Beitrags-Archiv für die Kategory 'Bärfuss, Lukas'

Lukas Bärfuss

Donnerstag, 8. Januar 2009 18:35

Ein Gespräch mit Lukas Bärfuss über die Liebe zu den Kühen in der Schweiz und in Ruanda, über das Stückeschreiben als primitive Kunst und den Versuch, das “experimentelle Ich” einzufangen sowie die Klammer zwischen Kultur und Völkermord

Lukas Bärfuss, 1971 in Zürich geboren, zählt heute zu den wichtigsten Dramatikern des deutschsprachigen Theaters. In seinem ersten Roman „Hundert Tage“ erzählt er von einem Schweizer Entwicklungshelfer, der den wirtschaftlichen Niedergang Ruandas und 1994 den Völkermord dort erlebt, dem über 800.000 Menschen zum Opfer fielen. Das Buch gehört zu den eindrucksvollsten Neuerscheinungen des Jahres 2008. Er wurde mit dem Anna Seghers- und dem Mara Cassens-Preis ausgezeichnet.

Uwe Wittstock: Wie kommt ein Schweizer darauf, einen Roman über den Völkermord in Ruanda zu schreiben?
Lukas Bärfuss: Die Schweizerische Entwicklungshilfe war sehr aktiv in Ruanda, davon wird im Roman erzählt. In der dritten Klasse, ich war damals neun, haben wir im Rahmen einer Projektwoche vieles über Ruanda erfahren. Unsere Lehrerin stellte das Land als arm, aber glücklich dar. Ein Paradies mit Menschen, die uns nicht unähnlich seien: bescheiden, arbeitsam und mit einer großen Liebe für Kühe. So wurde Ruanda für mich als Kind zum Urbild von Afrika. Als uns dann 1994 die Nachrichten vom Völkermord erreichten, zeigten die Medien ganz andere Bilder. Und ich brachte diese Bilder nicht mit jenen aus der Schule zusammen. Welche stimmten denn nun? Oder gibt es vielleicht einen Zusammenhang zwischen dem Paradies, das mir geschildert worden war, und der Hölle des Mordens?

Wittstock: Sind Sie nach Afrika gereist?
Bärfuss: Im Grunde bin ich ein schlechter Reisender. Aber dieser Kontinent hat mich nicht mehr losgelassen. Als ich mich entschloss, das Buch zu schreiben, bin ich nach Ruanda gefahren. Aber ich habe bald gemerkt, dass ich das, was mich interessiert, dort nicht finde, auch nicht in den Akten, die ich schließlich studierte.

Wittstock: Was hat Sie interessiert?
Bärfuss: Eigentlich immer dasselbe. Wie ist es möglich, dass Menschen mit ausgeprägtem moralischem Empfinden, ihre Arbeitskraft in eine politische Realität investieren, die diesen Werten vollständig widerspricht? Die Entwicklungshelfer konnten nicht zuletzt deshalb in Ruanda so gut und ungestört arbeiten, weil ein totalitäres Regime ihnen beste Arbeitsvoraussetzungen verschaffte. Ein Apartheitsregime, in dem die Hutu eine Tutsi-Minderheit politisch ausgrenzte. Das nahmen die Entwicklungshelfer in Kauf. Dieser Spalt im Bewusstsein interessiert mich. Im sicheren Ruanda gab es damals viele Hilfsorganisationen, im ebenso armen, aber instabilen Nachbarland Burundi nur sehr wenige.

Wittstock: Was sagen die beteiligten Entwicklungshelfer?
Bärfuss: Ein Spalt ist definiert durch eine Leere. Ich habe während der Recherche mit vielen Menschen gesprochen. Aber keiner konnte mir etwas über zu diesem Sachverhalt erzählen. Sie wussten natürlich davon, aber sie hatten keinen Bezug zu dieser Realität. Da ist Schweigen. Das war der Grund, weshalb ich den Roman schrieb. Ich musste die Antwort in meiner Imagination finden.

Wittstock: Weshalb haben sie als erfahrener, vielfach ausgezeichneter Dramatiker aus diesem Stoff Ihren ersten Roman und kein Stück gemacht?
Bärfuss: Das Stückeschreiben ist in einen Gewisse Sinne eine primitive Kunst mit strengen Regeln, in denen man sich die Freiheit suchen muss. Man kann zum Beispiel auf der Bühne nicht zurückblättern, was man verpasst hat, ist verloren, und deshalb muss ein dramatischer Konflikt eine klare Struktur haben. Das Theater erinnert sich nicht, es schafft Fakten, einen Moment. Die Gründe für den Völkermord hingegen sind so vielfältig und widersprüchlich, dass sie sich geradezu gegenseitig aufheben. Deshalb ein Roman, der als offene und freie Form ein solches Thema besser umkreisen kann, und nicht alles dem dramatischen Konflikt unterordnen muss.

Wittstock: Sie waren nicht Augenzeuge des Völkermordes. War es beim Schreiben ein Problem für Sie, dass Sie sich wie ein Reporter die Wirklichkeit nach Recherchen schildern mussten?
Bärfuss: Der Roman als Kunstform bezieht sich weniger auf die Wirklichkeit, sondern vielmehr auf die menschliche Existenz. Er ist gleichsam das Gefäß, mit dem der Autor das – wie Milan Kundera es formuliert hat – „experimentelle Ich“ einfangen kann. Das klingt vielleicht seltsam: Aber die Entwicklungshilfe-Politik hat mich nicht besonders interessiert, sie war bloß das Mittel um die Frage zu klären, wie mein Held David mit den inneren Widersprüchen dieser Politik umgeht. Die historischen Fakten zu recherchieren, ist eine reine Fleißarbeit. Die eigentliche Herausforderung ist, sich davon wieder zu lösen, und das experimentelle Ich David lebendig werden zu lassen. Die Wahrheit der Kunst ist eine andere als die der Geschichte.

Wittstock: Joseph Conrad hat in „Herz der Finsternis“ den Dschungel des Kongo, an den Ruanda grenzt, als eine Welt mythischer Gewalt, Maßlosigkeit und Ausschweifung beschrieben. Waren diese Bilder die literarische Folie vor der Sie mit ihrem Roman gearbeitet haben?
Bärfuss: Mein Schreiben kommt aus dem Lesen, und meine Bücher sind immer auch Antworten auf andere Bücher. In gewisser Hinsicht ist „Hundert Tage“ eine Antwort auf „Herz der Finsternis“. Ich bewundere Conrad literarisch grenzenlos. Doch politisch hat sein Buch viel Unheil angerichtet. Mit „Herz der Finsternis“ hat er das Bild der Europäer von Afrika auf sehr ungünstige Weise geprägt. Wir neigen auch heute noch zur Ansicht, es gebe ein archaisches Grauen, das sich auf diesem Kontinent immer wieder Bahn bricht. Die jüngsten Unruhen in Kenia wurden bei uns oft als „Ausbruch ethnischer Gewalt“ apostrophiert. Als bräche da ein Vulkan aus, über dem zuvor nur ein dünner Firnis der Zivilisation lag, als hätten diese Leute ihre zivilisierte Maske abgelegt und ihr wahres Gesicht gezeigt. Doch tatsächlich sind diese Unruhen organisiert worden. Von einigen wenigen Herren politisch gesteuert und gewollt.

Wittstock: Agathe, die afrikanische Hauptfigur ihres Romans, in die sich David verliebt, entspricht sehr den Conradschen Vorstellungen von Afrika. Sie ist schön, aber bei Sex und Gewalt völlig zügellos.
Bärfuss: Conrads Buch ist eben nicht wirkungslos geblieben, sondern prägt die Sicht vieler Weißer auf den Kontinent, auch jene meines Protagonisten. Mir ging es nicht darum, einen politisch korrekten Gegenroman zum „Herz der Finsternis“ zu schreiben. Das Unglück der Liebesgeschichte zwischen David und Agathe ist doch auch, dass die beiden wenig Gelegenheit haben, das Verhalten des anderen wirklich zu begreifen. Sie stammen aus verschiedenen Lebenskulturen und können den anderen nicht zutreffend in ihr Weltbild einordnen. Was wir in der eigenen Lebenswelt unablässig tun, nämlich das Verhalten der anderen in einen Zusammenhang zu setzen, zu differenzieren, das gelingt ihnen nicht. Einfach, weil ihnen der Zusammenhang fehlt. Und deshalb bleibt ihnen zur Erklärung nur das Stereotyp.

Wittstock: Wie waren Ihre Erfahrungen in Afrika? Bestätigen oder widerlegen sie Conrads Bild?
Bärfuss: Schon in Ihrer Frage liegt das Problem. So etwas wie Afrika gibt es nicht, die kulturellen und politischen Bedingungen unterscheiden sich von Region zu Region sehr stark. In Kamerun zum Beispiel gibt es über 200 verschiedene ethnische Gruppen, und alle haben eine eigene Kultur. Als rationalistischer Europäer möchte man begreifen, verstehen, einordnen, und leider zwingt das zur Vereinfachung. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Erleben wichtiger sein kann als verstehen. Kulturelle Barrieren lassen sich oft nur schwer überwinden. Niemand erzählt einem Fremden die ganze Wahrheit. Aus Scham, aus Angst, falsch verstanden zu werden. Und im übrigen glaube ich nicht, dass Conrad einen Roman über Afrika oder den Kongo geschrieben hat. Die Reise ins „Herz der Finsternis“, ist eine Reise in einen Innenwelt. Der Wald und der Fluss, auf dem Conrads Held reist, sind nur Chiffren der Entgrenzung. Sein Roman ist deshalb ein schlechter Reiseführer. Ruanda ist ein wunderschönes Land, angenehm zu bereisen, mit hilfsbereiten, freundlichen Menschen. Ein ideales Reiseland. Daneben gibt es die Erinnerung an diese Schrecken. Hier diese Menschen, da der Völkermord. Ich habe die Klammer zwischen beidem nicht gefunden, habe es nicht verstanden, und irgendwann versuchte ich es auch nicht mehr. Und plötzlich wurden Begegnungen möglich, und ohne zu verstehen, erlebte ich.

Wittstock: Wir Deutschen sind jetzt seit über sechzig Jahren auf der Suche nach dieser Klammer zwischen Kultur und Völkermord.
Bärfuss: Ich fuhr in Ruanda mit dem Bus und mir fiel die Statistik ein, dass etwa zwei Drittel der Bevölkerung am Genozid beteiligt waren, bei dem zehn Prozent der Bevölkerung ermordet wurde. Dann zählt man im Bus durch und von zwölf Leuten müssten rechnerisch acht Mörder, Brandstifter oder Organisatoren des Tötens sein. Das geht einem nicht in den Kopf.

Wittstock: Warum verzichten sie im Roman auf jede explizite Darstellung des massenhaften Mordens?
Bärfuss: Weil ich dafür keine Sprache habe. Und was wäre damit schon zu erreichen, außer Betroffenheitskitsch oder eine Pornografie des Grauens? Beides ist meines Erachtens nicht Aufgabe der Literatur. Ich wollte über ein Bewusstsein schreiben, das Genozid als eine politische Möglichkeit begreift. Zudem hätte jede Gewaltdarstellung dem Leser paradoxerweise eine Distanzierung ermöglicht, und ich möchte genau das Gegenteil erreichen. Aber, um ehrlich zu sein, habe ich mich nicht zuerst aus literarischen Gründen dagegen entschieden, sondern aus einem Gefühl der Scham und des Respekt gegenüber den Opfern. Es geht hier ja nicht um einen fiktiven Kriminalfall. Es stimmt schon: Zum Schreiben gehört immer eine gewisse Anmaßung, und wie Beckett gesagt hat, ist tatsächlich nichts so komisch wie das Unglück der anderen. Aber auch diese Wahrheit hat ihre Grenzen, glücklicherweise.

Das Interview erschien in der “Welt” vom 8. Januar 2009

Thema: Bärfuss, Lukas | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Michael Kumpfmüller, Dirk Kurbjuweit, Lukas Bärfuss, Bernhard Schlink

Samstag, 5. April 2008 12:19

Liebe und Verrat, Terror und Tod
Vier Autoren erzählen von der Macht und den Machthabern im Frühjahr 2008: Michael Kumpfmüller, Dirk Kurbjuweit, Bernhard Schlink und Lukas Bärfuss

Kurz und syllogistisch knapp sagt es Odo Marquard: „Menschen – schrieb Aristoteles – sind politische Lebewesen. Schriftsteller sind Menschen. Also sind Schriftsteller politische Lebewesen.“ Aber seit gut dreißig Jahren, seit sich die Dichter der Studentenbewegung dutzendweise in Richtung Neuer Innerlichkeit verabschiedeten, spielt der politische Roman in der deutschen Literatur nur eine Nebenrolle. Einen Autor wie Don DeLillo, der seit Jahrzehnten von Buch zu Buch ein politisches Porträt Amerikas zeichnet, gibt es hierzulande nicht. Doch vielleicht gilt diese Diagnose nicht mehr lange. In diesem Frühjahr erscheinen immerhin gleich vier deutschsprachige Romane, die von Politik oder Politikern erzählen.

Sicher, auch in der Vergangenheit fehlte es nicht an politischen Stellungnahmen, Protesten oder Manifesten von Schriftstellern. Doch selbst wenn solche Erklärungen – um nochmals Marquard zu zitieren – oft wie „politpriesterliche Verlautbarungen des Weltgeistes ex cathedra“ klingen, sind es letztlich doch nur Äußerungen zur Politik, die Autoren als Bürger jenseits der Literatur von sich geben. Ein politischer Roman dagegen macht die Politik und das politische Milieu selbst zu dem Gegenstand, von dem er erzählt. Wird dieses Terrain gegenwärtig von deutschsprachigen Schriftstellern mit neuer Vehemenz erobert?

Das hängt nicht zuletzt davon ab, wie ernst die Autoren ihr Thema nehmen. Michael Kumpfmüller zum Beispiel liefert mit seinem Roman „Nachrichten an alle“ nur so etwas wie politisierte Kolportage. Der Held seiner Geschichte ist ein Innenminister, der wie eine Mischung aus Otto Schily und Joschka Fischer wirkt. In dem fiktiven Deutschland, dessen Regierung er angehört, gibt es monatelange Vorstadt-Revolten wie 2005 in Frankreich. Doch nicht die stehen im Zentrum des Romans und auch nicht der völlig zusammenhanglos an den Anfang der Geschichte gestellten Tod der Tochter des Ministers. All das ist nur Staffage, durch die Kumpfmüller eine Affäre des Ministers mit einer Journalistin ausschmückt.

Natürlich kann auch eine solche versteckte Liebe im Regierungsviertel ein reizvolles, aber im Grunde unpolitisches Thema abgeben. Doch Kumpfmüller fällt dazu wenig Originelles ein, ja er lässt seine Geschichte wiederholt in blanken Kitsch abgleiten – zum Beispiel wenn sein Held sich bei der ersten Begegnung mit der künftigen Gespielin „Typ Jean Seberg“ gleich wie „geblendet“ fühlt.

Auf den ersten Blick ähnlich und doch völlig anders ist Dirk Kurbjuweits Roman „Nicht die ganze Wahrheit“. Hier hat der Chef ein großen Volkspartei, der ein wenig an Franz Müntefering erinnert, eine Affäre mit einer Abgeordneten aus der eignen Fraktion. Kurbjuweit erzählt aus der Perspektive eines Detektivs, der im Auftrag der betrogenen Ehefrau die Email-Korrespondenz der beiden ausforscht. Die elektronischen Liebesdialoge zeigen aber, wie konfliktreich sich hier Gefühl und Politik verschränken.

Die junge Abgeordnete gehört nämlich zu einer Gruppe von Fraktions-Rebellen, die sich gegen ihren Kanzler stellen, da er „Sozialabbau“ betreibe. Der Parteichef muss also seine Geliebte, deren Idealismus ihn bezaubert und an eigene Träume erinnert, im Sinne der Realpolitik zum Verrat an ihren Überzeugungen zwingen. Vor allem mit der klugen, frechen und zugleich sehr verliebt Nachwuchspolitikerin ist Kurbjuweit hier eine literarisch eindrucksvolle Figur gelungen.

Während sich Kurbjuweit ganz auf das alltagsgraue Tagesgeschäft des Berliner Politikbetriebs einlässt, greift Bernhard Schlink, der mit seinem Roman „Der Vorleser“ einen Welterfolg feierte, in seinem neuen Buch „Das Wochenende“ unübersehbar die Debatte um die Begnadigung Christian Klars auf. Die zentrale Figur ist hier ein Terrorist, der nach über zwanzig Jahren aus der Haft entlassen und von seiner Schwester vor der Presse zunächst in ein abgelegenes Landhaus in Sicherheit gebracht wird. Dort erwarten ihn alte Freunde, die einst manche seine Überzeugungen teilten, aber klug genug waren, sich nie zu Gewalttaten verführen zu lassen.

Wer das Buch als realistischen Roman liest, wird wenig Freude an ihm haben, denn vieles wirkt konstruiert. Man kann es aber auch als ein stilisiertes, lehrstückhaftes Kammerspiel betrachtet, in dem wie in einem Kriminalroman Agatha Christies alle Beteiligten an einem Verbrechen für ein Wochenende auf einem unzugänglichen Adelssitz zusammengeführt werden. Dann beweist es seine Qualitäten, denn es führt dem Leser nicht nur politische Argumente vor Augen, sondern mit beträchtlicher Intensität auch einige von politischem Fanatismus zerstörte Schicksale.

Der stärkste Roman stammt allerdings von dem jüngsten der vier Autoren. Lukas Bärfuss wurde 1971 in Zürich geboren und gilt heute – vor allem wegen seines großartigen Stückes „Der Bus“ – als einer der wichtigsten jüngeren Dramatiker des deutschsprachigen Theaters. In seinem ersten Roman „Hundert Tage“ wagt er sich jetzt als Erzähler an den Völkermord in Ruanda 1994. Seine Hauptfigur ist ein Schweizer Entwicklungshelfer, der die letzten Jahre vor dem Gewaltausbruch im Lande miterlebt und mit bestem Gewissen seiner Arbeit nachgeht. Ordnungssinn und Organisationskraft wollen seine Kollegen und er den Einheimischen vermitteln – und müssen sich nach dem Genozid eingestehen, das Morden hätte nie so entsetzlich effizient ablaufen können, wäre es nicht von gelehrigen Ruandern mit großem Ordnungssinn und viel Organisationskraft akribisch vorbereitet worden.

Im Roman von Bärfuss wird die (Entwicklungs-)Politik selbst zum Thema – nämlich das Dilemma der westlichen Welt, moralisch zur Unterstützung der Dritten Welt verpflichtet zu sein, andererseits aber durch Eingriffe in die Machtbalance dieser Länder oft genug korrupten Eliten in die Hände zu spielen und so neues Unheil zu säen. Auch in diesem Buch gibt es eine Liebesgeschichte, doch lenkt sie nicht – wie bei Kumpfmüller – von den politischen Ereignissen ab. Vielmehr demonstriert Bärfuss an ihrem Beispiel, wie kenntnis- und verständnislos sein Schweizer Held den afrikanischen Verhältnissen gegenübersteht: So sehr er seine einheimische Geliebte auch begehrt, so fremd bleibt sie ihm in ihrem archaischen Verhältnis zu Macht und Gewalt. Wer sich millimetergenau an die Regeln politischer Korrektheit hält, wird an diesem Porträt einer jungen Frau als Einpeitscherin des Massenmordes Anstoß nehmen. Wer jedoch Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ gelesen hat, wird manche literaturhistorische Parallele entdecken.

Michael Kumpfmüller:
“Nachricht an alle”. Roman
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008
383 Seiten, 19,95 €

Dirk Kurbjuweit:
“Nicht die ganze Wahrheit”. Roman
Verlag Nagel & Kimche, Zürich 2008
220 Seiten, 19,90 €

Bernhard Schlink:
“Das Wochenende”. Roman
Diogenes Verlag, Zürich 2008
225 Seiten, 18,90 €

Lukas Bärfuss:
“100 Tage”. Roman
Wallstein Verlag, Göttingen 2008
197 Seiten, 19,90 €

Thema: Bärfuss, Lukas, Kumpfmüller, Michael, Kurbjuweit, Dirk, Schlink, Bernhard | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock

Lukas Bärfuss

Samstag, 8. März 2008 16:39

Von der Ordnung des Völkermords
Lukas Bärfuss erzählt in einem erschütternden politischen Roman von hundert Tage des Tötens in Ruanda

Was für ein ungeheures Buch! So etwas wird in deutscher Sprache nur selten geschrieben. Ein hochpolitischer Roman, der sich nicht in schnellen, vorgefertigten Schuldsprüchen erschöpft und einem schon damit die Ruhe rauben kann. Ein Roman, der anhand eines konkreten historischen Ereignisses – des Völkermordes in Ruanda 1994 – einige fundamentale, ja letzte Fragen stellt, und zeigt, dass wir vor diesen Fragen auch heute hilflos stehen wie Kinder mit leeren Händen. Ein Roman schließlich, der auf die Forderung nach subjektiver Authentizität, der man in unserem Literaturbetrieb lange huldigte, keinen Pfifferling mehr gibt, und stattdessen auf kluge Recherche und die Macht der Imagination setzt.

Lukas Bärfuss, 1971 in Zürich geboren, gehört heute zu den wichtigsten jungen Dramatikern im deutschsprachigen Raum. Neben einigen Gesellenstücken hat er mit „Der Bus“ ein veritables Meisterstück abgeliefert, in dem sich poetisches und absurdes Theater mischen und das über die kostbare Kraft verfügt, auf der Bühne das Abbild einer Welt entstehen zu lassen. Seine erste Prosaarbeit „Die toten Männer“ war missraten und lohnte die Lektüre nicht. Sein Roman „Hundert Tage“ dagegen ist von ganz anderem Zuschnitt, ein Buch von bohrendem, existentiellem Ernst, das nur sehr abgebrühte oder dickfellige Leser unbeeindruckt lassen dürfte.

Was natürlich zunächst einmal am Thema liegt. Bärfuss erzählt die Geschichte des jungen Schweizers David, der als Entwicklungshelfer 1990 nach Ruanda geht. Zu diesem Zeitpunkt ist Ruanda fast so etwas wie ein Vorzeigeland Afrikas. Es hat eine passable Infrastruktur, eine erträglich autoritäre Regierung und eine aufgeschlossene Bevölkerung, die den zahllosen Hilfsorganisationen aus aller Welt ihre Arbeit leicht und hoffnungsvoll erscheinen lässt. Doch David muss miterleben, wie all das in nur fünf Jahren zusammenbricht oder sich als Täuschung erweist und schließlich in einem bestialischen Blutbad endet – dem größten Genozid seit 1945.

Im Gegensatz zu den vielen angelsächsischen Autoren, die von Joseph Conrad bis Rudyard Kipling, von Graham Greene bis V.S. Naipaul solchen kolonialen oder postkolonialen Katastrophen literarische Denkmäler gesetzt haben, verleiht Bärfuss seinem Roman keinen dramatischen, sondern einen elegischen Grundton: David erinnert sich Jahre nach seiner Rückkehr in die Schweiz in einem langen Gespräch mit einem Freund an das Desaster Ruandas. Das nimmt der Geschichte etwas von ihrer Spannung, da der Leser von Beginn an sicher sein kann, dass David alle Gefahren überleben wird. Es gibt Bärfuss andererseits aber die Möglichkeit, eine Unmenge politischer Fakten wie aus historischer Vogelperspektive gedrängt und doch übersichtlich in Davids Bericht einfließen zu lassen.

Im Zentrum steht bei all dem nicht das Morden selbst, Bärfuss verzichtet glücklicherweise auf alle Splatter-Effekte. Vielmehr spürt er vor allem den vielfältigen Voraussetzungen und Verantwortlichkeiten für das Morden nach – und schont dabei keine Seite: Weder die Kolonialherren von einst noch die UNO von heute, weder die lange Zeit naiven Entwicklungshelfer noch die Machthaber Ruandas oder deren zahllose willige Vollstrecker, die ohne viel Federlesen ihre Nachbarn in Handarbeit abschlachteten. Wie konnte das geschehen? fragt sich David und muss sich eingestehen, dass Vernunft und Ordnung, die seine gediegene Schweizer Hilfsorganisation dem Land zu bringen hoffte, den Genozid nicht verhinderten, sondern überhaupt erst möglich machten: Denn nur weil sie von ihren westlichen Lehrern Vernunft und Ordnungssinn übernahmen, konnten die gelehrigen Ruandischen Schreibtischtäter ihr Gemetzel so effizient vorbereiten, dass ihm in nur hundert Tagen fast eine Million Menschen zum Opfer fielen.

Nach dem Vorbild jener großen angelsächsischen Erzähler baut Bärfuss in seinen Tropenroman auch eine Liebesgeschichte des Helden mit einer Einheimischen ein – die in diesem Fall allerdings für politisch korrekte Seelen manche Provokation birgt. Denn so sehr David seine schwarze Freundin auch begehrt, sie bleibt für ihn letztlich fremd in ihrer schamlos direkten Freude an Macht, Gewalt und Sex. Die Spannung zwischen Herrschaft und Unterwerfung wird bei ihr weder durch nennenswertes Mitgefühl noch durch ironisches Spiel gemildert, sondern mit buchstäblich blutiger Heftigkeit ausgelebt. In diesen Szenen des Romans schimmert etwas vom Bild jenes archaischen Afrikas durch, das Conrad vor hundert Jahren exemplarisch im „Herz der Finsternis“ zeichnete, und das nicht gut zu modernen universalistischen Vorstellungen passt.

Bärfuss ist während des Völkermordes nicht in Ruanda gewesen, als Autor kann er sich folglich nicht auf authentische Erlebnisse berufen, sondern muss sich auf sein Talent zur Erfindung der Wahrheit entlang verbürgter Fakten verlassen. Das schmälert die literarische Überzeugungskraft seines Buchs keineswegs, im Gegenteil, gerade weil er sich frei im recherchierten historischen Material bewegen kann und nicht an wenigen erlebten Episoden klebt, gewinnt der Roman als Kunstwerk eine höhere Glaubwürdigkeit. Ein Leser, der nur auf zuverlässig beglaubigte Tatsachen vertrauen will, darf sich ohnehin nicht an Romane, sondern muss sich an Sachbücher halten.

Warum kann ein Idealist wie der Entwicklungshelfer David, der nur das Gute will, schließlich doch zu einem Teil jener Kraft werden, die Böses schafft? Es ist diese Frage, die den Roman von Lukas Bärfuss vorantreibt, und die letztlich auch zum Motor seines Stückes „Der Bus“ wurde. Eine Antwort darauf enthalten naturgemäß weder der Roman noch das Stück. Beide beschränken sich darauf, die gebrechliche Einrichtung der Welt vorzuführen und zu zeigen, wie schwer es ist, mit ihr zu leben.

Der Artikel er5schien in der “Welt” vom 8. März 2008

Lukas Bärfuss
“Hundert Tage”. Roman
Wallstein Verlag, Göttingen 2008
197 Seiten, 19,90 €
ISBN 978-3-8353-0271-6

Thema: Bärfuss, Lukas | Kommentare (0) | Autor: Uwe Wittstock