, Walser oder Siegfried Lenz gelesen hatte, erschien mir Koeppen damals der modernste unter den neueren deutschen Schriftstellern zu sein. Damit begann meine Begeisterung für ihn, ich war entschlossen, seine öffentliche Wirkung nach Kräften zu fördern. Nicht primär, um Koeppen zu unterstützen, sondern weil ich glaubte, daß es für die deutsche Literatur wichtig sei, einem so modernen Erzähler zum Erfolg zu verhelfen.

Wittstock: Was erschien Ihnen damals so originell an Koeppen?
Reich-Ranicki: Die deutsche Literatur nach 1945 stand insofern unter dem Eindruck des Nationalsozialismus, als sie sich vor allem gegen Geist und Sprache des Dritten Reiches wendete. Die Autoren, die damals ihre Karriere begannen, Wolfgang Borchert, Böll, Schnurre, später Lenz schrieben im Grunde eher konventionelle Literatur, die an den Expressionismus anknüpfte oder unter dem Stichwort “Kahlschlag” firmierte: Sie kämpften gegen jedes Pathos, jeden Schwulst, noch einfacher gesagt: gegen die großen Worte, die von den Nazis mißbraucht worden waren. Hinzu kam der lapidare, lakonische Stil Hemingways, der viele Autoren damals beeinflußte. Mit all dem hatte Koeppen nichts zu tun. Er knüpfte an andere Vorbilder an, an Joyce, Dos Passos, Faulkner, Proust und Döblin. Diese Tradition moderner Prosa in Deutschland wieder zu stärken, schien mir sehr wichtig.

Wittstock: Aus heutiger Sicht wirkt manches an Koeppens Romanen gar nicht modern, sondern recht kolportagehaft.
Reich-Ranicki: Gewisse kolportagehafte Elemente finden Sie in fast jedem Roman. Und Koeppens Romane sind von unterschiedlicher Qualität. Keine Frage, sein bedeutendstes Buch ist “Tauben im Gras”. An diesem Roman ist nichts kolportagehaft, das ist große Literatur. Etwas schwächer sind “Tod in Rom” und “Das Treibhaus”.

Wittstock: War Koeppen für Sie nicht auch eine Gegenfigur zu Arno Schmidt? Wenn Sie Koeppen für die Modernität seiner Prosa loben, dafür, daß er sich an Dos Passos und Joyce geschult hat, trifft das doch in vielleicht noch höherem Maße auf Schmidt zu?
Reich-Ranicki: Ich habe mich viel mit Schmidt beschäftigt. Ich bewundere einige seiner Erzählungen, zumal “Seelandschaft mit Pocahontas” und “Die Umsiedler”. Beide habe ich in meinen Kanon aufgenommen. Seine Romane haben mich allerdings nie ganz überzeugt, sie sind oft blutleer. Es ist aber richtig, daß Schmidt in mancherlei Hinsicht einen ähnlichen Weg wie Koeppen gegangen ist. Aber weder Schmidt noch Koeppen haben einen großen Einfluß auf die deutsche Literatur der fünfziger und sechziger Jahre gehabt.

Wittstock: Bleiben wir bei Koeppen: Warum hatte er trotz seiner Modernität und Ihres Engagements für ihn so wenig Erfolg?
Reich-Ranicki: Sein entscheidendes Buch, “Tauben im Gras”, war im falschen Augenblick erschienen. Es kam 1951 viel zu früh. Das Publikum war weder bereit noch fähig, diese Literatur zu akzeptieren. Joyce war ja damals in der Bundesrepublik nahezu unbekannt, Dos Passos nie populär gewesen oder schon wieder vergessen, und Faulkner setzte sich gerade erst langsam durch. Die Deutschen waren durch die Nazis zwölf Jahre lang von der modernen Literatur abgeschnitten gewesen. Die Leser hatten kein Verständnis für Koeppen, er wirkte allzu avantgardistisch auf sie.

Wittstock: Tatsächlich?
Reich-Ranicki: Ja, das war so. Viele Leute, die ich persönlich kenne, haben auf meine Empfehlung hin “Tauben im Gras” gelesen. Und nach fünf oder zehn Seiten klappten die das Buch zu und sagten: “Ich verstehe das nicht.” Dabei sind die ersten Seiten des Buches besonders gut geschrieben - aber sie sind nicht leicht zugänglich.

Wittstock: Koeppens Roman “Tauben im Gras” wurde vorgeworfen, lebende Zeitgenossen so genau zu porträtieren, daß diese sich in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt fühlen könnten. Er hat darauf in seinem Aufsatz “Die elenden Skribenten” geantwortet. Hat dieser Vorwurf Koeppens Roman damals geschadet?
Reich-Ranicki: Ich glaube nicht. Damals protestierten Leute gegen “Tauben im Gras” und behaupteten, Koeppen habe ihr Leben in dem Buch dargestellt. Doch er kannte diese Leute überhaupt nicht. Er sagte einmal zu mir, er sei verblüfft gewesen, wie viele Menschen genau jene Gefühle zu teilen schienen, die er in seinem Roman beschrieben hatte: diese Angst, dieses Leiden an der Nachkriegszeit. Er hatte sie offensichtlich genau getroffen. Ein großer Triumph für einen Schriftsteller.

Wittstock: Gibt es nicht noch einfache Gründe dafür, daß Koeppen wenig Erfolg hatte? Im “Treibhaus” macht er einen Bundestagsabgeordneten zur Hauptfigur, der sich als pädophiler sozialistischer Selbstmörder entpuppt. Ist es wirklich eine Überraschung, daß dieses Buch kein Massenerfolg war?
Reich-Ranicki: Nein, das ist keine Überraschung. Der Held verführt gleich nach dem Krieg ein sechzehnjähriges Mädchen - das ist, wie so vieles in den Romanen Koeppens, natürlich autobiographisch. Literatur ist doch meist Selbstdarstellung.

Wittstock: Die Hauptfigur ist sehr eindrucksvoll, aber nicht eben eine, mit der sich viele Leser gern identifizieren würden.
Reich-Ranicki: Ich habe den Eindruck, daß Koeppen “Treibhaus” viel zu schnell geschrieben hat. Das Buch ist streckenweise flüchtig. Dann kommt hinzu: Das Milieu war zuvor noch nie dargestellt worden. Noch kein anderer hatte die politische Welt in Bonn, das Parlament, die Parteien, die Fraktionen, die Bundestagsabgeordneten zum Thema der Literatur gemacht. Es gab also keine Vorbilder. Trotzdem hätte Koeppen das noch besser schaffen können, wenn er der Sache mehr Zeit gewidmet hätte.

Wittstock: Ist “Tauben im Gras” wirklich einer der wichtigsten Romane der deutschen Nachkriegsliteratur?
Reich-Ranicki: Es ist künstlerisch der beste deutsche Roman dieser Zeit und dieser Generation. Von Arno Schmidt war schon die Rede. Seine Romane scheinen mir doch alle etwas blutleer zu sein. Uwe Johnsohn ist im Kanon selbstverständlich enthalten (eine Erzählung, ein Essay), aber ein Roman wie “Mußmaßungen über Jakob” scheint mir für die Leser doch zu schwer. Die beiden Romane von Jurek Becker und Patrick Süskind waren für den Kanon vorgesehen, mußten aber der grausamen Umfanggrenze zum Opfer fallen.

Wittstock: In einem der Briefe an Siegfried Unseld beschwert sich Wolfgang Koeppen massiv über Sie: “Reich-Ranicki, gefährlich gekränkt, begreift überhaupt nichts, hat kein Empfinden für Sätze, die nicht in seine Erwartungen passen, er mißversteht erfreut und rührt im Literaturklatsch, er liest nicht, sucht eine Wunde, steckt die Hand hinein und reißt auf zum Schlachtfest.” Haben Sie mit solchen Äußerungen Koeppens gegen Sie gerechnet, obwohl sie sich so für ihn einsetzten?
Reich-Ranicki: Nein. Ich habe damals, als das geschrieben wurde, noch nicht gewußt, was ich später gelernt habe: Die Autoren wollen meist doch nur gelobt werden. Und werden sie nicht gelobt, behaupten sie immer, der Kritiker sei gefährlich gekränkt, begreife überhaupt nichts und habe kein Empfinden für Sätze.

Wittstock: Aber Sie haben Koeppen gelobt.
Reich-Ranicki: Nein. Diesen Brief schickte er an Unseld, nachdem ich über sein Buch “Romanisches Café” geschrieben hatte, es sei ein Sammelband mit alten Arbeiten, der auch einige “ziemlich schwache Stücke, flüchtige oder nebensächliche Gelegenheitsarbeiten” enthalte. Das hat mir Koeppen verübelt.

Wittstock: Sie sind ein sehr temperamentvoller, aktiver Mensch. Koeppen dagegen war ein großer Meister des Verträumens und Versäumens. Wie sind Sie mit seiner Neigung zur Trägheit, zur Passivität zurechtgekommen?
Reich-Ranicki: Schlecht. Ich hatte gehofft, ihn zum Schreiben zu bringen. Und es ist mir auch gelungen, in sehr bescheidenen Grenzen. Also habe ich ihm immer wieder Aufträge gegeben, Bücher des 19. Jahrhunderts für die FAZ zu rezensieren. Manche dieser Bücher habe ich überhaupt nur besprechen lassen, damit er Aufträge erhielt. Aus diesen Artikeln ist dann Koeppens Buch “Die elenden Skribenten” entstanden. Ich glaube, es ist ein wichtiges Buch, aber natürlich kein Ersatz für den Roman, den ich von ihm zu bekommen hoffte.

Wittstock: In Ihrer Autobiographie “Mein Leben” nennen Sie Ihren Vater einen “willensschwachen Menschen” von “erschreckender Untüchtigkeit” und kritisieren seine “Passivität”. Die Beschreibung könnte ebensogut auf Koeppen passen. War der eine halbe Generation ältere Koeppen für Sie auch so etwas wie eine Erinnerung an Ihren Vater? Und haben Sie sich deshalb so hartnäckig für diese Vaterfigur eingesetzt?
Reich-Ranicki: Nicht im geringsten. Die Ähnlichkeiten, von denen Sie sprechen, waren mir nicht bewußt - weder als ich Koeppen zu fördern versuchte, noch als ich das Buch “Mein Leben” schrieb. Aber ich verstehe, daß sie heute darauf hinweisen.

Wittstock: Könnte es sein, daß Wolfgang Koeppen Sie unbewußt an Ihren Vater erinnert hat?
Reich-Ranicki: Ja.

Thema: Koeppen, Wolfgang, Reich-Ranicki, Marcel | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Marcel Reich-Ranicki

Samstag, 28. Mai 2005 22:22

Hier liest der Chef
Marcel Reich-Ranicki feiert seinen 85. Geburtstag

Vor langer Zeit, in einer fernen, fernen Vergangenheit, war es für die Menschen kein ungewöhnlicher Gedanke, Mühsal und Plackerei des Lebens nur deshalb auf sich zu nehmen, um sich an Kunst und Literatur zu erfreuen. Der Genuß der Schönheit war Ziel und Zweck des Daseins, alles andere nur fade Voraussetzung.

Heute, wo unser Leben weit weniger mühselig und beladen ist als ehedem, werden Kunst und Literatur gewöhnlich als bloße Dekoration betrachtet, als schmucke Zutat, die man sich leistet, wenn gerade mal Zeit ist und sie nicht zu teuer wird. Über Ziel und Zweck des Daseins rätselt man derweil vergeblich.

Marcel Reich-Ranicki ist spätestens seit seiner Fernsehtriumphe für viele Menschen zu einer leibhaftigen Erinnerung daran geworden, daß Literatur mehr sein kann als Zeitvertreib. Zu einer Erinnerung daran, daß man ihr das Leben widmen kann - und im Gegenzug von ihr reich beschenkt, mitunter beglückt, vielleicht sogar gerettet wird. Reich-Ranickis Karriere, die ihn aus der Hölle des Warschauer Gettos in die Höhen moderner Medienprominenz geführt hat, ist nicht allein durch seine literarische Kompetenz und sein unbezweifelbares Show-Talent erklärbar. Man spürt bei ihm außerdem noch, daß er so etwas wie einen Pakt mit der Literatur geschlossen hat, der ein gutes Stück über das hinausgeht, was Kritiker üblicherweise mit ihrem Metier verbindet.

Mit seiner Autobiographie “Mein Leben” hat Reich-Ranicki die Deutung seines Lebens umsichtig in eigene Hände genommen. Er beschreibt darin, wie er ab 1933 mit noch nicht 13 Jahren als Jude in Berlin vor den Schikanen und Nachstellungen der Nazis Zuflucht nahm in der Literatur. Er las und las mit solcher Ausschließlichkeit, daß ihn sogar Lehrer glaubten warnen zu müssen, darüber das Leben nicht aus den Augen zu verlieren. Rückblickend hat sich Reich-Ranicki selbst die Diagnose gestellt: “Von einer feindlichen, bestenfalls frostigen Welt umgeben, sehnte ich mich nach einer Gegenwelt.” Er fand sie in der deutschen Literatur.

Liest man die Autobiographie genau, läßt Reich-Ranicki aber auch erkennen, daß er nach seiner Schulzeit kaum noch Gelegenheit hatte für irgendeine Lektüre. Im Warschauer Getto war er ganz und gar mit dem Überleben beschäftigt und in den Nachkriegsjahren konzentrierte er sich als Diplomat und Geheimdienstoffizier fast nur auf die Politik. Erst als er 1950, mit knapp dreißig Jahren, in Ungnade fiel und aus der kommunistischen Partei Polens ausgeschlossen wurde, erinnerte er sich der Literatur.

Man darf sich die Bedrohung, der Reich-Ranicki in jenen Jahren ausgesetzt war, nicht zu gering vorstellen. Der moskauhörige Parteichef Boleslaw Bierut überzog das Land mit stalinistischem Terror, durch den nach heutigen Schätzungen rund 115 000 Polen umkamen. Reich-Ranicki hatte seinen Beruf verloren, auf der Straße vermieden es Bekannte, ihn auch nur zu grüßen, denn jeder Kontakt mit angeblichen Oppositionellen konnte lebensgefährlich sein. Seine Frau Tosia Reich-Ranicki, die mit ihm gerade sechs Jahre zuvor das Warschauer Getto überlebt hatte, versetzte diese gespenstisch wiederkehrende Verfolgung in eine so übermächtige Angst, daß sie jedes seelische Gleichgewicht verlor. Ein dramatischer Nervenzusammenbruch brachte sie für Wochen ins Krankenhaus und danach für Jahre und Jahrzehnte in medizinischer Behandlung.

In dieser Situation erneuerte Reich-Ranicki seinen Pakt mit der deutschen Literatur. Wie schon 17 Jahre zuvor als Berliner Gymnasiast machte er angesichts der “feindlichen, bestenfalls frostigen Welt”, die ihn umgab, die Bücher zu seinem Zufluchtsort, an dem er die Augen vor der Realität zwar nicht verschloß, an dem sie aber ihre Macht über ihn verlor. Der Willkür der Tagespolitik ausgeliefert, suchte er Halt bei den überzeitlichen Werten des Geistes. Die Literatur wurde damit für ihn zur Gegenwelt von unvergleichlicher Bedeutung - und da er sich entschloß, sich ihr beruflich mit Haut und Haar zu verschreiben, wuchs auch ihm im eigenen Weltbild ein Rang zu, der weit über die Wechselfälle des Alltäglichen hinausgeht.

Doch im Grunde war Reich-Ranickis Entscheidung abenteuerlich, denn von den fünf, sechs Schülerjahren abgesehen, in denen er intensiv gelesen hatte, besaß er keine Vorbildung, und für deutsche Kultur interessierte sich in Polen knapp fünf Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg kein Mensch. Wenn er dennoch beschloß, alles auf eine Karte zu setzen, auf die Literatur, dann läßt das ahnen, wie groß die Krise gewesen sein muß, in der er damals geriet und wie verzweifelt die Suche nach einem Ausweg war aus jener Angst, der seine Frau nicht hatte entkommen können.

Jene Erfahrung dürfte zu der psychischen Energie, die ihn bis heute treibt, beigetragen haben. Sie ist selbst via Bildschirm zu spüren in seiner Besessenheit, in der Schärfe seines Urteils: Literatur ist für ihn eine zu wichtige, eine existentiell zu entscheidende Angelegenheit, als daß Kompromisse möglich wären. Schon deshalb warf das “Literarische Quartett”, wirft Reich-Ranicki inmitten der flüchtigen, fröhlichen Fernsehbilder einen eigentümlichen Schatten. Man merkt, auch wenn er eine Pointe an die andere reiht, hier meint es einer ganz und gar ernst mit seinem Thema, hier lebt einer aus der Literatur, mit ihr und für sie.

Zugegeben, Essen und Lesen sind sich so ähnlich wie Äpfel und Birnen. Dennoch möchte ich den Vergleich riskieren: So wie Jamie Olivier mit seiner Koch-Fernsehshow gutes Essen in England (!) in den Köpfen der Kids zu einer coolen Sache gemacht und sie auf die Idee gebracht hat, statt Hamburger auch mal Boeuf Stroganoff in Erwägung zu ziehen - so hat Reich-Ranicki einer Menge Leute hierzulande ins Gedächtnis gerufen, daß gute Bücher eine helle Freude sein können, wenn man sie denn tatsächlich aufschlägt und liest.

In England liegen die Ernährungswissenschaftler Jamie Olivier zu Füßen, denn was immer er kocht, es ist allemal besser als das Fast-Food, mit dem sich sein Publikum ohne seine Sendung vollstopfte. Manche Literaturkenner in Deutschland dagegen rechnen Reich-Ranicki gern penibel vor, wo er in seine Interpretation Heinrich Manns möglicherweise übers Ziel hinausgeschossen oder wann er dem Werk Robert Musil nicht gerecht geworden ist.

Seltsam. Aber im Grunde sind alle Spielchen zwischen Reich-Ranicki und seinen Gegnern längst gespielt, alle Schlachten geschlagen, und das Publikum hat sich entschieden. Die Feiern, die zu Reich-Ranickis 85. Geburtstag in der kommenden Woche angesetzt wurden, sprechen eine deutliche Sprache. Und alles in allem könnte die Lage für ihn kaum komfortabler sein: Im Literaturbetrieb genießt er nach wie vor die Umstrittenheit, die einem Kritiker wohlansteht und die gewöhnlichen Leser begegnen ihm mit einer Verehrung, ja einer Zuneigung, um die er heimlich wohl immer gerungen hat.

Thema: Reich-Ranicki, Marcel | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock