Beitrags-Archiv für die Kategory 'Petersdorff, Dirk von'

Dirk von Petersdorff

Samstag, 8. Dezember 2007 21:58

Kinder ändern ihre Eltern
Dirk von Petersdorff erzählt vom „Lebensanfang“ in einer Welt ohne letzte Gewissheiten

Wir sind zur Ironie verurteilt. Ob wir sie nun feiern oder fürchten, verhöhnen oder verherrlichen, wir werden sie nicht los. Denn wir besitzen keine letzten Gewissheiten mehr, die für alle verpflichtend wären, weder im religiöser noch im weltanschaulicher Hinsicht. Wer die Augen nicht verschließt vor der Gegenwart, weiß, dass grundverschiedene Glaubenswahrheiten und politische Überzeugungen gute Gründe für sich ins Feld führen können, und dass sie miteinander im Wettstreit liegen, ohne je einen alleinseligmachenden Sieger zu ermitteln. Also muss, wer einen Standpunkt bezieht, sich eingestehen, dass es auch andere Standpunkte gibt, die mit gleichem Recht bezogen werden können, und dass er seinen eigenen deshalb mit Distanz, mit Ironie zu betrachten hat.

Das verleiht dem Denken eine eigentümliche Freiheit und Unverbindlichkeit. Alles wirkt wie gut wattiert und deshalb recht konturenarm. Doch was wird aus all dem, was wird aus Ironie, Freiheit und Unverbindlichkeit, wenn eines der natürlichsten Ereignisse des Lebens eintritt – und man Kinder bekommt? Eltern und Kinder haben definitiv kein unverbindliches Verhältnis zueinander, für Ironie ist da allenfalls an der Oberfläche Platz. Ansonsten entfaltet sich eine lebensformende Bestimmtheit. Und von der Freiheit bleibt nur die Freiheit, die neue Bindung samt zugehörigen Pflichten anzunehmen oder auszuschlagen. Aber sicher ist: Wie immer man sich entscheidet, beides wird nicht spurlos an einem vorübergehen, gut wattiert und konturenarm ist da nichts mehr.

Das Buch „Lebensanfang“ des Lyrikers und Essayisten Dirk von Petersdorff ist ein scheinbar einfaches, genauer betrachtet jedoch literarisch sehr ambitioniertes Unternehmen. Er erzählt von den ersten zwei, drei Jahren mit seinen Kindern Max und Luise, Zwillingen, die sein Leben so gründlich auf den Kopf stellten, wie Kinder das nun einmal tun. Das Thema hat sich in den letzten Jahrzehnten, spätestens seit Peter Handkes ernster „Kindergeschichte“ und Axel Hackes komischem „Erziehungsberater“, zu einem neuen Genre ausgewachsen: Immer mehr Väter oder Mütter berichten in meist heiteren Büchern davon, wie die Welt für sie durch Kinder plötzlich eine andere wurde – doch auch in diesen Fällen gilt der Verdacht, dass Komik und Ernst in enger Nachbarn wohnen und sie oft nur ein winziger Schritt trennt.

Petersdorff macht ernst. Der Sohn Max hat die üblichen Blähungen und Schlafstörungen der ersten Monate noch nicht überwunden, da sitzt der Vater schon vom Schlafentzug an den Rand seiner Kraft gebracht bei einer Ärztin und bekommt Beruhigendes verschrieben. Doch das hilft wenig: Als er morgens übermüdet zum Rasieren ins Bad torkelt, „sah ich neben mir im Spiegel ganz deutlich einen Totenschädel. Er war rechts von meinem Gesicht. Er war etwas kleiner als mein Gesicht. Er schwebte. Ich dachte an den Biologieunterricht, als der Lehrer aus dem Nebenzimmer das Skelett herein schob. Legte den Rasierapparat beiseite, ging zum Frühstückstisch und versuchte, mir nichts anmerken zu lassen.“

Lustig? Sicher. Es ist immer komisch, aber auch sehr ernst, wenn jemand an seine Grenzen gebracht wird. Doch es geht um mehr als die körperlichen Erschöpfungszustände junger Eltern. Der Vater reagiert nicht zuletzt deshalb so heftig, weil er spürt, dass er zugleich an die intellektuellen Grenzen seines gewohnt ironischen Weltverhältnisses stößt. Wobei der Begriff intellektuell die Sache nicht wirklich trifft, auch spirituell oder metaphysisch wären nicht die richtigen Worte. Vielmehr erlebt sich der Vater, der durch seine Kinder lang verschüttete Erinnerungen an die eigene Kindheit wiederentdeckt, immer unabweisbarer als Teil einer tief hinabreichenden Generationenfolge, als Teil von etwas Überindividuellem, Unbegrenztem, das eine ganz unironische Wahrheit besitzt. „Immer wurde so gehalten“, denkt er, als sich seine Kinder auf seinem Schoß zusammenrollen, „es gibt ein Leben, das auf dem Schoß einschläft, leise pustet, gelegentlich schnauft. Es gibt ein Leben, das Wache hält, den Schlaf beäugt, selber ziemlich müde ist.

„Lebensanfang“ ist bei all dem kein sentimentales oder frommes Buch. Der Lyriker Petersdorff ist vor allem ein Sprachjongleur, Jens Jessen nannte ihn einmal den „Schelm unter den Postmodernen“. Wie sich das für einen Autor gehört, der die literarische Moderne für erschöpft hält, entzieht er sich deren Forderung nach sprachlicher Reinheit und Geschlossenheit. Er tänzelt durch die Sprachebenen und Schreibformen, kombiniert biblische oder vorsokratische Tonfälle mit dem Slang der Gegenwart, poetische Passagen mit nüchternen Berichten, intime Empfindungen mit essayistischen Überlegungen.
Ob es heute schwieriger ist als früher, mit Kindern zu leben? Zumindest hat jeder, der bereit ist, sich über sie und das Leben mit ihnen Gedanken zu machen, heute wohl mehr Anlass und auch mehr Zeit, dieser Bereitschaft nachzugeben. „Wenn ich früher“, schreibt Petersdorff, „den Pluralismus der Lebensstile gefeiert hatte, dachte ich jetzt über eine Werteerziehung von Max und Luise nach.“

Womit er weder das eine noch das andere für falsch erklärt, sondern beides parallel zu akzeptieren lernt. Mit Kindern wird, lautet eine alte Weisheit, alles intensiver, sowohl Glück als auch Unglück. Warum sollte also in einer absurden Welt ohne letzte Gewissheiten mit ihnen nicht auch das Gefühl für das Absurde und den Verlust letzter Gewissheiten intensiver werden?

Die Rezension erschien in der “Welt” com 8. Dezember 2007

Dirk von Petersdorff:
“Lebensanfang”. Eine wahre Geschichte
C.H. Beck Verlag, München 2007
170 S., 17,90 €

Thema: Petersdorff, Dirk von | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Dirk von Petersdorff

Samstag, 14. Januar 2006 21:55

Die Dichter und ihre Ersatzreligionen
Dirk von Petersdorff fühlt Benn, Becher, Brecht und Stefan George auf den Zahn

Erstaunlich viele moderne Schriftsteller waren entschiedene Gegner der Moderne. Das ist seltsam, denn mit dem Heraufdämmern der Moderne in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts weiteten sich die Spielräume des Einzelnen in Europa und Nordamerika ungeheuer aus. Galt es zuvor als gottgegeben, daß jeder unabänderlich König und Kirche, Familie und Tradition unterworfen war, begann nun eine Zeit individueller Freiheiten, ohne die man sich heute das Leben nicht vorstellen mag und ohne die das hochindividuelle Ausdrucksrepertoire der modernen Literatur gar nicht denkbar wäre. Wendet sich die Abneigung mancher moderner Schriftsteller gegen die Moderne also letztlich gegen die Grundlagen ihrer Arbeit? Waren sie Feinde der eignen Freiheit?

Fragen wie diesen ist der Lyriker und Literaturwissenschaftler Dirk von Petersdorff bereits in seinem klugen und angriffslustigen Essayband „Verlorene Kämpfe“ (2001) nachgegangen. Nun schickt er ihm die sehr präzise argumentierende Studie „Fliehkräfte der Moderne“ nach, die sich neben dem Werk Nietzsches vor allem der Lyrik Stefan Georges, Gottfried Benns, Johannes R. Bechers und Bertolt Brechts widmet. So unterschiedlich die vier Dichter im einzelnen auch sind, ist ihnen doch eines gemeinsam: Sie nahmen in ihrer Arbeit die Freiheiten der literarischen Moderne in Anspruch, wandten sich aber zugleich dezidiert gegen die Freiheiten der politischen Moderne. Und diese Haltung hatte keineswegs nur literarische Folgen. Benn, Becher und Brecht näherten sich vorübergehend oder langfristig totalitären Ideologien an, zu deren Ziele es gehörte, die Freiheiten des Einzelnen wieder zurückzunehmen.

Petersdorffs Beschreibung der Moderne ist deutlich von Luhmanns Systemtheorie und dem amerikanischen Pragmatismus beeinflußt. Die im 18. Jahrhundert voranschreitende Erschütterung der metaphysischen Gewißheiten durch die Religionskritik, vieler philosophischer Verbindlichkeiten durch Kants Erkenntnistheorie und der politischen Traditionen durch die Französische Revolution betrachtet er in erster Linie nicht als eine Geschichte des Verlust von unwiderlegbaren Wahrheiten, sondern im Sinne des Liberalismus vor allem als einen Zuwachs von Unabhängigkeit für das Individuum.
In Nietzsche sieht Petersdorff einen der ersten Theoretiker, der die Bedeutung dieser historischen Verwerfungen für den Einzelnen intellektuell ausmißt. Dabei grenzt er dessen Werke der mittleren Phase, in denen – wie in „Menschliches, Allzumenschliches“ – ein ironisches Denken jenseits aller letztgültigen Sicherheiten erprobt wird, konsequent ab gegen den späteren Nietzsche, der sich mit „Also sprach Zarathustra“ selbst zum Propheten einer kommenden Geistesaristokratie erklärt, die für sich in Anspruch nimmt, neue verbindliche Lebensgesetze formulieren zu können.

Diesen gegenläufigen Prozeß, einerseits um das Ende aller unhinterfragbaren Gewißheiten zu wissen, andererseits derartige Gewißheiten verzweifelt wieder aufrichten zu wollen, weist Petersdorff dann in detaillierten Analysen auch im Werk der vier Lyriker nach. Natürlich kann man es sich einfach machen und schlicht feststellen, daß George mit seinem Kreis, Benn mit seiner vorübergehenden Annäherung an die Nazis, und Becher sowohl wie Brecht mit der Übernahme des marxistischen Weltbildes aus politischen Überzeugungen so etwas wie Ersatzreligionen entwickelten. Doch es ist verblüffend zu sehen, wie genau sich dieser Vorgang in den Gedichten der Autoren nachweisen läßt und wie tief er jeweils in die Konstitution ihres lyrischen Ichs hineinwirkte.

Petersdorffs Buch umkreist damit zugleich eine merkwürdige Leerstelle der literarischen Moderne: Obwohl die westlichen Industrienationen politisch wie wirtschaftlich eine hohe Leistungskraft und Attraktivität auszeichnet, gibt es bis heute keine ästhetische Theorie, die – so schrieb Petersdorff schon in seinem Essayband – „von der offenen Gesellschaft, von ihrem Wahrheitsbegriff, ihrem Zeitverständnis, ihrem Begriff von Individualität“ ausgeht. Im Gegenteil, große Bereiche der modernen Literatur sind in fundamentaler Opposition zur offenen Gesellschaft entstanden und nur vor dem Hintergrund dieser Gegnerschaft zu verstehen. Ja, nicht wenige Schriftsteller des 20. Jahrhunderts – so zum Beispiel Becher und Brecht – steigern sich im Kampf gegen Demokratie und Liberalismus in ein zunehmend militaristisches, gewaltverliebtes Vokabular hinein.

Für eine an friedlichen Konfliktlösungen interessierte Gesellschaft kann das schwerlich das passende künstlerische Vorbild sein. Ist es also an der Zeit, fragt Petersdorff deshalb zum Abschluß seiner eindrucksvollen Untersuchung, sich mit Blick auf unseren Kanon nach einer anderen modernen Literatur umzuschauen?

Die Rezension erschien in der “Welt” vom 14. Januar 2006

Dirk von Petersdorff:
“Fliehkräfte der Moderne”
Niemeyer Verlag, Tübingen 2006
305 S., 54,- €

Thema: Petersdorff, Dirk von | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Leslie A. Fiedler

Samstag, 3. Februar 2001 8:14

Verpasste Chance, verlorenes Jahrzehnt
Als die Dichter auf die Straße gingen statt auf den Boulevard

Er muss gewirkt haben wie ein Mann aus einer anderen Welt. Es war im Juni 1968, dem legendären Jahr, das bis heute politische Wellen schlägt. Leslie A. Fiedler trat auf einem Freiburger Symposium vor deutsche Schriftsteller hin und hielt einen Stegreifvortrag. Wie ein fröhlicher Prediger oder ein Schamane, hieß es später, habe der Amerikaner sein Publikum zu begeistern versucht für eine Idee, die er aus den USA mitgebracht hatte. Aber nicht um eine sozialistische Revolte ging es Fiedler, obwohl der Pariser Mai 68 gerade erst vorüber war. Auch warb er nicht für einen Aufstand gegen die bürgerliche Gesellschaft oder eine Rebellion gegen die immer wieder gern gescholtene Kulturindustrie. Im Gegenteil: Der Marxismus spielte in seinen Überlegungen allenfalls die Rolle einer verschnarchten Trottelei, und der vollständige Sieg der bürgerlichen Demokratie und der Kulturindustrie waren in Fiedlers Augen beglückende zeitgeschichtliche Tatsachen. Fiedler wollte seine verblüfften Zuhörer dazu drängen, aus diesen unabweisbaren Tatsachen endlich literarische Konsequenzen zu ziehen und allen Glauben an die Ästhetik der Moderne fahren zu lassen. Denn längst sei an die Stelle des Modernismus etwas neues getreten: die Postmoderne.

Selten dürfte die Verständnislosigkeit zwischen einem Redner und seinem Publikum so tief greifend gewesen sein. Glücklicherweise wurde sie dokumentiert. Die Wochenzeitung “Christ und Welt” druckte Fiedlers Vortrag und ließ zwischen September und November 1968 sieben Schriftsteller auf ihn antworten. Sechs von ihnen konnten mit Fiedlers Jubel wenig anfangen. Sie warfen ihm eine Banalisierung der Kunst vor, weil die von ihm gefeierten Werke nicht so komplex seien wie die Homers (Holthusen), erklärten ihn zu einem politisch unzuverlässigen Mythomanen (Reinhard Baumgart), rügten seinen “Opportunismus”, der “nur marktgerechte Formalismen” erzeuge, (Jürgen Becker) oder sahen in seinen Thesen einen weiteren Beweis dafür, dass “Amerika seit Jahren dabei ist, die westliche Lebensart und -chance zu verderben” (Martin Walser).

Lediglich ein gerade 28-jähriger Dichter aus Köln namens Rolf Dieter Brinkmann stellte sich auf Fiedlers Seite. Unter dem rasanten Titel “Ich hasse alte Dichter” beschuldigte er den deutschen Literaturbetrieb, noch immer einem aus trüben politischen Quellen gespeisten Nationalismus anzuhängen: “Es herrscht eine generelle, tief verwurzelte Ignoranz und Abneigung gegen alles ‘Art-fremde’.” Brinkmann dagegen liebte die Pop-Literatur und war durch die USA gereist, um Material für seine Anthologie “Acid” zu sammeln. Nicht um die traditionelle abendländische Kultur ginge es den Pop-Autoren, nicht um Homer oder um Formalismusdiskussionen, schrieb er, sondern um die “Reflexion auf zeitgenössisches Material”, um “Kinoplakate, Filmbilder, die täglichen Schlagzeilen, Apparate, Autounfälle, Comics, Schlager. . .” Letztlich empfahl Brinkmann seinen Kollegen, nicht protestierend auf die Straße zu gehen, sondern beobachtend auf den Boulevard, wo sich die Wesenszüge unserer Zeit in tausendfältigen Oberflächenmutationen zeigen.

Leslie A. Fiedler war nicht der Erste, der in Amerika den Begriff Postmoderne benutzte. Zurück in den USA, publizierte er sein Manifest “Cross the border. . .” - und zwar im “Playboy”. Für ihn gab es keine Grenze zwischen hoher und niedriger Kultur mehr. Doch schon Jahre zuvor hatten Thomas Pynchon, Susan Sontag oder John Barth ähnliche Überlegungen veröffentlicht. Sie stießen sich an dem Exklusivitätsanspruch der Moderne, an ihrer immer hohler wirkenden geistesaristokratischen Ambition. Zudem hörten sie aus der modernen Literatur einen ständigen Unterton der Trauer heraus über den Verlust einer verbindlichen politischen, religiösen und kulturellen Gesellschaftsordnung.

Auf all das mochten sich diese tief in den liberalen amerikanischen Traditionen verwurzelten Autoren nicht mehr einlassen. Sie wollten eine Literatur, die den Abschied von der einen großen Weltordnung begrüßte und das Entstehen einer Vielfalt von begrenzten Ordnungen feierte - da diese Vielfalt jedem Einzelnen größere individuelle Lebensspielräume eröffne. Sie wollten eine Literatur, die nicht über die Köpfe der Leser hinweg predigte, sich nicht hermetisch gerierte, sondern sich dem Publikum bereitwillig öffnete. Nicht zuletzt wollten sie den alten Gegensatz zwischen E- und U-Kultur beseitigen. Es ging ihnen um eine Literatur, die ihre Mythen nicht allein aus der Antike, sondern genauso aus dem Material der Gegenwart schöpfte, aus, wie Brinkmann sagte, Filmen, Comics, Schlagern und Schlagzeilen.

All dies nahm das durch und durch politisierte Deutschland der sechziger Jahre zwar am Rande wahr - von Brinkmanns Anthologie “Acid” zum Beispiel wurden 1969 in wenigen Monaten mehr als 10 000 Exemplare verkauft. Aber diskutiert wurden ganz andere Lehrsätze. Im Oktober 1968, also fast zeitgleich mit der Fiedler-Debatte in “Christ und Welt” war das “Kursbuch 15″ erschienen, das vorzüglich geeignet ist, eine Ahnung von den damals üblichen Argumentationsmustern und Tonlagen im Kulturbetrieb zu vermitteln. Selbst der sonst so originelle und stilsichere Hans Magnus Enzensberger ließ sich hier zu einem eher hölzernen Essay hinreißen. Er frohlockte darüber, dass die Literatur durch die Studentenbewegung aus dem Gleichgewicht geraten sei, denn sie war “als die herrschende immer auch eine Literatur der herrschenden Klasse und hatte zugleich der Festigung dieser Klassenherrschaft und ihrer Verschleierung zu dienen”.

Kurz, in diesen Jahren ging es fast allen deutschen Intellektuellen um eine radikale Politisierung der Lebensverhältnisse. Wenn sie überhaupt noch von Literatur sprachen, dann unter dem Blickwinkel, ob und inwieweit sie zur “politischen Alphabetisierung Deutschlands” (Enzensberger) beitragen könne. Wie schnell dieses zunächst wohl notwendige Ringen der Studentenbewegung um eine zunehmende Demokratisierung des Landes in Ideologie umschlug, wie schnell sie antibürgerliche und antiamerikanische Affekte für sich mobilisierte, zählt inzwischen zu den Gemeinplätzen der Zeitgeschichte.

Kein Wunder also, wenn in jenen Jahren in der Bundesrepublik von Fiedlers Postmoderne lange nicht mehr die Rede war. Stattdessen verstrickte sich manch ein Schriftsteller noch einmal für ein Gutteil seiner Lebenszeit in so grobschlächtige Kunstkonzepte wie Agitprop oder sozialistischen Realismus. Als dann in den siebziger Jahren den meisten Autoren klar wurde, wie sehr sie sich in ideologische Sackgassen verrannt hatten, zogen sie sich nach altdeutscher Tradition in weltferne Neue Innerlichkeiten zurück - und machten an Stelle der unbezweifelbaren politischen Wahrheit ihre unbestreitbare persönliche Authentizität zur Richtschnur ihrer Arbeit. Beides waren, nüchtern betrachtet, völlig kunstferne Kategorien. Doch es half nichts, das Pendel musste zunächst von einem Übermaß an gesellschaftlichem Engagement zur absurden Verabsolutierung privatester Sensibilitäten zurückschlagen.

Unter literarischen Gesichtspunkten ist 1968 mithin alles falsch gelaufen. Im Windschatten einer zumindest Anfangs auf Demokratisierung und Liberalisierung der Bundesrepublik zielenden politischen Bewegung wurden ästhetische Modelle diskutiert, hinter denen letztlich totalitäre Einheitsfantasien standen. Ein Irrweg, der die deutsche Literatur mehr als ein Jahrzehnt kostete, ein Jahrzehnt der Dürre und der Dürftigkeiten. In kunsttheoretischer Hinsicht wurde Deutschland so wieder einmal zu einer verspäteten Nation. Erst Anfang der achtziger Jahre lebte die Diskussion um die - inzwischen von dunkel raunenden französischen Philosophen dominierte - Postmoderne auch hier zu Lande auf. Allerdings mit negativem Vorzeichen, denn Jürgen Habermas belegte sie 1981 in seiner Adorno-Preisrede mit der Bannvokabel “konservativ”. Doch selbst an der stießen sich immer weniger Autoren, nachdem mit Umberto Ecos “Name der Rose” und Patrick Süskinds “Parfum” dezidiert postmoderne Romane die Bestsellerlisten eroberten.

Es ist merkwürdig: Auf die Befreiung des bürgerlichen Individuums von allen zwangsweise verordneten politischen Wahrheiten, reagierte die Ästhetik der Moderne nicht mit Zustimmung und befreitem Aufatmen, sondern mit den Bildern der Entwurzelung, der Verlorenheit und Entfremdung. Heiner Müllers fragmentarische Gruselreigen und geschichtsphilosophische Schockrevuen sind hierfür ein geradezu paradigmatisches Beispiel. Die historische Wende von 1989, die Implosion der letzten politischen Erlösungsphilosophie zwingt dazu, diese Basis der ästhetischen Moderne zu überdenken.

Doch Ansätze dazu gibt es bis heute kaum. “Es existiert keine ästhetische Theorie, die von der offenen Gesellschaft ausgeht, von ihrem Wahrheitsbegriff, ihrem Zeitverständnis, ihrem Begriff von Individualität”, schreibt der Lyriker Dirk von Petersdorff, einer der intelligentesten deutschen Autoren der jüngsten Generation. Kaum älter als das Schicksalsjahr 1968, wirft er in seinem Essayband “Verlorene Kämpfe”, der in diesen Tagen erscheint, kopfschüttelnd einen Blick zurück auf die sehr deutsche Vorstellung, die Kunst solle und müsse die sich immer stärker ausdifferenzierenden und auseinander driftenden Bezirke der Gesellschaft in übermenschlicher Anstrengung zusammenhalten: “So entstehen Werke, die religiöse Gesten nachahmen. Jene Begriffe, mit denen Karl Heinz Bohrer die Kunst der Moderne beschreibt, Gewalt und Plötzlichkeit, stellen Äquivalente für Donner und Blitz des sich offenbarenden Gottes dar.” Die Entfernung zu dem, was 1968 die Diskussion bestimmte, könnte kaum größer sein.

Vielleicht verbirgt sich in den klassizistischen Elementen der Postmoderne ein fruchtbarer Ansatz für eine Ästhetik, die unserer Zeit angemessen und zutiefst unangemessen zugleich wäre. Der Maler Carlo Maria Mariani hat diese Elemente in einigen Gemälden - die mit demonstrativer Ironie auf die keineswegs göttlichen, sondern von Menschen und Moden geformten klassischen Idealproportionen verweisen - ins Bild gebracht. Nichts könnte unserer auf ständige Innovation, auf Tempo, Schocks und rabiaten Traditionsbrüchen versessenen Industriegesellschaft stärker widersprechen als eine ruhige, nach dem rechten, humanen Maß suchende neue Klassik. Nichts aber wäre ihr vielleicht auch hilfreicher als eine Kunst, der es gelingt, die schrille, vergnügliche, bewusstlose Welt des Pop mit einer Ästhetik weiser klassischer Lebenskunst und Lebenshilfe zu versöhnen.

Thema: Brinkmann, Rolf Dieter, Enzensberger, H. M., Fiedler, Leslie A., Petersdorff, Dirk von, Walser, Martin | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock